von Michael Dunker

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1. Oktober 2010

Fünfzehn Jahre nach derdeutschen Einheit erscheint das Buch der Autoren Angela Elis und Michael Jürgs „Typisch Ossi typisch Wessi – eine längst fällige Abrechnung unter Brüdern und Schwestern“. Wiglaf Droste schlägt vor, Brandenburg zu untertunneln. Der Kabarettist Rainald Grebe fühlt sich „ausgebrandenburgt“ und Edmund Stoiber beschimpft die Ostdeutschen als Frustrierte.

Im Jahr 2006 schreibt Frank Schirrmacher „Triebwählern“ den Wahlerfolg der NPD in Mecklenburg-Vorpommern zu.[1] Im August dieses Jahres beklagt sich Matthias Platzeck über eine Stimmung des „Vergleichens und Missgönnens“ im Westen.[2] Die Westdeutschen unterstellen den Ostdeutschen mangelnden Leistungswillen, umgekehrt wird eine Ellenbogenmentalität konstatiert. Es bleibt die Frage: Ist in blühender Landschaft zusammengewachsen, was zusammen gehört?

Das Deutsche Historische Museum nimmt zwanzig Jahre deutsche Einheit zum Anlass, den Blick zurück auf das Jahr 1990 zu richten. Dieses Kapitel deutscher Geschichte ist in der individuellen Erinnerung lebendig und gleichzeitig erfährt es in zeitlicher Nähe zum Jubiläum eine erneute Aufmerksamkeit innerhalb der historischen Forschung. Selbsterklärtes Ziel der Ausstellungsmacher ist es, Diskussionsbeitrag und historische Bestandsaufnahme zugleich zu sein. Der Anspruch ist somit hoch.

In zwölf Stationen werden die Ereignisse von der Friedlichen Revolution des Jahres 1989 bis zur gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2.12.1990 dargestellt. Der Rundgang beginnt mit den bekannten Bildern der Montagsdemonstrationen in Leipzig, Menschenmassen auf einer Kreuzung am Abend, Videoaufnahmen des Grenzübergangs Bornholmer Straße in Berlin vom 9. Oktober 1989 – alles eindrucksvoll, jedoch hinlänglich bekannt. Ergänzend erhält man Informationen über die Krise der DDR in den 1980er Jahren. So werden etwa die marode Planwirtschaft und die Weigerung der SED-Führung, dem Reformkurs Michail Gorbatschows zu folgen,auf Texttafeln und einem Audioguide thematisiert. Interessanter wäre jedoch an dieser Stelle eine Erklärung dafür, wie aus der Parole der Bürgerrechtler „Wir sind das Volk“ die Rufe der Demonstranten „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland einig Vaterland“ werden konnten. Dieser, innerhalb der zeithistorischen Forschung als Wandel im Wendeprozess bezeichnete Vorgang, hätte detaillierter dargestellt werden und damit einen Anstoß zu Diskussionen geben können.

Ein zweiter Themenabschnitt widmet sich den unterschiedlichen Vereinigungskonzepten. Es wird auf die Idee Modrows einer Vertragsgemeinschaft beider deutscher Staaten ebenso eingegangen wie auf die Probleme, die sich innerhalb der Bürgerbewegung anlässlich der Frage nach der deutschen Einheit ergaben. Während Intellektuelle und Oppositionsgruppen vorwiegend für eine umfassende Erneuerung des ostdeutschen Staates eintraten und schließlich in dem Appell „Für unser Land“ vor dem moralischen Ausverkauf der DDR warnten, plädierte die Mehrheit der Bevölkerung mit dem Ruf „Wir sind ein Volk“ für eine möglichst rasche Wiedervereinigung. Im Mittelpunkt unterschiedlicher Konzepte steht Helmut Kohls „Zehn Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“. Das Redemanuskript Kohls macht deutlich, wie zögerlich man in Regierungskreisen damals mit einer gesamtdeutsche Perspektive umging. So ist in der Ursprungsfassung des Manuskripts lediglich von konföderalen Strukturen die Rede, wohingegen Kohl in seiner Rede letztendlich vorschlug, „konföderative Strukturen zwischen beiden Staaten in Deutschland zu entwickeln, mit dem Ziel, eine Föderation, das heißt eine bundesstaatliche Ordnung zu schaffen“.[3] Zum Zeitpunkt der Rede am 28. November 1989 war dies bei weitem keine mehrheitsfähige Perspektive. Einer Umfrage des Leipziger Instituts für Jugendforschung zufolge befürworteten im November 1989 noch 86% der ostdeutschen Bevölkerung einen reformierten Sozialismus. Da dies in der Ausstellung nicht erwähnt wird, suggerieren die Ausstellungsmacher quasi eine spontane Wiedervereinigung im Konsens.

Die Zeitgeschichtsforschung hat indessen hinlänglich nachgewiesen, dass es durchaus verschiedene Konzepte für die Zukunft Deutschlands gab. Es genügten allerdings wenige Monate mit einem nicht abreißenden Strom der Übersiedler, einer kontinuierlichen Talfahrt der Wirtschaft sowie einem enormen Handlungsdruck, der auf den Regierungen lastete, um die Weichen eindeutiger in Richtung auf eine schnelle Einheit zu stellen.

Die Ausstellungsmacher behandeln diesen Zeitraum exemplarisch mit Hilfe des SPIEGEL Titelthemas vom 5. Februar 1990: Unter dem Titel „Chaos in der DDR – Flucht in die Einheit“ berichtete der Spiegel damals: „Angesichts der Flucht ihrer Bürger in den Westen sehen die Staatsbankrotteure drüben nur einen Ausweg, die Flucht in die Einheit“.[4]

Hätten die Ausstellungsmacher ihren eigenen Anspruch, eine Diskussion in Gang setzen zu wollen, ernst genommen, wäre hier die Möglichkeit gewesen, auf diesen Aspekt stärker einzugehen, anstatt sich lediglich auf die Darstellung in den Medien zu verlassen.

Der dritte Teil der Ausstellung unterscheidet zwischen den verschiedenen Konzepten der politischen Gruppen und Parteien kurz vor den Volkskammerwahlen. Wobei die Differenzen zwischen den Akteuren, die für einen dritten Weg eintraten, und jenen, die für marktwirtschaftliche Reformen plädierten und die Einheit forderten, umfassend dargestellt werden. Neben den Wahlplakaten sind Texttafeln mit weiterführenden Informationen ausgestellt, die detailliert auf die Stimmungen innerhalb der Bevölkerung und in den Parteien eingehen. So entsteht im Rahmen der Ausstellung zum ersten Mal ein differenziertes Bild der historischen Ereignisse in dieser Phase. Der Ausgang der Wahlen war überraschend; die als Favorit gehandelte SPD brachte es lediglich auf 21,9 Prozent der Stimmen, wohingegen die von der West-CDU unterstützte „Allianz für Deutschland“ beachtliche 48 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Die ersten freien Volkskammerwahlen setzen damit ein deutliches Zeichen in Richtung Wiedervereinigung und erteilten Experimenten eines wie auch immer gearteten „Dritten Weges“ eine klare Absage. Dies wird durch Videointerviews deutlich kommentiert. Die nach der Stimmabgabe Befragten äußerten den Wunsch, es möge jetzt alles möglichst schnell und „glatt“ laufen, das Chaos ein Ende haben. Gleichzeitig wird mehrheitlich die Hoffnung formuliert, die sozialen Errungenschaften der DDR mögen erhalten bleiben. Die Menschen in der DDR sind optimistisch, dass dies bewerkstelligt wird, schließlich war es eine demokratische Wahl und zukünftig wird, so hofft man, im eigenen Sinne entschieden.

Die überschwänglichen Hoffnungen, die die Währungsunion bei der Mehrheit der Menschen in der DDR auslösten, sollten sich nicht erfüllen. Der Vorschlag der Bundesregierung für eine Währungsunion, so beschreibt es die Ausstellung, machte die Ausrichtung der künftigen Wirtschaftspolitik deutlich. Ziel war eine schnelle Einführung der D-Mark und marktwirt­schaftlicher Strukturen ohne Zwischenschritte. Trotz größter Bedenken, aus ökonomischer Sicht, gab die bundesdeutsche Regierung schließlich dem Druck der Straße nach und entschied sich für einen Wechselkurs, der, alle Ausnahmen berücksichtigend, immer noch einem Verhältnis von 1,8 zu 1 entsprach. Hierzu zeigt die Ausstellung Bilder der Demonstranten, die den Ruf „Wir sind ein Volk“ für die Sache der Währungsunion ummünzten: „Wir sind ein Volk 1:1“, oder offen damit drohten, die DDR zu verlassen, sollte die D-Mark nicht eingeführt werden: „Kommt die D-Mark bleiben wir kommt sie nicht geh`n wir zu ihr“.

Der Jubel der Menschen, als die Währungsunion am 1. Juli 1990 in Kraft trat, sollte nur von kurzer Dauer sein. Man sieht Bilder von Kaufhäusern, die kurz vor der Währungsumstellung ihre Regale vollständig leerten, um sie pünktlich zum 1. Juli ausschließlich mit Westprodukten wieder zu füllen. Diese werden bestaunt und bewundert, sie erscheinen ähnlich mystisch wie die D-Mark. Schön zum Ausdruck bringt dies die Ausstellung in der Komposition zweier Fotos. Auf einem sieht man einen gebrauchten Ford Fiesta, den Inbegriff des kleinen Nutzwagens, nicht schön, nicht schnell, aber praktisch. Er wird bestaunt! An der Wand daneben das Foto eines Trabbi, achtlos in einen Müllcontainer geworfen, stellvertretend für viele andere DDR-Waren mit ähnlichem Schicksal. Mit der Einführung der D-Mark wurde es den Menschen in der DDR möglich, vorher unerschwingliche Westprodukte zu kaufen. Diese ersetzten heimische Produkte fast vollständig. Hier liegt, neben dem aus ökonomischer Sicht völlig unhaltbaren Wechselkurs, ein weiterer Schlüssel für den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft. Eklatant ist, wie weit Erwartung und Realität auseinander klafften. Im Vorfeld der Währungsumstellung gibt es einige wenige kritische Stimmen, darunter die der „Vereinigten Linken“, die mit einem ausgestellten Flugblatt „Deutschland-Horoskop für alle“ vor der Wirtschafts- und Währungsunion warnten. Der Großteil der Bevölkerung jedoch, erwartete den wirtschaftlichen Aufschwung. Der zunächst grenzenlos erscheinende Optimismus beginnt zu bröckeln. Anstatt auf diese Zäsur einzugehen, widmet sich die Ausstellung der Treuhandanstalt. Allerdings wird diesem Stück „deutscher Zeitgeschichte mit allen Zutaten eines politischen Thrillers“[5] gleichfalls erschreckend wenig Platz eingeräumt. Es wird das nichtssagende Türschild der Treuhandanstalt Chemnitz neben einigen wenigen Karikaturen und Fotos von Demonstrationen gezeigt. Das Informationsmaterial geht zwar darauf ein, dass das Kalkül der Privatisierung durch Auflösung der großen Kombinate und Aufteilung in kleinere Einheiten nicht aufging und die Treuhandanstalt anstatt der erhofften Gewinne, Verluste in Höhe von über 200 Milliarden D-Mark zu verzeichnen hatte. Die problematische Seite des Vorgangs aber, die von vielen DDR-Bürgern wahrgenommen wurde, als würde ein ganzes Land verscherbelt, wird nicht thematisiert.

Die Ausstellung eilt weiter, über den Zusammenbruch der Regierung de Maizières Anfang August 1990, zur entscheidenden Sondersitzung der Volkskammer in der Nacht vom 22. auf den 23. August, die mit einem Abstimmungsergebnis von 294 zu 62 Stimmen für den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3. Oktober votierte. Es folgen Fotos der Feierlichkeiten zum „Tag der deutschen Einheit“, glückstaumelnde Massen vor dem Brandenburger Tor, wildfremde, sich in den Armen liegende, Menschen an der Mauer, auch hier die allseits bekannten Bilder.

An dieser Stelle gelingt jedoch den Ausstellungsmachern, was über weite Strecken offenbar schwer gefallen ist: ein Anstoß zur Diskussion. Es wird das Bild „...und alles wird wieder gut“ des Malers Matthias Koeppel gezeigt. Zu sehen ist die ironische Schilderung der Feiern zur deutschen Einheit. Bratwurst, Bier und Biedermann finden sich einträchtig versammelt unter einer überdimensionalen Coca Cola Flasche wieder. Diese verdeckt zu einem Gutteil die im Hintergrund befindliche Neue Wache: Westliche Konsumfreude überstrahlt fortan alles!

Die zentrale Positionierung des Konferenztisches der zweiten Runde der Zwei-Plus-Vier-Gespräche, um den herum sich alle anderen Ausstellungsstationen gruppieren, trägt den historischen Tatsachen Rechnung und lässt die Ausstellungskomposition in diesem Punkt als außerordentlich gelungen erscheinen. Damit wird auf eindrückliche Weise gezeigt, wie sehr die Wiedervereinigung nicht nur von deutschen Prämissen abhängig war, sondern welch ein „Glücksfall“[6] es war, dass die Sowjetunion nicht an ihrer Forderung der militärischen Neutralität festgehalten hat, ebenso wie es als Glücksfall gelten kann, dass Frankreich und Großbritannien schließlich auf eine friedliche Zukunft mit einem wiedervereinigten Deutschland vertrauten.

Die Idee der Ausstellungsmacher, einen Blick zurück auf das Jahr 1990 zu werfen, ist den Kuratoren Carola Jüllig, Jan Werquet und Dieter Vorsteher gelungen. Dagegen ist das selbst gesetzte Ziel, einen Diskussionsbeitrag zum Historisierungsprozess der deutschen Einheit beizusteuern, nur in Ansätzen geglückt. Dazu hätte es eines weiter gespannten Panoramas bedurft. Es hätte auf die Periodisierungsversuche und Einordnungen dieses Ereignisses eingegangen werden müssen – ist doch mit diesem Ereignis das „Zeitalter der Extreme“[7] zu Ende gegangen. Ebenso hätte die Frage nach dem heutigen Stand der Einheit gestellt werden müssen. Die schöne Idee,in den Rundgang der Ausstellung Fotos der Berliner Mauer zu integrieren, auf denen ihr Verschwinden aus dem Stadtbild dokumentiert wird, hätte gekoppelt werden können an die Frage nach der „Mauer in den Köpfen“ der Menschen, damals und heute. Es sollte in einem Diskussionsbeitrag mit historischer Perspektive die kontrafaktische Frage „Was wäre wenn?“ erlaubt sein. Was wäre etwa, wenn die Treuhandanstalt in anderer Form agiert hätte? Allein die historische Einzigartigkeit der Unternehmung Treuhandanstalt, wie sie der Ausstellungskatalog anführt, reicht als Diskussionsgrundlage nicht aus. Ein kritischer Blick auf die Vision der Einheit wäre wünschenswert gewesen und hätte dem Anspruch, Diskussionsbeitrag zu sein, weit mehr entsprochen. So bleibt es bei einem umfassenden Blick.


[1]     Vgl. FAZ vom 20. September 2006.

[2]     Vgl. Welt online vom 16.08.2010 letzter Zugriff 13.09.2010.

[3]     Vgl. Zehn Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas, hier Punkt fünf, abrufbar unter: http://www.kssursee.ch/schuelerweb/kalter-krieg/ende/10punkte.htm letzter Zugriff 15.09.10.

[4]     Vgl. DER SPIEGEL Nr. 6, Hamburg 1990.

[5]     Vgl. Jürgs, Michael, Die Treuhändler. Wie Helden und Halunken die DDR verkauften, München 1997, Klappentext.

[6]     Vgl. Katalog zur Ausstellung 1990 der Weg zur Einheit, S. 7.

[7]     Vgl. Hobsbwam, Eric: Das Zeitalter der Extreme, Frankfurt a. M. 1996.