So manche würden derzeit am liebsten Forschende gleich „mit Bauchläden in die Fußgängerzonen“ schicken, um ihr Wissen unter die Leute zu bringen. So beschrieb kürzlich der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen den „panischen Aktionismus“ der gegenwärtigen Wissenschaftskommunikation.1 Demgegenüber hält sich das veraltete Bild der Universität als Elfenbeinturm hartnäckig in öffentlichen Debatten. Zwischen diesen beiden Polen – Fußgängerzone und Elfenbeinturm – bewegen sich wissenschaftspolitische Debatten über das Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Angesichts globaler Krisen und wachsender Wissenschaftsskepsis steigen normative Erwartungen und Forderungen an die Wissenschaft: nach Öffnung, Demokratisierung bzw. Stärkung von Demokratie, gesellschaftlicher Bedeutung und Erneuerung. In der Praxis existieren bereits vielfältige Formen gemeinsamer Wissensproduktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Diese reichen von der Datensammlung und Auswertung durch Laien bis hin zu sogenannten partizipativen, kollaborativen und ko-kreativen Forschungen, also Verfahren, die auf eine Teilhabe der Gesellschaft an der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung setzen.2
Citizen Science gewann im Zuge dieser Debatten als Begriff, Forschungsansatz und Förderinstrument an Sichtbarkeit und Bedeutung. Der Begriff beschreibt eine Form der gemeinsamen Forschung von Personen aus Wissenschaftseinrichtungen und solchen, die Forschung nicht als Beruf betreiben.3 Sie werden deshalb auch als Laienwissenschaftler:innen, Bürgerforschende oder Citizen Scientists bezeichnet. Ebenso werden statt Citizen Science auch die Bezeichnungen Bürgerwissenschaften oder Bürgerforschung verwendet. Manche schreiben auch Bürger:innenwissenschaften, andere fühlen sich genau von dieser Schreibweise abgeschreckt – schon die Ansprache und Animation zum Mitmachen muss also sorgfältig formuliert werden.
Mittlerweile ist die Zahl solcher Projekte und reflektierter Betrachtungen zu Citizen Science in den Geschichtswissenschaften beachtlich gewachsen, es scheint also an der Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen, die Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit in Augenschein nimmt. Genau hier setzt dieses Dossier an. Es geht aus dem Workshop „Gesellschaft leisten“ im November 2025 hervor und versammelt Beiträge aus abgeschlossenen und laufenden Citizen-Science-Formaten. Die Beispiele reichen von Stadtgeschichts- und Behördenforschung über Public History bis zu erinnerungskulturellen und erinnerungspolitischen Projekten zur deutschen Vereinigung sowie zu Flucht und Vertreibung. Ergänzend wird der Blick disziplinübergreifend geweitet – auf Sprachwissenschaft, Archäologie und Wildtierforschung. Die Beiträge beleuchten sowohl die Möglichkeiten von Citizen Science für die Forschung als auch die vielfältigen Herausforderungen. Viele dieser Erfahrungen bleiben in Abschlussberichten unbeachtet und finden selten Eingang in die Wissenschaftskommunikation. Gerade nach Projektende und mit zeitlichem Abstand kommen oft neue Reflexionsebenen hinzu.
Das Dossier lädt dazu ein, Potenziale, Spannungen und Grenzen von Citizen Science produktiv und kritisch zu diskutieren – und damit auch das Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft.
Wir wünschen eine anregende Lektüre!
Kerstin Brückweh und Svetlana Burmistr
1 Johannes Franzen, Die Geisteswissenschaften und die Öffentlichkeit – Szenen einer Legitimationskrise, in: Matthias Lessau/Hans-Christian Riechers (Hrsg.), Überzeugungskräfte. Über das Vertrauen in Wissenschaft (und Pseudowissenschaft), Paderborn 2026, S. 50–71, hier S. 70.
2 Zu den drei Stufen der Partizipation vgl. Hendrikje Carius et al., Gemeinsam Geschichte(n) entdecken: Stand und Perspektiven von Citizen Science in den Geschichtswissenschaften, in: Thora Herrmann et al. (Hrsg.), Citizen Science – Gemeinsam forschen!, Berlin, Heidelberg 2026, S. 101. https://doi.org/10.1007/978-3-662-69703-0_8
3 Zur Begriffsdefinition vgl. Thora Herrmann et al. (Hrsg.), Citizen Science – Gemeinsam forschen!, S. 2.
Zitation
Kerstin Brückweh, Svetlana Burmistr, Citizen Science. Wissen generieren, Wissenschaft verkaufen, Gesellschaft leisten, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/citizen-science