Der Dokumentarfilm BORN TO FAKE von Erec Brehmer und Benjamin Rost rekonstruiert einen der spektakulärsten deutschen Medienskandale der 1990er Jahre. Er handelt von der großen Epoche des deutschen Privatfernsehens, einer Medienwelt, die uns zeitlich noch nahe ist und dennoch bereits versunken und verschwunden scheint: BORN TO FAKE ist ein eher untypischer „historischer“ Film; sein Gegenstand liegt erst knapp drei Jahrzehnte zurück, es geht um Medienmanipulation, Authentizität und Glaubwürdigkeit.
Im Zentrum steht Michael Born, der zwischen 1990 und 1996 als freier Fernsehjournalist zahlreiche Reportagen an deutsche Fernsehsender lieferte, insbesondere an stern TV. Es waren Geschichten, wie sie das Fernsehen jener Jahre liebte und im Kampf um Aufmerksamkeit und Quoten brauchte: spektakulär, exklusiv und möglichst nah an vermeintlich verborgenen Milieus. Born zeigte einen deutschen Ku-Klux-Klan, Drogensüchtige, die Kröten ableckten, Katzenjäger und kriminelle Unterwelten. Nur war vieles davon nicht recherchiert oder entdeckt, sondern komplett frei erfunden. Bekannte spielten Rollen, Situationen wurden arrangiert, Wirklichkeit wurde hergestellt und anschließend als journalistisch vorgefundene Realität verkauft.
Dass solche Beiträge tatsächlich ausgestrahlt wurden, wirkt aus heutiger Perspektive geradezu bizarr. Manche von Borns Inszenierungen erscheinen derart durchschaubar, dass man sich fragt, wie sie überhaupt eine professionelle Redaktion passieren konnten. Gerade an diesem Punkt verweigert sich BORN TO FAKE jedoch der einfachen Geschichte vom genialen Hochstapler, der gutgläubige Fernsehmacher narrte. Born ist als Person zwar interessant, aber er ist nur der Aufhänger. Interessanter ist das System, in dem er erfolgreich sein konnte. Damit wird aus der Geschichte eines Betrügers Mediengeschichte. Die frühen und mittleren 1990er Jahre waren eine Phase fundamentaler Veränderung der bundesdeutschen Fernsehlandschaft. Die Grenzen zwischen Nachricht, Reportage und Unterhaltung begannen sich zu verschieben. Und Michael Born lieferte dem Fernsehen genau das, was dieses Fernsehen suchte. BORN TO FAKE zeigt diese Entwicklung nicht als abstrakte medienhistorische These. Sie wird in den Bildern selbst sichtbar.
Gerade diese Perspektive macht den Film für moving history interessant. Brehmer und Rost rekonstruieren Geschichte nicht in erster Linie durch nachträgliche Erklärung. Sie arbeiten mit den medialen Hinterlassenschaften einer Epoche. Das Fernsehmaterial der neunziger Jahre ist dabei mehr als Illustration. Die alten Beiträge mit ihrer Bildästhetik, ihrer Sprache, ihren Dramaturgien und ihrem Gestus unmittelbarer Authentizität werden selbst zu historischen Quellen. Michael Born verstand diese Sprache seinerzeit erstaunlich gut. Er musste Wirklichkeit nicht perfekt imitieren. Es genügte, ihre medialen Erkennungszeichen zu reproduzieren.
Eine besondere Rolle in der Affäre und im Film spielte Günther Jauch, der bei stern TV nicht nur Moderator, sondern von 1992 bis 1994 auch Chefredakteur und damit publizistisch verantwortlich war. Seine enorme Glaubwürdigkeit verlieh den von Michael Born gelieferten Beiträgen zusätzlich den Anschein journalistisch geprüfter Wirklichkeit. Im Prozess gegen Born vor dem Landgericht Koblenz trat Jauch als Zeuge auf und musste sich auch Fragen nach seiner Verantwortung und eventuellem Mitwissen stellen lassen. Das spätere Urteil hielt fest, dass stern TV auf ausreichende Nachrecherchen verzichtet habe und Born bei gründlicherer Überprüfung wesentlich früher hätte auffliegen müssen. Relevantes Material aus dem damaligen Produktionszusammenhang von stern TV wurde offenbar vernichtet, zumindest ist es nicht mehr erhalten. Born wurde im Dezember 1996 wegen Betrugs und weiterer im Zusammenhang mit seinen Inszenierungen begangener Straftaten zu vier Jahren Haft verurteilt. Der Prozess beantwortete damit die Frage nach Borns strafrechtlicher Verantwortung.
Was aber nicht beantwortet wurde: Wer trägt Verantwortung für eine Fälschung – nur derjenige, der sie herstellt, oder auch diejenigen, die sie kaufen, bearbeiten, mit journalistischer Autorität versehen und senden?
Daraus resultierend wird noch eine weitere Ebene des Films sichtbar. Brehmer und Rost begnügen sich nicht damit, Borns Manipulationen nachzuweisen. Sie blicken bei der Frage nach der Herstellung von Authentizität auch auf das eigene Genre. Denn auch ein seriöser Dokumentarfilm zeigt niemals einfach „die Wirklichkeit“. Eine Kamera verändert Situationen, Interviews werden vorbereitet, Menschen wiederholen Sätze, Einstellungen werden ausgewählt, Bilder montiert, Aussagen gegeneinander geschnitten. Aus vielen Stunden Material entsteht so durch Auswahl eine Erzählung. BORN TO FAKE macht diesen Vorgang sichtbar. Die Regisseure lassen gelegentlich ihre eigenen Anweisungen im Film stehen, zeigen Wiederholungen und legen Momente offen, die ein konventioneller Dokumentarfilm normalerweise herausschneiden würde. Die Form des Films nimmt seinen Gegenstand auf. Ein Film über manipulierte Dokumentarbilder untersucht die Manipulierbarkeit dokumentarischer Bilder mit den Mitteln des Dokumentarfilms. Diese Selbstreflexivität unterscheidet den Film von einer konventionellen Fernsehdokumentation über einen alten Skandal; auch wird hier wieder die Brücke zum „Geschichtsfilm“ sichtbar. Solche Filme beanspruchen häufig besondere Glaubwürdigkeit, weil sie mit Archivmaterial, Zeitzeugen und authentischen Schauplätzen arbeiten. BORN TO FAKE erinnert daran, dass auch diese Materialien nicht einfach für sich sprechen. Sie werden ausgewählt und in neue Zusammenhänge gestellt. Ein Archivbild ist eine Quelle, aber seine Bedeutung entsteht auch daraus, wie und wo es gezeigt wird.
Die Zeitzeugen und Menschen, die Michael Born kannten oder mit seinen Filmen zu tun hatten, erinnern sich unterschiedlich an ihn und ihre Aussagen widersprechen sich. Für die einen war er ein fantasiebegabter Abenteurer, für andere ein Betrüger. Manche sehen in ihm einen Zyniker, andere einen Menschen, der die Mechanismen eines sensationshungrigen Fernsehens durchschaute und immer weiter bediente. Was Michael Born selbst eigentlich glaubte, lässt sich aus dem Film kaum erschließen. Hatte er eine Mission? Verstand er seine Fälschungen irgendwann tatsächlich als Kritik an einem Fernsehen, das sich bereitwillig betrügen ließ? Oder lieferte er schlicht das, was Abnehmer fand, und die Rolle des subversiven Medienkritikers entstand eher retrospektiv?
Gerade bei politisch aufgeladenen Fälschungen wie dem angeblichen Ku-Klux-Klan in Deutschland würde man gerne mehr über Borns eigene Überzeugungen erfahren. Doch die Person Born bleibt eigentümlich ungreifbar. Das hat auch damit zu tun, dass er 2019 starb und Brehmer und Rost ihn nicht mehr selbst befragen konnten. Und selbst Freunde und Weggefährten zeichnen das Bild eines Mannes, bei dem Selbstdarstellung, Erfindung und Erinnerung kaum zuverlässig voneinander zu trennen waren. So entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Je mehr der Film über Michael Born zeigt, desto weniger sicher kann man sein, wer Michael Born eigentlich war. Der Medienfälscher hinterlässt am Ende auch eine gefälschte oder zumindest nicht mehr überprüfbare Version seiner selbst. Michael Born ist dabei eine faszinierende und zugleich problematische Figur. Es wäre einfach, ihn nachträglich zum systemkritischen Medienkünstler zu erklären, der ein triviales Fernsehsystem bloßgestellt habe. Ebenso einfach wäre es, ihn ausschließlich als Betrüger zu behandeln. Der Film hält beide Möglichkeiten in der Schwebe.
Aus der Perspektive von 2026 erscheint diese Welt zugleich fern und vertraut. Fern ist sie, weil die Machtverhältnisse der Medien sich radikal verändert haben. In den neunziger Jahren benötigte Michael Born Fernsehsender, um seine erfundenen Wirklichkeiten einem Millionenpublikum zugänglich zu machen. Zwischen Produzent und Publikum standen Redaktionen, Sender und technische (analoge) Verbreitungswege. Heute besitzt jeder mit seinem Smartphone ein Produktions- und Distributionsmittel in der Hosentasche. Vertraut erscheint die damalige Welt dagegen, weil die Gier nach Aufmerksamkeit nicht verschwunden ist. Das menschliche Bedürfnis nach sensationellen, emotionalen und scheinbar eindeutigen Geschichten ist geblieben und hat sich sogar vervielfacht. Was damals Einschaltquote hieß, heißt heute zusätzlich Like, Share, View oder Clickbait. Spektakuläre Behauptungen, ja oft drastische Lügen besitzen weiterhin einen Wettbewerbsvorteil. Nur ihre Verbreitung ist ungleich einfacher geworden. Born benötigte Schauspieler, Kostüme, Requisiten, eine Kamera und zumindest ein gewisses handwerkliches Geschick. Die digitale Gegenwart kann mit ein paar Clicks glaubwürdige Bilder von Ereignissen erzeugen, die niemals stattgefunden haben. Dadurch erhält der Film eine bemerkenswerte historische Doppelperspektive. Born erscheint plötzlich wie eine analoge Vorform des Deepfakes. Allerdings ist gerade der Unterschied aufschlussreich. Seine Fälschungen tragen noch die Spuren körperlicher Arbeit. Menschen mussten an einen Ort gebracht, verkleidet und gefilmt werden. Ein schlechtsitzender Bart konnte die Konstruktion verraten. Die Fälschung war materiell. Heute findet die Manipulation im Bild selbst statt.
Am weitesten treiben Brehmer und Rost dieses Spiel am Ende des Films. Der verstorbene Michael Born kehrt mithilfe bildgenerativer künstlicher Intelligenz noch einmal zurück. Die Dokumentaristen, die einen Fälscher untersuchen, erzeugen nun selbst ein Bild beziehungsweise eine Stimme dieses Toten, die es in dieser Form nie gegeben hat. Das ist konsequent, weil der Film die Geschichte der Medienfälschung nicht bei den technischen Möglichkeiten der neunziger Jahre enden lässt. Drei Jahrzehnte später lässt sich Wirklichkeit synthetisch erzeugen. Die Fälschung benötigt nicht einmal mehr ein reales Ereignis vor einer Kamera. Dass ausgerechnet Michael Born diese Entwicklung im Film gleichsam am eigenen Leib erfährt, besitzt eine fast makabre Logik. Zugleich deutet der Film damit indirekt an, dass künstliche Intelligenz längst eine eigene Dimension der Erinnerungskultur geschaffen hat. Verstorbene können rekonstruiert, ihre Stimmen imitiert, ihre Gesichter verjüngt oder in neue Zusammenhänge versetzt werden. Diese Form des Erinnerns ist allerdings höchst umstritten. Sie kann Leerstellen schließen und eine vermeintliche Verbindung zur Vergangenheit schaffen, aber ebenso leicht die Grenze zwischen Überlieferung und Erfindung verwischen. Erinnerung wird dann nicht mehr nur bewahrt, sondern technisch erzeugt – mit allen Fragen nach Zustimmung, Deutungshoheit und möglicher Manipulation, die daraus entstehen. Der KI-Einsatz verdeutlicht: Kaum eine gegenwärtige Bildtechnologie altert derzeit so schnell wie generative KI. Was 2025 oder 2026 verblüfft, kann in ein paar Jahren technisch unbeholfen wirken.
Hinzu kommt eine ethisch interessante Frage. Wenn die Filmemacher einen Verstorbenen mit KI sprechen lassen, tun sie, bei allen offensichtlichen Unterschieden, plötzlich selbst etwas, das strukturell an Born erinnert: Sie erzeugen eine Wirklichkeit, die vor der Kamera nie existiert hat. Der Film verbirgt diesen Vorgang nicht. Gerade deshalb wird das Experiment zur Selbstbefragung. Wo endet Rekonstruktion, wo beginnt Fiktion? Und reicht Transparenz darüber, dass ein Bild künstlich erzeugt wurde, aus, um aus einer Manipulation ein legitimes dokumentarisches Mittel zu machen? BORN TO FAKE erzählt deshalb keine Vorgeschichte der Fake News im banalen Sinne. Er macht vielmehr etwas Interessanteres sichtbar: Medienmanipulation entsteht nicht allein durch technische Möglichkeiten. Sie benötigt Erwartungshaltungen, kommerzielle Interessen und ein Publikum, das bestimmte Geschichten sehen und glauben möchte.
Schließlich: BORN TO FAKE ist an zahlreichen Stellen auch komisch und sehr unterhaltsam, ohne seinen Gegenstand zu verharmlosen. Die Absurdität mancher Fälschungen erzeugt zwangsläufig Humor. Gleichzeitig steckt in diesem Lachen eine Irritation. Denn es gab ja Redaktionen, die seine Filme sendeten und Zuschauer, die sie glaubten. Die Kritiken haben gerade diese Mehrdeutigkeit hervorgehoben, die spielerische Form, den Witz und die medientheoretische Erweiterung, und auch die Gefahr benannt, dass Born gelegentlich zu sympathisch und gewitzt erscheint.
Insgesamt kann man feststellen: BORN TO FAKE lässt sich nicht auf eine eindeutige These reduzieren. Er ist Biografie, Medienarchäologie, Fernsehhistorie, Essay über dokumentarische Wahrheit und Reflexion über gegenwärtige Bildmanipulation zugleich. Und er betreibt, quasi nebenbei, etwas sehr Historisches: Quellenkritik. Für moving history ist insbesondere diese innovative Verbindung bemerkenswert. Ein Festival des historischen Films muss Geschichte nicht allein dort suchen, wo historische Kostüme, politische Großereignisse oder bekannte Persönlichkeiten auftreten. Auch die bundesdeutsche Mediengeschichte ist Zeitgeschichte. Das Fernsehen hat über Jahrzehnte wesentlich geprägt, wie die Gesellschaft sich selbst und die Welt wahrnahm. BORN TO FAKE macht diese Mediengeschichte sichtbar, ohne sie museal zu behandeln. Gerade deshalb gehört dieser Film zur moving history Auswahl für den besten historischen Film 2026.
Born to Fake
Regie: Erec Brehmer, Benjamin Rost
Deutschland 2025, 93‘
Zitation
Felix Moeller , Die Bilder, die wir glauben wollten. BORN TO FAKE von Erec Brehmer und Benjamin Rost, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/die-bilder-die-wir-glauben-wollten