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Ein Teilnehmer während der Konferenz „Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie. Eine Tagung aus Anlass seines 10. Todestages“ vom 18. bis 20. Oktober 2017 in Berlin. Auf dem Podium Frank Bajohr und Elizabeth Anthony.
Foto: Christian Mentel

Die Holocaustforschung beforscht sich selbst
Soziologische Perspektiven auf die Probleme der Zeitgeschichtsforschung
von
Stefan Kühl
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Veröffentlicht am 8. November 2017

Die Holocaustforschung befindet sich im Prozess der Selbsthistorisierung. Auf der Konferenz zum zehnten Todestages des US-amerikanischen Holocaustforschers Raul Hilberg, die letzte Woche in Berlin stattfand, wurde weniger darüber diskutiert, wie man mit den originellen Fragestellungen und Herangehensweisen Hilbergs weiterarbeiten könnte. Im Mittelpunkt standen vielmehr eine Historisierung des Historikers selbst – seiner Differenzen mit Hannah Arendt, die Geschichte der verschiedenen Auflagen seines Standardwerks über die Vernichtung der europäischen Juden, seine Schwierigkeiten, sein Buch übersetzt zu bekommen,  oder sein Wirken auf den ersten wissenschaftlichen Konferenzen zum Holocaust.[1]

Die – manchmal in Verehrungsrituale abgleitende – Historisierung der bahnbrechenden Forschung Raul Hilbergs auf der Konferenz ist Ausdruck davon, wie stark sich die Holocaustforschung inzwischen (auch) mit sich selbst beschäftigt. Holocaustforscher analysieren zunehmend, wie frühere Holocaustforscher gearbeitet haben haben. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Historiker beforschen werden, wie frühere Historiker beforscht haben, wie die ersten Forscher über den Holocaust geforscht haben. Insofern ist es auch konsequent, dass das größte Lob für den Organisator René Schlott dieser orginell konzipierten und prominent besetzten Konferenz darin bestand, darauf hinzuweisen, dass diese Konferenz in absehbarer Zeit selbst Thema von Konferenzen sein werde. Mehr Reflexivität geht kaum noch.[2]

Dass dieser Prozess der Selbstbeforschung weniger zu neuen Einsichten in den Holocaust führt, stellt kein Problem da. Über die Rekonstruktion der frühen geschichtswissenschaftlichen Analysen des Holocaust erhält man einen pointierten Einblick nicht in die Geschichte des NS-Staats, aber in die deutsche Nachkriegsgeschichte.[3] Gerade bei der Betrachtung des Umgangs nichtjüdischer Historiker mit den ersten Erkenntnissen der Holocaustforschung wird deutlich, wie stark in Deutschland lange Zeit die Tabuisierung zentraler Aspekte bei der Vernichtung der europäischen Juden nicht nur in der Politik und im Recht, sondern auch in der Wissenschaft war.

Was lässt sich aus einer soziologischen Perspektive zu dieser Historisierung der Holocaustforschung sagen?[4]

 

Die Reproduktion des Problems der Zeitgeschichte

Der Trend zur Historisierung der Holocaustforschung hängt unmittelbar mit dem sozialen und in vielen Fällen auch biologischen Tod derjenigen Historiker zusammen, die die  Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geprägt hatten. Das Verblassen des Einflusses der ersten Generation von Nachkriegshistorikern, die ihre Rolle während der NS-Zeit häufig nur mühsam verdecken konnten, hat es überhaupt erst ermöglicht, eine kritische Auseinandersetzung darüber zu führen, wie nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland der Holocaust durch Zeithistoriker beforscht – und in vielen Fällen nicht beforscht – wurde.

Aber trotz des Todes vieler für die Frühphase der Holocaustforschung relevanter Historiker schlägt sich die Holocaustforschung bei ihrer Selbstbetrachtung noch mit dem klassischen Problem der Zeitgeschichte – die Interventionsfähigkeit noch lebender Zeitzeugen – herum.[5] Die Rücksichtnahme auf noch lebende Zeitzeugen, wie sie jahrzehntelang bei wissenschaftlichen Konferenzen über den Holocaust beobachtet werden konnte, wiederholt sich jetzt bei den wissenschaftlichen Konferenzen über die Holocaustforschung. Genauso wie früher bei Konferenzen über den Holocaust immer wieder wissenschaftliche Überlegungen mit autobiographischen Referenzen in Bezug auf die NS-Zeit durchsetzt waren, wird auch jetzt bei Konferenzen über die frühe Holocaustforschung die Analyse gerne mit Fußnoten über eigene Erlebnisse als Holocaustforscher angereichert. Und genauso wie früher auf Tagungen Zeitfenster für Selbstreflexionen von Opfern – die Täter waren da aus nachvollziehbaren Gründen weniger auskunftsfreudig – eingerichtet wurden, nehmen jetzt autobiographische Berichte von Beteiligten der Holocaustforschung einen nicht unbedeutenden Raum ein.

So kann man sich bei dieser Nabelschau der Historiker nie ganz sicher sein, auf welcher Ebene gerade verhandelt wird. Geht es um eine distanzierte Beforschung der eigenen Disziplin oder um die Produktion autobiographischen Materials über die eigenen Erfahrungen als Holocaustforscher? Wird Kritik geäußert, weil man eine Fragestellung, ein Argument oder eine Vorgehensweise nicht überzeugend findet, oder weil man noch eine persönliche – oder gar organisationale – Rechnung offen hat?

 

Umgang mit dem Skandalisierungspotenzial

Das Problem der deutschen Zeitgeschichte mit der eigenen Verfangenheit in der Nachkriegszeit kann die heftigen Diskussionen erklären, mit denen über die ablehnende Haltung des Instituts für Zeitgeschichte gegenüber dem Standardwerk von Raul Hilberg diskutiert wurde. Im Vorfeld der Konferenz hat der Berliner Historiker Götz Aly – erneut – massenmedial bekannt gemacht, dass das in München ansässige Institut die Publikation einer deutschsprachigen Fassung des Buches durch kritische Gutachten zu unterdrücken versucht hatte. Sowohl die erste Begutachtung für den damals in der Wissenschaft noch bedeutenden Droemer Knaur-Verlag Mitte der 1960er Jahre als auch die zweite Begutachtung für den C. H. Beck-Verlag Anfang der 1980er Jahre sprachen sich gegen eine Veröffentlichung aus.[6] 

Bei der auch über die Massenmedien ausgetragenen Auseinandersetzung über das Verhältnis jüdischer und nichtjüdischer Historiker nach 1945 wird mit der gleichen Verve, mit der früher über die Kategorisierung, Ausraubung, Ghettoisierung und Ermordung der europäischen Juden diskutiert wird, jetzt darüber debattiert, wie bis in die 1980er Jahre nichtjüdische Historiker versuchten, die Arbeit von jüdischen Historikern zum Holocaust zu behindern und zu diskreditieren. Dabei kann man – überspitzt ausgedrückt – fast den Eindruck bekommen, dass das jetzt bekannt gewordene negative Gutachten über Hilbergs Buch von Ino Arndt, einer Mitarbeiterin aus der zweiten Reihe des Instituts für Zeitgeschichte, ähnlich intensiv diskutiert wird wie auf früheren Konferenzen zum Holocaust die Rede von Heinrich Himmler vor SS-Gruppenführern in Posen im Oktober 1943.[7]

Es hat immer einzelne Holocaustforscher gegeben, die das Potenzial zur Skandalisierung genutzt haben. Und die Massenmedien haben – nachdem sie die Vernichtung der europäischen Juden bis in die 1960er Jahre weitgehend ignoriert hatten –  diese Vorlagen in der Regel dankbar aufgegriffen. Jetzt, wo kaum noch neue Quellen zum Holocaust gefunden werden, scheint sich die Aufmerksamkeit auf die Zeit nach 1945 zu verschieben. Aber bei allem Skandalisierungspotenzial über den Umgang mit dem Holocaust nach 1945 kann man darüber diskutieren, wie spannend unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten die Ressentiments der im NS-Staat sozialisierten nichtjüdischen Historiker gegenüber ihren jüdischen Kollegen sind. Vielleicht wäre es interessanter zu überprüfen, inwiefern das von Hermann Lübbe herausgearbeitete Schweigen über die im NS-Staat aktiven Väter und Mütter überhaupt erst die weitgehend problemlose Integration viele ehemaliger Nationalsozialisten unter den Historikern in der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht hat.[8]

Was sagt die Tendenz zur Selbsthistorisierung über die Holocaustforschung aus?

 

Disziplinäre Schließungen

Die historisierende Beschäftigung mit sich selbst ist sicherlich Ausdruck des Reifegrades dieses Spezialgebietes der Geschichtswissenschaft. Auch wenn – wie die Hilberg-Konferenz zeigt – Momente der Heroisierung wissenschaftlicher Vorreiter unvermeidlich zu sein scheinen, so kann die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplingeschichte doch dabei helfen, eigene blinde Flecken aufzudecken.

Man kann den Trend zur Selbstbespiegelung aber auch als eine Krise der Holocaustforschung lesen. Im Moment kann man feststellen, dass es vorrangig um eine weitere Detaillierung der Forschung geht. Inzwischen kann man den Eindruck bekommen, dass in absehbarer Zeit jedes Polizeibataillon und jede SS-Einheit beforscht, dass das Innenleben jedes Ministeriums im NS-Staat rekonstruiert und die Beteiligung der Zivilverwaltung im letzten Winkel der von Deutschland besetzten Gebiete erschlossen ist, ohne dass es durch die Detaillierung zu grundlegend neuen Einsichten kommt.

Die politisch gewollte Beforschung der Geschichte der Ministerien im NS-Staat, die als Vorläufer für spätere Bundesminsterien gelten, mit den klassischen Mitteln der Geschichtswissenschaft wird ein Testfall dafür sein, wieviel Neues jenseits der inzwischen allseits bekannten personalen Kontinuitäten zu erwarten ist.[9] Das komplexe Setting dieser Auftragsforschung mit umfangreichen Steuerungskreisen etablierter Historiker und in Projektstrukturen eingezwängten jungen Historikern lässt – wie in vielen anderen Drittmittelprojekten auch – innovative Zugriffe auf dieses Thema eher unwahrscheinlich erscheinen.   

Es fällt auf, dass sich die geschichtswissenschaftliche Holocaustforschung – viel stärker als andere Forschungsfelder in der Geschichtswissenschaft – disziplinär geschlossen hat. Zwar wurde Hilberg auf der Konferenz immer wieder als ein überraschend soziologisch denkender Autor präsentiert, aber zugleich wurde von Diskutanten immer wieder deutlich gemacht, wie wenig man von soziologischen oder auch psychoanalytischen oder gar literaturwissenschaftlichen Zugängen zum Thema hält. So gab der Freiburger Historiker Ulrich Herbert in seinem Überblicksbeitrag zur Holocaustforschung zu verstehen, wie wenig er mit soziologischen Ansätzen wie Theodor W. Adornos Studie zur autoritären Persönlichkeit, Zygmunt Baumans Deutung des Holocaust als Ausdruck eines Modernierungsschubes der Gesellschaft oder Wolfgang Sofskys phänomenologischen Betrachtungen zu Konzentrationslagern anfangen könne.[10]

Sicherlich – die Abneigung zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie ist beidseitig und wird spätestens seit der Kontroverse zwischen dem Historiker Charles Seignobos und dem Soziologen Émile Durkheim Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von beiden Seiten – von vereinzelnden Versuchen des Brückenschlags abgesehen – intensiv gepflegt.[11] Die Soziologen werfen den Historikern vor, sich obsessiv mit Einzelfällen – einzelnen Kriegen, einzelnen Genoziden, einzelnen Organisationen oder (ganz besonders schlimm) einzelnen Personen – zu beschäftigen, ohne ein über die Einzelfälle hinausgehendes Generalisierungsinteresse zu entwickeln. Die Historiker wiederum unterstellen - häufig mit guten Argumenten – den Soziologen, sich allzu schnell zu Generalisierungen hinreißen zu lassen, ohne sich überhaupt auf die mühselige Erforschung von Einzelfällen einzulassen. Für sie sind Soziologen bestenfalls als außerst sparsam einzusetzende „Theoriespender“ zu gebrauchen.

Die disziplinären Schließungen werden bei der Beforschung des Holocaust nur sehr punktuell aufzuheben sein, aber vielleicht gelingt dies ja bei der erst entstehenden Beforschung der Holocaustforschung selbst.[12] Die Arbeit von Historikern in den Archiven wird zweifellos noch einiges an interessanten Einsichten über die Holocaustforschung nach dem Zweiten Weltkrieg zutage fördern. Aber auf der Konferenz ist deutlich geworden, dass die originellen Zugänge zu Raul Hilbergs Werk besonders durch die Sprachwissenschaft und die Sozialpsychologie kommen. Und es spräche nichts dagegen, dass die Wissenschaftssoziologie die Beforschung des Holocaust genauso analysiert wie die Entstehung der Diagnostik zur Syphilis, den Wechsel von Newton’scher Physik zu Einsteins Relativitätstheorie oder die soziale Konstruktion von Erkenntnissen in den Laboren von Biologen. 

 

Dieser Text wurde am 2. November 2017 als Working Paper auf der Webseite von Stefan Kühl veröffentlicht, eine Kurzfassung erschien unter dem Titel „Die Forscher sind unter uns“ am 1. November 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

 




[1] Siehe die erste Auflage von Hilberg, Raul (1961): The Destruction of the European Jews. London: Allen. Hilberg hat das Werk im Laufe seines Leben immer weiter ergänzt. Wegen einer Beteiligung an einem Panel war der Autor dieses Beitrages auf dieser Tagung wohl eher beobachtender Teilnehmer statt teilnehmender Beobachter. Trotzdem stellt dieser Beitrag den Versuch dar, durch die distanzierte Außenbetrachtung dieser Tagung einen grundlegenderen Zugang zu den Problemen der Zeitgeschichtsforschung zu bekommen.
[2] Zum soziologischen Reflexivitätsbegriff als Anwendung einer Operation auf sich selbst, siehe Luhmann, Niklas (2005): „Positives Recht und Ideologie“, in: Niklas Luhmann (Hg.): Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 224–255, hier S. 222.
[3] Dafür immer noch grundlegend Frei, Norbert (1996): Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München: C.H. Beck. Die Möglichkeiten für eine Rezeptionsgeschichte in anderen Ländern deutete sich auf der Konferenz an, ist bisher aber nicht ausgeschöpft worden.
[4] Die Formulierung findet sich bei Berg, Nicolas (2003): Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung. Göttingen: Wallstein, S. 18.
[5] Siehe zum klassischen Problem der Zeitgeschichte Rothfels, Hans (1953): „Zeitgeschichte als Aufgabe“, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 1, S. 1–8.
[6] Aly, Götz (18.10.2017): „Die Angst vor der ganzen Wahrheit. Raul Hilbergs ‚The Destruction of of the European Jews‘“, Süddeutsche Zeitung. Siehe auch vorher schon Wiegrefe, Klaus (14.10.2017): „Suche nach Entlastung. Die Vergangenheit des renommierten Instituts für Zeitgeschichte gerät ins Zwielicht“, Der Spiegel, S. 50–54.
[7] Wie stark sich die Skandalisierung auch der Nachkriegsgeschichte für die massenmediale Aufbereitung eignet, zeigt die Berichterstattung über die Konferenz; siehe z. B. Nutt, Harry (18.10.2017): „‚The Destruction of The European Jews‘. Warum das Werk so spät in Deutschland erschien“, Berliner Zeitung; Kellerhoff, Sven Felix (17.10.2017): „Wollten deutsche Historiker NS-Forschungen totschweigen?“, Die Welt; Käppner, Joachim (21.10.2017): „Im Schatten“, Süddeutsche Zeitung.
[8] Lübbe, Hermann (1983): „Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein“, Historische Zeitschrift, Jg. 236, S. 579–599.
[9] Die Kontroverse über das Studie zum Auswärtigen Amt Conze, Eckart; Frei, Norbert; Hayes, Peter; Zimmermann, Moshe (2012): Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München: Pantheon zeigt, wie der Holocaust in der Diskussion in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerät, auch wenn die Studienaufträge sehr viel breiter angelegt sind.
[10] Bei seinem Vortrag handelte sich überwiegend um die Inhalte seines Artikels in Bajohr, Frank; Löw, Andrea (Hg.) (2015): Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung. Frankfurt am Main: Fischer. Schon dort wird deutlich, wie stark aus dieser Perspektive „Ergebnisse und neue Fragen der Forschung“ fast zwangläufig „Ergebnisse und neue Fragen der geschichtswissenschaftlichen Forschung“ zu sein scheinen.
[11] Siehe Émile Durkheim, „Débat sur l'explication en histoire et en sociologie“, in: Émile Durkheim (Hg.), Textes. Paris 1975, S. 199–217.
[12] Bei der Analyse der Historiographie scheint generell eine größere disziplinäre Offenheit zu herrschen. Siehe nur Frei, Norbert; Kansteiner, Wulf (Hg.) (2013): Den Holocaust erzählen. Historiographie zwischen wissenschaftlicher Empirie und narrativer Kreativität. Göttingen: Wallstein Verlag.