„Wenn wir es nur besser wissen, aber nicht besser machen, dann sind auch wir eine schuldige Generation.“
Ein persönlicher Rückblick auf Ruth Beckermanns Film „Waldheims Walzer“
von
Julius Redzinski
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Veröffentlicht am 4. Oktober 2018 

Während Jahr für Jahr die Abwesenheit der großen Stars auf dem roten Teppich und im Wettbewerb der Berlinale beklagt wird, stellt der Dokumentarfilm eine der großen Stärken dieses Filmfestivals dar. Der Festivaljahrgang 2018 war insbesondere mit Waldheims Walzer, dem Gewinner des Glashütte-Preises für den besten Dokumentarfilm, keine Ausnahme von dieser Regel. In diesem Film verbinden sich das handwerkliche und künstlerische Können Ruth Beckermanns, ihr politisches Engagement und die aktuellen Zeitumstände zu einem außergewöhnlich gelungenen und relevanten Beitrag. Mit rund einem halben Jahr Abstand und kurz vor seinem Kinostart am 4. Oktober soll hier nun noch einmal die Wirkung des Films und seine Bedeutung hinterfragt werden.

Es sprechen das Archiv und Beckermann

Nach 93 Minuten endet Waldheims Walzer auf geradezu profane, unspektakuläre Weise: Nach einem kontrovers geführten Wahlkampf wird Kurt Waldheim seine Fernsehansprache als neuer Bundespräsident Österreichs halten. Zu seiner Rechten steht ein österreichisches Fähnlein auf dem Tisch. Vor der roten, gemusterten Tapete wird Waldheim das Makeup aufgetragen, sein Anzug noch einmal mit der Fusselbürste bearbeitet, eine Schublade entfernt, um ihm angenehme Beinfreiheit zu verschaffen. Die Szene zieht sich ziemlich und bricht ab, bevor Waldheim seine Reden beginnt. Zu diesem Zeitpunkt ist allerdings auch schon alles gesagt.

Mit Waldheims Walzer liefert Ruth Beckermann eine Chronologie der Affäre Waldheim um die Verstrickung des ehemaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen in den Nationalsozialismus. Es geht dabei um die Zeit zwischen dem ersten Wahlgang am 4. Mai und der Stichwahl am 8. Juni 1986, die dieser für sich entscheiden konnte. Dabei bleibt die Regisseurin nahe an den historischen Ereignissen. Statt Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, entschied sich Beckermann, das Archiv zum Sprechen zu bringen: Neben eigenen zeitgenössischen Aufnahmen und dem Archiv des ORF griff sie dabei auf selten oder überhaupt nicht gezeigtes Material internationaler Fernsehsender zurück. So kann das Publikum die Akteure – Waldheim, der Jewish World Congress, österreichische und internationale Politiker sowie Journalisten – unmittelbar und mit ihren jeweiligen Positionen beobachten.

Fremdschämen im Kinosaal

Die so hergestellte Nähe zu den Ereignissen schien mir dabei einen recht unangenehmen Effekt zu haben. Selten habe ich in einem Kinosaal so viel ungläubiges und genervtes Schnauben oder peinlich berührtes Lachen erlebt wie in der ersten Publikumsaufführung dieses Films. Zum Beispiel stellte sich bei mir geradezu ein Gefühl des Fremdschämens ein, als ein Journalist im Studio des ORF die Selbststilisierung Österreichs als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“[1] mit der gelungenen Vergangenheitsaufarbeitung und -bewältigung in der BRD verglich. Ein gereiztes Lachen konnte ich mir dabei nicht verkneifen. Die Wehrmachtsausstellung, die Skandale um NS-Verstrickungen deutscher Prominenter wie etwa Günter Grass oder die lange verschleppte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der deutschen Ministerien ließen grüßen. Und auch die antisemitischen Argumentationsmuster, die in der Waldheim-Affäre immer wieder eingesetzt wurden, waren allzu bekannt. Als eine kleine Gruppe von Aktivisten auf dem Wiener Stephansplatz gegen Waldheim demonstrierte, wurde sie von umstehenden Passanten in ein Handgemenge verwickelt. Antisemtische Beleidigungen waren zu hören. Bereits dieses Setting ist bedrückend genug. Den meisten Anwesenden im Publikum dürfte nicht klar gewesen sein, dass einer der Angegriffenen Beckermanns Vater, ein Holocaust-Überlebender, war.[2] Diese Tatsache macht Ruth Beckermann nicht kenntlich, belässt den Vorgang auf einer allgemeineren, aber nicht weniger schockierenden Ebene als der persönlichen.

Aktivistin oder Dokumentarin? Rolle und Hoffnung der Regisseurin

Ruth Beckermann lässt das Publikum an ihrem eigenen Reflexionsprozess teilhaben. Sie ist Teil der Geschichte, die sie auf die Leinwand bringt. Einmal ist im Film zu sehen, wie sie ein Plakat auf dem Podium einer Pressekonferenz, die sie mit anderen Demonstranten stört, hochhält. In anderen Szenen ist sie als Kamerafrau zumindest mittelbar präsent. Sie selbst stellt in ihrem Kommentar aus dem Off die Frage, welche Rolle sie eigentlich eingenommen habe: die der Aktivistin oder der Dokumentarin? Und ob sie mehr Aktivistin hätte sein sollen?
In der an die Filmaufführung anschließenden Diskussion schien sich Beckermann, die sich als kritische Intellektuelle gegen die FPÖ engagiert und sich auch im Kontext der Berlinale entsprechend äußerte, jedoch auffällig zurückzuhalten. Sie verwies zwar immer wieder auf die Welle des Rechtspopulismus und der Autokratie, die vom Ungarn Victor Orbáns über Frankreich bis hin in die USA unter Präsident Trump und darüber hinaus reiche. Österreich kam trotz der seit knapp zwei Monaten regierenden Koalition aus ÖVP und FPÖ in diesem Kontext jedoch erst einmal nur am Rande vor. Für mich als Nicht-Österreicher fühlte es sich an, als stünde der weiße Elefant im Raum. Dies änderte sich erst recht spät im Verlauf der Diskussion, als eine ältere Österreicherin im Publikum die Bedeutung der Affäre Waldheim für die Transformation der österreichischen Identität ansprach. Daran anknüpfend hatte Beckermann auch eine hoffnungsvolle Botschaft: Die Affäre Waldheim sei die Geburtsstunde der Zivilgesellschaft in Österreich gewesen, und diese würde sich langfristig auch bewähren und den Populismus überwinden. Bei all den Vorgängen in unserem Nachbarland – ob 12-Stunden-Arbeitstage[3] oder Gedankenspiele zur Registrierung von Juden, die geschächtetes Fleisch kaufen möchten[4] – kann ich nur hoffen, dass sie recht behält.

Ein Film, der einen nicht loslässt

In den letzten gut zehn Jahren habe ich zahlreiche (semi-)dokumentarische Filme auf der Berlinale gesehen. Die meisten verblassen doch recht schnell in der Erinnerung. Waldheims Walzer ist mir hingegen auch nach gut einem halben Jahr immer noch sehr präsent und damit Filmen wie Narco Cultura (R: Shaul Schwarz, Berlinale 2013) über die vom Drogenkrieg geprägte mexikanische Kultur, The Act of Killing (R: Joshua Oppenheimer, Berlinale 2013) über die Nachwirkungen der Massaker in Indonesien Mitte der 1960er-Jahre oder La libertad del diablo (R: Everardo González, Berlinale 2017), in dem Täter und Opfer der mexikanischen Drogenkartelle zu Wort kommen, nicht unähnlich. Jedoch haben sich diese drei Filme mir vor allem wegen des in ihnen zum Ausdruck kommenden Verhältnisses zu Gewalt und Trauma ins Gedächtnis eingebrannt. Im Falle von Waldheims Walzer, in dem Gewalt nur indirekt und diskursiv präsent ist, ist es vielmehr die angesprochene Selbstreflexion Beckermanns, die ihn für mich zu so einem eindringlichen Erlebnis machte. Beckermann zeigt eine Kundgebung, auf der erst die SPÖ-Politikerin Rosa Jochmann, die sich im Widerstand engagiert hatte und im KZ Ravensbrück inhaftiert worden war, und dann der Schriftsteller Peter Turrini sprachen. Dieser mahnte die Zuhörer: „Wenn wir es nur besser wissen, aber nicht besser machen, dann sind auch wir eine schuldige Generation.“

Ein Satz, der seit 1986 nichts an seiner Gültigkeit eingebüßt hat und der mich, der den Nationalsozialismus bzw. dessen Kunst erforscht, nicht loslässt. Mir stellt sich leicht das Gefühl ein, dass die zusätzlich entdeckten Informationen das Verständnis der nationalsozialistischen Herrschaft erweitern und dass uns dies im Sinne eines aus der Geschichte Lernens vor einem Rückfall schützen würde. Ähnlich wie Beckermann fühle ich mich in einer Art Zwickmühle gefangen. Auf der einen Seite ist das Dokumentieren wichtig, andererseits braucht es aber auch die Aktivisten. Denn in Zeiten, in denen der Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzt werden soll, die freie Presse angegriffen wird und Begriffe wie „Asyltourismus wieder recht aktuell erscheinen, reichen die bloßen historischen Fakten nicht mehr aus. Sie verpflichten uns zum Handeln, nicht nur damit Ruth Beckermanns Vertrauen in die Stärke der Zivilgesellschaft am Ende nicht doch enttäuscht wird.

Waldheims Walzer, Regie: Ruth Beckermann
Österreich 2018, Laufzeit: 1 Std. 33 Min.
Verleih: Edition Salzgeber, Homepage: http://www.thewaldheimwaltz.com/de/home/


[1] Vgl. Cornelius Lehnguth, Waldheim und die Folgen. Der parteipolitische Umgang mit dem Nationalsozialismus in Österreich, Frankfurt am Main 2013, S. 111-126.
[2] Vgl. Dominik Kamalzadeh, „Waldheims Walzer“: Der Opfermythus stirbt . In: derstandard.de. 15. Februar 2018 (zuletzt abgerufen am 28. Juli 2018).
[3] Raffaela Lindorfer/Klaus Knittelfelder, 12-Stunden-Tag: Arbeiten, bald rund um die Uhr? In: kurier.at. 29. Juni 2018. (zuletzt abgerufen am 2. August 2018).
[4] Katharina Mittelstaedt, Waldhäusel will weiter Registrierung: Schächten sei „Tierquälerei“. In: derstandard.at, 20. Juli 2018 (zuletzt abgerufen am 2. August 2018).