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Film Zatajené dopisy

Der Lehrer und Direktor Miroslav Dědič im Unterricht mit Romakindern.
Quelle: Film Zatajené dopisy (Geheimgehaltene Briefe) / Tomáš Kudrna / Czech Republic / 2015 / 52 min.

Utopien und Bildungsexperimente in der Tschechoslowakei der 1950er Jahre
Zatajené dopisy (Geheimgehaltene Briefe) ein tschechischer Dokumentarfilm von Tomáš Kudrna
von
Martina Winkler

Ein Dokumentarfilm aus dem Jahre 2015, der sich mit einer speziell für Romakinder eingerichteten Schule befasst, die in der stalinistischen Tschechoslowakei das Ziel verfolgte, „Zigeuner“ zu „zivilisieren und zu kultivieren“, weckt bei dem historisch und postkolonial vorgebildeten Zuschauer relativ präzise Erwartungen. Die Schlagworte „Experiment“ und „Utopie“ verstärken diese Erwartungen zusätzlich, ebenso wie der Titel „Zatajené dopisy“ (Geheimgehaltene Briefe). Ich zumindest vermutete ein stark von Foucault und anderen gern zitierten Denkern inspiriertes, dekonstruktivistisches Narrativ, in dem die utopistischen Pläne und governance-Strategien einer totalitären Gesellschaftsstruktur analysiert und angeklagt würden.

Dies bietet der Film von Tomáš Kudrna jedoch nicht – er bietet viel mehr. Zunächst aber seien das von ihm untersuchte Experiment und dessen Hintergründe etwas genauer geschildert: In den späten 1940er Jahren wurden die nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung weitgehend leergefegten Grenzgebiete der Tschechoslowakei neu besiedelt. Häufig kehrten Tschechen zurück, die nach dem Münchener Abkommen vertrieben worden oder fortgezogen waren, häufig kamen tschechische oder slowakische Glücksritter auf der Suche nach dem von Deutschen hinterlassenen Eigentum, häufig zogen aber auch Roma in die verlassenen Dörfer. Diese kamen meist aus der Slowakei, wo ihre Lebensgrundlagen im Krieg – durch Bombardements und durch gezielte antiziganistische Repressionen der Deutschen – zerstört worden waren. So kamen auch einige Familien in die Gegend um die heutige Touristenhochburg Český Krumlov in Südböhmen. Sie arbeiteten auf einem landwirtschaftlichen Gut, das dem dortigen Truppenübungsplatz Boletice angehörte. Für ihre Kinder wurde zunächst ein Kindergarten, 1950 dann eine Schule mit dem programmatischen Namen „Škola Míru“ – Schule des Friedens – eingerichtet.

Zatajené dopisy

Romakinder vor ihrer Schule
Film Zatajené dopisy
(2015)

 

Als Lehrer und Direktor (und auch Hausmeister und Putzfrau, „wenn es nötig war“) meldete sich Miroslav Dědič, ein Pädagoge mit Erfahrung und offenbar großen Ambitionen in der Arbeit mit „nationalen Minderheiten“. Dědič schildert seine Arbeit als zu Beginn sehr schwierig: Die Kinder, bisher an Schulbesuch überhaupt nicht gewöhnt, „rauften sich, bespuckten einander und sprangen aus dem Fenster“. Der Lehrer reagierte kurzerhand mit dem Umzug des Klassenzimmers in den ersten Stock und bemühte sich, die Schüler durch Musik, insbesondere durch sein eigenes Geigenspiel, für die Schule zu begeistern. Langfristig entwickelte er jedoch eine andere und durchaus kontroverse Methode, um seine Schüler an die Schule zu binden: Er bot warme Mahlzeiten an und ermöglichte es den Kindern, in der Schule zu übernachten. Für die Kinder, die häufig unter extrem ärmlichen Bedingungen lebten, waren ein bezogenes Bett, regelmäßige Mahlzeiten, den Jahreszeiten angemessene Kleidung und beheizte Räume ein wichtiges Argument. Die Schule entwickelte sich zu einem Internat und später zu einem Kinderheim.

Zatajené dopisy

Der Lehrer und Direktor Miroslav Dědič im Unterricht
Film Zatajené dopisy (2015)

 

Für diejenigen Kinder und vor allem Eltern, die Dědičs Argumente von „Kultur und Zivilisation“ nicht akzeptieren wollten, entwickelte der Lehrer bald weitere Methoden: Eltern wurden des Schulgeländes verwiesen, Kinder wurden aus den Elternhäusern geholt, der Kontakt zwischen Kindern und Eltern wurde verboten oder manipuliert – so durch die im Filmtitel erwähnten versteckten Briefe. Dieser Kampf zwischen Schule und Elternhaus nahm nicht selten physische Formen an und wurde auch juristisch ausgetragen bzw. entschieden. Einigen Eltern wurde das Sorgerecht entzogen, die Kinder wurden gewaltsam, zuweilen unter dramatischen Umständen, aus den Familien entfernt. 1954 zog die Institution in das etwa 50 Kilometer entfernte Dobrá Voda um, ohne dass alle Eltern informiert wurden. Im Jahre 1960 schließlich wurden die Schule und das zugehörige Kinderheim geschlossen. Die „Zigeunerfrage“ sei gelöst, so die Behörden; das ehemalige Vorzeigeprojekt erschien nicht mehr notwendig. Aus der Schule wurde ein Heim für schwer erziehbare Mädchen, die ehemaligen Schüler wurden auf Heime in der ganzen Tschechoslowakei verteilt.

Das wohl Entscheidende an der Darstellung dieser Geschichte durch Tomáš Kudrna ist sein vollständiger Verzicht auf einen auktorialen Erzähler. Sein Film hat keinen aus dem Off kommenden Sprecher, keinen Moderator und keine Experten. Die Romistin Barbora Šebová, deren Diplomarbeit über die Schule von Květušín eine wichtige Grundlage für diesen Film bildete, käme dieser in historischen Dokumentarfilmen so klassischen Rolle noch am nächsten. Doch auch sie wird bezeichnenderweise zunächst mit ihrem kleinen Sohn gezeigt und nicht am Schreibtisch vor Autorität verheißender Bücherwand. Sie erzählt aus ihren Interviews mit Zeitzeugen, stellt aber vor allem inspirierende, kritische und einfühlsame Fragen.

Neben Šebová gibt es weitere Akteure bzw. Erzähler: Ehemalige Schüler erzählen von ihren Erfahrungen. Dabei treffen sie wiederholt auf den Lehrer Miroslav Dědič. Diese Gespräche sind fast durchgehend von positiven Erinnerungen, oft von großer Nostalgie bestimmt. Dědič war „ein guter Lehrer“, sie hatten eine „schöne, sorglose Kindheit“, und Marie Běhulová erklärt, sie hätte ihre eigenen Kinder sofort, „ohne zu zögern“ auch in diese Schule geschickt.
Miroslav Dědič wiederum erzählt von seinen Methoden, von den Schwierigkeiten und Erfolgen der Schule. Er erinnert ein großes Experiment, geprägt von seinem eigenen Engagement und seiner Liebe zu den ihm anvertrauten Kindern. Dědič war angetreten, den Beweis zu liefern, dass „Zigeunerkinder“ zu „kultivieren“ seien, dass man sie bilden könnte, wenn man nur wollte. Zuhause, so erklärt er, hatten diese Kinder „nichts Positives“. Das erste Gute im Leben bot ihnen seine Schule: Bildung, Zukunftschancen und Sicherheit, aber ganz banal auch warmes Essen, saubere Kleidung und ein bezogenes Bett.

Zatajené dopisy

Schulkinder durchblättern ein Buch mit dem Abbild Stalins im Unterricht
Film Zatajené dopisy
(2015)

 

Für einige Jahre, bis die Schule 1960 aufgelöst wurde und die Kinder nach Dědičs Worten „der Bürokratie, dem System übergeben wurden“, passten Dědičs Vorstellungen damit hervorragend zu den Aufbauplänen der stalinistischen Tschechoslowakei, obwohl Dědič kein Kommunist war und sich lange der Parteimitgliedschaft verweigerte. Propagandafilme und Fotografien der 1950er Jahre fungieren deshalb als weitere Erzählinstanz in Kudrnas Darstellung. Diese Aufnahmen zeigen den „neuen Zigeunermenschen“: dunkelhaarige, schwarzäugige Kinder, die etwas zerzaust, aber aufmerksam in den Schulbänken sitzen; ein Mädchen, das in einem Buch mit dem Abbild Stalins blättert; ein Romakind, das „zum ersten Mal seinem geliebten Präsidenten [Antonín Novotný] gegenübersteht“.
Und schließlich eine Zeremonie, die Verleihung des roten Pioniertuches an einige Roma. Ein Mädchen tritt mit folgendem Gedicht auf die Bühne: „Schwarze Augen, Haare wie Kohlen, auf den Lippen stets ein funkelndes Lächeln./Eine weiße Bluse, das Pioniertuch, ein schönes Tuch von strahlendem Rot./Nicht mehr der Sklave, der er einst war/ sondern der, der für die Welt den Frieden verteidigt/Ein neuer Mensch steht heute vor Euch, ein neuer Zigeuner, der Zigeuner Pionier.“
Wohl die wichtigste Akteurin aber ist die zehnjährige Karolína Miesbauerová, Enkelin und Großnichte einiger ehemaliger Květušín-Schüler. Mit ihr beginnt und endet der Film: mit ihrer Neugier auf die Vergangenheit, ihren vielen Fragen, aber auch ihren heutigen Sorgen und ihren Wünschen für die Zukunft.

Die Art und Weise, wie Kudrna nun diese verschiedenen Erzählinstanzen miteinander verknüpft, fasziniert und überrascht und schafft einen weitgehend überzeugenden Weg, der zwischen dem kommentarlosen Gewähren eines Podiums einerseits und einem entschiedenen Entlarven der subjektiven Darstellung der einzelnen Akteure liegt. Der nostalgische Lack, mit dem einige ehemalige Schüler ihre Geschichte überziehen, erhält durchaus empfindliche Kratzer, so wenn Mikuláš Bandy lachend von seiner Schulzeit erzählt und sich dabei an eine „ordentliche Tracht Prügel“ mit dem bezeichnenderweise „Makarenko“ genannten Lederriemen erinnert. Der irritierte Blick der zehnjährigen Karolína spricht Bände.
Auch das Narrativ des Lehrers Dědič wird häufiger im Gegenschnitt mit Fragen und Aussagen der ehemaligen Schülerin und der Romistin Šebová konfrontiert. Beispielsweise erzählt  Dědič, die Eltern hätten ihre Kinder in Dobrá Voda besuchen dürfen, dies sei aber aufgrund von mangelndem Interesse nur selten der Fall gewesen. Im Gegenschnitt berichtet Olga Dunková, dass die Eltern gar nicht wussten, wo die Kinder sich aufhielten und sie folglich niemals besuchen konnten. Auch die ausweichenden und widersprüchlichen Antworten des heute über achtzigjährigen Dědič auf kritische – aber immer sensibel formulierte – Fragen Šebovás haben durchaus entlarvenden Charakter.

Es ist jedoch beeindruckend, wie es Kudrna gelingt, keinen der Akteure vorzuführen oder bloßzustellen. Dědičs Methoden sind aus heutiger Perspektive höchst problematisch und autoritär. Für den Kontext der fünfziger Jahre aber muss allein die Tatsache, dass er „Zigeuner“ nicht pauschal als bildungsresistent aburteilte, als bemerkenswert und aufschlussreich gelten. Ähnlich auch die Perspektive der Partei: Die Roma wurden in den Propagandafilmen als Aushängeschild missbraucht, und die angebliche Integration war von einem aus heutiger Sicht sehr deutlichen Rassismus geprägt („Schwarze Augen, Haare wie Kohlen…“). Doch ohne den Kontext des revolutionären Eifers und des Erziehungsdogmas vom „Neuen Menschen“ ist die Geschichte der Kinder von Květušín nicht zu verstehen. Die Abgrenzung vom bürgerlichen System brachte auch ein neues Bild vom „Zigeuner“, der im Kapitalismus versklavt gewesen sei, nun aber frei und Teil einer neuen Gesellschaft würde.

Schließlich die ehemaligen Kinder selbst: Bei aller verklärenden Nostalgie und wiederholt betonten Dankbarkeit dem Lehrer gegenüber, sind diese Zeitzeugen doch Menschen, die ihre eigene Geschichte erzählen wollen. Und so fragt Mikuláš Bandy beim Betrachten alter Fotografien durchaus angriffslustig, wo Šebová diese Bilder herhabe: „Das bin ich. Ich besitze dieses Foto nicht, und Sie haben es?“
Eine Akteursgruppe jedoch fehlt weitgehend: Die Eltern der ehemaligen Kinder. Inzwischen längst verstorben, konnten sie selbstverständlich nicht befragt werden, und da sie selbst größtenteils Analphabeten waren, haben sie auch kaum schriftliche Quellen hinterlassen. Abgesehen von den Briefen an ihre Kinder in der Schule, die sie von Bekannten haben schreiben lassen. Die Gründe hinter der oft ablehnenden Haltung der Schule gegenüber werden so leider nur begrenzt deutlich und häufig auf Emotion, Angst um die Kinder und Liebe zu ihnen reduziert. Doch eine Aussage Marie Běhulovás lässt durchaus vermuten, dass auch der Wunsch nach einer weiteren Arbeitskraft eine Rolle spielen konnte.
Ebenso wird die Frage, wie es den Kindern denn zuhause tatsächlich erging, eher in den Hintergrund geschoben.
Im Falle Olga Dunkovás wird die aus den Briefen sprechende Mutterliebe sehr betont. Aus Quellen, welche Šebová in ihrer Diplomarbeit zitiert, wird aber auch deutlich, dass von den Behörden häusliche Gewalt und möglicherweise auch sexueller Missbrauch zumindest vermutet wurde. Solche Elemente werden nicht erwähnt, was der Erzählstruktur geschuldet ist, möglicherweise aber auch dem Wunsch, Spekulationen über „die Kultur“ der Roma und damit ein unerwünschtes „othering“ zu vermeiden. Insbesondere Šebovás Kommentare allerdings rücken die Emotionalität, die vorausgesetzte enge und liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Kind zuweilen allzu sehr in den Vordergrund. Ein zentrales Narrativ des filmischen Puzzles ist somit auch die Geschichte Olga Dunkovás, die in frühen Gesprächen das Thema der Mutterliebe regelrecht abtut („ráda neráda“ – ob sie mich nun liebte oder nicht, die Bedingungen zu Hause waren sehr schlecht) und am Schluss des Films weinend die Briefe ihrer Mutter in den Händen hält.

Wie bereits erwähnt, muss aber die zehnjährige Karolínka als Hauptprotagonistin betrachtet werden. Ihr Weg in die Schule – in der sie ein Referat über die Geschichte ihrer Familie in Květušín hält – bildet die erste und die letzte Szene des Films. Sie erzählt von ihren Erfahrungen mit Mitschülern, die sie als „dreckige Roma“ beschimpfen. Sie träumt ein wenig davon, wie sicher man sich vermutlich in einer solchen für Roma reservierten Schule fühlen mag, die ihre Großeltern besuchen durften, und spricht über ihre Pläne, einmal Anwältin, Moderatorin oder Geschichtslehrerin zu werden. Während alle anderen Fragen – die nach der Legitimität von Gewalt, um Kinder in Schulen zu bringen; die nach alternativen Möglichkeiten der Reform und Integration; die nach dem Grundgedanken von Fortschritt und „Zivilisation“ – offen bleiben, ist der Zuschauer überzeugt davon, dass dieses Mädchen seinen Weg gehen wird.
Und damit schließt sich der Kreis auf ganz unerwartete Weise: Denn ganz so wie die Kommunistische Partei und der Pädagoge Dědič die Kinder als Hoffnungsträger der Zukunft sahen, die man fördern und fordern musste – egal um welchen Preis – , verführt der Regisseur Kudrna auch uns dazu, hier in einem Kind Vertrauen und Sicherheit zu finden. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist nicht nur die von Kommunisten, Pädagogen und Roma; es ist auch die Geschichte von modernen Vorstellungen darüber, wie Kinder sind und wie sie zu sein haben.

 

Der Film „Zatajené dopisy“ hatte am 9. März 2015 Premiere im Prager Kino Světozor und lief daraufhin im Festivalprogramm „Jeden svět“ verschiedener tschechischer Kinos. Anschließend wurde er am 9. April 2015 im tschechischen Fernsehen gezeigt und ist dort online zu sehen/ (OV).

 

Weitere Literatur und Quellen zur „Schule des Friedens“ (Auswahl):

Barbora Šebová: "Škola Míru" v Květušíne 1950 - 1954 (a její pokračování na Dobré Vodě u Prachatic) - kritická reflexe v historickém kontextu 50. let. Diplomová práce, Praha 2009.

Josef Pohl: Na cikánské stezce, Praha 1981. (eine fiktionalisierte Darstellung der Schule in Form eines Kinderbuches)

Miroslav Dědič: Škola bez kázně, Ceské Budejovice 1985.

Romano džaniben: Krajina příběhů. Učebnice romské historie [21.04.2015].