von Lisa Thiel

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20. Juni 2023

Bei Staatsbesuchen wird traditionell ein Geschenk überreicht.[1] Auch bei den gegenseitigen Besuchen von Parteivorsitzenden aus verschiedenen Ländern gehört die Geschenkeübergabe zur Etikette. Geschenke sind in diesem Kontext Begrüßungsgeschenke und gelten als Ausdruck der Dankbarkeit für die Gastfreundschaft des Gegenübers.[2] Zugleich initiieren und begleiten die Geschenke politische Inszenierungen auf symbolischer Ebene. Die Geschenke sind oft auf ihre Empfänger zugeschnitten, in jedem Fall aber ermöglichen sie dem Schenkenden, sich in einem bestimmten Licht zu präsentieren. Daher eignen sich Gastgeschenke als Quellen, um etwas über die Beziehungen zwischen zwei Staaten oder Parteien und dem jeweiligen Selbstbild der Schenkenden zu erfahren.

Von dieser Annahme ausgehend wird im Folgenden nach den Geschenken und Gegengeschenken der SED (Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) und der Kommunistischen Partei Argentiniens (PCA – Partido Comunista de la Argentina) sowie der Sozialistischen Einheitspartei Mexikos (PSUM – Partido Socialista Unificado de México) der Jahre 1977, 1983 und 1984 gefragt: Wie inszenierten sich die Parteiführungen mit Hilfe der Geschenke und welche Rückschlüsse lassen sich daraus auf die Geschichte kommunistischer, sozialistischer und Arbeiterparteien im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ziehen?

 

Ideologische Leitmotive und die Symbolik der Geschenkpraxis

Im Parteiapparat der SED diktierten allgemeine Richtlinien die Auswahl der Geschenke. So schrieben die protokollarischen Regelungen der SED vor, dass „symbolische Geschenke […] von hoher politischer Aussagekraft und Wirkung“[3] an Bruderparteien aus nichtsozialistischen Ländern übergeben werden sollten.

Eine SED-Delegation überreichte Pablo Gomez Álvarez, dem Generalsekretär der PSUM, auf dem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Mexikos im August 1983 in Mexiko-Stadt einen Teppich mit dem eingewebten Porträt von Karl Marx.[4] Mit Marx als Repräsentationsfigur war es der SED, die weder auf eine lange, traditionsreiche Partei- oder Nationalgeschichte verweisen konnte, möglich, einen geschichtlichen Bogen zu Karl Marx zu spannen und sich in eine Traditionslinie mit seinem Werk zu stellen. Die politisch-ideologisch gewählte Symbolik der SED ist jedoch nicht allein als politische Metapher und Legitimations- oder Autoritätsgrundlage der eigenen Partei zu verstehen.  

Der im November 1977 in Berlin an den Generalsekretär der PCA, Géronimo Arnedo Álvarez, verschenkte erste Band der Marx und Engels Gesamtausgabe zeigt, dass mit den Geschenken gleichzeitig auf etwas Drittes und Gemeinsames der Parteien verwiesen werden sollte.[5] Die Geschenke der Einheitspartei spiegelten damit symbolisch nicht nur die SED wider, sondern erhoben auch einen Identifikationsanspruch an alle Parteien, die sich den marxistisch-leninistischen Grundsätzen verschrieben hatten.

 

Souvenirs aus dem eigenen Land

Den Geschenken der SED stehen die souvenirartigen Geschenke der zwei lateinamerikanischen Parteien gegenüber.
In der Mitte des Tellers (Abb.), den die Delegation der PSUM unter der Führung ihres Generalsekretärs Pablo Gomez Álvarez im Mai 1984 in Berlin an Erich Honecker, Generalsekretär der SED, überreichte, befindet sich eine bunt gestaltete Abbildung des aztekischen Sonnensteins aus präkolumbianischer Zeit. Dieser war in seiner Funktion als Opfertisch Teil des alten Haupttempels von Tenochtitlán, der damaligen Hauptstadt des aztekischen Reiches.

Geschenk der PSUM an die SED © Staatliche Kunstsammlung Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden (Foto: Sylvia Pereira).

Der aztekische Sonnenstein gilt in Mexiko nicht nur als Emblem seiner präkolumbianischen Geschichte, sondern ist auch ein Symbol nationaler Identität. Auch wenn das aztekische Symbol auf die Anerkennung einer kulturellen Pluralität und Kontinuität von Kulturformen, Identitätsdiskursen und politischen Zielen in Mexiko anspielt, diente es als Parteigeschenk auch als ethnisch-kulturelle Stellungnahme.

Schaut man zudem auf den Rand des Metalltellers, den das Wort México ziert und der mit den mexikanischen Nationalfarben – grün-weiß-rot – hinterlegt ist, wird klar, dass es sich auch um eine politische Positionierung handelt. In einem politisch-ideologisch aufgeladenen Kontext – wie bei der Geschenkübergabe zwischen der PSUM und der SED – ersetzte die PSUM als sozialistische Partei eines nichtsozialistischen Landes gegenüber einer sozialistischen, staatstragenden Partei fehlende politische Macht und Repräsentationsgewalt durch ethnische und nationale Affirmationen.

Katalogzettel des Tellers aus dem GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig © Staatliche Kunstsammlung Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden (Foto: Sylvia Pereira).

Auch die argentinische Tonfigur (Abb.), die PCA-Generalsekretär Athos Fava an Erich Honecker im Mai 1984 in Berlin verschenkte, ist ein Repräsentationsobjekt regionaler bzw. nationaler Kulturformen. Das lässt vermuten, dass die lateinamerikanischen Objekte viel stärker als Distinktionsmittel fungierten als die Geschenke der SED. Legten diese eine Abgrenzung von denjenigen politischen Akteuren oder Akteursgruppen nahe, die die marxistisch-leninistischen Grundsätze nicht teilten, vollzog sich bei den Geschenken der PCA und der PSUM eine Abgrenzung anhand einer national-kulturellen Argumentation. Die PCA und die PSUM konnten dabei auf eine reichere und stärkere nationale Geschichte und Ressourcen zurückgreifen als die SED bzw. die DDR, die neben der politischen Agenda und Ideologie im nationalen Selbst- und Abgrenzungsdiskurs zu anderen Nationen, einen begrenzten Spielraum und ein knapp ausfallendes Repertoire an aussagekräftigen, kulturell-ethnischen Narrativen besaß.

Geschenk der PSUM an die SED © Staatliche Kunstsammlung Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden (Foto: Sylvia Pereira).

Die Geschenke der PSUM und der PCA zeigen, dass sich entgegen den homogenen Strukturen und der Dogmatik des Marxismus-Leninismus innerhalb des Parteiensystems die verschiedenen kommunistischen Modelle und parteipolitischen Ansätze vor dem Hintergrund nationaler Bedeutungen und Einflussreichweite auch symbolisch abzeichneten.

Katalogzettel der Keramik aus dem GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig © Staatliche Kunstsammlung Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden (Foto: Sylvia Pereira).

Schenken für den Fortbestand guter Beziehungen

Ungeachtet der Symboliken und der Repräsentationsabsichten der Parteien spielte der Akt der Gabe als beziehungsstiftendes, politisches Ritual eine den einzelnen Geschenken übergeordnete Rolle. Das Schenken nivellierte gleichsam die kulturellen und politischen Distinktions- und Abgrenzungsansätze der symbolhaltigen Geschenke.

Neben der repräsentativen und integrativen Funktion der Geschenke zeigt sich vor allem im ritualisierten Akt der Geschenkübergabe die Idee und Absicht des Erhalts und Fortbestandes guter politischer Beziehungen zwischen der SED und der PCA und PSUM.

Dabei sind die Geschenke als Objektträger dieser Manifestation zu betrachten und als transformierte Erinnerungsgegenstände und Versinnbildlichung der Beziehungen auch in ihrer Materialität essenziell.

 

Verbleib der Geschenke

Aus der Perspektive der Erinnerungspolitik, der materiellen Kulturforschung, aber auch der Eigentumsgeschichte eröffnen Staatsgeschenke weitere Einblicke in den Umgang mit diesen speziellen Überresten diplomatischer Begegnungen. So stellen sich Fragen danach, wem die Geschenke nach der Übergabe gehören, wer sie in Obhut nahm und was mit ihnen im Laufe der Zeit passierte. Die Geschenke der PSUM und PCA gehören heute wie viele andere Geschenke, die einmal an die SED bzw. DDR verschenkt wurden, zum Bestand des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig.

 

Ich danke dem GRASSI Museum herzlich für ihre Hilfsbereitschaft und die Zusammenarbeit sowie Jürgen Dinkel für seine Unterstützung und Ermutigung.

 


[1] Für einen aktuellen Forschungsquerschnitt der materiellen Kulturgeschichte in einem diplomatischen Kontext siehe z.B. Harriet Rudolph/Gregor M. Metzig (Hrsg.), Material Culture in Modern Diplomacy from the 15th to the 20th Century, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 17, Berlin/Boston 2016.

[2] Ein für die Forschung immer noch zentraler Text zum Gabentausch: Marcel Mauss, Die Gabe, Frankfurt a. M. 1925.

[3] Aus einer Beschlussvorlage des Büros des Politbüros für das Sekretariat des ZKs hinsichtlich den Protokollarischen Regelungen vom 11.12.1972: BArch DY 30/9166, Bl. 62–65. Zitat wurde im Originaldokument durchgestrichen.

[4] Neues Deutschland, DDR solidarisch mit Kräften der Befreiung, 12.08.1983, S. 2.

[5] Geschenk findet im dazugehörigen Gesprächsprotokoll Erwähnung: BArch DY 30/2423.