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Das Podium im Atrium der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin am 12. Januar 2012
© ZZF/Öffentlichkeitsarbeit

Bericht: „Quo vadis, zeitgeschichtliche Auftragsforschung?“
Bericht über die Podiumsdiskussion des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam am 12. Januar 2012
von
Christian Mentel
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In den letzten Jahren wuchs die Anzahl von Forschungsprojekten beträchtlich, die von Zeithistorikerinnen und Zeithistorikern für verschiedenste Auftraggeber durchgeführt werden. Neben Unternehmen, die traditionell die meisten Forschungsaufträge vergeben, erteilten auch zahlreiche Vereine und Verbände – vom Deutschen Fußball-Bund bis hin zur Deutschen Gesellschaft für Urologie – Aufträge an Forschende. Und auch Landtage, Bundesministerien und Behörden reihten sich ein. Aktuell arbeiten Wissenschaftler(innen) an Forschungsaufträgen u.a. des Bundesamtes für Verfassungsschutz, des Bundesnachrichtendiensts, des Finanz-, Wirtschafts- und des Justizministeriums.

Auf Einladung des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) diskutierten am 12. Januar 2012 die Historiker Johannes Bähr, Klaus-Dietmar Henke, Hans Mommsen, Gregor Schöllgen und Klaus Wiegrefe im Rahmen einer Podiumsdiskussion über Fragen, die jene Konjunktur der Auftragsforschung neu aufgeworfen hat. ZZF-Direktor Martin Sabrow, der die Diskussion moderierte, benannte diese in seiner Einführung: Wie ist es bei Auftragsforschungsprojekten um die Unabhängigkeit der Wissenschaft und die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens bestellt? Wie werden Forschungsaufträge an wen und aus welchen Anlässen heraus vergeben? Welche Chancen und Erkenntnismöglichkeiten eröffnet die Auftragsforschung? Erzeugen Forschungsaufträge einen medialen Skandalisierungsdruck, oder bauen sie einen solchen ab? Und nicht zuletzt: Welche Bedeutung trägt die Auftragsforschung für die zeitgeschichtliche Disziplin?

Hans Mommsen, der in den 1980er und 1990er Jahren im Auftrag von Volkswagen forschte, verwies auf grundsätzliche strukturelle Probleme der Forschungslandschaft. Mehr und mehr werde die Forschungsfinanzierung aus den Hochschulen ausgelagert und finde vorwiegend über Drittmittel statt. Dazu komme die Tendenz, dass immer mehr Aufträge durch die öffentliche Hand vergeben würden, was die Flexibilität und Innovationsfähigkeit der Zeitgeschichtsforschung beeinträchtige – Ergebnis sei die rückwärtsgewandte Wiederholung von bereits Bekanntem. Dass Impulse nicht "von unten" kämen, sondern "von oben" Forschungsprogramme festgezurrt und Aufträge vergeben würden, bewertete Mommsen als fatale Entwicklung.

 

Martin Sabrow (l.) und Hans Mommsen (r.)
Bild: ZZF/Öffentlichkeitsarbeit

 

Im Gegensatz zu Mommsen vertrat Klaus-Dietmar Henke, der seit Anfang 2011 Sprecher der vom Bundesnachrichtendienst berufenen Historikerkommission ist, die Auffassung, dass die Auftragsforschung im Vergleich zu bürokratiebelasteten Universitäts-Lehrstühlen sehr wohl flexibel sei. Generell sah Henke die Auftragsforschung als "unverzichtbares" Element neben der universitären, institutionalisierten und privaten Forschung und verwies auf Vorzüge der Auftragsforschung – so seien in vielen Fällen Quellenbestände nur im Zuge von Auftragsforschungsarbeiten gehoben und zugänglich gemacht worden. Auch bewertete Henke Versuche externer Einflussnahme bei Forschungsinstituten im Vergleich zu den Rahmenbedingungen bei Auftragsforschungsprojekten als problematischer. Nichtsdestoweniger seien sowohl von Auftraggeber- wie Auftragnehmerseite diverse wissenschaftsethische Grundregeln zu beachten.

Diesen Ausführungen pflichtete Gregor Schöllgen bei, der 2007 einen Forschungsauftrag des Bundesnachrichtendienstes ablehnte und dessen im Auftrag entstandene Unternehmerbiographien von vielen in der Zunft als schönfärberisch kritisiert wurden. Den Grund für die Zunahme von Auftragsforschung durch Hochschul-Forscher(innen) sah Schöllgen in dem Zugzwang, unter den etwa freie Geschichtsbüros die etablierte Zeitgeschichtsforschung gesetzt hätten. Ähnlich wie Henke betonte auch Schöllgen, dass Versuche der Einflussnahme in der öffentlich finanzierten beziehungsweise der institutionalisierten Forschung nicht geringer seien als im Rahmen von Projekten im Auftrag der Privatwirtschaft – vielmehr sei das Gegenteil der Fall. Darüber hinaus plädierte er für ein breites Verständnis des Begriffs Auftragsforschung: auch die auf Anfrage hin verfasste Rezension und den Ruf auf einen Lehrstuhl wollte Schöllgen als Auftragsforschung verstanden wissen.

 

Klaus Wiegrefe (l.) und Gregor Schöllgen (r.)
Bild: ZZF/Öffentlichkeitsarbeit

 

Für Klaus Wiegrefe, Leiter des Ressorts "Zeitgeschichte" des Spiegel, deutete die Vergabe bestimmter Forschungsaufträge auf Versäumnisse der Historiker(innen) und der Zeitgeschichtsforschung insgesamt hin. Obwohl viele der aktuellen Forschungsprojekte schon längst durchführbar und der Quellenzugang offen gewesen sei, werde das Bundesarchiv in Koblenz nur in überschaubarem Maße genutzt. Insofern schließe die Auftragsforschung eine Lücke zwischen der an Universitäten betriebenen Forschung und den hierdurch nicht befriedigten Erwartungen und Bedürfnissen einer breiteren Öffentlichkeit. Dennoch seien auch kritikwürdige im Auftrag entstandene Forschungsarbeiten wie die Studie "Das Amt und die Vergangenheit" begrüßenswerte Impulsgeber für weitere Forschungen und oftmals Schlüssel zu ansonsten verschlossen bleibenden Quellenbeständen.

Aus seinen eigenen Erfahrungen als Forscher u.a. für den Flick-Konzern und die Dresdner Bank berichtete Johannes Bähr, bislang keinerlei Erfahrungen mit versuchter Einflussnahme durch Auftraggeber gemacht zu haben. Nicht zuletzt im Hinblick auf seine professoralen und zugleich im Auftrag forschenden Mitdiskutanten betonte er, dass es eine klare Trennung zwischen universitärer Forschung und Auftragsforschung nicht gebe, beide vielmehr komplementär seien. Zudem sei – auch ohne Schöllgens breites Verständnis anzuwenden – das primär in Deutschland anzutreffende Phänomen Auftragsforschung ein sehr weites und heterogenes Feld: es sei in die Verantwortung der Forscher(innen) gestellt, ob sie Forschungsaufträge mit oder ohne wissenschaftlichem Anspruch erfüllten.

 

Klaus-Dietmar Henke (l.) und Johannes Bähr (r.)
Bild: ZZF/Öffentlichkeitsarbeit

 

Dieser und andere Seitenhiebe auf Werke Schöllgens führten jedoch nicht dazu, den Tenor der Übereinstimmung in grundsätzlichen Fragen auf dem Podium nachhaltig zu erschüttern. Die Verwunderung über diesen Konsens brachten mit Bähr und Schöllgen gerade diejenigen Diskutanten zum Ausdruck, zwischen denen die größten Differenzen und Spannungen zu erwarten standen. Doch auch Moderator Sabrow zeigte sich mehrmals verwundert und verwies Schöllgens breiter Auftragsforschungs-Definition widersprechend darauf, dass doch die "Identität von Auftragsvergabe und Quellenbesitz" das entscheidende Charakteristikum der Auftragsforschung sei. Und auch über Sabrows Zweifel, ob die wissenschaftliche Autonomie der im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz tätigen Forscher gewährleistet sei, herrschte auf dem Podium ebenso Übereinstimmung wie über seinen Ausspruch, dass die intransparante Vergabepraxis von Forschungsprojekten durch staatliche Stellen "skandalös" sei. Gerade der auf solchem Wege in die Historikerkommission des Bundesnachrichtendienstes berufene Henke stimmte dem zu. Gleichwohl schrieb der Privatdozent Bähr seinen Transparenz fordernden (und fast durchgängig einen Lehrstuhl innehabenden) Diskussionspartnern aber auch ins Stammbuch, dass Berufungsverfahren ebenfalls wenig transparent abliefen.

In der anschließenden Fragerunde machte Bernd Weisbrod aus dem Publikum heraus darauf aufmerksam, dass die Auftragsforschung eine bestimmte Art der Geschichtsschreibung privilegiere und zu einer Deformation des Blicks führe: "Warum", so Weisbrod, "sollen wir eigentlich die Geschichte der Wirtschaft als Unternehmensgeschichte schreiben?". Ergänzend stellte Frank Bösch die Frage, inwiefern in Auftragsforschungarbeiten die für die Historikerzunft wichtige und impulsgebende theoretische Reflexion und methodische Weiterentwicklung zu kurz komme. Gerade letztere Anmerkung führte zu einem Disput zwischen Schöllgen auf der einen Seite – der sagte, ein gutes Buch erreiche eine breite Öffentlichkeit und dies sei mit Theorie- und Methodendiskussionen nicht möglich – und Sabrow und Henke auf der anderen, die die Position vertraten, Historiker dürften nicht nur Gegenwartsbedürfnisse einer breiten Leserschaft befriedigen, sondern sollten auch zur theoretisch-methodischen Weiterentwicklung des Fachs beitragen. Somit endete die über weite Strecken erstaunlich einmütige Diskussion mit einem kontroversen und überaus anregenden Schlussakkord.