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Frank Becker
© Privatbesitz

„Mit den auftraggebenden Institutionen gab es ein großes Problem“
Ein Interview mit Frank Becker zu seiner Biografie Carl Diems
von
Christian Mentel
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Prof. Dr. Frank Becker lehrt seit 2011 Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Ab 2005 bearbeitete er das dreijährige Forschungsprojekt „Leben und Werk Carl Diems“ über den Sportfunktionär Carl Diem (1882-1962), das nach einem öffentlichen Ausschreibungsverfahren vom Deutschen Sportbund bzw. Deutschen Olympischen Sportbund und der Deutschen Sporthochschule Köln, deren Gründungsdirektor Diem war, in Auftrag gegeben und primär durch ein Stipendium der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung finanziert wurde. Das Ergebnis in Form einer vierbändigen und insgesamt über 1200 Seiten starken Biografie wurde zwischen 2009 und 2011 veröffentlicht.[1]

Nach Ende des Projekts und noch während der Erscheinungsphase der Bände kam es zum offenen Konflikt zwischen Becker und einigen Vertretern im wissenschaftlichen Beirat des Forschungsprojekts, vor allem mit dem Vorsitzenden Prof. Dr. em. Ommo Grupe (Eberhard Karls Universität Tübingen) und dem Projektleiter Prof. Dr. Michael Krüger (Westfälische Wilhelms-Universität Münster). Unter ihrer Federführung qualifizierte der Beirat im Abschlussbericht des Projekts Beckers Arbeit als wissenschaftlich unzulänglich. Entgegen Beckers Ergebnissen befand der Beirat, Diem sei kein „Nationalsozialist, Rassist, Antisemit“ gewesen, auch gebe es „keine Hinweise auf moralisch verwerfliche Entscheidungen oder Handlungen im Dritten Reich“; eine – von Becker bereits geforderte – Umbenennung von Straßen oder Gebäuden, die nach Diem benannt sind, könne der Beirat „nicht empfehlen“.[2] Im Gegensatz zum Beirat haben sich die auftraggebenden Institutionen nicht zur Diem-Biografie Beckers geäußert.[3] Ausgehend von der Kontroverse um die Diem-Biografie befragte Christian Mentel für Zeitgeschichte-online (ZOL) im Dezember 2012 Frank Becker auf schriftlichem Wege zu seinen Erfahrungen im Rahmen des Forschungsprojekts, zur Rolle der Sportvereine und -verbände sowie zu Parallelen der Sport- und Unternehmensgeschichte.

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ZOL: Sehr geehrter Herr Becker, der Streit um Carl Diem ist nun schon Jahrzehnte alt, und selbst die mit Ihrer Diem-Biografie verbundene Kontroverse hat nun schon ein nennenswertes Maß an Komplexität erreicht.[4] Wie erklären Sie sich dieses hohe Interesse an der Figur Diem? Wäre es nicht angebrachter und fruchtbringender, sich von den ‚großen Männern‘ abzuwenden und stattdessen die unteren Ebenen in den Vereinen und Verbänden verstärkt in den Blick zu nehmen?

Becker: Das große Interesse an Carl Diem und der heftige Streit um seine Person erklären sich damit, dass er eine Symbolfigur ist – und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens symbolisiert Diem einen sporthistorischen Dissens. Es geht um die grundsätzliche Bewertung der Rolle des bürgerlichen Sports in der NS-Zeit. Einige Diskutanten behaupten, dem bürgerlichen Sport sei zwar eine NS-Führung oktroyiert worden, er sei ansonsten vom Regime aber nicht weiter angetastet oder gar durchdrungen worden; im Grunde sei die Sportentwicklung von 1880 bis zur Gegenwart einer Eigendynamik gefolgt, ohne dass die Jahre 1933 und 1945 entscheidende Brüche dargestellt hätten. Andere Diskutanten halten dagegen, diese Darstellung sei beschönigend. Der bürgerliche Sport habe sich ideologisch und politisch-praktisch auf der Linie des Nationalsozialismus befunden, diesem teils sogar in vorauseilendem Gehorsam zugearbeitet. Diem war einer der wichtigsten Repräsentanten des bürgerlichen Sports. Die Einschätzung seiner Person ist mit der Beurteilung von dessen grundsätzlicher Haltung verwoben. Wer Diem, wie es sein Schüler Ommo Grupe tut, der inneren Emigration zurechnet, rückt den gesamten bürgerlichen Sport in das günstige Licht eines gesellschaftlichen Feldes, das sich dem Einfluss des Nationalsozialismus weitgehend entzogen habe. Wird hingegen offenbar, dass Diem sehr wohl in den Nationalsozialismus verstrickt war, liegt die Schlussfolgerung nahe, der bürgerliche Sport habe insgesamt viel stärker mit den Machthabern kooperiert als oft behauptet.

Zweitens wirkt die Symbolfigur Diem auf den pädagogisch-historischen Zweig der deutschen Sportwissenschaft geradezu strukturgebend. Um eine „Feldanalyse“ im Sinne Bourdieus zu versuchen: Verschiedene Lager kämpfen um die Deutungshoheit und um Publikationschancen, um Stellen, Drittmittel und Prestige. Innerhalb der Lager wird der Zusammenhalt durch wechselseitige Hilfestellungen aller Art gestiftet, aber auch durch Lehrer-Schüler-Verhältnisse, die lebenslängliche Abhängigkeiten begründen. Zwischen den Lagern nimmt der Kampf dabei extrem scharfe Formen an – er geht ins Persönliche, verbindet sich mit erbitterter Feindschaft, wird manchmal sogar vor Gericht ausgetragen. Die verfeindeten Lager definieren sich in hohem Maße über die apologetische oder kritische Haltung zu Diem. Kommen Forschungsergebnisse zu Tage, die Diem belasten, ist dies für die Apologeten nicht nur ein fachliches Problem, sondern auch eine Herausforderung, die ihren gesamten Status auf dem „Feld“ tangiert.

Wenn sich ein realistisches Diem-Bild durchgesetzt hat, wird auch der Weg dafür frei sein, stärker die „untere Ebene“ der Verbände und Vereine in den Blick zu nehmen. Hier gibt es in der sportgeschichtlichen Forschung noch viel Nachholbedarf. Die Arbeit der Historiker wird aber auch dadurch erschwert, dass die einschlägigen Archive oft sehr dilettantisch geführt worden sind.

ZOL: Sie haben dem Beiratsvorsitzenden Ihres Forschungsprojekts Ommo Grupe und dem Projektleiter Michael Krüger vorgeworfen, dass sie versucht hätten, inhaltlich Einfluss auf Ihre Forschungsarbeit zu nehmen; es sei ein apologetisches Ergebnis gewünscht gewesen. Soweit zu eruieren war, haben Sie dies erst nach Veröffentlichung des letzten Biografie-Bandes im Dezember 2011 publik gemacht.[5] Angesichts des kontroversen Forschungsgegenstandes, der Verbindungslinien der auftraggebenden Institutionen sowie von Grupe und indirekt auch von Krüger zu Diem stellt sich die Frage: Warum haben Sie dies nicht zeitnah öffentlich gemacht? Und warum haben Sie nicht bereits zu Beginn der Forschungsarbeit 2004/2005 die aus Ihrer Sicht unausgewogene Zusammensetzung des Beirats bemängelt?

Becker: Bereits 2008 habe ich die Projektgeber schriftlich über die Auseinandersetzung mit Michael Krüger und das Zerwürfnis informiert. Ich war zu diesem Zeitpunkt der Ansicht, dass man solche Dinge projektintern regeln sollte. Als der Beirat 2010 versuchte, der Öffentlichkeit eine lupenreine Diem-Apologie als das Ergebnis meiner Forschungen zu verkaufen, war ich natürlich gezwungen, auch öffentlich dagegen zu halten. So entfaltete sich Schritt für Schritt die Debatte, die bis zum heutigen Tag anhält. Zu Beginn der Projektarbeit 2005 lagen viele Zusammenhänge für mich noch im Dunkeln, anders formuliert: Als Nicht-Sportwissenschaftler war ich mit dem oben skizzierten „Feld“ nicht vertraut. Es hat sich mir erst im Verlauf der Forschungsarbeit erschlossen. Außerdem war die Rechtslage klar: Ich konnte unabhängig forschen, es war in meine Hand gelegt, was ich zu welchem Zeitpunkt als Ergebnis meiner Arbeit publizieren würde. Insofern ging ich davon aus, dass ich mich gegen jeden Beeinflussungsversuch erfolgreich würde behaupten können. Dass der Beirat am Schluss die Deutungsmacht über meine Forschungsergebnisse ohne jede Legitimation durch Projektstatuten o.ä. an sich ziehen und all meine kritischen Befunde zu Diem unter den Teppich kehren würde, hatte ich nicht vorausgesehen.

ZOL: Welche forschungspraktische Unterstützung erhielten Sie (oder auch nicht) von den auftraggebenden Institutionen und dem Beirat, und wie gestaltete sich die Arbeit im und mit dem Carl und Lieselott Diem-Archiv? War dies alles der Grund dafür, dass Sie „es nicht noch einmal machen“ würden, wie Sie es Anfang 2012 im Deutschlandfunk formulierten?[6]

Becker: Die Unterstützung durch den Beirat hielt sich in engen Grenzen. Die Beiratsmitglieder wurden zu den projektbegleitenden Tagungen eingeladen; ansonsten halfen einige Hinweise auf Literatur und Quellen. Mit den auftraggebenden Institutionen gab es ein großes Problem. Zu ihnen gehörte neben dem DOSB und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung auch die Deutsche Sporthochschule Köln, die in der Diem-Debatte selbst interessierte Partei ist. Das Carl und Liselott Diem-Archiv, das der Sporthochschule angegliedert ist, gehört seit Jahrzehnten zu den Wortführern der Diem-Apologie. Archivleiterin war bis 1989 Diems Witwe Liselott; bis heute engagieren sich die Diem-Kinder im Förderverein des Archivs. Man muss sich vorstellen, dass der Nachfolger Liselott Diems als Archivleiter, Karl Lennartz, vom DOSB in den Beirat meines Projekts berufen wurde – in einen Beirat, welcher der Öffentlichkeit als „unabhängiges Gremium“ verkauft wurde. Lennartz macht gar keinen Hehl daraus, mit der Familie Diem persönlich befreundet zu sein.[7]

2006 zog die Sporthochschule gegen die Umbenennung des Carl-Diem-Weges in Köln vor Gericht. Rektor Walter Tokarski forderte meine Unterstützung in diesem Prozess ein. Als ich ihn auf die Unabhängigkeit meiner Forschung hinwies, teilte er mir in harscher Form mit, dass er als Finanzier des Projekts auch einen Nutzen hiervon haben wolle. Es wäre sicherlich besser gewesen, kann ich im Nachhinein nur feststellen, wenn man die Sporthochschule am Diem-Projekt nicht beteiligt hätte.

Dass ich die eigentlich garantierte Unabhängigkeit meiner Forschung immer wieder verteidigen musste, ist auch der Hauptgrund dafür, „es nicht noch einmal machen“ zu wollen. 2008 versuchte Michael Krüger durchzusetzen, dass ich ihm meine Manuskripte vor der Veröffentlichung vorlegen sollte – in klarem Widerspruch zur Rechtslage. Glücklicherweise ist mir in dieser Sache das Rektorat der Universität Münster, wo ich damals beschäftigt war, beigesprungen. Die Rektorin hat Krüger, Grupe und Tokarski die Rechtslage noch einmal mit deutlichen Worten erläutert: Selbstverständlich hatte und habe ich das Recht, meine Forschungsergebnisse frei und unabhängig zu veröffentlichen.

Diesen Kämpfen, die ich ausfechten musste, steht allerdings die positive Erfahrung gegenüber, dass ich viel Unterstützung erhielt, nicht nur durch das Rektorat der Universität Münster, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und zahlreiche Fachkollegen, sondern auch durch aufmerksame Journalisten, die am Schluss die Diskrepanz zwischen meinen Forschungsergebnissen und den Verlautbarungen des Beirats bemerkten. Auch der DOSB stellte sich zuletzt auf meine Seite und entzog dem Beirat das Vertrauen. Führt man sich vor Augen, dass der DOSB letzteren selbst einberufen hatte, so wird die Tragweite dieses Schrittes offenbar – derlei dürfte in der scientific community noch nicht oft vorgekommen sein.

ZOL: Sie haben Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik studiert. Im Unterschied zu vielen anderen, die Sportgeschichtsschreibung betreiben, sind Sie also kein Sportwissenschaftler. Spielte dieser „fehlende Stallgeruch“, wie es in der Debatte um Das Amt und die Vergangenheit genannt wurde, eine Rolle bei der Rezeption Ihrer Diem-Arbeit? Und wie würden Sie das Verhältnis von Sportwissenschaft und Geschichtswissenschaft im Allgemeinen beschreiben – Ihr Historikerkollege Ralf Schäfer konstatiert im theoretischen Gerüst der Sportwissenschaft ja eine tief eingegrabene „Tendenz zur Apologie“?[8]

Becker: Der „fehlende Stallgeruch“ war anfänglich sogar erwünscht: Jemand, der fachlich außerhalb der Sportwissenschaft angesiedelt war, würde unbefangener an die Arbeit gehen. Inzwischen vermute ich allerdings, dass es eher darum ging, einen im Hinblick auf die Interessenlagen in der Sportwissenschaft gleichsam „naiven“ Forscher zu finden, den man leichter hinters Licht führen konnte. Das Verhältnis zwischen Geschichts- und Sportwissenschaft ist leider generell nicht spannungsfrei. Aus der Sicht der Geschichtswissenschaft sind nicht wenige sporthistorische Arbeiten, die in der Sportwissenschaft entstehen, an der Grenze zur Hobbyhistoriografie angesiedelt. Es fehlt an theoretisch-methodischer Reflexion und konzeptioneller Durchdringung, die Arbeit mit edierten Quellen wird dem Gang ins Archiv vorgezogen, die Quellen werden mehr abgeschrieben als analysiert. Im Ergebnis entstehen oft rein deskriptive Arbeiten, und es fehlt den Autoren an allgemeinhistorischen Kenntnissen, um die Sportgeschichte sinnvoll zu kontextualisieren, das heißt in politik-, wirtschafts- und kulturhistorische Zusammenhänge einzubetten. Diese Kritik wurmt die Sportwissenschaftler ungemein – zumal sie sich mit dem Trend verbindet, dass sporthistorische Themen von Allgemeinhistorikern bearbeitet werden, die den Gegenstand damit gleichsam in ihr eigenes Fach hinüberziehen, was die in der Sportwissenschaft tätigen Sporthistoriker als eine „Revierverletzung“ ansehen. Auch institutionell ist diese Entwicklung bereits greifbar geworden. Die Sportgeschichtsschreibung verliert in der Sportwissenschaft immer mehr an Boden. Im Regelfall werden an den sportwissenschaftlichen Instituten deutscher Universitäten keine Professuren allein für den Bereich Sportgeschichte mehr ausgeschrieben; die Sportgeschichte wird stattdessen an die Sportpädagogik angehängt. Die Stelleninhaber müssen ihre Kräfte also teilen, was die Kompetenz für den Bereich der Sportgeschichte noch mehr schmälert. Es ist absehbar, dass es bald an den Universitäten keine Sportgeschichtsschreibung innerhalb der Sportwissenschaft mehr geben wird. 2011 ist auch der Lehrstuhl für Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam abgewickelt worden.

Die These, es gebe in der deutschen Sportwissenschaft eine „Tendenz zur Apologie“, muss mit einer Einschränkung versehen werden. Eine Minderheit von sporthistorisch tätigen Sportwissenschaftlern setzt sich auch kritisch mit der Vergangenheit des Sports auseinander. Diese Minderheit hat in ihrem Fach aber einen schweren Stand. Bezeichnend ist, dass in den Beirat des Diem-Projekts kein einziger dieser kritischen Sportwissenschaftler berufen wurde.

ZOL: Man könnte meinen, dass die heutige Sportgeschichte einiges mit der Unternehmensgeschichte Mitte/Ende der 1980er Jahre gemein hat. Auf Seiten der Vereine, Verbände und Institutionen scheint es nicht wenige zu geben, die an einem geschönten und/oder durch große Auslassungen gekennzeichneten Bild ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus festhalten und keinen Bedarf an Reflexion sehen, andere haben begonnen, Forschungsaufträge zu vergeben und sich mit Ihrer Vergangenheit zunehmend kritisch auseinander zu setzen. Wirken diese internen Traditionen, Selbstbilder und Narrative auch auf die wissenschaftlich fundierte (Sport-)Geschichtsschreibung ein?

Becker: Einige Sportverbände reduzieren ihre Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nach wie vor auf die Pflege der Erinnerung an bestimmte Idole, Meisterschaften und Rekorde in der entsprechenden Sportart. Dabei sehen sie sich durch eine Tendenz in der Gesellschaft bestätigt, beim Thema Sport lieber in Nostalgie zu schwelgen, als unliebsame Themen aus dem politischen Umfeld des Sports aufzugreifen. Bei den Unternehmen war die Situation anders. Hier trug ein Grundverdacht, eine eher misstrauische Haltung in der Öffentlichkeit dazu bei, dass die Erforschung der NS-Vergangenheit zugelassen wurde. Wenn ein großer Verband wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Archive geöffnet hat, dann eher deshalb, weil es Nachfragen von Historikern gab.[9] Inzwischen liegen auch zu vielen der großen Fußballclubs in Deutschland und ihrer NS-Geschichte wissenschaftliche Monografien vor.[10] Allerdings hat sich auch auf diesem Forschungsfeld sofort wieder ein erbitterter Streit entzündet.[11] Die Beteiligten werfen sich wechselseitig unsauberes Arbeiten, Voreingenommenheit und ideologische Verbohrtheit vor. Bei anderen Sportarten ist die Forschungslage insgesamt noch deutlich schlechter als beim Fußball. Hier gibt es zwar Darstellungen zur Geschichte der jeweiligen Sportart, aber diese basieren zumeist auf Material, das von den Verbänden und Vereinen selbst veröffentlicht worden ist. Deren geschönte und durch Auslassungen gekennzeichnete Selbstbilder zu reproduzieren, wird damit schon durch die gewählte Methode fast automatisch herbeigeführt.

ZOL: Als eine andere Parallele zur Unternehmensgeschichte der 1980er Jahre scheint es im Sportbereich oft eine große Nähe der Wissenschaft zu den Vereinen, Verbänden und Institutionen zu geben, die sich u.a. in Publikationen der Sparte „Fest- und Jubiläumsschriften“ niederschlägt und damit den Anforderungen an wissenschaftliche Forschung nicht genügen kann. Täuscht dieser Eindruck? Fehlt es an kritischer Distanz?

Becker: Die Nähe der Verbände zur Wissenschaft ist in der Tat ausgesprochen groß. Viele Sportwissenschaftler bekleiden auch Funktionärsposten; gerade sie werden oft in die Beiräte entsandt, wenn die Verbände Forschungsaufträge erteilen. So schlagen Verbandsinteressen direkt in die Forschung durch. Soeben hat eine solche Konstellation wieder bei einem Forschungsprojekt zur Geschichte des Dopings in Deutschland zu einem Eklat geführt.[12] Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat die Arbeit niedergelegt, weil sie sich durch die Projektgeber (DOSB und Bundesinstitut für Sportwissenschaft) sowie durch den von den Projektgebern eingesetzten Beirat in ihren Recherchen und Publikationsabsichten behindert sah. Es steht der Verdacht im Raum, dass der DOSB und das Bundesinstitut die Aufdeckung eigener Verstrickungen in das westdeutsche Dopingsystem verhindern wollen. Ein wenig Aufklärung, um den Imagegewinn einzustreichen, auch heiße Themen anzufassen, war gewünscht, aber zu gründlich sollte diese Aufklärung offenbar nicht ausfallen. Hier zeigt sich das strukturelle Problem in aller Deutlichkeit: Die involvierten Personen und Institutionen haben zu wenig Distanz zu ihren Forschungsgegenständen. Der Bock, um es salopp zu formulieren, wird zum Gärtner gemacht – so wie im Diem-Projekt der Diem-Schüler Ommo Grupe den Posten des Beiratsvorsitzenden erhielt.

ZOL: Wo sehen Sie im Bereich der Sportgeschichte noch am meisten wissenschaftlichen Forschungsbedarf in Bezug auf die NS-Zeit und wo ist Ihrer Meinung nach noch am meisten Notwendigkeit der vereins- und verbandsinternen NS-Aufarbeitung vorhanden?

Becker: Wir wissen immer noch viel zu wenig über den Sportbetrieb, den die deutsche Besatzungsmacht in den während des Zweiten Weltkrieges eroberten Ländern aufgezogen hat. Auch der Sportverkehr mit den neutralen Ländern, der für Sympathien mit Hitler-Deutschland sorgen sollte, ist erst in Teilen erforscht. Über die Sportpraxis in SA und SS sind wir ebenfalls nach wie vor zu wenig im Bilde. Weitgehend im Dunkeln liegen auch die Beziehungen zwischen der deutschen (Sport-)Führung und dem International Olympic Committee (IOC). Mir liegt ein Brief des belgischen IOC-Präsidenten Henri de Baillet-Latour von 1941 vor, in dem er die deutsche Besatzungsmacht auffordert, schärfer gegen die Kommunisten in seinem Land vorzugehen. Beim IOC gibt es ohnehin noch viel Aufklärungsbedarf. Wie konnte es sein, dass der Antisemit Avery Brundage dort bis 1972 als Präsident amtierte?

Die vereins- und verbandsinterne NS-Aufarbeitung in Deutschland sollte sich der „Graswurzel“-Forschung zuwenden. Dort gibt es noch viel Nachholbedarf. Die großen Linien der Verbandspolitik sind bekannt, aber die alltägliche Praxis in den Ortsvereinen – oder in den Vereinen vor Ort – kennen wir kaum. Inwiefern passte man sich den Vorgaben der NS-Sportführung an? Wie wirkte sich der Antisemitismus an der Basis aus? Solche Mosaiksteine werden auch das Gesamtbild, das wir vom Sport in der NS-Zeit haben, in ganz neuer Weise überprüfbar machen – und möglicherweise nicht unerheblich verändern.

ZOL: Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, uns für dieses Interview zur Verfügung zu stehen!




[1] Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Bd. 1: Kaiserreich, Duisburg 2009; Bd. 2: Weimarer Republik, Duisburg 2011; Bd. 3: NS-Zeit, Duisburg 2009; Bd. 4: Bundesrepublik, Duisburg 2010.

[4] Vgl. als Überblick über die jüngsten Auseinandersetzungen: Horst Thum, Nationalist, Militarist, Antisemit? Carl Diem im Spiegel seiner Kritiker und Apologeten, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 60 (2012), H. 10, S. 831-842; Günter Herkel, Sportpionier auch für Führer und Vaterland? Der Historikerstreit um Carl Diem, in: Deutschlandradio Kultur, 24.04.2011 (Sendemanuskript).

[7] Karl Lennartz, Rezension zu Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962), Duisburg 2009-10, in: Stadion 35 (2010), S. 373-388, hier: 383.

[8] Ralf Schäfer, Sportgeschichte und Erinnerungspolitik. Der Fall Diem, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58 (2010), H. 11, S. 877-899, hier: S. 883.

[9] Im Auftrag des DFB entstand zur Geschichte des Verbandes in der NS-Zeit die Studie von Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt a. M. 2005.

[10] Einige Beispiele: Stefan Goch/Norbert Silberbach, Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus, Essen 2005; Markwart Herzog, Der „Betze“ unterm Hakenkreuz. Der 1. FC Kaiserslautern in der Zeit des Nationalsozialismus, Göttingen 2006; Matthias Thoma, „Wir waren die Juddebube“. Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit, Göttingen 2007; Anton Löffelmeier, Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz. Der TSV München von 1860 im Nationalsozialismus, Göttingen 2009.

[11] Siehe kommentierend etwa: Andreas Rosenfelder, Taktiktisch. Der deutsche Fußball wiederholt den Historikerstreit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 20.02.2006.