Ansicht der Mauer des Jüdischen Friedhofs von Słubice
Bildinfo

Jüdischer Friedhof in Słubice. Die Friedhofsmauer wurde spätestens Mitte der 1970er Jahre abgerissen. Foto: Eckard Reiss ©, 1960er.

Ansicht der Mauer des Jüdischen Friedhofs von Słubice
Bildinfo

Jüdischer Friedhof in Słubice. Die Friedhofsmauer wurde spätestens Mitte der 1970er Jahre abgerissen. Foto: Eckard Reiss ©, 1960er.

Ansicht der Mauer des Jüdischen Friedhofs von Słubice
Bildinfo

Jüdischer Friedhof in Słubice. Die Friedhofsmauer wurde spätestens Mitte der 1970er Jahre abgerissen. Foto: Eckard Reiss ©, 1960er.

Ansicht der Mauer des Jüdischen Friedhofs von Słubice
Bildinfo

Jüdischer Friedhof in Słubice. Die Friedhofsmauer wurde spätestens Mitte der 1970er Jahre abgerissen. Foto: Eckard Reiss ©, 1960er.

Erinnerungskultur und Citizen Science

Transnationale Geschichtsprojekte im deutsch-polnischen Grenzland

Die lokale und regionale Geschichtsforschung im deutsch-polnischen Grenzraum nach 1945 wird nicht allein von Universitäten, Archiven und Museen getragen. Seit Jahrzehnten prägen auch ehrenamtliche Heimatforscher*innen, Vertriebene, lokale Initiativen und zivilgesellschaftliche Vereine die Produktion historischen Wissens. Sie sammeln Quellen, dokumentieren Friedhöfe und Baudenkmäler, organisieren Ausstellungen, publizieren Erinnerungen und wirken an der Ausbildung regionaler Narrative mit. Besonders im Kontext von Flucht und Vertreibung, Grenzverschiebungen und dem Umgang mit „fremdem“ oder angeeignetem Kulturerbe kommt diesen Akteuren eine wichtige Rolle zu.[1]

Für diese Formen der Wissensproduktion bietet sich zunehmend der Begriff „Citizen Science“ an. Zugleich zeigt sich gerade im Feld der Geschichts- und Erinnerungskultur, dass er nur begrenzt hilfreich ist. Anders als in vielen naturwissenschaftlichen Citizen-Science-Projekten sind die Beteiligten häufig biografisch, politisch und erinnerungskulturell eng mit ihrem Forschungsgegenstand verbunden. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen wissenschaftlichem Interesse, persönlicher Erinnerung, lokalem Engagement und identitätspolitischer Positionierung. Dadurch entstehen produktive, aber auch konfliktreiche Formen der Zusammenarbeit zwischen akademischen und nicht-akademischen Akteuren.

Im postmigrantischen Raum der nach 1945 verschobenen deutsch-polnischen Grenzregion lassen sich solche Konstellationen besonders deutlich beobachten. Die Region ist von mehrfachen Migrationserfahrungen geprägt: Flucht und Vertreibung, die Ansiedlung neuer Bevölkerungsgruppen, der Verlust vertrauter kultureller Ordnungen sowie die Aneignung neuer Räume wirken bis heute auf lokale Erinnerungskulturen ein. Geschichtsschreibung bleibt hier nicht enggefasste akademische Praxis, sondern ist mit Fragen von Zugehörigkeit, Legitimität und kulturellem Erbe verbunden.

Aus meiner eigenen Erfahrung als Wissenschaftlerin, Aktivistin und Mitglied im Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e.V. zwischen 2006 und 2025 zeigen drei Beispiele aus deutsch-polnischen Kooperationszusammenhängen deutlich, wie unterschiedlich diese Formen der Wissensproduktion organisiert sind und welche Spannungen dabei entstehen können. Sichtbar werden Fragen nach Autorität und Autorenschaft, nach institutionellen und finanziellen Machtgefällen sowie nach der Deutungshoheit über regionale Geschichte.

 

Zwischen lokalem Wissen und wissenschaftlicher Autorität

Ein Beispiel für die produktive, aber asymmetrische Zusammenarbeit zwischen akademischer und nicht-akademischer Geschichtsforschung bietet die Entstehung einer deutsch-polnischen Publikation über den jüdischen Friedhof der ehemaligen Frankfurter Dammvorstadt, des heutigen Słubice. Der Frankfurter Laienhistoriker Eckard Reiß (geb. 1941) hatte sich seit den 1960er-Jahren intensiv mit der Geschichte des Stadtteils beschäftigt und umfangreiche Materialien zur Geschichte des Friedhofs gesammelt. Zwischen 2008 und 2012 entstand daraus gemeinsam mit jungen Wissenschaftler*innen und Studierenden der Europa-Universität Viadrina sowie der Universität Potsdam eine zweisprachige Publikation.[2]

Der Laienforscher stellte dabei wesentliche historische Vorarbeiten und Bildmaterialien zur Verfügung, während die akademischen Beteiligten Übersetzungen, Redaktion, wissenschaftliche Einordnung und Gestaltung übernahmen. Die Publikation trug anschließend zur verbesserten Dokumentation des jüdischen Friedhofs, zu Führungen an diesem historischen Ort sowie zur Sicherung historischer Quellen bei.

Gerade in solchen Kooperationen werden jedoch strukturelle Spannungen sichtbar. Das lokale Wissen langjähriger Heimatforscher*innen ist häufig außerordentlich umfangreich und ohne ihre Vorarbeiten wären viele Projekte kaum realisierbar. Gleichzeitig entsprechen ihre Arbeitsweisen nicht immer den wissenschaftlichen Standards der Quellenkritik oder der Kontextualisierung. Die Beteiligten bewegen sich damit in einem Zwischenbereich: Sie sind weder bloße Zeitzeugen noch professionelle Historiker*innen.

Damit verbinden sich grundlegende Fragen nach epistemischer Autorität und wissenschaftlicher Anerkennung. Wer gilt als Autor*in eines Textes, wenn die empirische Grundlage von Laienforscher*innen stammt, die wissenschaftliche Analyse jedoch von akademischen Akteuren vorgenommen wird? Wie lässt sich lokales Erfahrungswissen würdigen, ohne es entweder unkritisch zu übernehmen oder auf subjektive Erinnerung zu reduzieren? Und welche Formen oft unsichtbarer organisatorischer und redaktioneller Arbeit strukturieren solche Projekte im Hintergrund?

Gerade im Bereich regionaler Geschichtsforschung zeigt sich, dass wissenschaftliche Wissensproduktion selten ausschließlich innerhalb akademischer Institutionen stattfindet. Sie entsteht vielmehr in kooperativen, häufig informellen Netzwerken, die jedoch von unterschiedlichen Vorstellungen wissenschaftlicher Legitimität geprägt sind.

 

Vertriebenenverbände, Projektförderung und institutionelle Macht

Besonders deutlich treten Machtasymmetrien dort hervor, wo zivilgesellschaftliche Geschichtsarbeit mit staatlicher Förderung und erinnerungspolitischen Interessen verbunden ist. Dies zeigt das Beispiel der Stiftung Brandenburg, die 1974 von der Landsmannschaft Berlin/Mark Brandenburg[3] gegründet wurde und sich als Vertreterin der Vertriebenen aus den ehemaligen östlichen Landkreisen Brandenburgs versteht. Ihre institutionelle Bedeutung beruht wesentlich auf § 96 des Bundesvertriebenengesetzes, der Bund und Länder verpflichtet, Kulturerbe und Forschung zu den historischen deutschen Ostgebieten zu fördern.

Die Stiftung verfügt über ein eigenes Archiv, eine Bibliothek und eine museale Sammlung sowie über politische Netzwerke und symbolisches Kapital innerhalb der deutschen Erinnerungskultur. Trotz fehlender dauerhafter institutioneller Förderung[4] bleibt die Stiftung Brandenburg ein zentraler Akteur der Erinnerungskultur zu Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen östlichen brandenburgischen Landkreisen. Ihre erinnerungspolitische Legitimität speist sich dabei nicht zuletzt aus der Wahrnehmung ihrer Vertreter*innen als Teil der Erlebnisgeneration. Zugleich wurde die Stiftung über lange Zeit überwiegend von ehrenamtlich engagierten Personen getragen, die meist keine professionelle historische Ausbildung besaßen. Dennoch prägen solche Organisationen seit Jahrzehnten die öffentliche Erinnerung an die ehemaligen deutschen Ostgebiete.

Im Jahr 2017 erhielt die Stiftung Fördermittel des Landes Brandenburg, um ein neues Konzept für ihre zukünftige Arbeit und einen möglichen Umzug nach Frankfurt (Oder) zu entwickeln.[5] Mit der Erarbeitung dieses Konzepts wurde das Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e.V. beauftragt, das seit den frühen 2000er-Jahren zahlreiche deutsch-polnische Projekte zur Regionalgeschichte sowie zu Flucht und Vertreibung durchgeführt hatte.[6]

In dieser Konstellation trafen unterschiedliche Formen historischer Legitimation aufeinander. Auf der einen Seite stand eine institutionell etablierte Vertriebenenorganisation mit politischen Netzwerken und Zugang zu Förderstrukturen. Auf der anderen Seite agierten jüngere kulturwissenschaftlich und historisch ausgebildete Menschen mit internationaler Vernetzung, Sprachkenntnissen und projektbezogener Forschungserfahrung, jedoch deutlich geringeren institutionellen Ressourcen.

Die beschriebene Asymmetrie verweist damit auf ein grundlegendes Strukturproblem der deutsch-polnischen Erinnerungskultur: Die Produktion historischen Wissens folgt nicht allein wissenschaftlichen Kriterien, sondern ist eng mit politischen Interessen, Förderlogiken und generationellen Erfahrungshintergründen verbunden. Gerade im Bereich von Flucht und Vertreibung bestehen bis heute deutliche Ungleichgewichte zwischen etablierten Vertriebenenverbänden und anderen zivilgesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Initiativen.

Der Begriff „Citizen Science“ verdeckt diese Unterschiede teilweise, weil er eine Kooperation auf Augenhöhe suggeriert, die in der Praxis häufig nicht existiert. Die beteiligten Akteure verfügen über sehr unterschiedliche Zugänge zu Öffentlichkeit, Finanzierung und politischer Legitimation. Historische Wissensproduktion ist daher immer auch Teil erinnerungspolitischer Aushandlungsprozesse.

 

Regionales Museum und konkurrierende Erinnerungskulturen

Wie stark regionale Geschichtsdarstellungen von transnationalen Machtverhältnissen geprägt sind, zeigt das Beispiel des Museums in Międzyrzecz (Meseritz) in Polen. Dort wurde 2012 eine neue Ausstellung zur Stadtgeschichte eröffnet, deren Schwerpunkt auf Objekten deutscher Herkunft lag. Ein großer Teil der Sammlung stammte von den Heimatkreisen Schwerin und Meseritz; finanziert wurde das Projekt durch den Förderverein des Museums in Wewelsburg mit Mitteln nach § 96 des Bundesvertriebenengesetzes.

Die Ausstellung löste lokal Konflikte aus. Mitglieder des Museumsbeirats kritisierten die starke Konzentration auf die deutsche Geschichte der Stadt. Der ursprünglich geplante Titel „Deutsche in Meseritz“ wurde daraufhin um die Formulierung „und andere Bewohner“ ergänzt. Zwar integrierte die Ausstellung anschließend auch Elemente jüdischer, polnischer und lemkischer Geschichte, diese blieben jedoch räumlich und narrativ marginalisiert.[7]

Das Beispiel verdeutlicht, wie transnationale Kooperationen zugleich neue Ausschlüsse produzieren können. Die Dominanz deutscher Narrative erklärt sich dabei nicht allein aus der materiellen Herkunft der Objekte, sondern auch aus langfristig gewachsenen deutsch-polnischen Verständigungsdiskursen seit den 1990er-Jahren. In vielen regionalen Kooperationen galt die Sichtbarmachung der „deutschen Vergangenheit“ lange als Ausdruck europäischer Offenheit und Versöhnung.

Gerade darin zeigt sich eine Besonderheit geschichtsbezogener Citizen Science: Die beteiligten Akteure verfolgen nicht nur wissenschaftliche Interessen, sondern wirken aktiv an erinnerungspolitischen Narrativen mit. Heimatvereine, Förderkreise oder lokale Initiativen produzieren historische Deutungen, die öffentliche Räume, Museen und regionale Identitäten nachhaltig prägen können.

Zugleich wird sichtbar, dass transnationale Zusammenarbeit nicht automatisch zu multiperspektivischen Darstellungen führt. Auch kooperative Projekte bleiben von institutionellen Ressourcen, nationalen Erinnerungskulturen und symbolischen Machtverhältnissen geprägt.

 

Fazit

Die drei Beispiele zeigen, wie stark lokale und regionale Geschichtsproduktion im deutsch-polnischen Grenzraum von biografischen Erfahrungen, politischen Rahmenbedingungen und institutionellen Ungleichgewichten geprägt ist. Ehrenamtliche Heimatforscher*innen, Vertriebenenorganisationen und lokale Initiativen verfügen häufig über umfangreiches Wissen, persönliche Netzwerke und langjährige regionale Expertise. Ohne ihre Arbeit wären zahlreiche Quellen, Sammlungen und Erinnerungsorte heute nicht mehr zugänglich.

Gleichzeitig bewegen sich diese Formen der Wissensproduktion in einem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Forschung, Erinnerungskultur, Aktivismus und politischer Interessenvertretung. Gerade deshalb lässt sich der Begriff „Citizen Science“ nur eingeschränkt auf historische Projekte übertragen. Anders als in vielen naturwissenschaftlichen Citizen-Science-Kontexten ist die Forschung hier eng mit biografischer Betroffenheit, moralischen Ansprüchen und konkurrierenden Geschichtsbildern verbunden.

Die zentrale Herausforderung besteht daher nicht in der Frage, ob Wissenschaftler*innen mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten sollten, sondern unter welchen Bedingungen solche Kooperationen stattfinden. Eine reflektierte Zusammenarbeit kann bestehende Machtasymmetrien zwar nicht auflösen, sie jedoch sichtbar machen und kritisch verhandelbar halten. Gerade darin liegt ihr wissenschaftliches und gesellschaftliches Potenzial.

 


[1] Felix Ackermann/Magdalena Abraham-Diefenbach: Angewandte Geschichte. Handeln im öffentlichen Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Denkmalschutz, in: Paul Zalewski/Joanna Drejer (Hg.): Deutsch-polnisches Kulturerbe und die Zivilgesellschaft im heutigen Polen. Erfahrungen, Trends, Chancen, Warszawa 2012: Wydawnictwo Naukowe SCHOLAR, S. 187–199.

[2] Eckard Reiß/Magdalena Abraham-Diefenbach (Hg.): Makom tov – der gute Ort. Jüdischer Friedhof Frankfurt (Oder) / Słubice, Berlin 2012: Vergangenheitsverlag.

[3] 2015 umbenannt in: Landsmannschaft Ostbrandenburg/Neumark e.V., 2025 aufgelöst.

[4] Vgl. dagegen die institutionell dauerhaft geförderten Einrichtungen anderer historischer Regionen und Vertriebenengruppen, etwa das Schlesische Museum zu Görlitz, das Pommersche Landesmuseum in Greifswald, das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg oder das Sudetendeutsche Museum in München.

[5] Magdalena Abraham-Diefenbach: Flucht und Vertreibung im europäischen Dialog. Ideen für ein deutsch-polnisches Forschungs-, Bildungs- und Kulturzentrum zur regionalen Geschichte in Frankfurt (Oder). Working Paper Series B/ORDERS IN MOTION Nr. 10, Frankfurt (Oder) 2022; https://doi.org/10.11584/b-orders.10.

[6] Siehe Webseite des Instituts für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e.V.: https://www.instytut.net.

[7] Magdalena Abraham-Diefenbach: Germans, Poles, Lemkos, and Jews in the Regional Museum of Międzyrzecz (Western Poland), in: Critique internationale (Sharing the memory of others. The material traces of forced migration as ‘contact zones’ for transmitting a displaced past at the root of multiple cultural affiliations). In Vorbereitung.

von

zurück

Zitation

Magdalena Abraham-Diefenbach, Erinnerungskultur und Citizen Science. Transnationale Geschichtsprojekte im deutsch-polnischen Grenzland, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/erinnerungskultur-und-citizen-science