Protestierende gegen die AI-Konzerne
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Nathan Kuczmarski, Protesters hold signs against ai and killer robots, OpenAI, 3rd Street, San Francisco, CA, USA, 5.3.2026. Quelle: unsplash.com, free to use under the Unsplash License.

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Geschichte als Modus der Kritik

Eine Nachlese zur Veranstaltung „Critique of AI“

Am 16. Februar 2026 füllte sich der Senatssaal der Humboldt Universität in einem Ausmaß, das an Bilder von Dutschke- oder Adorno-Vorlesungen aus den 1960er-Jahren erinnerte. Kritische Theorie in Berlin, die gemeinsame Plattform des Centre for Social Critique und der Lehrstühle für Sozialphilosophie an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin, hatte zum Thema „Critique of AI“ geladen. Vermutlich war es nicht nur das Renommee der Vortragenden, sondern auch das Gefühl für die Dringlichkeit einer solchen Kritik, das das Publikum zu der Veranstaltung lockte. Mich als Historiker hat überrascht, wie oft in der Diskussion auf geschichtliche Zusammenhänge rekurriert wurde – und das von Forscher:innen, die sich selbst nicht in der Geschichtswissenschaft verorten.

Im Zentrum der Kritik stand an diesem Nachmittag die fixe Idee einer Zukunft, in der Künstliche Intelligenz (KI) alle Lebensbereiche dominiert, menschliche Kreativität und Arbeit vollständig ersetzt und noch dazu kostenlos zu haben ist. In dieses Bild passt, dass KI-Unternehmen kaum noch für den Einsatz ihrer Technologie werben, sondern vermehrt auf Drohungen setzen: Wer ihre Produkte nicht verwende, werde unweigerlich den Anschluss an die Welt verlieren. Damit projizieren die Unternehmen im Verbund mit anderen interessierten Parteien recht erfolgreich ihre Visionen auf gesellschaftliche Zukunftshorizonte. Die Diskutant:innen – Roland Meyer, Reiner Mühlhoff, Anna-Verena Nosthoff und Matteo Pasquinelli – identifizierten den gegenwärtigen KI-Diskurs unisono als Ideologie. Dabei argumentierten sie auffallend häufig mit historischen Herleitungen. Geschichte wird also von den KI-Forschenden – auch in ihren Büchern – strategisch eingesetzt, um der Unvermeidbarkeitserzählung der Tech-Branche etwas entgegenzusetzen. Um diese Aneignung von Geschichte geht es mir hier, die ich – angeregt von der Veranstaltung – anhand der Bücher der KI-Expert:innen untersuche. In welches Verhältnis stellen die Autor:innen dabei Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart? Mit diesem Fokus nehme ich in Kauf, dass ich den Werken – die ich ausnahmslos mit Gewinn gelesen habe – nicht gerecht werden kann.

Der Philosoph und Mathematiker Rainer Mühlhoff entzaubert in seinem Buch Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus die gegenwärtige KI-Begeisterung, indem er sie in die Geschichte der Hype-Zyklen um das Phänomen der Künstlichen Intelligenz seit den 1950er Jahren einordnet und dabei wiederkehrende Muster entdeckt.[1] Demnach befinden wir uns schon im dritten KI-Sommer, auf den in absehbarer Zeit ein weiterer Winter der enttäuschten Erwartungen folgen dürfte. Die Art und Weise, wie hier auf die Geschichte Bezug genommen wird, ließe sich mit dem Modus Operandi der Large Language Modelle im Umgang mit ihren Daten vergleichen: In der Vergangenheit werden Muster identifiziert, die auf eine wahrscheinliche Zukunft hindeuten. Darüber hinaus kann Mühlhoff mit dem Rückgriff auf die Geschichte zeigen, dass bestimmte Elemente der Tech-Ideologie wie etwa der Transhumanismus eine Geschichte haben und damit ein problematisches Erbe wie Eugenik und Rassismus weitertragen. Ähnlich argumentiert der Medien- und Kunstwissenschaftler Roland Meyer in seinem Buch Gesichtserkennung, wenn er schreibt: „Im Zeitalter von Big Data und Deep Learning erfahren längst überwunden geglaubte physiognomische Traditionen eine Renaissance“.[2] Die neu gegebenen Möglichkeiten, allerorten Muster zu identifizieren, würden dazu verleiten, kausale Zusammenhänge zu behaupten, wo keine sind (etwa wenn von der Physiognomie auf vermeintliche kriminelle Neigungen oder die sexuelle Orientierung kurzgeschlossen wird). Hier wirke das Missverständnis fort, Technologie sei objektiv und neutral, obwohl sie aus sozialen Zusammenhängen entstehe, die sich in ihr auch abbilden. Bei Mühlhoff und Meyer dient der Blick in die Geschichte also dazu, Verbindungslinien zu historischen Phänomenen zu ziehen, die – wenigstens in der jüngsten Vergangenheit – konsensual als klare Fehlentwicklungen markiert waren: Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Behinderung etc., die bis zur gewaltsamen Exklusion und Vernichtung im Nationalsozialismus reichte.

Matteo Pasquinelli und Anna-Verena Nosthoff argumentieren auf andere Weise mit der Geschichte: Sie blicken von einer konkreten historischen Konstellation aus auf die Gegenwart, die damit in ein fremdes Licht getaucht wird. Der Medienphilosoph Pasquinelli betrachtet in seinem Buch Das Auge des Meisters die aktuellen KI-Technologien durch die Linse der „Maschinen-Frage“ des 19. Jahrhunderts und stellt sie so in eine längere Linie der Automatisierung von Arbeit.[3] Aus dieser historischen Perspektive erscheint die technologische Zäsur weniger einschneidend als in vielen gegenwärtigen Debattenbeiträgen. Um nicht selbst einer „techno-deterministischen Sicht“ zu verfallen, schließt Pasquinelli an Karl Marx‘ Einsicht an, wonach die sozialen Verhältnisse (der Produktion) die Entwicklung von Technologie vorangetrieben hätten und nicht umgekehrt. Sozialisten des 19. Jahrhunderts folgend, versteht Pasquinelli Arbeit nicht allein als physische Aktivität: Sie sei immer auch kognitiv. Der höchste Wert der Arbeit bestehe daher in der Organisation der sozialen Kooperation, wie sie sich in der Arbeitsteilung niederschlägt. Auf deren Extraktion und Kontrolle ziele die Automatisierung, wofür eine Notation, also eine Übersetzung in eine regelbasierte Prozedur, vonnöten sei. Im Industriezeitalter hätten sich Arbeitsprozesse in einer linearen Wenn-Dann-Struktur ausdrücken und in Maschinen überführen lassen. Im Informationszeitalter der Gegenwart, das sich durch Selbstorganisation auszeichne, müsse dagegen diese deduktive Logik der Maschine der induktiven Logik selbstlernender Algorithmen weichen, um automatisiert zu werden. Die künstlichen „neuronalen“ Netze des Deep Learning imitieren somit laut Pasquinelli, anders als ihr Name suggeriert, nicht den Aufbau des menschlichen Gehirns, sondern die bestehenden Produktionsverhältnisse, um deren Überwachung, Kontrolle und Ausbeutung es bei der Implementierung von KI letztlich gehe. Für Pasquinelli ist deshalb die Vorstellung absurd, dass KI-Systeme denken oder fühlen geschweige denn übermenschliche Intelligenz entwickeln könnten.

Die Soziologin Anna-Verena Nosthoff wählt in Kybernetik und Kritik einen anderen historischen Ausgangspunkt, um heutige Technologie zu analysieren. Sie macht die bereits in die historische Abstellkammer aussortierte Kybernetik für eine Analyse der Gegenwart fruchtbar. Auch wenn der Begriff eine bis in die Antike zurückreichende Tradition hat, eröffnete Kybernetik erst im Ausgang des Zweiten Weltkriegs einen Imaginationsraum, der eine Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen ermöglichte. Während Pasquinelli also aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts auf die Künstliche Intelligenz blickt, betrachtet Nosthoff die digitale Regierungskunst der Gegenwart – das Thema des Buchs geht also über Künstliche Intelligenz hinaus – aus dem Blickwinkel der 1950er Jahre.[4] Denn damals zeigten sich ihrer Meinung nach bereits die Verkennungen und blinden Flecke jener Weltanschauung, die trotz mancher Transformationen noch heute die Digitale Gesellschaft prägt. Auch wenn der Begriff heute altmodisch erscheine, seien kybernetische Mechanismen allgegenwärtig, weil sie in die Technologie eingeschrieben seien, die uns umgibt. Nosthoff erzählt die Geschichte der Kybernetik und ihrer Kritik als evolutionären Prozess, in dem die Theorie sich immer mehr verfeinerte und sogar die Kritik mit in sich aufnahm. Die Kybernetik habe sich so weit ausgebreitet, dass ihre Kritik heute eigentlich nur noch immanent möglich sei. Nosthoff macht also ihren kritischen Standpunkt selbst zum Thema und ihr Anspruch besteht nicht in einer Kritik der Kybernetik, sondern – und so ist der Titel des Buchs zu verstehen – in einer Kritik unter kybernetischen Bedingungen. Dafür rekonstruiert sie auch die historische Kybernetik-Kritik, die sie mit einer gouvernementalen Analyse verbindet. Somit geraten die Regierungskünste in Bezug auf die Subjekte, das Politische und die Öffentlichkeit in den Blick. Aus kybernetischer Perspektive erscheine Technologie politisch neutral, Öffentlichkeit als etwas, das lediglich ein ungestörtes Feedback zwischen Regierung und Subjekten gewährleisten solle, wobei letztere lediglich als aggregierte Verhaltensdaten aufgefasst würden. Das einzige Ziel des Politischen, das sich kybernetisch legitimieren lasse, sei der Systemerhalt – unabhängig von der Staatsform. Durch die intellektuelle Wiederbelebung einer bereits totgesagten historischen Formation gelingt es Nosthoff, Kontinuitäten zwischen den Logiken der digitalen Plattformökonomie und dem militärisch-industriellen Komplex der 1950er Jahre aufzuzeigen, auch weil sie das historische Potential der Kybernetik-Kritik birgt, in deren Tradition sie sich selbst einschreibt. Der Preis dafür ist – wie bei Pasquinelli –, dass die Perspektive hinsichtlich der Sprache und den Konzepten der Vergangenheit verhaftet bleibt.

Das Anliegen der vier Bücher ist es, einen alternativen Zukunftshorizont jenseits der Schreckensvisionen des Silicon Valley zu eröffnen. Dabei sprechen sie aber weniger über die Zukunft als über die Vergangenheit. Über den Umweg der Geschichte soll die Gegenwart zurückerobert und der Blick auf die Zukunft wieder freigestellt werden. Indem die Gegenwart als historisch gewordene beschrieben wird, erscheint sie in vielerlei Hinsicht veränderbar. Die Dringlichkeit des Handelns ergibt sich auch daraus, dass den Gefahren, die KI mit sich bringt, aus Sicht der Autor:innen bereits jetzt, nicht erst in ferner Zukunft begegnet werden müsste. Aus der Perspektive des Historikers fällt dabei auf, dass die Vergangenheit vornehmlich in Ähnlichkeitsrelationen zur Gegenwart begriffen wird. Historische Phänomene, Konzepte und Ideen werden vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen ins Licht des Bekannten getaucht. Sie werden als Ursprünge oder Zwischenstationen auf einer direkten Entwicklungslinie zur Gegenwart gedacht. Dagegen ließe sich fragen, ob nicht auch die Fremdheit der Vergangenheit für eine strategische Kritik fruchtbar gemacht werden könnte. Läge nicht ein gleichermaßen kritisches Potential darin zu zeigen, dass Konzepte, Ideen und Erklärungsmodelle, die wir heute noch nutzen, in ganz anderen Zusammenhängen entstanden sind und insofern kaum noch adäquate Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart liefern können?

Der Nachmittag im Senatssaal der HU zeigte aber vor allem, dass historische Analyse alles andere als out ist. Angesichts sinkender Studierendenzahlen und apokalyptischer Prognosen, nach denen sich die Geschichtswissenschaft schon bald durch Künstliche Intelligenz ersetzen ließe, ist das eine beruhigende Nachricht.

 


[1] Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Ditzingen 2025.

[2] Roland Meyer: Gesichtserkennung, Berlin 2021, S. 34-35.

[3] Matteo Pasquinelli: Das Auge des Meisters. Eine Sozialgeschichte Künstlicher Intelligenz, Münster 2024.

[4] Anna-Verena Nosthoff: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst, Berlin 2026.

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Zitation

Florian Hannig, Geschichte als Modus der Kritik. Eine Nachlese zur Veranstaltung „Critique of AI“. Eine Nachlese zur Veranstaltung „Critique of AI“, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/geschichte-als-modus-der-kritik-eine-nachlese-zur-veranstaltung-critique-ai