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Spielplan: eine Machtpyramide aus der Draufsicht, Quelle: DDR Museum

Spielplan: eine Machtpyramide aus der Draufsicht. Quelle: DDR Museum Berlin.

Bürokratopoly (1983/2014)
Warum die Stasi ein Spiel verfolgte*
von
Christoph Hauptmann und Gabriele Victoria Schaffner
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Veröffentlicht am 20. Dezember 2017

Bürokratopoly ist ein vom DDR-Museum, gemeinsam mit Playing History herausgegebenes Spiel. Dabei handelt es sich um eine für den Schulunterricht aufbereitete Version eines Brettspiels, das 1983/84 in der DDR von dem Oppositionellen Martin Böttger für den Privatgebrauch entwickelt wurde, sich aber auch im politischen Untergrund verbreitete.[1] Das Ministerium für Staatssicherheit bescheinigte dem Spiel einen „negativ-feindliche[n]“ Charakter und legte eine Stasi-Akte an.

Bürokratopoly ist, dies suggeriert bereits der Titel, ein „Monopoly-Klon“. Die Prinzipien der Spiele sind jedoch vollkommen konträr: Geht es bei Monopoly darum, möglichst viel Geld anzuhäufen, spielt Besitz bei Bürokratopoly keine Rolle. Der Klon steht dem kapitalistischen Spielkonzept seines Vorbildes diametral entgegen, denn er thematisiert den in der DDR gelebten real existierenden Alltag und parodiert dabei vor allem die zentralistische Funktionärsbürokratie. Das Spielfeld ist ähnlich einer Machtpyramide aufgebaut: Im Verlauf des Spiels gilt es, vom einfachen Arbeiter oder Soldaten auf der Karriereleiter aufzusteigen – Ziel ist es, sich bis zum Posten des SED-Generalsekretärs „hochzuspielen“. Hierzu müssen Intrigen und Bündnisse geschmiedet und gegen Vorgesetzte gemeutert werden.

Die hierarchischen Strukturen der einzelnen Verwaltungsorgane der DDR werden im Spiel verhältnismäßig genau widergespiegelt, obwohl detailietere Informationen darüber damals sicher fehlten.[2] Weiterhin thematisieren die Ereigniskarten des Spiels historische Ereignisse, Vorgänge und Lebensumstände – so heißt es etwa, „ein harter Winter sorgt für Stromausfälle“[3], „das Wohnungsbauprogramm wurde übererfüllt“ oder „die Konsumbedürfnisse der Bevölkerung werden nicht befriedigt“[4]. Durch das Aufgreifen dieser Ereignisse und den im Spiel auszutragenden „Machtkampf“ wird Kritik am System und Regime geübt: Nicht der fähigste Bewerber erhält einen Posten, sondern der arglistigste reißt ihn mithilfe von Intrigen an sich.

Ereigniskarte aus dem Spiel Bürokratopoly. Quelle: DDR-Museum

Ereigniskarte aus dem Spiel Bürokratopoly. Quelle: DDR-Museum

Ereigniskarte aus dem Spiel Bürokratopoly. Quelle: DDR-Museum

Die Staatssicherheit sah in Bürokratopoly „ein Würfelspiel, welches auf verwerfliche Weise angebliche Wege zur Erlangung und zum Verlust politischer Macht in der DDR aufzeigt und auf diese Art die gesellschaftlichen Verhältnisse verächtlich macht“.[5] Der Vorwurf der Verächtlichmachung der staatlichen oder gesellschaftlichen Ordnung konnte in der DDR nach §220 StGB (wegen seiner nach Belieben möglichen Auslegung auch Gummiparagraph genannt) mit einer Bewährungs-, Geld-, oder Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft werden. Böttger wurde für sein Spiel nie belangt und erfuhr erst im Jahr 2005 von der Akte.[6] Er führt die Straffreiheit auf seine guten Kontakte zur Westpresse zurück, die umgehend von einer Inhaftierung berichtet hätte, was nicht im Sinne der Stasi gewesen wäre.[7]

Auszug aus der Stasi-Akte. Diese ist auch im Spielmaterial enthalten. Quelle: Martin Böttger.

Auszug aus der Stasi-Akte. Diese ist auch im Spielmaterial enthalten. Quelle: Martin Böttger

Auszug aus der Stasi-Akte. Diese ist auch im Spielmaterial enthalten. Quelle: Martin Böttger

In der DDR schwand die Zahl privater Spielehersteller im Laufe der Jahre. Die Betriebe wurden verstaatlicht, und die herrschende Rohstoffknappheit führte zu einem Mangel an Brettspielen in der Republik.[8] Doch nicht nur die Herstellung von Spielen wurde eingeschränkt, auch ihre Einfuhr wurde reglementiert: Davon waren vor allem Westproduktionen betroffen, für manche (wie beispielsweise für Monopoly) galt sogar ein striktes Einfuhrverbot, das jedoch niemanden daran hinderte, Spiele ins Land zu schmuggeln oder in Handarbeit zu kopieren.[9] Diese Verbote vor dem Hintergrund einer Mangelwirtschaft führten dazu, dass Privatpersonen (illegal) Spiele kopierten und verbreiteten. Es gab ganze Handbücher mit Bauanleitungen für verschiedene Spiele, die Heimproduktionen möglich machten.[10]

Auch Bürokratopoly verbreitete sich durch Reproduktion. Böttger ließ selbst einige Exemplare bei einem Bekannten fertigen, doch auch StudentInnen und Oppositionelle kopierten das Spiel und bauten es aus.[11] So fertigten sie etwa neue Ereigniskarten an, in denen spätere Ereignisse wie etwa das Reaktorunglück in Tschernobyl thematisiert wurden. Böttger selbst wusste nicht, dass das Spiel sich verbreitet hatte, und zeigt sich im Videointerview höchst beeindruckt von der Qualität dieser Kopien.[12] Die privat hergestellten Exemplare des Spiels bestanden meist aus umfunktionierten Alltagsmaterialien aller Art und zeugen vom Erfindungsreichtum ostdeutscher SpielerInnen.

Bürokratopoly ermöglicht es seinen SpielerInnen, Einblicke in zeitgenössische gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Strukturen der DDR zu nehmen. Die in der Republik herrschenden administrativen Missstände kann man nachvollziehen und zugleich zeitgenössische Formen der Systemkritik im Spiel erleben. Im Schulunterricht können die SchülerInnen anhand des beigelegten Unterrichtsmaterials, darunter eine Kopie der Stasi-Akte, an den Themenkomplex DDR herangeführt werden, wobei das Spiel selbst aufgrund seines Umfangs und der Spielzeit für den Einsatz während einer einzelnen Unterrichtsstunde nur bedingt geeignet ist.




* Für die Betreuung und Unterstützung bei der Recherche danken wir dem Deutschen Spielearchiv Nürnberg, speziell Christin Lumme; für Anregungen, Korrekturen und Materialien Alexander Boß, Michael Geithner, Florian Greiner, Maren Röger und Tobias Meßmer.
[1] Die Leitung und Realisierung der Neuauflage des Spiels oblagen Martin Thiele und Michael Geithner, deren Projekte Playing History (http://playinghistory.de) und Nachgemacht – Spielekopien aus der DDR es sich zur Aufgabe machen, von DDR-Bürgern nachgebastelte Brettspiele zu sammeln und die Spielekultur der DDR aufzuarbeiten. Spiel- und autorenbezogene Informationen und die im Folgenden erwähnten Interviews entstammen der Beilage zum Spiel bzw. der dazu gehörigen Website Bürokratopoly.
[2] So merkt Böttger in dem Videointerview Hauptabteilung XX  an: „Ich wusste nichts über das MfS […] Ich wusste nicht, wie die Stasi organisiert hatte, das wusste von uns niemand.“
[3] Zur Jahreswende 1978/79 kam es zu einem überraschenden Kaltlufteinbruch mit einem Temperatursturz mit bis zu minus 27 Grad, begleitet von Schneestürmen. Die Infrastruktur des Landes brach zusammen, ganze Dörfer waren komplett abgeschnitten, Versorgungsengpässe und eine ausfallende Energieversorgung folgten. Daraufhin kam die Industrie komplett zum Erliegen, die Landwirtschaft war durch das Tiersterben schwer getroffen. Vgl.: Spielmaterialien; M. Böttger: Heimlichkeit. Doppeltes Gesellschaftsspiel, in: M. Thiele/M. Geithner (Hg.): Nachgemacht. Spielekopien aus der DDR. Berlin 2013, S. 14-29, S. 21.
[4] Nicht alle Ereigniskarten der Neuauflage kommen aus dem von Böttger entwickelten Spiel, so auch diese, die aus einer Kopie von M. Dillenhardt aus dem Jahr 1989 stammt.
Ausbleibende Vorleistungen und Produktionsrückstände in DDR-Betrieben führten zu Angebotsdefiziten und Mangelwirtschaft. Vgl. A. Steiner: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR. Bonn 2007, S. 160f.
[5] BStU: Akte Staatssicherheit der DDR zu Martin Böttger, MfS - HA XX/ AKG Nr. 6849. 1985, S. 3.
[6] Böttger: Heimlichkeit, S. 22.
[7] Böttger: Heimlichkeit, S. 23; Videointerview „Spiel mit der Stasi“.
[8] J. P. Lemcke: Spiele in der SBZ und der DDR oder Sind Spiele gefährlich?, in: D. Lorenz/C. Pieske/K. Vanja (Hg.): Arbeitskreis Bild Druck Papier 10. Münster u.a. 2006, S. 103-110, S. 105f.
[9] Vgl. A. Tönnesmann: MONOPOLY. Das Spiel, die Stadt und das Glück. Berlin 2011, S. 57.
[10] Beispielsweise W. Hirte: Unsere Spiele. Leipzig 41971. Hier werden für die gängigen legalen Gesellschaftsspiele Bauanleitungen sowie Tipps zur Anfertigung von Ersatzteilen gegeben.
[11] M. Thiele-Schwez: Spiel, Staat und Subversion. Nachgemachte Gesellschaftsspiele in der DDR. Diss. phil. Braunschweig 2017, S. 244. Thiele-Schwez konnte vier vom Entwurf Böttgers abweichende Kopien an unterschiedlichen Orten ausmachen.
[12] Videointerview „Kopien von Kopien“.