Karl-Lueger-Denkmal in Wien nach der Schiefstellung
Bildinfo

C.Stadler/Bwag, Lueger Monument at Dr.-Karl-Lueger-Platz in Vienna. Quelle: Wikimedia Commons, CC-BY-SA-4.0.

Karl-Lueger-Denkmal in Wien nach der Schiefstellung
Bildinfo

C.Stadler/Bwag, Lueger Monument at Dr.-Karl-Lueger-Platz in Vienna. Quelle: Wikimedia Commons, CC-BY-SA-4.0.

Karl-Lueger-Denkmal in Wien nach der Schiefstellung
Bildinfo

C.Stadler/Bwag, Lueger Monument at Dr.-Karl-Lueger-Platz in Vienna. Quelle: Wikimedia Commons, CC-BY-SA-4.0.

Karl-Lueger-Denkmal in Wien nach der Schiefstellung
Bildinfo

C.Stadler/Bwag, Lueger Monument at Dr.-Karl-Lueger-Platz in Vienna. Quelle: Wikimedia Commons, CC-BY-SA-4.0.

Lueger steht schief

Zur Debatte um die Umgestaltung des Karl-Lueger-Denkmals in Wien

Im Juni 2026 wurde das Karl-Lueger-Denkmal wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.[1] Vis-à-vis dem Stadtpark und dem Museum für angewandte Kunst (MAK) liegt die Statue zwar nicht auf der touristischen Hauptachse durch den ersten Wiener Gemeindebezirk, aber trotzdem nur einen kurzen Gehweg vom stark frequentierten Stephansdom entfernt. Das Denkmal zur Ehrung des ehemaligen Wiener Bürgermeisters (1897 bis 1910) steht bereits seit 1926 auf dem ebenfalls nach ihm benannten Dr.-Karl-Lueger-Platz. Jahrelang wurde gegen das Denkmal protestiert, Aktivist:innen besprühten es mit Farbe und Graffiti. Unter anderem waren auf Luegers Statue in Großbuchstaben die Wörter „Schande“, „Nazi“ und „Antisemit“ zu lesen.[2] An dem Konflikt um das Ehrenmal wird deutlich, dass Vergangenheit nicht für sich alleinstehen kann und es immer einer kritischen Auseinandersetzung damit bedarf, wie wir Geschichte erinnern.

2022 wurde die öffentliche Kritik am Lueger-Ehrenmal so laut, dass sich die Stadt Wien zum Handeln veranlasst sah. In einer ersten Reaktion auf die Proteste wurde das Denkmal durch eine temporäre Installation der Künstler Nicole Six und Paul Petritsch kontextualisiert. Daran schloss sich von Oktober 2022 bis Mai 2023 eine städtische Ausschreibung an, nach der über die langfristige Umgestaltung der Statue entschieden wurde. Am Ende des Auswahlverfahrens setzte sich der Vorschlag „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ des Wiener Künstlers Klemens Wihlidal durch.[3] Wihlidal schlug vor, die Statue von den Graffiti zu reinigen und mit einer Neigung von 3,5 Grad an derselben Stelle wieder aufzustellen. Durch die Schiefstellung beabsichtigte Wihlidal eine visuelle Irritation, die den monumentalen Charakter des Denkmals unterbrechen und damit seine Funktion als Ehrung Luegers zerstören soll. Heute steht das Denkmal, hundert Jahre nach seiner Enthüllung, also wieder sauber da, nur ein kleines bisschen schief. Doch die Erinnerungsdebatte ist damit nicht beendet.

 

Wer war Karl Lueger?

Während den meisten Deutschen der Name Karl Lueger kaum ein Begriff ist, ist der ehemalige Wiener Bürgermeister in Österreich einer der bekanntesten Politiker des letzten Jahrhunderts. Allerdings wird bereits seit Jahrzehnten darüber gestritten, wie mit Luegers Erbe umgegangen werden soll und wie an den früheren Politiker im öffentlichen Raum erinnert werden kann. Lueger wurde 1844 in Wieden (heute der 4. Wiener Gemeindebezirk) geboren und trat Anfang der 1870er-Jahre nach einer Tätigkeit als Anwalt in die Wiener Gemeindepolitik ein.[4] Zu Beginn seiner politischen Karriere gehörte Lueger einem liberalen Bürgerklub im Wiener Gemeindebezirk Landstraße an. Ende der 1870er-Jahre wandte er sich vom Liberalismus ab und stilisierte sich zum Verteidiger der Interessen des Kleinbürgertums. Als Advokat des ‚kleinen Mannes’ stieg Lueger in den Jahren bis zur Jahrhundertwende rasch in verschiedene politische Ämter auf; zunächst war er Gemeinde- und später Reichsratsabgeordneter für die Christlichsoziale Partei. 1897 gipfelte Luegers Karriere in seiner Wahl zum Wiener Bürgermeister – ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1910 innehatte und nachhaltig prägte.

Lueger gelang es während seiner Regierungszeit, die Hauptstadt als Bollwerk gegen den fortschreitenden Zerfall der Monarchie und die wachsende politische und wirtschaftliche Instabilität des Habsburgerimperiums zu inszenieren. Auch heute wird noch gelegentlich an Luegers „Errungenschaften“ erinnert, etwa an den städtischen Ausbau öffentlicher Infrastrukturen und die Kommunalisierung von Versorgungswerken und Verkehrsbetrieben. Auch errichtete Wien in Luegers Amtszeit die zur damaligen Zeit modernste Kranken- und Pflegeanstalt Europas.[5] Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass die Modernisierung Wiens im europäischen Vergleich keinen Sonderweg darstellte und dem generellen Modernisierungstrend europäischer Großstädte um die Jahrhundertwende folgte. Damit stieg zwar die Lebensqualität vieler Wiener:innen merklich an – doch all denjenigen, die Lueger zu Feinden erklärte, blieb der Bürgermeister wohl nicht als Modernisierer, sondern vor allem als fanatischer Antisemit im Gedächtnis.

 

Luegers Einfluss auf Hitler

Lueger verdankte seinen politischen Erfolg zu einem großen Teil seinem rhetorischen Talent und Charisma, das ihn zu einem beliebten Redner machte und ihm den Spitznamen „schöner Karl“ einbrachte. In seinem politischen Programm setzte Lueger gezielt auf antisemitische, antislawische und antisozialistische Parolen, die in der Bevölkerung bereits bestehende Ressentiments bestärkten. Die verbalen Angriffe des Bürgermeisters bereiteten einen fruchtbaren Nährboden für den wachsenden Antisemitismus der nicht-jüdischen Bevölkerung Wiens und ermutigten seine Anhänger:innen zu körperlichen Übergriffen.[6] Immer wieder agitierte Lueger gegen die liberale Presse, die von ihm nur als „Judenpresse“ bezeichnet wurde.[7] Aber er polemisierte auch gegen jüdische Kaufleute, die er für den Anstieg der Milchpreise infolge der Inflation verantwortlich machte. Während Lueger öffentlich gegen die jüdische Bevölkerung hetzte, unterhielt er sein Leben lang Kontakte mit Jüdinnen und Juden. Lueger verdankte nicht nur den Anfang seiner politischen Karriere einem jüdischen Mentor, dem Anwalt Ignaz Mandl, sondern sprach privat auch sehr wertschätzend von seinen jüdischen Bekannten. Es ist daher oft zur Verteidigung Luegers angeführt worden, dass sein Antisemitismus rein opportunistischer Natur gewesen und einem politischen Kalkül entsprungen sei.

Das wohl berüchtigtste Beispiel für den Einfluss von Luegers politischer Agitation ist Adolf Hitler. Bevor Hitler 1913 nach München zog, lebte er zwischen 1907 und 1913 in Wien. Dieser Aufenthalt wird oft mit der Ablehnung seiner Bewerbung an der Wiener Kunstakademie assoziiert.[8] Viel wichtiger aber war die politische Sozialisierung, die der Anfang zwanzigjährige Hitler dort erfuhr.[9] Zunächst war Hitler ein leidenschaftlicher Bewunderer der Alldeutschen Bewegung unter Georg von Schönerer, der mit den Christlichsozialen, also Luegers Partei, um Wähler konkurrierte. Während die Alldeutschen forderten, dass Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen werden solle, verfolgten die Christlichsozialen eine Politik, die sich auf die katholische Kirche und den Erhalt der Monarchie stützte. Trotz Hitlers Kritik an dem klerikalen Einfluss auf die Christlichsozialen hinterließen Luegers Selbstinszenierung und sein politisches Charisma bei ihm einen bleibenden Eindruck. Hitler bewunderte Lueger für sein politisches Geschick und stimmte dessen antisemitischer Polemik zu, aber er führte in Mein Kampf auch aus, dass Luegers Antisemitismus noch nicht weit genug gegangen sei.[10]

Sowohl die Deutschnationale Bewegung als auch der politische Antisemitismus von Lueger bereiteten dem Nationalsozialismus den Weg. Allerdings muss zwischen dem klerikalen Antisemitismus der Christlichsozialen und der auf dem „Rassenantisemitismus“ gegründeten Ideologie des Nationalsozialismus unterschieden werden. Heute wird Luegers Einfluss auf Hitler oft als aufmerksamkeitsheischender Aufhänger genutzt, um die Debatte über Luegers Vermächtnis – und insbesondere über das Denkmal im ersten Wiener Gemeindebezirk – zu verkürzen. Doch Lueger sollte auch unabhängig davon als einschlägiger Antisemit, der exemplarisch für die Virulenz und breite Akzeptanz des politischen Antisemitismus Jahrzehnte vor der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 und dem „Anschluss“ Österreichs 1938 steht, in Erinnerung bleiben.

 

Luegers Erbe und öffentliche Proteste

Um die Frage, wie mit dem Erbe Luegers im heutigen Österreich umgegangen werden soll, sind in den letzten Jahren in regelmäßigen Abständen öffentliche Debatten entbrannt. In der Auseinandersetzung um die Darstellung von Vergangenheit in Form von Denkmälern, Straßen- oder Platznamen geht es nicht nur um die Erinnerung an Antisemitismus und Nationalsozialismus, sondern ganz allgemein darum, welche Bedeutung wir Geschichte beimessen. Das gilt auch für die Diskussionen um koloniale und nationalistische Denkmäler in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten. Denkmäler für Robert E. Lee, Otto von Bismarck oder Karl Lueger wurden mit der Intention errichtet, diese Männer zu ehren.[11] Die Umgestaltung solcher Denkmäler ist der wohl sichtbarste Ausdruck der Bereitschaft, Aspekte nationaler Geschichte zu konfrontieren und daraus auch Konsequenzen zu ziehen. Der Historiker Jürgen Zimmerer, der bis 2025 die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ leitete, plädiert deshalb öffentlich dafür, Denkmäler dieser Art zu „entheroisieren“ und zu Mahnmalen umzugestalten.[12] Ob das Kippen des Lueger-Ehrenmals um 3,5 Grad ausreicht, um dessen antisemitisches Erbe sichtbar zu machen, bleibt allerdings fraglich.

 


[1] „Gekippte Lueger-Statue nun zugänglich“, Wien ORF, 11. Juni 2026.
[2] Liam Hoare, „Vienna Grapples With Monument Honoring Antisemitic Former Mayor Admired by Hitler”, Haaretz, 27. April 2025.
[3] „Wettbewerb zur permanenten, künstlerischen Kontextualisierung des Dr. Karl Lueger-Denkmals“, Kunst im öffentlichen Raum Wien.
[4] Anna Ehrlich, Karl Lueger: Die zwei Gesichter der Macht. Wien 2010, 14, 33-34 und 38.
[5] Brigitte Hamann, Hitlers Wien: Lehrjahre eines Diktators. München 1997, 399-400.
[6] Hamann, Hitlers Wien, 415
[7] Hamann, Hitlers Wien, 401.
[8] Sarah Pruitt, „When Hitler Tried (and Failed) to Be an Artist: Long before he rose to become a ruthless dictator, the Nazi leader was a struggling young artist,” History, 13. September 2019.
[9] Martin Tschiggerl, „The commendable antisemite? Vienna’s mnemonic struggle with Karl Lueger,” Memory Studies 18, no. 6 (2025), 1431.
[10] Eine detaillierte Analyse von Luegers Eindruck auf Hitler findet sich bei Hamann, Hitlers Wien, 394-435.
[11] Robert E. Lee (1807-1870) war Oberbefehlshaber der konföderierten Armee der Vereinigten Staaten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865).
[12] Andreas Landberg, Leonie Voss und Jonathan Miske, „Hamburgs koloniales Erbe: Man könnte den Bismarck auf den Kopf stellen,“ Der Spiegel, 24. Juni 2020.

von

zurück

Zitation

Anna Günter, Lueger steht schief. Zur Debatte um die Umgestaltung des Karl-Lueger-Denkmals in Wien, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/lueger-steht-schief