Im November 2023 wurde in Großbritannien erstmals eine CRISPR-basierte Zelltherapie zugelassen.[1] Mit exa-cel (Handelsname Casgevy®) können Patient:innen mit schwerer Sichelzellkrankheit oder transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie behandelt werden. Die Technologie CRISPR/Cas9 ermöglicht gezielte Veränderungen des Erbguts und eröffnet damit neue Möglichkeiten, genetisch bedingte Erkrankungen zu behandeln. Damit verbindet sich die Hoffnung auf eine langfristige Linderung schwerer Krankheitsverläufe und auf neue Behandlungsperspektiven für Menschen, die bislang auf belastende Dauertherapien angewiesen waren oder für die eine Stammzelltransplantation infrage kam.
Zugleich verschärft dieser Fortschritt grundlegende ethische Fragen: Wie sicher sind Manipulationen des Erbguts? Wer trägt die Verantwortung für mögliche Langzeitfolgen? Wie lässt sich der Zugang zu extrem kostenintensiven Therapien sozial und global gerecht organisieren? Fragen wie diese sind Teil einer längeren Geschichte biomedizinischer Entwicklungsschübe, in denen sich die Reichweite medizinischer Eingriffe in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vergrößert hat, insbesondere durch Reproduktionsmedizin, Pränataldiagnostik und genetische Forschung. Gegenwärtig wird diese Dynamik durch die Nutzung „Künstlicher Intelligenz“ (KI) in der Medizin fortgeschrieben, etwa wenn algorithmisch gestützte Systeme diagnostische und therapeutische Entscheidungen beeinflussen, deren Zustandekommen nur begrenzt transparent ist.
Beispiele wie CRISPR und KI verdeutlichen, dass biomedizinische Zäsuren nicht außerhalb gesellschaftlicher Ordnungen stehen, sondern diese aktiv mitformen. Bio- und Medizinethik bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld: nicht als klar abgrenzbare Disziplinen, sondern als Formen normativer Reflexion, die selbst in die Herstellung medizinischer Wissens- und Handlungssysteme eingelassen sind und deren Grenzen zugleich mitstrukturieren. Medizinethik behandelt dabei normative Fragen des ärztlichen Handelns und der klinischen Praxis, etwa das Arzt-Patienten-Verhältnis sowie Fragen von Einwilligung, Verantwortung und Fürsorge. Bioethik erweitert diesen Fokus auf biowissenschaftliche und technologische Entwicklungen in Genetik, Reproduktion oder Lebensverlängerung sowie auf deren soziale und ökologische Implikationen. Entscheidend ist dabei nicht allein eine Erweiterung des Gegenstandsbereichs, sondern eine Verschiebung der Perspektive, nämlich von der Regelung einzelner Handlungen hin zur Frage nach den strukturellen Voraussetzungen und Legitimationsgrundlagen medizinischen Handelns. Bioethik kann somit als interdisziplinäre Erweiterung medizinethischer Fragestellungen verstanden werden, die den Umgang mit Leben reflektiert.[2]
Historische Bezüge spielen in diesen Debatten eine wichtige Rolle. Nationalsozialistische Eugenik und andere medizinische Gewaltpraktiken fungieren häufig als Referenzpunkte, an denen sich Sensibilitäten für Fragen von Selektion, Bewertung und Optimierung menschlichen Lebens ausbilden. Diese Negativfolien entfalten ihre Wirkung insbesondere dort, wo technologische Eingriffe in Reproduktion und Genetik seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ethische Neuverhandlungen provozierten. Die Debatten um In-vitro-Fertilisation und Pränataldiagnostik können hier als paradigmatische Beispiele einer dauerhaften Rückbindung biomedizinischer Neuerungen an eugenische Vergleichshorizonte genannt werden. Deutlich wurde diese – in Deutschland besonders ausgeprägte – Sensibilität auch in der öffentlichen Kritik an der Bioethik-Konvention des Europarates in den 1990er-Jahren, die teils als Relativierung des Schutzes von Menschen mit Behinderungen wahrgenommen wurde.[3]
Bio- und Medizinethik sind damit nicht lediglich nachgelagerte Deutungssysteme medizinischer Praxis, sondern entfalten sich in demselben historischen Prozess wie die Technologien, die sie reflektieren. Biowissenschaftliche und medizinische Diskurse tragen dazu bei, Vorstellungen von Normalität und Abweichung zu stabilisieren und deren Kriterien überhaupt erst zu definieren – etwa entlang von Kategorien wie Geschlecht, Herkunft oder körperlicher Leistungsfähigkeit. Ethik formiert sich inmitten dieser Prozesse: in institutionellen Aushandlungen ebenso wie in Interventionen von Patient:innen, Aktivist:innen und anderen Träger:innen sogenannter „Laienexpertise“.[4]
Bio- und Medizinethik ist damit weniger ein konsolidiertes Wissensfeld als eine historisch kontingente Formation, die aus Konflikten um wissenschaftliche Praxis, gesellschaftliche Normierung und politische Regulierung hervorgeht. Ihre Geschichte – beziehungsweise ihre historische Erforschung – muss daher sowohl Innovationskontexte als auch die langfristige Wirksamkeit historischer Erfahrungen bis in die Gegenwart berücksichtigen. Bio- und Medizinethik erscheinen so als dynamische Prozesse gesellschaftlicher Selbstverständigung über die Bedingungen und Grenzen des Lebens: Neue medizinische Möglichkeiten erzeugen neue normative Fragen – historische Erfahrungen setzen die Maßstäbe, nach denen wir sie beurteilen.
[1] „Britische Arzneimittelbehörde lässt erste CRISPR-Gentherapie gegen Sichelzellanämie und Beta-Thalassämie zu“, Deutsches Ärzteblatt, 16.11.2023, online unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/147361 (abgerufen am 27.04.2026).
[2] Vgl. Eckart, Wolfgang U. (Hrsg.): Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Eine Einführung, Berlin/Heidelberg: Springer, 2013; Gehring, Petra: Biegsame Expertise. Bioethik in der Praxis, Berlin: Suhrkamp, 2025; Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit, Stuttgart: Trias, 2014.
[3] Klinnert, Lars: Der Streit um die europäische Bioethik-Konvention. Zur kirchlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung um eine menschenwürdige Biomedizin, Göttingen: Edition Ruprecht, 2009.
[4] Vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1983; Epstein, Steven: Impure Science. AIDS, Activism, and the Politics of Knowledge, Berkeley: University of California Press, 1996; Mol, Annemarie: The Logic of Care. Health and the Problem of Patient Choice, London/New York: Routledge, 2008.
Zitation
Anna Derksen, Nie ohne Widerspruch?. Zur historischen Verortung der Bio- und Medizinethik, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/nie-ohne-widerspruch