Straßenszene, im Vordergrund u.a. ein Trabant, im Hintergrund ein Schuhgeschäft
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Joachim F. Thurn, Berlin-Karlshorst, Trabi, motorisiertes Versehrtenfahrzeug, 22.7.1991. Quelle: Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de.

Straßenszene, im Vordergrund u.a. ein Trabant, im Hintergrund ein Schuhgeschäft
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Joachim F. Thurn, Berlin-Karlshorst, Trabi, motorisiertes Versehrtenfahrzeug, 22.7.1991. Quelle: Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de.

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Joachim F. Thurn, Berlin-Karlshorst, Trabi, motorisiertes Versehrtenfahrzeug, 22.7.1991. Quelle: Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de.

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Joachim F. Thurn, Berlin-Karlshorst, Trabi, motorisiertes Versehrtenfahrzeug, 22.7.1991. Quelle: Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de.

„Schreib Dich durch die Neunziger!“

Gedanken zu Potenzialen und Herausforderungen eines partizipativen Zeitzeug:innen-Projekts in Ostdeutschland

 

"An der Rolltreppe zum Parkdeck gibt es mit dem Center-Logo bedruckte Heliumluftballons und an der Fleischtheke Wurst aus Brandenburg. Unser Einkauf hilft, Arbeitsplätze in der Region zu sichern. Das steht auf Schildern, die an Metallketten von der Supermarktdecke hängen. Oder Jürgen sagt das. Das weiß ich nicht mehr. Vieles vergesse ich wieder. Im Kopf bleibt mir die absolute Gleichzeitigkeit von Trägheit und Gedrängel, und die Antworten der Erwachsenen, die ich nicht verstehe. Ich weiß, wir drei dürfen uns beim Bäcker was aussuchen. Ich will irgendwas ohne Rosinen."[1]

 

Das Projekt[2]

Im Frühjahr und Sommer 2025 kamen an fünf Orten in Ostdeutschland Menschen zusammen, um ihren Erinnerungen an die 1990er Jahre literarisch Ausdruck zu verleihen. Gefolgt waren sie unserem Aufruf „Schreib Dich durch die Neunziger!“, mit dem wir zu Workshops in der Stadtbibliothek Grimma, in der Volkshochschule Leipzig, im Kulturzentrum Alter Gasometer in Zwickau, im Gröper Tor von Wittstock/Dosse und im Lebenszentrum Thomas Müntzer Reichenberg (Märkisch Oderland) eingeladen hatten. Über 50 Interessierte ließen sich auf das Experiment ein, Textquellen für eine Erfahrungsgeschichte der Transformation zu schreiben: Die Jüngste war erst 1990, der Älteste bereits 1945 geboren, einige wenige stammten aus Westdeutschland. Geschrieben wurde unter der Anleitung von sechs Kursleiterinnen[3] mithilfe von Techniken aus dem kreativen Schreiben.

Das oben angeführte Zitat gibt einen Eindruck von der Mühe des Erinnerns, die die Autor:innen auf sich nahmen. Sie haben autobiografische und autofiktionale Texte über Erlebnisse in den 1990er Jahren verfasst; sie erinnern sich ganz konkret und messen zugleich die Grenzen dieses Erinnerns aus. Während der eingangs zitierte Autor die 1990er Jahre aus der Sicht eines Kindes beschreibt, rufen ältere Autor:innen sich die Veränderungen in Beruf und Alltag, aber auch Reisen und erste Besuche ihrer Verwandten aus Westdeutschland ins Gedächtnis zurück. Gemeinsam ist allen der Wunsch, mit dem Stift in der Hand von sich zu erzählen und ihre Transformations-Erfahrungen miteinander zu teilen.

Das Projekt entwickelten wir in einem interdisziplinären Team, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf die jüngste Vergangenheit schaut: Sabine Stach, Kulturwissenschaftlerin und Trainerin für Kreatives Schreiben, forscht zu Gedächtnis und Erinnerung. Dorothee Riese, Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin, interessiert sich für das Entwickeln persönlicher Erzählweisen. Harald Engler setzt sich als Historiker und Experte für die Baugeschichte der DDR für neue Perspektiven auf die Transformationsgeschichte ein. Gemeinsam war uns das Anliegen, „leisere“ Stimmen zur politisch umkämpften Geschichte der 1990er Jahre in Ostdeutschland hörbar zu machen, damit sie in die historisch-kulturwissenschaftliche Forschung zu dieser Zeit einbezogen werden können.

Über 150 Texte übergaben die Autor:innen uns am Ende zusammen mit entsprechenden Dokumentationsbögen. Als eigener Bestand stehen sie seit Ende 2025 im Lebensgeschichtlichen Archiv des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden der Forschung zur Verfügung.

 

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Schreibende im „Gasometer“ in Zwickau, 2025. Copyright: Constanze John

 

Schreibend in die Erinnerung eintauchen – kulturwissenschaftliche und ethische Reflexionen

Zusammen mit der DDR werden die Veränderungen der Neunziger Jahre als Quelle einer besonderen „Ostidentität“ diskutiert. Die bisweilen hohe Emotionalität der öffentlichen Debatte zeugt von der Ambivalenz der Erfahrungen, die Ostdeutsche im Zuge des Systemwechsels gemacht haben. Für viele waren die frühen 1990er Jahre eine äußerst widersprüchliche Zeit – neben Staunen, Lernen, Konsumrausch stehen Schmerz, Scham, Enttäuschung, Angst. Obwohl das Jahrzehnt „zwischen Neon und Grau“[4] changierte, verschwindet diese Vielfalt meist hinter binären Deutungsansätzen, die nach Wendegewinnern und -verlierern sowie den jeweils „Schuldigen“ fahnden.[5]

Weil dabei nicht zuletzt die (fehlende) agency der Ostdeutschen verhandelt wird, war es uns wichtig, „Betroffene“ zu Erzähler:innen werden zu lassen.[6] Aber wie lässt sich die Vielschichtigkeit ihrer Erfahrungen rekonstruieren? Sind nicht die damaligen, individuellen Erwartungen und Emotionen längst überlagert von späteren, vermeintlich kollektiven Gefühlslagen „der Ostdeutschen“? Tatsächlich gehen Spezialist:innen für lebensgeschichtliches Erzählen nicht nur von Überblendungen, sondern von generellen Erinnerungslücken aus. Folgt man den Überlegungen der Oral History, tauchen in Gesprächen mit Zeitzeug:innen nur diejenigen Erinnerungen aus dem „Strom der abrufbaren Erinnerungen“ auf, die es durch „zahlreiche[] Filter geschafft haben.“[7] Um auch Tiefenschichten des Gedächtnisses ‚anzuzapfen‘, gilt es also, Methoden anzuwenden, mit denen die Filter neu justiert werden.

Eine solche Methode stellt das kreative Schreiben dar. Es umfasst verschiedene aktivierende Techniken, etwa des Freewritings oder seriellen Schreibens, die wir eingesetzt haben, um Ideen zu finden und kreative „Flows“ zu stimulieren. Die eigene Biografie fungierte dabei als persönliches Archiv, das mithilfe gezielt gesetzter Schreibimpulse (u.a. eigene Objekt-Fundstücke) zugänglich gemacht werden sollte. Nicht erwartet hatten wir die hohe Bedeutung, die die Teilnehmer:innen dem Gespräch miteinander und dem Gleichklang des Erinnerns beimaßen, der im gleichzeitigen Schreiben und folgenden Vorlesen erzeugt wurde: Beim gemeinsamen Clustern von Erinnerungen, vor allem aber beim Hören der Geschichten anderer, tauchten Bilder aus dem eigenen Leben auf. Zugleich konnte ein Bewusstsein der Relevanz der eigenen Erfahrung wachsen: Was ich erlebt habe, ist nicht banal. Es ist Teil einer größeren Geschichte.

Das Aufrufen von Erinnerungen birgt allerdings die Gefahr, auch psychisch herausfordernde Erlebnisse zu reaktivieren. Während manche Texte ihre Zuhörer:innen zum Lachen brachten, wurden andere unter Tränen vorgelesen. Mit Geschichten über Verlust und familiäre Krisen hatten wir gerechnet, auch mit starken Emotionen. In der Vorbereitung hatten wir deshalb über die Notwendigkeit eines behutsamen, sensiblen Umgangs damit gesprochen und zugleich Regeln etabliert, die Rechtfertigungen ebenso wie hitzige Diskussionen verhindern sollten. Nicht gerechnet hatten wir allerdings mit der Sprengkraft der Kreativität selbst. Denn während wir den Beginn eines Schreibflusses durch entsprechende Impulse steuern konnten, ist sein Ausgang stets offen. So erinnerte sich eine Kursteilnehmerin in ihren Texten an den gewaltsamen Tod eines nahen Familienangehörigen, ein bei allen Kursteilnehmer:innen Bestürzung auslösendes Ereignis, das keinen direkten Zusammenhang zu den Geschehnissen nach 1989 aufwies. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, im Vorfeld noch intensiver über die ethischen Herausforderungen solcher experimentellen Zeitzeug:innen-Projekte zu sprechen. Wie lassen sich Eskalationen, aber auch therapeutische Situationen vermeiden, die Kursleitung wie Teilnehmende gleichermaßen überfordern können? Eine Möglichkeit wäre, in die erste Projektphase ähnlicher Projekte pädagogische bzw. psychologische Trainingseinheiten zu integrieren, damit Kommunikation und Gruppendynamiken zu jedem Zeitpunkt sensibel gesteuert und Erinnernde behutsam begleitet werden können.

 

Räume des Übergangs erschreiben – eine literaturwissenschaftliche Perspektive

„Ich erinnere mich an zu wenig“[8], bedauert ein Autor. „Warum sprechen wir so selten über die DDR und die 1990er? Was wissen die anderen, warum weiß F so unendlich viel über ihre Oma?“, fragt eine Autorin und fordert sich selbst auf: „Holen, einholen, aufholen, nachholen“[9]! Diese Sätze stammen aus Texten von sog. Wendekindern, die stärker in den Schreibwerkstätten präsent waren, als wir es vermutet hatten. Das erinnernde ‚Ein-, Auf- und Nachholen‘ lassen viele von ihnen an unscheinbaren Orten stattfinden: auf einer Wiese, in einem An- und Verkauf oder auf Fensterbrettern. Gemeinsam ist diesen Orten, dass sie als örtliche und zeitliche Übergangsräume von Kindheiten beschrieben werden, die durch Veränderung und das Schwanken zwischen Sicherheit und Unsicherheit gekennzeichnet sind.

„Ich sitze auf dem Fensterbrett, was auch verboten ist. Eigentlich. Damit wir nicht stürzen.“[10] Hassan Sohili Mzé lässt sein erzähltes Ich an einem Eckfenster mit Blick auf eine große Kreuzung spielen – „[i]rgendeine Kreuzung, an deren Ende ‚der Westen‘ liegt.“[11] Philipp Wille gelangt in einem Kurzprosatext von der Erinnerung an den Jahreswechsel 1989/90 zum „außerordentlich gewinn- und prestigeträchtigen, im ganzen Kreis bekannten“ Gebrauchtwarenladen der Eltern, der bald ein Schuhgeschäft werden würde, „das nach kurzen Jahren des Aufbruchs immer wieder vom Bankrott bedroht werden sollte.“[12] Im Text „Dinge, die verschwinden“ erzählt Claudia Lohm* in Gestalt einer Ich-Erzählung von Erinnerungen an ihren Schulweg und dessen Veränderungen. Aufgerufen werden insbesondere Bilder an den letzten Abschnitt, eine undefinierbare Wiese: „Es war eigentlich keine echte Wiese. Die Wiese war eher die Abwesenheit von etwas. Im Grunde genommen auch die Abwesenheit von echtem Gras.“[13] Am Ende erfahren wir vom Zustand heute: „Die Wiese jedenfalls ist jetzt eine Einfamilienhaussiedlung.“[14]

Das Fensterbrett trennt die Wohnung, den Raum, der von den (Groß-)Eltern strukturiert wird, von der Straße, die durch das Neue dominiert wird. Wie Sohili Mzé wählten viele Autor:innen ein erzähltes Ich, das sich an der Schwelle zwischen Innen und Außen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen Alt und Neu befindet.[15] Solch ein Ort der Ambivalenz und des Schwankens ist auch der Laden der Eltern, der materielle Sicherheit bringen könnte, aber doch instabil bleibt.

Indem sie Räume des Übergangs beschreiben, sind die Texte der „Wendekinder“ typisch für Literatur, die von Kindheit und Erwachsenwerden erzählt. Allerdings verändern sich die Räume, die sie beschreiben, rasant und unumkehrbar, nicht nur für die Kinder, auch für die sie erziehenden Erwachsenen. So verschwindet die Wiese im sich ausbreitenden Kapitalismus. Die für Fußgänger nützliche, mit Trampelpfaden durchzogene Fläche wird mit Einfamilienhäusern bebaut und mit Mauern und Hecken umzäunt. Die Verwertung und Bebauung der Wiese erscheint als Bild für das abrupte Ende einer unwiederbringlichen Übergangszeit.

 

Erfahrungsgeschichtliche Zugewinne für die (zeit)geschichtswissenschaftliche Transformationsforschung

Dass es sich bei der sog. Transformation nicht um eine reine Erfolgsgeschichte handelt, zeigt die aktuelle politische Lage, die durch große Unzufriedenheit mit dem politischen System des vereinigten Deutschlands sowie spezifisches Wahlverhalten in Richtung der polarisierten Parteienlandschaft (AfD, BSW) gekennzeichnet ist. Um die Verwerfungen der Gesellschaft zu verstehen, ist ein Blick auf die Geschichte des Umbruchs und seiner Folgen – als „doppeltem Transformationsschock“[16] – unabdingbar. Allerdings war die historische Transformationsforschung lange Zeit durch politik- und wirtschaftsgeschichtliche Perspektiven geprägt und schien sich vor allem für Anpassungsprobleme an das westdeutsche Erfolgsmodell zu interessieren. Erst in den letzten Jahren hat eine Forschungsperspektive an Bedeutung gewonnen, die sich stärker den individuellen und kollektiven Erfahrungen der Menschen zuwendet, die nach konkreten Folgen der neoliberalen Schocktherapie fragt und sich auch in mentaler und psychischer Hinsicht für die Ostdeutschen interessiert. In den Fokus sind dabei auch Gefühle getreten, etwa des Fremdbestimmtseins und der Marginalisierung durch westdeutsche Eliten, sowie die subjektive Deutung der eigenen Umbruchserfahrung.[17] Zudem werden verstärkt auch die generationenübergreifenden Wirkungen dieser Erfahrungen betrachtet.

Geschichtswissenschaftliches Ziel des hier vorgestellten Projekts war es, diesen Trend weiterzuführen und aus erfahrungsgeschichtlicher Sicht neue Schwerpunkte in der Transformationsforschung zu setzen. Eine erste Lektüre unseres ‚empirischen Samples‘ legt nahe, dass das Format experimentell gestalteter Transformationserinnerungen dort besonders spannend ist, wo explizit oder zwischen den Zeilen Stimmungen, Atmosphären und Gefühle gestaltet werden. Dies kann zum einen für die weitere Untersuchung zum Wandel generationeller Verhältnisse fruchtbar gemacht werden. Zum anderen birgt das Material große Potenziale für eine Emotionsgeschichte der Transformation: Indem die älteren Autor:innen in konkrete Herausforderungen, aber auch positive Erinnerungen ‚hineinzoomen‘, treffen sie eine Auswahl des Erinnerungswerten, gestalten ihre damaligen Emotionen und setzen sie in Bezug zu früheren Erwartungen, aber auch späteren Deutungen. Nicht nur die Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Gefühlen ist aufschlussreich, sondern auch die schnelle Abfolge ambivalenter Stimmungslagen in den frühen 1990er Jahren.

Unabhängig von den bearbeiteten Themen selbst, hat das Projekt gezeigt, dass es einen großen Gesprächs- und Verständigungsbedarf von Seiten der Kursteilnehmer:innen mit der Wissenschaft gibt und dass die geschichtswissenschaftliche Transformationsforschung sich diesem ‚Anamnese‘-Bedarf stärker zuwenden sollte. Diesen Eindruck verstärken auch andere partizipativ angelegte Projekte wie etwa die verschiedenen Moving-Labs des Leibniz-Labs „Umbrüche und Transformationen“.

 

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Als ein Ergebnis des Projekts „Schreib Dich durch die Neunziger!“ entstand ein Set aus fünf Postkarten mit jeweils einem Zitat aus jeder Schreibwerkstatt. Gestaltung: Franziska Becker / trafik, 2025, Foto: Sabine Stach 

 

Fazit

Die literarischen Quellen, die im Rahmen von „Schreib Dich durch die Neunziger!“ entstanden sind, haben das Potenzial, unsere Vorstellungen von diesem Jahrzehnt zeitlich, räumlich und generationell zu differenzieren, thematisch zu öffnen und heutige Meistererzählungen über die Systemtransformation zu hinterfragen. Egal ob autobiografisch oder autofiktional, liegen die Erinnerungstexte wenn nicht quer, so wenigstens schräg zu den bekannten Schwarz-Weiß-Narrativen von Entmündigung und sozialem Abstieg. Sie zeigen, dass es die eine Kränkung der Ostdeutschen ebenso wenig gab, wie eine prinzipielle Überforderung oder eine allgemeine Lust am Konsum. Mal explizit, mal zwischen den Zeilen geben sie Einblick in die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Emotionen, Erwartungen, Erfahrungen von Menschen, die das Jahrzehnt in Ostdeutschland erlebt haben. Und sie zeugen von der Atmosphäre der Schreibwerkstätten selbst, in denen Menschen zusammengekommen sind, weil sie sich gemeinsam erinnern wollten. Denn der vielleicht größte Wert, das wurde uns von den Teilnehmer:innen vielfach gespiegelt, bestand im Zuhören – ohne andere Erinnerungen zu bewerten, zu korrigieren, ohne einen Konsens finden zu müssen.

Methodisch liefert ein solches lebensgeschichtlich orientiertes Forschungsdesign für die historische Transformationsforschung eine Perspektiverweiterung, die die blinden Flecke und Defizite einer zu stark auf die politische und gesellschaftliche Metaebene orientierten Analyse zumindest teilweise korrigieren kann. Für ähnliche Projekte heißt es jedoch, die aufgeworfenen ethischen Fragen von Beginn an kritisch mitzudenken. Denn – das zeigt „Schreib Dich durch die Neunziger!“ auch – die sensible Begleitung von teils hochemotionalen Erinnerungsprozessen ist alles andere als voraussetzungslos. Hier deutet sich an, dass partizipatives Arbeiten eigentlich Strukturen braucht, die flexibler sind als jene der deutschen Wissenschaftsförderung. Allein der Dokumentationsaufwand war für alle Beteiligten unseres Ein-Jahres-Projekts (Leitende, Verwaltung, Kursleiterinnen, Autor:innen) enorm. Neben den oftmals schwierigen Fragen der Rekrutierung, Diversität und des angestrebten Partizipationsgrades zeigt sich hier die vielleicht größte Herausforderung eines Citizen Science-Projektes: Mit Menschen zu arbeiten braucht Zeit. Texte zu lesen ebenfalls. Jetzt, da alle Projektberichte geschrieben, alle Verwendungsnachweise eingereicht sind, käme die Zeit, Lesungen zu organisieren, Anthologien zusammenzustellen, zu Folgeprojekten einzuladen, mit den Autor:innen in Kontakt zu bleiben. Das aktuelle Wissenschaftssystem ist ein schlechter Rahmen für diese Ideen. Das nächste Projekt wartet.

 


[1] Karl Fischmann*, „Das Verschwinden“, Schreibkurs Zwickau, in: LGA, Projekt 127: Schreib Dich durch die Neunziger! Texte aus Schreibwerkstätten. Alle weiteren Zitate aus den Texten des Projekts stammen aus demselben Archivbestand und werden im Folgenden mit der Nennung des Autors, des Texttitels und des Schreibkurses zitiert. Bei Namen, die mit * markiert sind, handelt es sich auf Wunsch der Autor:innen um Pseudonyme.

[2] Das Projekt (Laufzeit: 1.10.2024–30.9.2025/31.12.2025) wurde finanziert durch das Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen“ und koordiniert durch die Autor:innen dieses Artikels. Als studentische Hilfskraft unterstützte uns Antonia Kitze, der wir dafür sehr herzlich danken. Weiterhin danken wir Claudia Pawlowitsch vom Lebensgeschichtlichen Archiv des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden für die sorgfältige Beratung und zügige Einarbeitung der Texte ins Archiv.

[3] Katharina Bendixen, Dörte Grimm, Constanze John, Angelika Nguyen, Dorothee Riese, Sabine Stach.

[4] Anna Lux/Jonas Brückner: Neon/Grau. 1989 und ostdeutsche Erfahrungsräume im Pop, Berlin 2025.

[5] Vgl. exemplarisch Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, Berlin 2023; Ilko-Sascha Kowalczuk: Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute, München 2024.

[6] Siehe auch Jörg Ganzenmüller: Lebensweltliche Umbrüche in der Vereinigungsgesellschaft. Die erfahrungsgeschichtliche Dimension der Transformation Ostdeutschlands nach 1990, in: Ders. (Hg.): Transformationserfahrungen. Lebensweltliche Umbrüche in Ostdeutschland nach 1990, Köln 2025, S. 11–33, hier S. 15.

[7] Dorothee Wierling: Zeitgeschichte ohne Zeitzeugen: Vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis – drei Geschichten und zwölf Thesen, in: BIOS: Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 21 (2008) 1, S. 28–36, https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/27020.

[8] Mirko Gust, „Die frühen 1990er“, Schreibkurs Leipzig.

[9] Suse Schröder, „Schreibimpuls: ‚Dinge, die verschwinden‘ von Jenny Erpenbeck“, Schreibkurs Grimma.

[10] Hassan Sohili Mzé, „Irgendwann im Jahr 1990 (damals noch sieben Jahre alt)“, Schreibkurs Zwickau.

[11] Ebenda.

[12] Philipp Wille, „1.1.1990“, Schreibkurs Leipzig.

[13] Claudia Lohm*, „Schreibimpuls ‚Dinge, die Verschwinden‘ von Jenny Erpenbeck“, Schreibkurs Grimma. Im Kurs in Grimma wurden die Autor:innen durch Katharina Bendixen angeregt, einen Text in Anlehnung an Jenny Erpenbecks Essayband „Dinge, die verschwinden“ (Berlin, 2009) zu verfassen.

[14] Ebenda.

[15] Weitere Texte, in denen aus der Perspektive von Kindern, die aus Wohnungsfenstern schauen, erzählt wird: Charlotte González, „Trommeln“, Schreibkurs Leipzig, Mirko Gust, „Der 1.1.1990“, Schreibkurs Leipzig. Leere Flächen, die später bebaut werden, gibt es auch in Karl Fischmann*, „Verschwinden“.

[16] Everhard Holtmann/Tobias Jaeck: Politische Einstellungen in Ostdeutschland nach dem „doppelten Transformationsschock“, in: Ganzenmüller, Transformationserfahrungen (wie Anm. 6), S. 35-47.

[17] Grundlegend für diese Forschungsrichtung ist der Band von Ganzenmüller, Transformationserfahrungen (Anm. 6).

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Zitation

Harald Engler, Dorothee Riese, Sabine Stach, „Schreib Dich durch die Neunziger!“. Gedanken zu Potenzialen und Herausforderungen eines partizipativen Zeitzeug:innen-Projekts in Ostdeutschland, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/schreib-dich-durch-die-neunziger