Bild- und tongewaltig eröffnet der Dokumentarfilm von Jamie Coughlin Silverman und Gabriel Silverman sein Thema in einer Ästhetik, die an Netflix-Produktionen oder die Serie The Americans erinnert. Historische Filmaufnahmen zeigen die Festnahmen mehrerer Personen durch die DDR-Staatssicherheit; im Hintergrund ordnet der Erzähler und Hauptprotagonist Peter Keup die Bilder historisch ein. Um dessen Schilderungen, Analysen, Fragen und Gespräche dreht sich die Erzählung des Films. Das vorhandene Bild- und Textmaterial wird um Keups Gesprächs- und Interviewpartner angeordnet. Seine Figur bestimmt die Handlung und den Fortlauf des Dokumentarfilms „Spione unter uns“. In der Begleitung von Peter Keup verfolgen die Regisseur*innen zwei große Handlungsstränge: zum einen wird die Geschichte bzw. die Familiengeschichte Peter Keups beleuchtet, die er mithilfe von Stasiakten und Gesprächen in der Familie ergründen will, zum anderen kommen drei Stasioffiziere zu Wort, die jeweils unterschiedliche Haltungen zu ihrer Tätigkeit innerhalb der Staatssicherheit im Film einnehmen.
Die eigene Familiengeschichte als Sinnbild für die Überwachung und die politische Verfolgung in der DDR
Zu Beginn des Films berichtet Peter Keup, wie er dazu kam, sich mit der Aufarbeitung der DDR und seiner eigenen Geschichte zu beschäftigen. Im Jahr 1981 wurde er nach einem misslungenen Fluchtversuch verhaftet, kam in Stasihaft und wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, aus dem ihn die Bundesrepublik freikaufte. Nach dem Mauerfall erfuhr er aus den Stasiakten, dass sein Bruder als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Staatssicherheit gearbeitet hatte. Dies sei der Anstoß gewesen, seine bisherige berufliche Laufbahn als Tänzer und Tanzlehrer abzubrechen und sich fortan der Aufarbeitung von DDR-Geschichte zu widmen. Die Frage, um die er im Film kreist, ist, wie die Stasi seinen Bruder dazu gebracht hat, für sie zu arbeiten und seine Familie zu verraten. In Gesprächen mit seiner Schwester und seinem Cousin geht er den Stasiverstrickungen seiner Familie auf den Grund und versucht, die Abgründe des familiären Verrats auszuloten. Nur bei genauem Hinhören eröffnet sich den Zuschauenden, dass sein Bruder zwar zwischenzeitlich über die Familie an die Stasi berichtete, aber erst ab dem Jahr 1983, als Keup bereits in der Bundesrepublik lebte. Dies, sowie die Details zur Spitzeltätigkeit des kurz nach der Wiedervereinigung verstorbenen Bruders, hätte ich mir, weil es immerhin die Einstiegsfrage des Films und des Protagonisten Keup war, etwas ausführlicher dargestellt gewünscht.
Der Dialog mit den Stasioffizieren als Gegenerzählung zur Opferperspektive
Den zweiten großen Erzählstrang nehmen die Stasioffiziere ein, die von Keup befragt werden. Dabei handelt es sich um drei Männer, die sich durch ihre sehr unterschiedlichen Perspektiven auf die DDR, die Wahrnehmung der eigenen Schuld und der Frage nach den systemischen und ideologischen Hintergründen der Überwachung durch die Staatssicherheit stark voneinander unterscheiden. Einer von ihnen ist der ehemalige Stasi-Generalmajor Heinz Engelhardt, der zum Zeitpunkt der Stasi-Erstürmung im Januar 1990 stellvertretender Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit (der Staatssicherheits-Nachfolgeeinrichtung) war. Er leugnet in geradezu beschämender Weise, die Staatssicherheit hätte jemals Karrieren verhindert oder Familien zerstört. Den Historiker und Betroffenen Keup bezeichnet er als Sieger der Geschichte; Personen, die behaupten würden, durch die Stasi Traumata erlitten zu haben, wollten seiner Meinung nach lediglich Aufmerksamkeit erheischen oder sich bereichern. Ein anderer Gesprächspartner nimmt eine gegenteilige Position ein. Jochen Girke, bereits bekannt als Interviewter und Protagonist im Dokumentarfilm Der schwarze Kasten von 1992, lehrte Operative Psychologie an der Juristischen Hochschule der Staatssicherheit. Er reflektiert seine eigene Mitwirkung an den menschenrechtswidrigen Zersetzungspraktiken, der Anwerbung und dem Führen von Inoffiziellen Mitarbeitern und der politischen Verfolgung von Andersdenkenden in der DDR. Der dritte Gesprächspartner, der ehemalige Offizier der Staatssicherheit Bernd Roth, bekannt durch seine Autobiografie „Berichte eines STASI-Täters“ und durch mehrfache Teilnahmen an Podien und Interviews, fungiert im Film als Insider und Experte, der Peter Keup bei der Entschlüsselung der IM-Akte seines Bruders helfen soll. Roth plädiert dafür, den Einzelfall und die individuelle Schuld der Inoffiziellen Mitarbeiter zu prüfen und klassifiziert Keups Bruder als jemanden, den die Stasi anfänglich durch Manipulation und Überrumpelungstaktik zu Aussagen bewegen konnte, der sich jedoch bereits im Laufe eines Jahres seiner IM-Tätigkeit entziehen wollte und damit selbst ins Visier der Staatssicherheit geriet.
Ästhetisch anspruchsvoller Film für die erstmalige Beschäftigung mit der DDR und der Stasi
Der Film überzeugt durch die Komposition aus Filmmaterial der Staatssicherheit, der dokumentarischen Begleitung des Protagonisten Peter Keup und seiner Gesprächspartner*innen sowie anspruchsvollem und eindrucksvollem zeithistorischem Filmmaterial beispielsweise vom Mauerfall und der Stasi-Erstürmung. Die historischen Umstände sowie das Hintergrundwissen werden durch den Hauptprotagonisten sowie durch diverse Interviewpartner anschaulich geschildert und durch gelegentliche Einblendungen gut verständlich eingeordnet. Dabei unterlaufen den Regisseur*innen zwar ein paar Flüchtigkeitsfehler (die Universität Potsdam ist beispielsweise mitnichten, wie es die Einblendung vermuten ließe, eine Nachfolgeeinrichtung der Juristischen Hochschule, sondern nutzt lediglich deren ehemalige Räumlichkeiten am Standort Golm), zugleich werden eigentlich widerlegte Narrative einer allumfassenden Überwachung der Bevölkerung durch die Staatssicherheit wiederholt, obwohl es dafür keine eindeutigen Nachweise gibt. Für die differenzierte Betrachtung und die Einordnung der Tätigkeit von Inoffiziellen Mitarbeitern bietet der Film sehr wertvolle Denkanstöße. Andere kurz eingespielte Interviews mit Rainer Eppelmann, Susanne Schädlich und einem ehemaligen Zelleninformanten bleiben im Gesamtkontext des Films eher illustrativ.
Der Film wird auf der Website des Verleihs damit beworben, erstmals Stasioffiziere und Stasiopfer in einen filmischen Dialog gebracht zu haben. Genau diese Darstellung haben frühere Dokumentarfilme jedoch bereits aufgegriffen. Insbesondere die Begrüßungs- und Kennenlernszenen sowie die mitunter schwierige Kommunikation wurden beispielsweise schon in Verriegelte Zeit von 1990 und in frühen Kontraste-Beiträgen intensiv dargestellt. Auch die Herausforderungen des Dialogs zwischen Stasi-IM und deren Opfern haben andere Dokumentarfilme wie Mein Bruder – We’ll meet again von Thomas Heise (2005), Feindberührung von Heike Bachelier (2010) oder Striche ziehen von Gerd Kroske (2014), um nur eine Auswahl zu nennen, inszeniert. Vertrauten der Materie bietet der Film somit nicht viel Neues, aber die Dokumentation besticht dennoch durch die Authentizität ihres Protagonisten Peter Keup, die Darstellung seiner Gesprächspartner sowie die einfühlsame und eindrucksvolle Bildkomposition. Dies macht den Film besonders für jene zugänglich, die bislang keine Berührungspunkte mit der Aufarbeitung der DDR und der Geschichte der Staatssicherheit hatten. Viele Passagen des Films, vor allem diejenigen, in denen der Protagonist erzählt, analysiert und einordnet, sind in englischer Sprache und zeigen, dass der Film auf ein internationales Publikum abzielt, das damit sicher einen verständlichen und zugleich anspruchsvollen Einstieg ins Thema bekommen kann.
The Spies Among Us / Spione unter uns. 2025, USA, Regie: Jamie Coughlin Silverman, Gabriel Silverman
Derzeit sind Filmvorführungen am 30. Juni 2026 im Audimax der Universität Potsdam, am 4. August 2026 beim Campus-Kino auf dem Campus für Demokratie in Berlin und am 14. November 2025 in Central Kino in Plauen geplant.
Zitation
Anita Krätzner-Ebert, Spione unter uns. Wie ein Familienschicksal von der Staatssicherheit der DDR erzählt, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/spione-unter-uns