Helmut Kohl in Dresden
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Demonstrationen während des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Kohl in Dresden am 19.12.1989, BStA, eastblockworld, EBW_PH_1347268

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Wer sind die „89er“?

Rechte Stimmen im Erbstreit um die Friedliche Revolution

Der Begriff „89er“ scheint auf den ersten Blick klar zu sein: Revolutionär:innen, die sich im Herbst 1989 gegen die SED-Diktatur aufgelehnt hatten. Während sich Ostdeutsche, und insbesondere DDR-Bürgerrechtler:innen, sich dieser Selbstbezeichnung zunehmend erst nach 2015 annahmen, operierte die Neue Rechte bereits in den 1990er Jahren mit der Bezeichnung. Wer benutzt diesen Begriff demnach als Legitimation für was? Dieser Artikel skizziert eine Auswahl der verschiedenen Interpretationen dieser „strategischen Gruppe“, worüber sich eine plurale Erinnerung an das Erbe der Revolution herauskristallisiert und der neurechte Mythos der „89er“ dekonstruiert wird.

 

Wer sind die „89er“?

Wer sind die sogenannten 89er? Grundsätzlich assoziiert man darunter schnell DDR-Oppositionelle, die im Herbst 1989 an der Friedlichen Revolution gegen die SED-Diktatur beteiligt waren. Das Altersspektrum der damals aktiven oder aktiv gewordenen Menschen, reichte jedoch vom Jugendlichen bis zum Mittvierziger oder sogar darüber hinaus. Kann es sich demnach bei den „89ern“ noch um eine Generationseinheit wie die „68er“ und „45er“ handeln? [1] Oder war es gar eine deutsch-deutsche Jugendbewegung? War es eine Bewegung, die „ihr“ 1968 nachholen wollte, und sich explizit gegen diese linke Strömung von damals positionierte? Als „89er“ bezeichnen sich jedoch auch Neurechte, die mit der Friedlichen Revolution erst einmal nichts zu tun hatten, sich damit aber explizit gegen die „68er“ abzusetzen versuchen. Je mehr wir uns dem Begriff annähern, desto schwieriger wird diese vermeintlich klare Zuschreibung der „89er“, die sich in vielfältigen, erinnerungspolitischen Interpretationen verliert. Sinnvoller erscheint es deshalb, die „89er“ eher als „strategische Gruppe“ [2] anzusehen, die gegenwärtig gesellschaftspolitisch ihre Stimme erhebt: Legitimiert ist sie darin nur zum Teil über ihr Handeln in einer Diktatur. Dieser Beitrag skizziert deshalb die „89er“ in ihrer Bandbreite, um den rechten Mythos zu dekonstruieren: angefangen bei den westdeutschen „89ern“ der 1990er Jahre über AfD und Pegida bis hin zu ostdeutschen Bürgerrechtler:innen.

 

1989er als (gesamt-)deutsche Jugendbewegung?

„Was würdest Du in Deutschland zuerst ändern wollen, wenn du könntest? – Ich würde die 68er Sesselhocker aus ihren Ämtern holen!“ Diesen Steckbrief-Fragebogen beantwortete der damals 18-jährige Allgäuer Manuel Ochsenreiter in dem Sammelband „Wir ‘89er“. „Was willst du in deinem Leben bewirken? – Vielleicht eine kleine ‚konservative‘ Revolution.“ [3] Ochsenreiter wurde Journalist und arbeitete später für Zeitungen der Neuen Rechten wie der „Jungen Freiheit“ oder „Sezession“ des Instituts für Staatspolitik von Götz Kubitschek und für die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD). Der 1995 erschienene Sammelband „Wir ‘89er“ publizierte von jungen, hauptsächlich westdeutschen Anfang- bis Mittzwanzigern den Wunsch, zu der 1989 entstandenen Aufbruchsstimmung durch die Friedliche Revolution dazuzugehören. Darin versuchten unter anderem Ellen Kositza, Roland Bubik oder Dieter Stein ein Lebensgefühl der jungen neurechten Generation zu formulieren und den Mut zu Selbstaneignung, Protest und Opposition auch für rechte Westdeutsche zu popularisieren. [4]

Die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung hatten auf Seiten der intellektuellen Neuen Rechten hohe Erwartungen auf einen neuen Nationalismus und den Wunsch nach einem Aufbegehren dieser „stillen Mehrheit“ geweckt. Das Zusammengehen beider deutscher Staaten bedeutete für die Neue Rechte die Chance für die „Normalisierung“ Deutschlands, ein Ende der deutschen Sonderwegsdebatte und die Neubewertung von Hitlers Verbrechen durch Vergleich und teils Gleichsetzung mit dem Stalinismus. Besonders verdeutlicht wurde dies im Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ (1994), herausgegeben von Ulrich Schacht und Heimo Schwilk. Indem sich die Autor:innen wie Kositza, Bubik, Stein, aber auch Schacht und Schwilk, selbst als „1989er“ stilisierten, die Antagonist:innen zu den 1968ern seien, versuchten sie bereits früh ein breiteres Verständnis von der Friedlichen Revolution zu etablieren. Diesem konnten sich dann, neben den Ostdeutschen, auch und vor allem rechtskonservative Westdeutsche problemlos anschließen. Diesen Akteur:innen galt die Chiffre „89“ als historische Chance eines „roll-backs“ von „68“ (West). Dahinter lag die Annahme, dass Ostdeutsche keine 68er-Generation hatten, demzufolge eine Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte fehlte und der Osten darüber den Intentionen der Neuen Rechten offener gegenüberstünde. Daher charakterisierten sich die neurechten „89er“ als all das, was die 68er nicht waren: anti-liberal und anti-universalistisch. [5]

Friedemann Schmidt sah daher die Epochenzäsur 1989/90 als Katalysator für den Aufschwung Rechtsintellektueller, die sich im Wechselspiel zwischen Neuer Rechten und Mehrheitsgesellschaft nach und nach einer immer größer werdenden Öffentlichkeit präsentieren kann. Dabei knüpft sie an den Neo-Nationalismus und die Identitätsdebatten aus den 1980er Jahren an und sucht im gesamten politischen Spektrum Bezugspunkte. [6] Den bisherigen Höhepunkt scheint diese Entwicklung im Aufstieg der AfD gefunden zu haben. Doch warum bezeichnen sich gerade Neurechte als „89er“ und nicht die eigentlichen Akteure von damals? Erst mit Slogans wie „Hol dir dein Land zurück“, „Wir sind das Volk“ oder „Wende 2.0“ und der Besetzung von Begriffen und Methoden aus der Zeit der Friedlichen Revolution schien die AfD insbesondere die Akteure von damals, so gesehen die eigentlichen „89er“, zu triggern und forderte sie erinnerungspolitisch heraus.

 

Appell(e) an die Politik

DDR-Bürgerrechtler:innen melden sich gerne via Appell zu Wort: ob gegen die Sozialreform Hartz IV (2004) [7] oder für die Freiheit der Ukraine (2022) [8]. Doch in der „Erklärung von Chemnitz“ (2018) [9], die anlässlich der rassistischen Auseinandersetzungen nach einem Totschlag durch Asylbewerber entstanden ist, wandten sich DDR-Bürgerrechtler:innen erstmals gegen eine (rechts-)populistische Vereinnahmung des sinngemäßen Ausspruchs der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“. Für den evangelischen Pfarrer und Demokratie Jetzt-Mitbegründer Stephan Bickhardt sei diese Erklärung „die späte, vielleicht zu späte Aufforderung an den 1989er Kreis, dem zu widersprechen, dass Bärbel Bohleys Satz uminterpretiert“ werde. [10]

Dieser Widerspruch erfolgte auch bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen 2019 und 2024. Mit dem Appell „Nicht mit uns: Gegen den Missbrauch der Friedlichen Revolution 1989 im Wahlkampf“ formulierten die Erstunterzeichner und ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Frank Ebert, Uwe Schwabe und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk den Protest gegen die Vereinnahmung der Friedlichen Revolution von rechts. Darin widersprachen sie vehement dem von der AfD durch die Slogans „Vollende die Wende“ verbreiteten Gedanken, die Revolution sei nicht erfolgreich gewesen und im jetzigen Deutschland würden heute ähnliche Verhältnisse wie in der DDR herrschen. Mittels der öffentlichen Erklärung bestreiten diese „an den 89er Geschehnissen aktiv beteiligte Bürger und Bürgerinnen“ diese „absurden Gleichsetzungen und Aneignungsversuche der Revolution von 1989“. [11] Dieser Appell von 2019 konnte den Wähler:innen-Zulauf zur AfD jedoch kaum stoppen. Gerade die Ergebnisse in den drei ostdeutschen Bundesländern im September 2024 hatten die politische Öffentlichkeit aufgewühlt: Die rechtsextreme AfD erhielt in Sachsen 34 % und holte in Thüringen mit 34,3 % sogar den größten Stimmenanteil aller Parteien.

Doch die DDR-Bürgerrechtler:innen wenden sich nicht nur gegen Rechts. 2024 fuhr auch die neugegründete linksnationale Partei „Bündnis Sarah Wagenknecht“ (BSW) in Thüringen und Brandenburg ebenfalls aus dem Stand zweistellige Ergebnisse ein. Kurz vor diesen Wahlen hatten sich abermals DDR-Bürgerrechtler:innen mit dem Aufruf „BSW, wie hältst du es mit der Wahrheit“ [12] zu Wort gemeldet. Sie appellieren darin an die Wähler:innen beziehungsweise explizit an die CDU und ihren Vorsitzenden Friedrich Merz: Er solle keine Koalition, ja noch nicht einmal eine Tolerierung durch BSW und AfD zulassen. Die Unterzeichner:innen nennen sich selbst Demokrat:innen und Vertreter:innen der Friedlichen Revolution. Als solche verorteten sie sich entsprechend des antitotalitären Konsenses in der Mitte, aus der heraus sie sich gegen diese – aus ihrer Sicht – extremen politischen Ränder wenden.

In all dem schwingt die Vorstellung mit, dass die DDR-Bürgerrechtsbewegung eine relativ homogene Gruppe darstellt. Doch im Namen der 89er-Revolution zu sprechen, wird heute durch unterschiedliche Interpretationen der Geschehnisse von damals herausgefordert. Damit wird es gleichzeitig immer schwieriger, das Erbe von 1989 für das eigene aktuell politische Anliegen zu reklamieren. So ruft der oben genannte Appell auch Gegenstimmen hervor: Der 1988 wegen Fragen zu Frieden, Solidarność und Neonazis in der DDR von der Schule relegierte und ehemalige Bundestagsabgeordnete der CDU, Philipp Lengsfeld, fragte zum Beispiel auf der Plattform X, wer hier die „Demokraten“ seien? Er finde die Anmaßung des Appells „hanebüchen“, wenn Politiker:innen sich das Attribut „demokratisch“ selbst anheften, und habe keine Angst vor dem BSW [13], das man an seinen Taten messen müsse. Für ihn bedeuten Demokratie und Freiheit „ein Anspruch, an dem man gemessen wird“, keine Selbsterklärung. [14]

Das Engagement der DDR-Bürgerrechtler:innen gegen politische Strömungen wie das BSW erinnert eher an die 1990er (und 2000er) Jahre, als die PDS und später Die Linke noch das Ziel solcher Appelle gewesen waren. 1994 gingen in dem sogenannten Berliner Appell „Wehret den Anfängen“, initiiert von den oben genannten neurechten Autoren Heimo Schwilk und Ulrich Schacht, eine Handvoll DDR-Bürgerrechtler wie Reiner Eppelmann oder Wolfgang Templin mit ihrer Unterschrift eine Allianz mit der Neuen Rechten ein. Im Appell warnten sie bundesweit vor einem Erstarken der Linken und bedauerten – gemäß dem im selben Jahr erschienenen Buch „Die selbstbewusste Nation“ – eine Herabsetzung rechtskonservativer Standpunkte. [15] Das heißt, DDR-Bürgerechtler:innen mischten und mischen sich in aktuelle gesellschaftliche Belange einer Demokratie ein, legitimiert durch ihr oppositionelles Handeln in einer Diktatur. Meist geschieht dies getreu dem Motto „dafür/dagegen sind wir 89 nicht auf die Straße gegangen“. [16] Die Mobilisierung von DDR-Bürgerrechtler:innen gegen Links ist also nichts Neues und eher als Kontinuität zu fassen, während der heutige unterschiedliche Umgang mit der politischen Rechten eher erklärungsbedürftig ist.

 

Pegida – der „Durchschnitt der Bevölkerung“?

Es sind die neuen Montagsdemonstrationen, die diese Kluft innerhalb der Bürgerrechtler:innenszene veranschaulichen. Der Montag war seit den Kommunalwahlen in der DDR im Mai 1989 der Wochentag gewesen, an dem DDR-Bürger:innen gegen die Wahlfälschung der SED und für ihre Freiheitsrechte auf die Straße gingen. Zeitlich fast parallel zur Vereinnahmung der Friedlichen Revolution durch die AfD wählten auch die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) den Montag für ihre Proteste gegen die sogenannte Flüchtlingskrise um 2015. Nun forderte Pegida die Einschränkung der Rechte für Asylbewerber:innen, die die 1989 geforderte Reise- und Bewegungsfreiheit für sich nutzen wollten. Allein in Dresden zog es in den Hochzeiten der Bewegung bis zu 25.000 Menschen auf die Straße. Damit wurde Dresden zur Hochburg von Pegida. Reinhard Schult, Gründungsmitglied des Neuen Forums, wehrte sich massiv gegen die Vereinnahmung des Montags und der „Wir sind das Volk“-Rufe – Symbole der Friedlichen Revolution – durch Pegida. Er sprach ihnen jegliche Legitimation des 89er-Erbes ab: „Ihr sprecht nicht für ‘89. Ihr sprecht für keine Freiheitsbewegung. Ihr seid deren Schande. Schämt euch.“ Nach ihm sollte sein gemeinsam mit Thomas Klein und Bernd Gehrke verfasster „Weihnachtsgruß der 89er“ gerade „nicht das Gespräch mit den Pegida-Demonstrant/innen suchen, sondern den Widerstand gegen sie ermuntern“. [17]

Der „89er Kreis“ – egal ob langjährige DDR-Bürgerrechtler:innen oder erst im Herbst 1989 aktiv Gewordene – ist aber alles andere als homogen. Das stellte bereits der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in einem Spiegel-Interview fest. [18] So hielten es damalige Mitstreiter:innen Schults, nämlich die DDR-Bürgerrechtler:innen Vera Lengsfeld, Frank Richter und Michael Beleites ganz anders mit diesem „Durchschnitt der Bevölkerung“ [19]. Alle drei halten das Gespräch mit Pegida-Demonstrant:innen für notwendig. Beleites sieht in den Pegida-„Spaziergängen“ zwar keinesfalls eine Fortsetzung von 1989, doch erkennt er darin insofern Parallelen, als dass sich heute wieder Probleme angestaut hätten, über die abermals nicht geredet werde. Und das Miteinanderreden sei schließlich das Merkmal der Friedlichen Revolution gewesen. So lesen sich sowohl sein Vorwort zu der Pegida-Chronik von Sebastian Hennig [20] als auch Frank Richters Intervention „Hört endlich zu!“. Nach dem damaligen Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, Richter, werde Opposition mittlerweile als Angriff aufgefasst und betrieben, alle Vermittlungsversuche würden diskreditiert. [21]

 

Der gemeine „89er“ heute in Deutschland?

Doch nicht nur bekannte DDR-Bürgerrechtler:innen und Publizist:innen beziehen sich auf „ihr“ „Erbe von 1989“ [22]. Befragte eines Gruppeninterviews in Sachsen bezeichneten sich ebenfalls als „89er“ – und gehörten sicherlich nicht zu dem aktivistischen „89er Kreis“, den Bickhardt oder auch Schult weiter oben noch beschworen hatten – im Gegenteil. Als „89er“ ziehen diese Ostdeutschen aus ihrer Erfahrung mit Diktatur, vermeintlicher oder tatsächlicher Gewalt während der Revolution und durch die Treuhand (als „Verlustgeschichte“), die sie für gesellschaftliche Veränderungen besonders sensibel mache, eine „bestimmte Verpflichtung“ zu erneuter politischer Intervention. Ihre Auseinandersetzung mit der Demokratie sehen sie in einer kritischen Begleitung der Politik im Sinne einer außerparlamentarischen Opposition (APO). Damals hatten sie sich – vermutlich erst mit dem Aufkommen der Demonstrationsbewegung im Herbst 1989 – zwar im Neuen Forum engagiert, hießen die spätere Fusion dieser als „Bündnis 90“ bekannt gewordenen Bürgerbewegung mit der Partei Die Grünen jedoch nicht gut. DieVereinigung beider Parteien im Jahr 1994 wurde von ihnen damals bisweilen sogar als Verrat angesehen, weil die kleine ostdeutsche Partei damit den „Kern der Widerständigen“ verlassen hätte – heute laufen sie bei Pegida mit. [23]

All dies hat die Sozialwissenschaftlerin Greta Hartmann in ihrem Aufsatz „Wir ‘89er“ zusammengefasst, indem sie die Befunde der Gruppendiskussion in Bezug auf die allgemeine Krise der politischen Repräsentation interpretiert. Demnach sei die offizielle Erinnerungspolitik zur Friedlichen Revolution und Wiedervereinigung eng mit der Legitimation des politischen Systems der Bundesrepublik verknüpft worden. In diesem Sinne argumentierte auch noch der Appell von 2019 „Nicht mit uns“, in dem es hieß: „Mit der Wiedervereinigung erfüllten sich die Ziele der Revolution: Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, offene Grenzen, ein geeintes Europa und Wahrung der Menschenrechte. […] Die DDR war eine kommunistische Diktatur, und die Bundesrepublik ist eine freiheitliche Demokratie. Wer diese Unterschiede nicht anerkennt, verharmlost die SED-Diktatur.“ [24] Doch diese Geschichte, die als abgeschlossenes Ereignis und staatliche Legitimation nach dem Zusammenbruch der DDR vermittelt wurde und wird, werde nun, nach Hartmann, zunehmend infrage gestellt, und darüber auch das jetzige politische System. [25]

So kristallisieren sich mit dem „89er“-Begriff verschiedene politische Positionen heraus und darüber auch unterschiedliche Auffassungen zum Thema Demokratie, insbesondere bei den ostdeutschen „89ern“. Die Wurzeln dieser Vielfalt der ostdeutschen Demokratieverständnisse scheinen wiederum im Umbruchsjahr 1989 und davor zu liegen, wie die Historikerin Christina Morina herausgearbeitet hatte. [26] So findet sich beispielsweise eine weitere Variante des „89ers“ auch in der Person des Autors Thomas Brussig wieder, der sich selbst als den ersten „Alt-1989er“ ausrief. Brussig (Jg. 1965), berühmter ostdeutscher Autor („Helden wie wir“, 1995), entwickelte 2019 im Tagesspiegel dieses revolutionäre Selbstporträt in Anlehnung an die „Alt-68er“. Er habe einen „Ich-will-Teil-einer-Jugendbewegung-sein-Komplex“, weshalb er seine Revolutionserfahrung den 1968ern quasi als nachholende Erfahrung hinzufügte. Zu seiner Standortbestimmung gehörte, damals gegen die Wiedervereinigung gewesen zu sein, sich nun aber mit dem Begriff „Deutschland“ versöhnt zu haben. Doch die „Sache mit der Demokratie“ sei auch für ihn noch unerledigt. Sie sei nicht nur mit dem Bundestag gleichzusetzen, sondern mehr als das. Und so denkt Brussig als „Alt-89er“ weiterhin über „eine jungbrunnenmäßige Erneuerung“ der Demokratie nach. [27]

Während der eine nach und nach im wiedervereinigten Deutschland anzukommen scheint (Brussig), entfernen sich andere ostdeutsche „89er“ zusehends von diesem (Gruppendiskussion). Alle hadern auf die eine oder andere Art und Weise mit der Demokratie, wie sie sich in den 2020er Jahren präsentiert. Sah Brussig in den „89ern“ noch eine nachholende Erfahrung zu „68“, hatten die eingangs erwähnten neurechten und westdeutschen „89er“ Anfang der 1990er Jahre das Epochenjahr bereits als anti-liberales Element im neurechten Diskurs instrumentalisiert und verankert. Dieser Diskurs ist wiederum heute anschlussfähig geworden, insbesondere für diejenigen, die an der bundesdeutschen Demokratie zweifeln. Ochsenreiters eingangs erwähnter Wunsch, eine „kleine ‚konservative‘ Revolution“ zu starten, scheint bereits in vollem Gange zu sein. Schmidts Wechselspiel zwischen Neuer Rechten und Mehrheitsgesellschaft wird einerseits durch Ereignisse wie die „Flüchtlingswelle“ 2015 oder die staatlichen Maßnahmen während der Corona-Pandemie 2020–2022, andererseits aber auch durch die sozialen Medien nochmals verstärkt: So hat sich zuletzt eine junge rechtsextreme Gruppe aus Nordrhein-Westfalen „Kombat 89“ genannt. Obwohl ihre gewaltbereiten Mitglieder viel zu jung für das Erleben des Epochenjahres 1989/90 sind, scheint der Bezug darauf jedoch deutlich und das neurechte Narrativ darin fest verankert zu sein. [28]

 

Fazit – 89er als plurale Erinnerung

Von Ost als auch West, von der „Mitte“ über Parteilose und DDR-Bürgerrechtler:innen bis hin also zu Akteur:innen der Neuen Rechten reklamierten und reklamieren zu unterschiedlichen Zeiten mehrere Generationen und verschieden politisch Interessierte das „89er“-Erbe für sich. „89(er)“ ist damit weder eine bestimmte Generationsbezeichnung noch die eine politische Richtung und auch keine gemeinsame Erinnerung (mehr). Außer des gemeinsamen Nenners, gegen die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) gewesen zu sein, hat es niemals eine sich einige DDR-Bürgerbewegung gegeben. Genau das spiegelt sich auch in den politischen Deutungskämpfen um das Erbe von den „89ern“ wider, worum mittlerweile auch wissenschaftlich mit Leidenschaft gestritten wird. [29] Die „89er“ sind zudem weder ein klar neurechtes Konstrukt noch im legitimen Alleinbesitz der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

Doch ein markanteres Merkmal der „89er“ insgesamt scheint vielmehr der facettenreiche und plurale erinnerungspolitische Bezug zu sein. Demzufolge handelt es sich bei den 89ern zwar um eine „strategische Gruppe“ in dem Sinne, dass alle eine historisch-politische und moralische Legitimation aus dem Erbe der Friedlichen Revolution von 1989 abzuleiten versuchen. Dies geschieht jedoch aus sehr verschiedenen Motivlagen und Wahrnehmungen heraus, wodurch entsprechend unterschiedliche und schwer miteinander vereinbare Schlussfolgerungen für das eigene politische Handeln und Standortbezogenheit gezogen werden.

Darüber hinaus mengt sich in die Erinnerung der „89er“ mittlerweile auch die Transformationserfahrung der 1990er Jahre ein. Das empfundene „Erbe“, also die Ableitung politischer Aktivität aus dieser Erinnerung, ist vielseitig. Somit sind die „89er“ keineswegs nur eine rein innerostdeutsche, sondern auch eine gesamtdeutsche Auseinandersetzung mit vielfältigen Einflüssen in dieser „Wiedervereinigungsgesellschaft“ (Thomas Großbölting). In der Auseinandersetzung mit den Aneignungen des Erbes von 1989 durch Pegida und AfD und dem Widerstand gegen das BSW ist diese Pluralität der Erinnerung an die DDR endgültig sichtbar geworden. Diesbezüglich scheint die Beobachtung interessant zu sein, dass die Selbstbezeichnung „89er“ unter den Ostdeutschen im Allgemeinen und unter den DDR-Bürgerrechtler:innen im Besonderen erst nach 2015 eine Renaissance erlebte. Mit der neuen Konjunktur der (Neuen) Rechten also, berufen sich auch die eigentlichen „89er“-Revolutionäre wieder auf „ihr revolutionäres Erbe“, das sie – je nach Perspektive – von diesen bedroht oder mehr oder weniger erfüllt sehen.

 


[1] Siehe auch Claus Leggewie, Die 89er. Portrait einer Generation, Hamburg 1995.
[2] Vgl. Dominik Rigoll/Laura Haßler, Forschungen und Quellen zur deutschen Rechten, Teil 1: Ansätze und Akteur*innen, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 61 (2021), S. 569–611, hier S. 596.
[3] Manuel Ochsenreiter, Erziehungssache, in: Roland Bubik (Hrsg.), Wir ‘89er. Wer wir sind und was wir wollen, Frankfurt am Main/Berlin 1995, S. 209–225, hier S. 210.
[4] Vgl. Roland Bubik (Hrsg.), Wir ‘89er. Wer wir sind und was wir wollen, Frankfurt am Main/Berlin 1995, hier insbesondere S. 7–11 (Vorwort).
[5] Vgl. Friedemann Schmidt, Die neue Rechte und die Berliner Republik. Parallel laufende Wege im Normalisierungsdiskurs, Wiesbaden 2001, S. 47–54, 180-190; Michael Lühmann, Identitäten und Anerkennungen im Vereinigungsprozess, in Judith Enders/Raj Kollmorgen/Ilko-Sascha Kowalczuk (Hrsg.), Deutschland ist eins – vieles. Bilanz und Perspektiven von Transformation und Vereinigung, Frankfurt am Main 2021, S. 253–360, hier S. 294–295; Rainer Benthin, Die neue Rechte in Deutschland und ihr Einfluss auf den politischen Diskurs der Gegenwart, Frankfurt am Main–Berlin 1996, S. 95, 99, 130.
[7] Vgl. Erklärung von Angehörigen ehemaliger DDR-Oppositionsgruppen, „Wir protestieren gegen Hartz IV“, 29.8.2004, https://archive.org/details/2004-08-29_Erklaerung-ehemaliger-DDR-Oppositioneller-ggn-Hartz-IV [30.12.2025].
[8] Vgl. Ilko-Sascha Kolwaczuk und Uwe Schwabe, „Hisst die ukrainische Flagge überall! Sie ist jetzt die Freiheitsflagge der Welt! Russischer Angriffskrieg gegen die freie und unabhängige Ukraine“, 24.2.2022, URL: https://www.havemann-gesellschaft.de/beitraege/hisstdieukrainischeflaggebe/ [22.12.2025].
[10] Sibylle Sterzig, Streit ums ’89er-Erbe, in: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, 23.9.2028, URL: https://www.sonntag-sachsen.de/2018/38/streit-ums-89er-erbe [22.12.2025].
[12] Vgl. Mitglieder der Bürgerbewegung der DDR, „BSW, wie hältst du es mit der Wahrheit?“, in: The European. Das Debatten-Magazin, 5.8.2024, URL: https://www.theeuropean.de/gesellschaft-kultur/bsw-wie-haeltst-du-es-mit-der-wahrheit [22.12.2025].
[13] Philipp Lengsfeld, „Ich habe keine Angst vor Sahra Wagenknecht!“, 5.7.2024, in: Blog Vera Lengsfelds, URL: https://vera-lengsfeld.de [1.7.2026].
[14] Philipp Lengsfeld, X-Post vom 6. August 2024. Siehe auch Lengsfeld, Philipp: An Birthler, Kowalczuk und andere DDR-Bürgerrechtler: „Wagenknecht ist eine Demokratin!“, Berliner Zeitung, 14.8.2024, https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/an-birthler-kowalczuk-und-andere-ddr-buergerrechtler-wagenknecht-ist-eine-demokratin-li.2244592 [30.12.2025].
[15] Vgl. Heimo Schwilk/ Ulrich Schacht, „Berliner Appell: Wehret den Anfängen!“, in: Initiative Recherche und Reflexion (InRuR), URL: https://inrur.is/wiki/Der_Text_und_die_UnterzeichnerInnen_des_Berliner_Appells [30.12.2025]. Siehe auch Uwe Rada, Bürgerrechtler in der rechten Ecke, die taz, 5.3.1994, URL: https://taz.de/Buergerrechtler-in-der-rechten-Ecke/!1573543/ [30.12.2025]; Schmidt, Neue Rechte, S. 215–216.
[16] Siehe dafür z. B. Ebert, Schwabe, Kowalczuk, „Nicht mit uns“ (siehe Anm. 11).
[17] Anja Maier, „Jesus hätte gekotzt“, taz, 22.12.2014, https://taz.de/DDR-Oppositionelle-ueber-Pegida/!5025521/ [30.12.2025].
[18] Vgl. Felix Wellisch, „In der Regierung sitzen Brandstifter“, Der Spiegel, 11.9.2028, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/historiker-zu-chemnitz-in-der-regierung-sitzen-brandstifter-a-1227130.html [30.12.2025].
[19] Vera Lengsfeld, Warum (nicht) zu Pegida gehen?, Blog achgut, 27.1.2015, https://www.achgut.com/artikel/warum_nicht_zu_pegida_gehen [30.12.2025].
[20] Vgl. Michael Beleites, Vorwort, in: Sebastian Hennig, Pegida. Spaziergänge über den Horizont. Eine Chronik, Neustadt an der Orla 2015, hier S. 11-13.
[21] Vgl. Frank Richter, Hört endlich zu! Weil Demokratie Auseinandersetzung bedeutet, Berlin 2018, S. 20, 22–23, 27.
[22] Siehe dazu auch die Projekte auf der gleichnamigen Webseite: https://www.erbe89.de/ [30.12.2025].
[23] Greta Hartmann, „Wir ’89er“. Geschichtspolitische Aneignungen der Erinnerung und alltagsweltliche Resonanzen, in: Alexander Leistner/Monika Wohlrab-Sahr (Hrsg.), Das umstrittene Erbe von 1989. Zur Gegenwart eines Gesellschaftszusammenbruchs, Köln 2021, S. 145–165, hier S. 152, 154–159, 161–163, siehe auch DOI: https://doi.org/10.7788/9783412523848.145. In eine ähnlich Richtung wie die Gruppendiskussion geht auch die „Oberlausitzer Erklärung 2018 der Bürgerinitiative ‚die 89er‘. Für den Erhalt der Meinungsfreiheit“, die anscheinend als Flugblatt verteilt wurde und als Foto auf der Plattform X verbreitet wurde.
[24] Ebert, Schwabe, Kowalczuk, „Nicht mit uns“ (siehe Anm. 11).
[25] Vgl. Hartmann, „Wir ‘89er“, S. 152–153 (siehe Anm. 22).
[26] Vgl. Christina Morina, Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren, München 2023.
[27] Thomas Brussig im Interview mit dem Tagesspiegel, „Bekenntnisse eines Alt-89ers“, 4.9.2019, https://www.tagesspiegel.de/kultur/wozu-sind-wahlen-eigentlich-gut-6604945.html [30.12.2025].
[28] Vgl. Christof Voigt, Rechtsextreme Gruppe „Kombat 89“: Turbo-Radikalisierung via TikTok, WDR, 12.8.2025, https://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/rechtsextreme-gruppe-radikalisiert-tiktok-100.html [30.12.2025].
[29] Vgl. u. a. Thomas Großbölting, Wem gehört die Revolution? Die Pollack-Kowalczuk-Kontroverse von 2019 als Lehrstück von Wissenschaftskommunikation, Deutschland Archiv, 14.7.2020, https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/312786/wem-gehoert-die-revolution/ [30.12.2025].

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Zitation

Sophie Lange, Wer sind die „89er“?. Rechte Stimmen im Erbstreit um die Friedliche Revolution, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/wer-sind-die-89er