Wenn in Berlin im September 2026 Tausende Abtreibungsgegner beim „Marsch für das Leben“ demonstrieren und Gegenproteste auf das Klinikgelände der Charité vordringen, um ein „Zeichen gegen Angriffe auf das Gesundheitswesen“ zu setzen, wird sichtbar, wie umkämpft Fragen rund um Schwangerschaftsabbruch und reproduktive Rechte weiterhin sind. Auch die Kontroverse um die Leihmutterschaft, die der CDU-Politiker Jens Spahn für die eigene Familiengründung im Ausland in Anspruch nahm, verweist auf grundlegende Konflikte: Spahn hatte sich wiederholt öffentlich gegen Leihmutterschaft ausgesprochen. Beide Beispiele berühren Fragen reproduktiver Selbstbestimmung, privater Lebensführung und staatlicher Regulierung. Sie machen zugleich deutlich, wie schnell Debatten über medizinische Möglichkeiten in Moralisierungen und Glaubwürdigkeitskonflikte münden können.
Diese Fragen beschäftigen Politik und Öffentlichkeit seit Jahrzehnten. Als die DDR 1972 den Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen grundsätzlich erlaubte, regte sich vor allem in kirchlichen und medizinischen Kreisen Widerspruch. Das Gesetz wurde in der Volkskammer mit 14 Gegenstimmen und acht Enthaltungen verabschiedet, als erstes und bis 1989 einziges Gesetz nicht einstimmig.[1] 1974 fand in Washington, D.C. der erste „March for Life“ statt.[2] Und bereits 1988 debattierte der Deutsche Bundestag über Leihmutterschaft und neue Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin. Doch die historischen Fälle werfen Fragen auf, die über ihren jeweiligen Kontext hinausweisen: Wer soll über „Leben, Körper, Tod“[3] entscheiden? Was gilt als normal, zulässig, wünschens- oder verhindernswert?
Die Beiträge des Dossiers entstanden im Rahmen des Forschungsnetzwerks „Geschichte der Bio- und Medizinethik“ (GBME). Sie eröffnen historische, philosophische und anthropologische Perspektiven auf biowissenschaftliche Innovation und Risikomanagement, Reproduktion und Geschlecht, assistierten Suizid und medizinische Gewalt.
Das Dossier wird ständig erweitert. Interessierte wenden sich bitte an die Herausgeberinnen oder an die Redaktion von zeitgeschichte|online.
Reihenfolge der Beiträge
Anna Derksen und Katrin Weber: Nie ohne Widerspruch? Zur historischen Verortung der Bio- und Medizinethik
Lisa Blum: Von Atomkraft, Angst und angewandter Ethik. Politische Rezeptionen des „Prinzip Verantwortung“ in der Bundesrepublik
Felix Sommer: „…gibt es im deutschsprachigen Raum nicht“ – über ein Narrativ von der Inexistenz medizinethischer Zeitschriften
Anna Rifat Klassen: Davos im Schatten von Asilomar. Die Konferenz „Genetic Engineering. Its Applications and Limitations“ (1974)
Lukas Schretter und Irene Zauner-Leitner: NS-Biopolitik und museale Vermittlung. Wie NS-Euthanasie und Lebensborn in Beziehung setzen?
Alik Mazukatow: Vermessungen von Geschlecht – Biomedizinische Konzepte, klinische Behandlung und aktivistische Einwände
Frauke Gärtner: Vom philosophischen Problem zur medizinethischen Praxisfrage: Über das Lehren von assistiertem Suizid
Manuel Bolz: Medizinverbrechen, Menschenversuch, Gesundheitsskandal: Kulturanthropologische Perspektiven auf die Tuskegee-Syphilis-Studie
[1] Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft vom 9. März 1972, in: Gesetzblatt der DDR, Teil I, 1972, Nr. 5, S. 89–90; Bock, Jessica: „Der Schwangerschaftsabbruch in der DDR. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Fakten“, in: Deutschland Archiv, 20.11.2023, https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/542838/der-schwangerschaftsabbruch-in-der-ddr/.
[2] Williams, Daniel K.: Defenders of the Unborn. The Pro-Life Movement before Roe v. Wade. Oxford: Oxford University Press, 2015.
[3] Vgl. Schöne-Seifert, Bettina: Leben, Körper, Tod. Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik. Göttingen: Wallstein-Verlag, 2025.
Zitation
Anna Derksen, Katrin Weber, Lebensfragen. Geschichte und Konflikte der Bio- und Medizinethik, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/lebensfragen