München 1972: Wendepunkt in der deutschen Olympischen Geschichte?
von
Christopher Young
Druckversion
Die Olympischen Spiele 1972 in der bayerischen Landeshauptstadt München gelten aus zwei Gründen als Zäsur in der Olympischen Geschichte. Erstens weil sie als heitere Spiele geplant waren, die das denkbar schlechteste und vorher unvorstellbares Ende nahmen. Nur wenige Tage, nachdem die Spiele begonnen hatten, drang ein palästinensisches Terrorkommando in das Olympische Dorf ein und nahm die israelische Mannschaft als Geißel. Bei dem Überfall und bei der bestenfalls dilettantisch zu nennenden Befreiungsaktion durch die Münchner Polizei kamen elf Israelis ums Leben. Der erste weltweit live übertragene Terrorakt war ein Medienereignis. Damit markierte er für jeden sichtbar die dunkelste Stunde, sowohl in der Geschichte der Olympischen Bewegung als auch in der Beziehung zwischen den jungen Staaten Israels und der Bundesrepublik Deutschland.

München 1972 machte jedoch auch Geschichte aus einem zweiten, erfreulicheren Grund: Die Spiele waren trotz des langen Schattens des Terrorismus zumindest in der ersten Woche heiter und galten als organisatorischer und ideologischer Erfolg. Otl Aicher, Chefdesigner der Spiele, als junger Mann zum Umfeld der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« gehörend und Anfang 1945 als Deserteur der Wehrmacht entflohen, war offenbar der richtige Mann, um den Spielen von 1972 eine neue Ästhetik zu verleihen. Aicher verkündete, dass es nicht genüge, wenn die Deutschen der Welt sagen, dass sie anders seien als wenige Jahrzehnte zuvor – sie müssten es zeigen. Entsprechend entwarf er minimalistische Piktogramme, um verständlich und weltoffen auf die Wettbewerbe hinzuweisen. Das sanfte Himmelblau des Logos der Spiele, geht nicht zuletzt auf Aicher zurück. Musikalisch drückte sich das moderne Konzept darin aus, dass bei der Eröffnungszeremonie auf Märsche, Hymnen und Carl Orff verzichtet wurde, stattdessen untermalte der Bandleader Kurt Edelhagen den Einzug der Nationen mit einem Jazz-Medley. So zogen die türkische Mannschaft zu »Turkish Delight«, die ungarische zu »Gypsy Love« und die kubanische zu »Habana Alegre« in das Stadion ein. Auch die Architektur der Münchner Spiele, allen voran das mit einem Glasdach überzogene Olympiastadion, welches der Architekt Günter Behnisch entworfen hatte, sollte die Modernität des sozialliberal regierten Deutschland ausdrücken.

»Weg von Militarismus, weg von Gigantismus, weg von Pathos«, so lauteten die in der Olympischen Geschichte einmaligen Schlagwörter von Willy Daume (Präsident des Nationalen Olympischen Komitees). Gemeinsam mit Münchens damaligem Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel war Daume der maßgebliche Initiator der Spiele von 1972. Der Stadt München brachte Olympia darüber hinaus eine ungeheure Verbesserung der Infrastruktur. So wurde nicht nur das U- und S-Bahnnetz ausgebaut, der gesamte Münchner Norden wurde erschlossen. Bis heute ist das Olympiagelände einer der meistbesuchten europäischen Parks. Im Vergleich mit dem finanziellen Desaster, das vier Jahre später die Olympia-Stadt Montreal fast ruinierte, glänzt München als ein Paradebeispiel der Effizienz und organisatorischen Sorgfältigkeit.

Identitätssuche im Verlauf der 1960er Jahre

Die olympische Geschichte, von den ersten modernen Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 bis hin zu den jüngsten Spielen 2012 in London, zeigt, dass die Spiele schon immer „von den Gastgeberländern genutzt wurden, um ihr historisches Erbe zu feiern und gleichzeitig ihrer Modernität Ausdruck zu verleihen“. In der Bundesrepublik der 1960er Jahre standen die Debatten über Politik und nationale Identität ganz im Zeichen dieser doppelten Ausrichtung auf Vergangenheit und zukunftsorientierte Gegenwart. Seit Beginn des Jahrzehnts verlor der Gedanke gesellschaftlicher Planung und sozialer Führsorge zunehmend sein politisches Stigma. Konzepte wie der von Göring entwickelte Vierjahresplan, der Deutschland auf den Krieg hatte vorbereiten sollen, oder staatssozialistische Fünfjahrespläne wurden zunehmend verdrängt oder gerieten in Vergessenheit. Gesellschaftliche Planung im Allgemeinen und Stadtplanung im Besonderen waren wieder positiv besetzt und wurden von der Mehrheit der Arbeiter, den wichtigsten politischen Parteien sowie den jüngeren Funktionseliten unterstützt: In den 1960er Jahren stand die westdeutsche Demokratie auf Landes- und Bundesebene ganz im Zeichen der Pläne – vom Bundesfernstraßenplan (1957) und dem Großen Hessenplan (1965) über das von der Großen Koalition aufgelegte Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft im Juni 1967, bis hin zum „Goldenen Plan“ für Gesundheit, Spiel und Erholung (1960) in der Welt des Sports.

Die weit verbreitete Überzeugung, die Entwicklung einer Gesellschaft könne mittels sozio-ökonomischer Indikatoren zuverlässig vorhergesagt werden, wurde vor allem in Westdeutschland durch die Erfahrung des Wirtschaftswunders genährt und stützte sich auf den Glauben, dass die Wirtschaft ihr stetiges Wachstum ohne größere und lang andauernde Schocks oder Krisen fortsetzen würden. Trotz der Inflationsangst im Jahre 1964 und der ersten Rezession 1966-1967 hatte der westdeutsche Wirtschaftsoptimismus während der gesamten 1960er Jahre Bestand und wurde erst durch den dramatischen Anstieg des Ölpreises 1973 gedämpft. Vor diesem Hintergrund nahm die westdeutsche Bewerbung um die Olympischen Spiele Fahrt auf. Es war vor allem die Zukunftsorientierung der Bundesrepublik, die dem olympischen Projekt Leben einhauchte. In der Planungsphase bis 1972 spielten sowohl technokratischer Optimismus und Wirtschaftswachstum als auch das „Ende der Ideologie“ jeweils eine zentrale Rolle.
 

Vergangenheitskonstruktionen und selektive Erinnerung

Während die Vergangenheit in den 1950er Jahren verdrängt worden war und das problematische Erbe der Nazi-Herrschaft noch unter der Oberfläche gärte, wurde sie in den 1960er Jahren umso heftiger thematisiert. Was auch immer die Gründe dafür gewesen sein mögen, dass Politiker und Öffentlichkeit die Vergangenheit im ersten Jahrzehnt der neuen Republik ruhen ließen – diese Herangehensweise erwies sich langfristig als nicht praktikabel. Ab Ende der 1950er Jahre führte ein kompliziertes Geflecht aus internen und externen Faktoren dazu, dass Westdeutschland seine Einstellung zur Nazi-Vergangenheit des Landes änderte. Diese zunehmende Verinnerlichung der historischen Ereignisse wurde von einigen Vorgängen in Westdeutschland selbst beeinflusst: so spielten beispielsweise der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess (1958), die antisemitische Welle in den Jahren 1959 und 1960 sowie die aufkommende Debatte über die Verjährungsfristen für Naziverbrechen (1960) eine zentrale Rolle. Aber auch Ereignisse im Ausland wie das Mediendrama um den Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) und die wiederkehrenden Destabilisierungsversuche der DDR beeinflussten die Wahrnehmung in Westdeutschland. Aus Angst, die moralische Überlegenheit gegenüber dem ideologischen Gegenspieler zu verlieren, hatte die Bundesrepublik nur zehn Jahre nach ihrer Gründung keine andere Wahl als Vorwürfe gegen ihre Bürger äußerst ernst zu nehmen. Die Zeit drängte angesichts der Verjährungsfrist für NS-Verbrechen, die ursprünglich 1965 enden sollte. Dadurch wurden einige Kriegsverbrecher vor Gebricht gebracht und damit ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Die „Selektivität“ der Erinnerung ließ in der ersten Hälfte der 1960er Jahre nach und die „Last der Vergangenheit“ wurde in der öffentlichen Debatte immer heftiger diskutiert. Die Studentenproteste von 1968, die eine kritische Hinterfragung der deutschen Geschichte verlangten, waren schließlich der radikalisierter Ausdruck einer Debatte, die bereits seit einem knappen Jahrzehnt den öffentlichen Diskurs prägte. Obwohl das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Vergangenheitsbewältigung und die gerichtliche Aktivität zur Aburteilung der Täter in den elf Jahren zwischen 1958 und 1969 ihren Höhepunkt erreichten, blieb die Bundesrepublik auch in den 1960er Jahren geprägt von einer Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven. Während die NS-Geschichte in den Debatten um die deutsche Identität zunehmend eine Rolle spielte, proklamierten einige noch immer die Opferrolle der Deutschen und forderten, die jüngste Vergangenheit ruhen zu lassen. Der Anteil derer, die einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der NS-Verbrechen ziehen wollten stieg von 34% im Jahre 1958 auf 67% im Jahre 1969. Eine Tatsache, die nicht nur von der 1964 neu gegründeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), deren Unterstützung unter Wahlberechtigten 1968 einen Wert von 15% erreichte, sondern auch von etablierten Politikern wie Franz Josef Strauß (CSU) missbraucht wurde. Im Jahr 1969 hielt Strauß, der damals bereits drei Jahre lang der Olympia-Baugesellschaft vorsaß, es für politisch opportun zu erklären: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“17 Die Geste der Demut Willy Brandts im darauffolgenden Jahr, der legendäre Kniefall im Warschauer Ghetto, wurde in Westdeutschland nicht von allen Seiten begrüßt. Laut einer Spiegel-Umfrage hielten 48% der Befragten die Geste des Bundeskanzlers für übertrieben. Einige Wochen später wurde Willy Brandt von einem Angreifer, der gegen die in seinen Augen anmaßende Geste protestieren wollte, vor der Geschäftsstelle des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1972 in München niedergeschlagen. Abgesehen von der außerordentlich gelassenen Reaktion des Bundeskanzlers auf diesen Angriff steht dieser Vorfall sinnbildlich für die in den 1960er Jahren gespaltene Einstellung der Westdeutschen zur ihrer Vergangenheit. Detlef Siegfried bezeichnete diese als „eigentümlich ambivalent“ und voller „disintegrativer Momente“. Außerdem verweist diese Anekdote auf die nachlässigen Sicherheitsmaßnahmen, die später auch die Spiele selbst beeinträchtigen sollten.

Die deutsche Olympische Geschichte

Auch in der Olympischen Geschichte – präziser in der deutschen Olympischen Geschichte,– fehlte es nicht an eigentümlichen, ambivalenten und disintegrativen Momenten. Einerseits war es ein ausdrückliches Ziele der Spiele zu demonstrieren, dass München 1972 sich erheblich von Berlin 1936 unterschied. Wie Außenminister Walter Scheel 1970 in einem Schreiben an die westdeutschen Missionen betonte, bot sich „eine einmalige Gelegenheit, dem Ausland das Bild eines modernen Deutschland zu vermitteln“.[1] Gleichwohl mahnte Scheel auch: „[D]ie Erinnerung an die Olympiade in Berlin 1936, an unsere historische Vergangenheit und nicht zuletzt das Bewusstsein unserer besonderen politischen Lage werden dabei eine nicht unerhebliche Rolle spielen“. Die Tatsache, dass hier die Spiele von 1936 zusammen mit der „Deutschen Vergangenheit“ und der Teilung des Landes in die Waagschale geworfen wurden, ist Indiz für die enorme Tragweite des damals 36 Jahre zurückliegenden sportpolitischen Ereignisses. Viele Deutsche mittleren oder höheren Alters erinnerten sich noch lebendig daran, während die jüngere Generation es verachtete.

Allerdings beschäftigten sich die Münchner Organisatoren nicht übermäßig mit den Taten ihrer Vorgänger. Sie richteten den Blick eher in die Zukunft als in die Vergangenheit. Das führte dazu, dass von dieser kaum noch etwas zu spüren war.[2] Daher mutet es äußerst seltsam an, die Spiele von 1936 in dem offiziellen Bericht über die Olympiade 1972 an prominenter Stelle zu finden.[3] Nach ein paar einleitenden Gemeinplätzen wenden sich die Verfasser rasch den Gründen zu, warum die deutsche Bevölkerung die Münchner Bewerbung und deren spätere Durchsetzung unterstützte. Aus heutiger Sicht erscheint diese Begründung bemerkenswert, da im Grunde behauptet wird, dass die Deutschen dem Projekt ihre Zustimmung gegeben hätten aufgrund ihrer großen olympischen Vergangenheit. Diese beruhte laut dem Bericht auf den deutschen Ausgrabungen im antiken Olympia und den Spielen von 1936. Eine kurze Erwähnung Pierre de Coubertins als Begründer der Olympischen Spiele dient lediglich dazu, die erste von zwei Hauptaussagen zu untermauern: Olympia mag vielleicht von einem Franzosen wieder ins Leben gerufen worden sein, aber es waren die Deutschen (u.a. Ernst Curtius), die, mit der Schaufel in der Hand und den Knien im Staub, zuerst an Ort und Stelle waren.
Nach einigen Ausführungen darüber, wie der erste Weltkrieg alle Pläne für die Spiele in Berlin 1916 zunichte gemacht hat und unglaubwürdigen Behauptungen über die Datierung von Entwürfen für die Spiele 1936 vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten macht der Bericht deutlich: Was Olympia betrifft, könne Deutschland auf eine lange Ahnenreihe zurückblicken, und zwar nicht zuletzt wegen des Berliner Festes von 1936. Angesichts der „Krise“ der olympischen Bewegung in den 1960er Jahren – so wird argumentiert –, fühlte sich Deutschland in besonderer Weise verpflichtet, 1972 die Gastgeberrolle zu übernehmen.

Die sind erstaunliche Worte für eine Nation, die sich in den 1960er und 1970er Jahren in ihrer auswärtigen Repräsentation noch relativ bescheiden verhielt[4]. Um sie zu verstehen, müssen wir weiter fragen: Wie und warum fühlte sich Deutschland der olympischen Geschichte in besonderem Maße verpflichtet? Und aus welchem Grund beginnt der Bericht über eine Veranstaltung, die ein neues, bescheidenes Deutschland darstellen sollte, mit einer dermaßen ausladenden Rhetorik? Diese Fragen überschneiden sich, doch die Antworten darauf sind klar: In der Eingangspassage des Berichtes kommen zwei Stimmen zu Wort. Die dominierende Stimme gehört Carl Diem, während die politischen Untertöne von Willi Daume stammen.

Die Rede von der Krise ist typisch für Daume. Abgesehen von einigen Meinungsverschiedenheiten über sportpolitische Fragen stand Daume dem Präsidenten des IOC Avery Bundage nahe. Er unterstützte diesen auch als in den 1960er Jahren die Folgen von Kommerzialisierung, Politisierung und übermäßigem Wachstum ihren Einzug in die vormals heimelige Welt des IOC hielten.[5] In dieser Hinsicht sprach Daume von den Münchner Spielen als „Schicksalsspiele“. Ein Begriff, der den DDR-Propagandisten viel Munition liefern sollte.

Die zweite Stimme ist deutlich von Carl Diem beeinflusst. Das lässt sich deshalb mit ziemlicher Sicherheit behaupten, weil der Bericht größtenteils unter der Ägide von Diems Ehefrau Liselott entstand. Lieselott Diem nahm aufgrund ihrer Funktion als Rektorin der Deutschen Sporthochschule in Köln (1967-1969) eine herausragende Stellung in der westdeutschen Sportwissenschaft ein.[6] Vielleicht hatte Daume falsche Erwartungen geweckt, als er sie zu einem relativ frühen Zeitpunkt bat, mit logistischer Unterstützung des Carl Diem Institutes der Sporthochschule die Redaktion des Berichts zu übernehmen.[7] Ihre Versuche, Carl Diem in den Vordergrund zu spielen und somit die Kontinuität zu Berlin 1936 zu betonen, wurden allerdings vom Münchner Planungsteam vereitelt.[8]

Es versteht sich von selbst, wenn Liselott Diem die Olympischen Spiele von 1936 verteidigte. Dass jedoch auch die deutsche Archäologie eine herausragende Rolle dabei spielte, ist erklärungsbedürftig. Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass auch dies zur Vorstellungswelt der auf selektiver Erinnerung und Verdrängung basierenden deutschen Olympiatradition gehörte. Nachdem Ernst Curtius im neunzehnten Jahrhundert seine erste Expedition abgeschlossen hatte, wurden zwei weitere Ausgrabungen in Olympia durchgeführt. Die erste in den Jahren 1936-1943 und eine abschließende im Jahre 1961, die DSB, der Deutschen Olympischen Gesellschaft und dem westdeutschen NOC finanziert wurde. In ihrer grenzenlosen Begeisterung für die ehrwürdige Ursprungsstätte der antiken Spiele erzählt die Eingangsseite des Olympiaberichts eine unkritische Geschichte von deutscher Großzügigkeit, die grundlegende historische Fakten einfach übertüncht. Die 50.000 Reichsmark, die aus Hitlers persönlicher Kasse geflossen waren, um die zweite Grabung zu finanzieren wurden ebenso verschwiegen wie die Idee der Nazis, die antike Grabungsstätte zu nutzen, um der Spiele von 1936 zu gedenken.

In den frühen 1960er Jahren hatte Carl Diem einen Festakt organisiert, um den Abschluss der von Westdeutschland unterstützen Ausgrabungen in Olympia feierlich zu begehen. Die offizielle Rückgabe an Griechenland fungierte für ihn dabei buchstäblich als Prüfstein in der olympischen Geschichte.[9] Dieses Ereignis mag wohl Diems großer Schwanengesang gewesen sein, doch die Olympischen Spiele und Griechenland saßen fest in den Köpfen vieler deutscher Sportfunktionäre. Kein anderes Land – weder Frankreich als Heimatland ihres Begründers, noch England als Mutterland des Sports, und auch nicht die USA als führende Sportnation der Welt – haben sich je mit solcher Hingabe und Leidenschaft den olympischen Spielen gewidmet wie Deutschland. Nach außen wurde diese Begeisterung mit einer Affinität und einem tief verwurzelten Philhellenismus im Lande erklärt, doch abhängig war sie davon nicht.

Die „Deutsche Olympische Idee“

Bis zum Ende der 1960er Jahre hatte ein philhellenistischer Tonfall existiert, der die deutsche Kultur in den beiden vorangegangenen Jahrhunderten dominiert hatte.[10] Doch Diems eigene Ideen und Vorstellungen blieben von entscheidender Bedeutung. Diem war mehr als nur ein Funktionär, der seine Vorteile aus der „Neutralität“ des Sports zog. Er gab sich immer als Hauptvertreter der Coubertin’schen Weltanschauung[11]. Ein Jahr vor der Münchner Bewerbung 1964 sprachen die Japaner, die ihn als ersten Berater für die Spiele in Tokyo beauftragt hatten, im Heiligen Tempel von Daianji Gebete für seine dahingeschiedene Seele.[12] Die Griechen gaben ihm in den frühen 1970er Jahren den Beinamen „der Olympische“.[13] In seiner Rolle als Coubertin-Exeget übte er jedoch seinen weitaus größten Einfluss aus. In umfangreichen Schriften engagierte er sich für dessen Gedankengut[14] und schärfte einer ganzen Generation westdeutscher Sportlehrer die Grundlagen der olympischen Botschaft ein: die Affinität des Sports zu religiösen Erfahrungen; der Glaube, dass Massenveranstaltungen dazu geeignet sind, tiefe Emotionen auszudrücken; und die paradoxe Vereinbarkeit von Patriotismus und internationalistischen Idealen. Diems Schriften vermischten sich mit seiner Persönlichkeit zu einer „Olympischen Idee“. Typische Merkmale dieser speziellen deutschen Vorstellung von Olympismus waren vor allem die unkritische Würdigung der Spiele von 1936 und der Verweis auf die langjährigen archäologischen Beiträge des Landes zum olympischen Erbe.

Aber auch Daume war die „Deutsche Olympische Idee“ nicht fremd. Er war zwar sehr darauf bedacht öffentliche Kommentare zu den Spielen 1936 zu vermeiden. Doch sie hatten ihre Spuren hinterlassen. 1966 hatte das Münchner Team in Rom angekündigt, zwei Veranstaltungen, die zuvor bei den Berliner Wettkämpfen gar nicht oder nur mit wenig Enthusiasmus durchgeführt worden waren, wieder aufleben lassen zu wollen: ein aufwändiges Festspiel, das (à la Diem) an mehreren Abenden im Olympiastadion aufgeführt werden sollte und eine Folge von Kunstwettbewerben.[15] Schließlich wurden, wie viele der ursprünglichen Vorhaben der Planungsgruppe, auch diese beiden Projekte stillschweigend wieder fallen gelassen. Bezeichnenderweise sollte Daume in seiner Rede vor dem IOC in Rom auf die Ausgrabungen in Olympia eingehen. Diese Ausführungen wurden aus der endgültigen Fassung gestrichen.[16] Stattdessen erwähnte er am Ende seines Aufrufs Karl Ritter von Halt.[17] Von Halt war der einzige Deutsche, der im Dritten Reich und der Bundesrepublik über längere Zeit für das IOC tätig gewesen war. Zugleich aber hatte er Diem in den letzten Kriegstagen bei seiner aussichtslosen Verteidigung des Reichssportfeldes beigestanden und – wie die Nürnberger Prozesse zutage brachten – dem „Freundeskreis Himmler“ angehört.

Dass Daume sich 1965 auf von Halt bezog, hatte angesichts der lange währenden Kontakte im IOC auch taktische Gründe. Trotzdem hat eine wirkliche Verehrung eine Rolle gespielt. Daume hatte bei von Halts Beisetzung eine tiefempfundene laudatio gehalten, in der er ihm für „seine reinsten Absichten“ als „geachtete[r] Wahrer des großen olympischen Erbes“ lobte.[18] De Coubertin, die beiden IOC-Präsidenten Baillet-Latour und Edström und nicht zuletzt Carl Diem, fuhr Daume fort, warteten alle schon im Himmel auf ihren Freund. Später würden diese Personen nie mehr in ein und demselben Atemzug erwähnt. Es verdeutlicht aber die Bemühungen rund um die Olympiade 1972 und den Einfluss der „Deutsche Olympische Idee“.

Schlussbetrachtung

In den Jahren vor 1972 wurde die Geschichtsvorstellung einiger deutscher Funktionäre oftmals als reaktionäres Ideal verunglimpft, doch hatte sie durchaus positive Auswirkungen. Ein Beispiel ist Daumes Kunstliebe. Für Daume, wie auch für Diem und de Coubertin, bildete der Sport eine kulturelle Einheit. Deshalb bemühte er sich sehr dessen Beziehungen zu Musik, Kunst und Literatur zu pflegen.[19] Diese Vorstellungen spielten eine wichtige Rolle bei der ideellen Vorbereitung für die Olympiade in München und sie halfen Daume – trotz seiner eigenen inzwischen aufgedeckten NS-Vergangenheit[20] – eine der bekanntesten Persönlichkeiten des deutschen Sports im 20. Jahrhundert zu werden.

Dies wirft die Frage der Moral auf. Natürlich könnten wir jeden verurteilen, der in den 1960er Jahren noch immer die Spiele von 1936 hochschätzte.[21] Das würde allerdings bedeuten, dass wir auch die deutsch-jüdischen Auswanderer verurteilen müssten, die diese Spiele rückblickend selbst bewunderten. Deshalb möchte ich mit Richard Evans abschließen: Der Historiker sollte eine Sprache vermeiden, die „carries a moral, religious or ethical baggage with it. The purpose of [history] is to understand: it is up to the reader to judge“.[22] Es ist die Aufgabe des Historikers die Komplexität des menschlichen Verhaltens zu begreifen und in einen relevanten Kontext zu stellen.

 


[1] Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin/Av. Neues Amt 2.233: Der Bundesminister des Auswärtigen, 16. 4. 1970.

[2] Siehe: Kay Schiller/Christopher Young: The 1972 Munich Olympics and the Making of Modern Germany, Berkeley, 2010.

[3] Organizing Committee for the Games of the XXth Olympiad Munich 1972 (Hg.): The Official Report, 3 Bde., München 1974, Bd. 1, Die Spiele, S. 23.

[4] Auswärtige Repräsentationen: Deutsche Kulturdiplomatie nach 1945, hrsg. von Johannes Paulmann, Köln 2005.

[5] Allen Guttmann: The Olympics. A History of the Modern Games, Urbana, 2002, S. 125–140.

[6] Liselott Diem: Leben als Herausforderung, 3 Bde., St. Augustin, 1986.

[7] Carl und Liselott Diem Archiv/OS72/ohne Mappe: Willi Daume an Liselott Diem, 22. 10. 1969; Protokoll auf Grund einer Besprechung mit Frau Diem 22. 9. 1970. 

[8] Ebd., Liselott Diem an Hans Klein, 26. 3. 1971.

[9] Bundesarchiv Koblenz/B322/433: Carl Diem an Daume, 28. 7. 1960; Carl Diem an Wolf Heinrich Prinz von Hannover, 6. 2. 1961.

[10] Suzanne L. Marchand: Down from Olympus: Archaeology and Philhellenism in Germany, 1750–1970, Princeton, 1996, S. 368-9, 342.

[11] John Hoberman: The Olympic Crisis: Sport, Politics, and the Moral Order, New Rochelle, 1986, S. 45–50.

[12] Bundesarchiv Koblenz/B185/1920: Women’s Association Fukuoka an Liselott Diem, October 1964.

[13] Deutsches Olympisches Institut (DOI)/Nachlaß Daume/560: Ansprache des Präsidenten des Hellenischen Olympischen Komitees, ohne Datum.

[14] Frank Becker: Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962), Bd. 4, Bundesrepublik, Duisburg, 2010.

[15] Bundesarchiv Koblenz /B185/1815: Das 12-Punkte-Programm der Landeshauptstadt München, Auszug aus der Bewerbungsschrift für die Sitzung des IOC in Rom am 26. 4. 1966.

[16] Stadtarchiv München/BuR/3156: Rede von Präsident Willi Daume vor dem IOC in Rom am 25. 4. 1966, 1. Fassung.

[17] Die Spiele, S. 25.

[18] Deutsches Olympisches Institut/Nachlaß Daume/561: Willi Daume, Trauerrede Dr. von Halt, 1. 8. 1964.

[19] Ommo Grupe: “Willi Daume: Olympische Übersetzungen – der Sport, die Spiele”, in: Willi Daume: Olympische Dimensionen, hrsg. vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft und Deutsches Olympisches Institut, Bonn, 2004, S. 25.

[20] Jan Rode: Willi Daume und die Entwicklung des Sports in der Bundesrepublik zwischen 1945 und 1970, Göttingen 2010.

[21] Peter Gay: My German Question: Growing up in Nazi Berlin, New Haven, 1998, S. 78 f.

[22] Richard J. Evans: The Coming of the Third Reich, London 2003, S. XX.