„Gesellschaft leisten“ – unter diesem Titel lud die AG Citizen Science des Leibniz-Labs „Transformationen und Umbrüche“ im November 2025 Wissenschaftler:innen zu einem Workshop1 in den Räumen der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin ein. Diesen Workshop haben wir zusammen mit Carolin Kaever vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam initiiert und organisiert. Die Teilnehmenden hatten Erfahrungen mit unterschiedlichen Citizen-Science-Formaten und wollten einen Moment innehalten und zunächst im geschützten Rahmen diskutieren, was diese Projekte eigentlich für wen bringen. „Wir leisten uns Gesellschaft“ – war somit das erste Ziel der Veranstaltung. Das heißt, im Rahmen des Workshops sollte eine Bestandsaufnahme erfolgen, wobei explizit nicht nur die leuchtenden Beispiele im Vordergrund stehen sollten, sondern auch die gemischten Erfahrungen mit diesen Formaten, weil aus ihnen häufig am meisten für Folgeprojekte gelernt werden kann. „Mit der Gesellschaft arbeiten“ – dazu waren alle gewillt, aber wie geht das am besten? Und was ist überhaupt für wen „das Beste“?
Drei Fragenkomplexe leiteten die Diskussionen und gliedern die Beiträge des Dossiers:
Was leisten wir für die Gesellschaft? Hier geht es um Erwartungsmanagement. Was wird von uns als Wissenschaftler:innen erwartet, z. B. von Praxispartner:innen, von Fördermittelgeber:innen, von Politiker:innen, Vereinen oder von denjenigen, die sich unorganisiert unter dem Begriff der „Gesellschaft“ fassen lassen? Was erwarten wir als Wissenschaftler:innen, wenn wir uns auf Citizen-Science-Projekte einlassen – wissenschaftliche Erkenntnisse, Fördermittel, aber vielleicht auch einen positiven Einfluss auf das Gemeinwohl? Und wie passen diese Erwartungen zusammen?
Was und wie leistet die Gesellschaft? Um welche konkreten Inhalte und um welche übergeordneten Ziele geht es bei Citizen-Science-Projekten? Eine funktionierende Zivilgesellschaft, ein gelungenes Gemeinwesen, eine starke Demokratie, eine resiliente Gesellschaft? Hinter diesen großen Begriffen und Konzepten stehen umfangreiche wissenschaftliche, teils neuere, teils jahrhundertealte Diskussionen, die didaktisch reduziert und auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten bzw. allgemein verständlich formuliert werden müssen. Und wie beeinflusst das alles wissenschaftliche Erkenntnisprozesse? Hier scheint auch nach dem Workshop und der Lektüre der Beiträge noch der größte Klärungs- und nicht zuletzt auch Forschungsbedarf: Wie verändern diese Arten der Wissenschaftsproduktion eigentlich wissenschaftliches Wissen?
Sich Gesellschaft leisten, d.h. wir als Wissenschaftler:innen lassen uns Gesellschaft wortwörtlich etwas kosten und bringen unsere Arbeits- und auch Freizeit in durchaus aufwendige Citizen-Science-Projekte ein. Selbst wenn Citizen Science idealtypisch als integrativer Teil der Forschung konzipiert ist, kann die Kommunikation zu Missverständnissen führen oder zu enttäuschten Erwartungen, vielleicht sogar durch das Ansprechen schwieriger persönlicher Themen zu psychischen Belastungen – eben zu allem, was das Zwischenmenschliche bereithält. In diesem Kontext müssten auch ethische und rechtliche Fragen und solche der Nachhaltigkeit diskutiert werden. Was ist im Rahmen von zeitlich begrenzten Projekten überhaupt möglich? Als Wissenschaftler:innen begeben wir uns hier also auf risikoreiche Unternehmungen.
Letztlich fanden wir die Diskussionen und den Erfahrungsaustausch so anregend, dass wir uns doch entschieden haben, die Beiträge hier zu veröffentlichen. So entstand ein interdisziplinäres Dossier – neben geschichtswissenschaftlichen Perspektiven kommen auch Archäologie und Wildtierforschung zu Wort. Die Beiträge geben Einblicke in die Praxis einzelner Projekte und Disziplinen und laden dazu ein, partizipative Ansätze (selbst)kritisch zu reflektieren und ihr Potenzial für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess auszuloten. Wir danken den Autor:innen für ihre Beiträge und freuen uns über Reaktionen und gern auch weitere Beiträge.
Beiträge im Dossier
1. Citizen Science, Spaß und Gemeinschaftsbildung
Mehr als Artefakte! Wie partizipative Archäologie Wohlbefinden und Ortsbindung fördert, Katrin Schöps
2. Citizen Science und die Ressource Zeit
Man sieht sich nur einmal. Was mit dem Ende von Citizen-Science-Projekten verloren zu gehen droht, Kristin Oswald
Stadtteilgeschichten. Ein modularer Zugang zur Citizen Science, Sebastian Haumann
3. Citizen Science und die Frage nach Bewertung
Von der Idee zur Wirkung. Wie Wissenstransfer in Citizen-Science-Projekten gelingen kann, Anke Schumann, Miriam Brandt
Mitmachgeschichte und Stadtgesellschaft – Formate und Erfahrungen aus Gütersloh, Joana Gelhart, Christoph Lorke, Tim Zumloh
4. Citizen Science und die Frage nach Zielgruppen
„Partizipation schafft Teilhabe“. Erfahrungswerte eines Citizen-Science-Projekts zu sprachlicher Vielfalt mit jungen Zielgruppen, Janin Rössel, Christine Möhrs
Partizipative Behördenforschung. Erfahrungen mit der Geschichte der amtlichen Statistik, Kerstin Brückweh, Svetlana Burmistr
5. Citizen Science, Wissensproduktion und Machtgefälle
Erinnerungskultur und Citizen Science. Asymmetrien in transnationalen Projekten zur lokalen und regionalen Geschichte im Kontext von Flucht und Vertreibung, Magdalena Abraham-Diefenbach
Bürger*innenwissenschaft avant la lettre oder eine Warnung? Mit der Citizen Science-Brille auf die Erinnerungskultur an Flucht und Vertreibung geblickt, Maren Röger
6. Citizen Science und ethische Herausforderungen
„Schreib Dich durch die Neunziger!“ Gedanken zu Potenzialen und Herausforderungen eines partizipativen Zeitzeug:innen-Projekts in Ostdeutschland, Sabine Stach, Dorothee Riese, Harald Engler
1 Rita Gudermann, Tagungsbericht: „Gesellschaft leisten“, in: H-Soz-Kult, 01.04.2026, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-161278.
Zitation
Kerstin Brückweh, Svetlana Burmistr, Gesellschaft leisten. Einleitung zum Dossier "Citizen Science", in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/gesellschaft-leisten