Am 10. Juli 1941 ermordeten polnische Nachbarn ihre jüdischen Nachbarn (Männer, Frauen und Kinder) in Jedwabne, weil die Mörder es konnten und wollten und weil sich Deutsche und Polen, darunter der Bürgermeister Karolak, vorher verständigt hatten und sich einig waren. Es gab einen antisemitischen Konsens, von dem sich die handelnden Akteure leiten ließen.
Der Ort Jedwabne liegt im Nordosten Polens. Zur Tatzeit war er Teil eines Gebietes der deutschen Verwaltungseinheit Bezirk Bialystok, in dem im Juli 1941, wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, polnische Nachbarn ihre jüdischen Nachbarn ermordeten. An Ort und Stelle. Tatwaffen waren u.a.: Steine, Holzknüppel, Eisenstangen, Feuer (angezündete Scheunen – Plural, weil sowohl in Jedwabne als auch in Radziłów am 7. Juli 1941 eine Scheune der Ort des Massenmordes war) und Wasser (Ertränken im Fluss).
Dank des Buches von Jan T. Gross, Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne (2001 auf Deutsch und Englisch, 2000 auf Polnisch erschienen) erfuhr eine breite deutsche Öffentlichkeit von diesem Ereignis, dessen Beschreibung anhand des Zeugnisses des Überlebenden Szmuel Wasersztajns, polnischer Justizakten, Oral History sowie Vor-Ort-Recherchen und Gesprächen am Tatort eine neue Zeitrechnung für die Holocaustforschung bedeutet: vor Gross und nach Gross. In dem Nachwort an seine deutschen Leser:innen schreibt der Autor: „Offenbar haben einige Deutsche, die dem mörderischen Treiben in Jedwabne beiwohnten, Bilder gemacht. Deshalb meine Bitte: Schauen Sie auf Ihrem Dachboden und in Ihren Familienalben nach. Wir sollten – im eigenen Interesse wie im Interesse der Opfer – bestrebt sein, alle vorhandenen Beweise dieses entsetzlichen Verbrechens zu sammeln und zu bewahren.“[1] Die Deutschen taten sich am 10. Juli 1941 als Fotografen hervor. Der sicherste Ort für Juden an diesem Tag war, so Gross, im Übrigen der Gendarmerieposten in Jedwabne.
Zurück zum polnischen Bürgermeister Karolak. Über dessen Rolle bei dem Mord an den Juden und Jüdinnen schrieb der survivor-historian Szymon Datner (1902–1989) nach der Befreiung von deutscher Besatzung in einem jiddischen Text von 1946 für das Archiv der Jüdischen Wojewodschaftskommission unter Bezugnahme auf das Zeugnis Szmuel Wasersztejns, das die Zentrale Jüdische Historische Kommission am 5. April 1945 protokolliert hatte:
„Am Morgen des 10. Juli kam ein Auto mit acht Gestapo-Beamten in die Stadt. Sofort wurde eine dringende Besprechung der Ortsansässigen einberufen, um zu entscheiden, was mit den Juden geschehen solle. Die Antwort war einstimmig: Alle Juden ohne Ausnahme müssen vernichtet werden. Die praktischen Deutschen schlugen vor, dass es vielleicht besser wäre, zwei Familien aus jedem Berufszweig zu verschonen. Die Vertragspartner aus Jedwabne lehnten diesen Vorschlag ab, und Bronisław Śleszyński, ein Tischler, der an der Beratung teilnahm, brachte es auf den Punkt: Wir haben genug Fachleute, wir müssen alle Juden vernichten, keiner darf übrigbleiben. Der anwesende Bürgermeister Karolak und alle anderen stimmten der raffinierten Rede des Tischlers Śleszyński zu, die Bewunderung verdiente.“[2]
Bei diesem Treffen, so Datner, sei auch die Taktik „gegen die gemeinsamen jüdischen Feinde“ festgelegt worden. Es sei beschlossen worden, „alle Juden an einem Ort zu sammeln und zu verbrennen.“ Śleszyński stellte seine Scheune für den Mord zur Verfügung, die sich gegenüber dem jüdischen Friedhof befand. Datners Arbeit über die churbn im Bezirk Bialystok, in der Jedwabne ein Kapitel ist, erschien erst 2023 auf Polnisch unter dem Titel Zagłada Białegostoku i Białostocczyzny. Notatki dokumentalne in der Reihe „Kritische Ausgabe der Arbeiten der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“ des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau. In Polen ist bisher keine wissenschaftliche Rezension dieses Werks erschienen.
In seinem Buch Nachbarn kommt Jan Tomasz Gross zu dem Schluss, dass wir unsere Sichtweise auf den Holocaust ändern müssen. Einerseits gelte es, „ihn als ein heterogenes Phänomen zu betrachten“, d.h. „ihn als ein System zu beschreiben, das nach einem vorgefaßten, sich allerdings laufend ändernden Plan“ funktioniert habe. „Gleichzeitig müssen wir aber auch imstande sein, ihn als ein Mosaik zu sehen, das sich aus einzelnen Episoden zusammensetzte, die von lokalen Anführern improvisiert wurden, abhängig von spontanen Verhaltensweisen und Gott weiß was für Motivationen all derer, die, als es geschah, in der Nähe des Mordschauplatzes waren. Nur dann können wir die Verantwortung für die Morde angemessen beurteilen und die Überlebenschancen der Juden richtig einschätzen.“[3]
Die kritisch-analytische Holocaustforschung in Polen, die in Folge von Nachbarn entstand, hat in zahlreichen Studien rekonstruiert, von wem vor Ort die Initiativen ausgingen. Das Erkenntnisinteresse richtet sich u.a. auf das Handeln von Organisationen (Feuerwehr, Polizei) und Zivilisten bei der Ermordung von Juden und Jüdinnen, insbesondere in der sogenannten dritten Phase des Holocaust. Während der „Aktionen“, der gewaltsamen Liquidierungen der Ghettos, von den Deutschen mit dem Ziel durchgeführt, die Deportierten in den NS-Vernichtungslagern zu ermorden, wurde eine Vielzahl von Juden und Jüdinnen von den deutschen Polizeieinheiten, der polnischen „blauen“ Polizei und den ukrainischen Trawniki-Männern an zahlreichen Orten im Ghetto selbst oder auf dem Weg zu den Sammelplätzen und Bahnhöfen ermordet. Bahnbrechend und weiterführend waren und sind die mikrohistorischen Forschungen Jan Grabowskis. An dieser Stelle sei nur sein Buch Hunt for the Jews: Betrayal and Murder in German-Occupied Poland (2013) genannt, in dem die Kooperation und Handlungsmacht von polnischen Zivilisten bei dem, was in der deutschen Tätersprache „Judenjagd“ hieß, untersucht wird. Das Buch endet mit einem Verweis auf survivor-historian Szymon Datner, der die Zahl derjenigen Juden und Jüdinnen, die versuchten, der „Judenjagd“ zu entgehen, d.h. sich zu retten und die „ein reales Problem für die Polen und Polinnen waren,“ auf 250.000 schätzte.[4]
Die Absage der Vorstellung von Grzegorz Rossoliński-Liebes Buch Polnische Bürgermeister und der Holocaust, die, wie Martin Sander in seinem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur herausarbeitete, letztendlich durch den vorauseilenden Gehorsam des Direktors der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, dem das sogenannte Deutsch-Polnische Haus untersteht, ermöglicht wurde, ist ein Skandal. Anstatt sich gegen die unzulässige Einmischung von Seiten des polnischen Staates und den Missbrauch des Themas als Objekt der deutsch-polnischen Beziehungen zu wehren, wurde eine wissenschaftliche Diskussion über die Rolle polnischer Amtsträger während der deutschen Besatzung in Polen verhindert. Was darauf folgte, lässt sich als backfire bezeichnen. Es gelang nicht, das Thema totzuschweigen. Es gelang indes, bewusst oder unbewusst, vom Thema des Buches abzulenken.
Jedwabne und das, wofür das Ereignis und das Buch Nachbarn stehen, sind, wie mir scheint, bei dem Pseudo-Historikerstreit in der deutschen Presse der Elephant in the Room. Zu Beginn seiner Einführung verweist Jan Tomasz Gross darauf, dass das Wort „Kollaboration“ erst im Kontext des Zweiten Weltkriegs „in der spezifischen Bedeutung eines moralisch verwerflichen Zusammengehens mit dem Feind“ verwendet worden sei. Das Verhältnis der „breiten Masse der polnischen Gesellschaft“ zu den Juden im deutsch besetzten Polen sei „überwiegend rücksichts- und mitleidslos“[5] schrieb Jan Karski, Kurier zwischen der polnischen Exilregierung und dem Untergrund im besetzten Polen, im Februar 1940 in seinem für den polnischen Innenminister der Exilregierung verfassten Bericht. Auf den Antisemitismus als verbindendes Element zwischen den deutschen Besatzern und der polnischen Bevölkerung verweisend, warnte er davor, die ‚Lösung der jüdischen Frage‘ durch die Deutschen sei „ein wichtiges und ziemlich gefährliches Werkzeug in den Händen der Deutschen zur ‚moralischen Befriedung‘ breiter Schichten der polnischen Gesellschaft.“ Der zentrale Satz des Berichts lautet: „Das Volk hasst seinen Todfeind, aber diese Frage schafft doch so etwas wie einen schmalen Steg, auf dem sich die Deutschen und ein großer Teil der polnischen Gesellschaft einträchtig begegnen.“[6]
In Jedwabne begegneten sich der polnische Bürgermeister und die Deutschen einträchtig.
Katrin Stoll ist Holocaustforscherin und Warszawianka z wyboru. Sie arbeitet am Imre Kertész Kolleg der Friedrich-Schiller-Universität Jena an einem Buch über Polish-born Jewish survivor-researchers and the Holocaust Historiography of Poland.
[1] Jan Tomasz Gross, Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne. Mit einem Vorwort von Adam Michnik. Aus dem Englischen von Friedrich Griese, München 2001, S. 124.
[2] Szymon Datner, Zagłada Białegostoku i Białostocczyzny. Notatki dokumentalne, Warszawa 2023, S. 119.
[3] Gross, Nachbarn, S. 91.
[4] Szymon Datner, Nie ma w mnie lęku, in Małgorzata Niezabitowska, Tomasz Tomaszewski (Hrsg.), Ostatni. Współczesni Żydzi polscy, Warszawa 1993, S. 137–164, S. 148. Jan Grabowski, Hunt for the Jews. Betrayal and Murder in German-Occupied Poland, Bloomington 2013, S. 173.
[5] DOK. 90 Jan Kozielewski (genannt Karski) berichtet im Februar 1940 über die Lage im besetzten Polen, in Susanne Heim et al. (Hrsg.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, bearb. v. Klaus-Peter Friedrich. Mitarbeit: Andrea Löw, Bd. 4 Polen: September 1939 – Juli 1944, München 2011, S. 233–242, hier: S. 237.
[6] Ebd., S. 240–241.
Zitation
Katrin Stoll, Ein polnischer Bürgermeister und der Holocaust. Worüber deutsche Historiker:innen bei dem Pseudo-Historikerstreit nicht sprechen , in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/ein-polnischer-buergermeister-und-der-holocaust