Staatsanwalt Alexander Kornew im Büro des Generalstaatsanwalts der UdSSR Andrei Wyschinski.
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 Sergei Loznitsa, Zwei Staatsanwälte (2025) © PROGRESS Filmverleih

Staatsanwalt Alexander Kornew im Büro des Generalstaatsanwalts der UdSSR Andrei Wyschinski.
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Staatsanwalt Alexander Kornew im Büro des Generalstaatsanwalts der UdSSR Andrei Wyschinski.
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 Sergei Loznitsa, Zwei Staatsanwälte (2025) © PROGRESS Filmverleih

Staatsanwalt Alexander Kornew im Büro des Generalstaatsanwalts der UdSSR Andrei Wyschinski.
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Zwei Staatsanwälte

Der neue Film von Sergei Loznitsa über den Stalin-Terror in der Sowjetunion

Der Film „Zwei Staatsanwälte“ des ukrainischen Regisseurs Sergei Loznitsa schildert die Zeit in der Sowjetunion während des Großen Terrors der 1930er-Jahre. Er basiert auf der gleichnamigen Erzählung des Physikers Georgi Demidow, der 1938 in Charkiw verhaftet wurde und insgesamt vierzehn Jahre im Gulag-Gefängnis verbrachte.[1] Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Geschichte des jungen Staatsanwalts, Alexander Kornew, aus Brjansk, und dessen aussichtslosen Kampfs um Gerechtigkeit in der Stalin-Ära der Sowjetunion. 

 

Zwei Staatsanwälte

Eines Tages erhält Kornew eine mit Blut geschriebene Notiz von einem der Häftlinge aus dem Brjansker Gefängnis, in der steht, dass das NKWD dort gegen ehrliche Kommunisten brutal vorgeht. Kornew ist ein überzeugter Kommunist, der an die Macht der sowjetischen Justiz glaubt. Deshalb besucht der junge Jura-Absolvent und neu zugewiesene Staatsanwalt der Stadt Brjansk das Gefängnis, um die ‘Sache‘ zu klären. Nach dem mehrstündigen Warten und den ermüdenden Gesprächen mit den NKWD-Leuten erhält er schließlich die Erlaubnis, den Häftling Stepnjak zu besuchen, der wegen eines „politischen Delikts“ in einem Spezialblock sitzt und der den blutigen Brief geschrieben hat. Auf dem Weg zu Stepnjak öffnet sich die Welt des sowjetischen Strafvollzugs. Hinter den grauen Einzelzellen sieht man endlose Korridore mit verschlossenen Türen und unzähligen Wächtern. Es wird schnell klar: Niemand kann diesen Folterkammern entkommen.

Der inhaftierte Stepnjak, ein alter Bolschewik und ehemaliger hochrangiger lokaler Parteifunktionär, setzte sich selbst mehrere Jahre lang für die sowjetische Justiz ein und beeindruckte einst den jungen Kornew bei seiner Rede über das sowjetische Rechtssystem. Doch jetzt ist Stepnjak ein geschlagener, kaum noch lebensfähiger alter Mann, an dessen zerrissenem Anzug man noch den ehemals hohen Status innerhalb der sowjetischen Parteihierarchie erkennen kann. Er sieht in Kornew seinen ‘Verbündeten’ und erzählt ihm von der Willkür der lokalen NKWD-Mitglieder, die unschuldige Menschen foltern und verhaften.  Er gibt dem jungen Mann den Auftrag, so schnell wie möglich nach Moskau zu reisen und über die Lage ‚nach oben‘ zu berichten.

Kornew begibt sich nach Moskau und gelangt zur Audienz beim ‚zweiten Staatsanwalt‘, Andrei Wyschinski. Er berichtet dem Generalstaatsanwalt der UdSSR über die ‘Missbräuche’ des NKWDs in Brjansk und bittet ihn, die Lage zu überprüfen. Es ist Kornew bewusst, dass er mit dem Auftrag von Stepnjak sein Leben riskiert, aber sein Gewissen und die Ehre eines sowjetischen Juristen sind ihm wichtiger. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass Wyschinski selbst eine der verantwortlichen Personen für die Massenfolterungen und Exekutionen in der Sowjetunion ist.

Wyschinski verspricht zu helfen und gibt Kornew zum Abschied sogar eine Fahrkarte für den Zug. Im Abteil trifft der junge Staatsanwalt zwei nette Kollegen, die sich als Ingenieure vorstellen. Sie machen Witze, essen Wurst, trinken Wodka und spielen fröhliche Melodien auf der Gitarre, die sogar den seriösen Kornew zum Lächeln bringen. Bei der Ankunft in Brjansk versprechen sie Kornew, ihn nach Hause zu bringen. Wie sich jedoch herausstellt, sind die neuen Bekannten keine ‚Ingenieure‘, sondern NKWD-Leute. Kornew wird verhaftet und fährt direkt ins Gefängnis, in dem er kürzlich zum Besuch war. Der Kreis schließt sich.

 

Stalin-Sowjetunion zwischen Angst und Lüge

Der Film von Sergei Loznitsa erzählt vom Großen Terror in der Sowjetunion zwischen 1936 und 1938, während dem 1,6 Millionen Menschen verhaftet und nicht weniger als die Hälfte davon ermordet wurden.[2] Doch der Regisseur zeigt keine blutigen oder aggressiven Szenen. Um die Grausamkeit dieser Zeit zu vermitteln, arbeitet Loznitsa mit langsamer Erzählweise, präzisen Akzenten und musikalischen Einlagen. Er zeigt den Schrecken des totalitären Systems vor allem als Ausprägung von Angst und Lüge.

Loznitsa schildert in seinem Film die Tragödie und die Illusion des Sowjetstaates in der Stalin-Ära. Die Erbauer des Kommunismus landen im Gefängnis; der Mythos der ‘sowjetischen Gerechtigkeit‘ bricht vor unseren Augen zusammen. Nur der Glaube an Stalin bleibt unerschütterlich. Ohne Vorkenntnisse zum ‘Großen Terror’ ist es für Zuschauer*innen schwierig, das ganze Ausmaß der Katastrophe zu erfassen. Dies wird durch kleine, kaum wahrnehmbare Details vermittelt, die den Kern des sowjetischen totalitären Systems ausmachten. Der Film konzentriert sich nicht auf diejenigen, die gegen die Sowjetordnung waren. Doch wie Loznitsa anschaulich zeigt, verschonte die sowjetische Diktatur niemanden, nicht einmal jene, die sie einst selbst geschaffen haben.

 

Anspielungen auf den Holocaust und Putins Russland

Der Film beginnt mit einer Szene, in der ein alter Häftling Briefe in einem Ofen verbrennt, in denen die Inhaftierten an den Genosse Stalin schreiben. Darin wenden sie sich an den Parteivorsitzenden, um die Umstände aufzuklären, die sie ins Gefängnis gebracht haben. Sie können nicht glauben, dass sie nicht aus ‚Versehen‘, sondern durch die Entscheidung ‚von oben‘ ins Gefängnis geraten sind. Es ist nicht nur das brutale NKWD, es ist das ganze totalitäre System, das in der Sowjetunion aufgebaut wurde. Der Ofen verbrennt zwar nicht Menschen wie in Auschwitz, weist jedoch auf die verbrannten Hoffnungen der Inhaftierten hin, die entweder bald vernichtet oder für mehrere Jahre in den GULAG verschleppt werden.

Die Schrecken der sowjetischen Diktatur werden in der populären Kultur oft relativiert und durch den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg verdrängt. Die Sowjetunion unter Stalin wird zwar als Diktatur gesehen, doch das Ausmaß des Terrors bleibt für viele oft im Dunkeln. Man weiß zwar vom Holocaust, jedoch deutlich weniger vom Holodomor, vom Großen Terror oder den Massendeportationen in der Sowjetunion. Loznitsa versucht, diese Lücke zu schließen und uns die sowjetische Erfahrung näherzubringen.

Dieser Film ist eine weitere Mahnung an eine andere autoritäre Macht von heute – Putins Russland, das seine Wurzeln in der stalinistischen Erfahrung hat. Fast 100 Jahre später ähnelt Russland immer mehr der Stalin-Ära, in der Menschen verhaftet und vernichtet werden, Propaganda verbreitet und Vernichtungskriege geführt werden. Um das heutige Russland zu begreifen, sollte man genauer auf seine autoritäre Vergangenheit blicken, und dafür ist „Zwei Staatsanwälte“ von Loznitsa ein guter Ausgangspunkt.

 

 

„Zwei Staatsanwälte“. (Originaltitel:  Два прокурора)
Regie: Sergei Loznitsa, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Lettland, Rumänien, Litauen 2025.
(118‘)

 


[1] Margarete Kreuzer, Filmkritik: „Zwei Staatsanwälte“, rbb-online.de, 13.12.2025, [zugegriffen am 08.01.2026].
[2] Nina Frieß, Der Große Terror, dekoder.org [zugegriffen am 08.01.2026].

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Zitation

Kateryna Chernii , Zwei Staatsanwälte. Der neue Film von Sergei Loznitsa über den Stalin-Terror in der Sowjetunion, in: Zeitgeschichte-online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/zwei-staatsanwaelte