Von der Lust mit dem System zu spielen
Der Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ und seine Charakterisierung der Hackerszene
von
Julia Erdogan
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Deutschen Filmen wird gerne vorgeworfen, sie seien kompliziert. Dieser Vorwurf kann Baran bo Odars neuem Film „Who Am I – Kein System ist sicher“ nicht gemacht werden. Im Fokus des Thrillers steht eine Gruppe von jungen Erwachsenen, denen es beim Hacken vor allem um Spaß und Anerkennung geht. Der Plot reproduziert dabei gängige Hackerklischees einer eigentlich viel heterogeneren Szene. Trotz eines manchmal schwachen Handlungsstrangs funktioniert der Film als Thriller: Es gibt spannende Szenen, eine überaus gelungene Bildsprache und schließlich sehr unterhaltsame Momente.


Der Plot

Der Protagonist Benjamin (Tom Schilling) entspricht dem Klischee eines Hackers. Er zeichnet sich durch sein technisches Wissen aus, ist auf sozialer Ebene jedoch eher ein Verlierer. Als Benjamin seiner heimlichen Jugendliebe Marie (Hannah Herzsprung) wieder begegnet, ändert sich sein Leben grundlegend. Um Marie zu beeindrucken, hackt er sich in den Universitätsserver, wird gefasst und zu Sozialstunden verurteilt. So lernt er Max (Elyas M’Barek) kennen, einen selbstsicheren, charismatischen und dazu noch gut aussehenden Typen. Max erkennt Benjamins technische Fähigkeiten und nimmt ihn in seine Hackergruppe auf, die neben Max aus dem Draufgänger Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem Hardware-Hacker Paul (Antoine Monot jr.) besteht. Unter dem Namen CLAY - Clowns laughing at you hacken sie sich in verschiedene Computersysteme und Internetseiten und werden bald mit ihren phantasievollen, unterhaltsamen und durchaus gesellschaftskritischen Aktionen zum Mittelpunkt der medialen Berichterstattung. Die Aktionen dienen jedoch vornehmlich dem Zweck, Anerkennung in der Hackerszene zu erlangen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Die vier brechen in das System des Bundesnachrichtendienstes ein, was natürlich schwerwiegende Folgen hat. Die Charaktere des Films und ihr Handeln bleiben insgesamt vorhersehbar, und jene Szenen, die kritisches Potential enthalten, werden bedauerlicherweise schnell übergangen.


Witzige Szenen, schnelle Schnitte, gelungene Kameraeinstellungen

Der Film zeichnet sich durch witzige Szenen, schnelle Schnitte und gelungene Kameraeinstellungen aus. Die darauf abgestimmte elektronische Musikbegleitung (u.a. Boys Noize) erzeugt zudem einen Sog, der die Spannung steigen lässt. Baran bo Odar stellt die technische Dimension des Themas anschaulich, aber verständlich dar, wobei die Dialoge den Hacker-Jargon nicht verlieren. Die visuelle Umsetzung technischer Details ist dem Regisseur durch die gegenständliche Darstellung des Immateriellen gelungen. Ein Beispiel: Das Darknet - ein abgeschirmter Bereich, den die Mitglieder des Netzwerkes selbst herstellen und der durch einen hohen Verschlüsselungsgrad und Anonymität gekennzeichnet ist - wird im Film als dunkle U-Bahn visualisiert, in der maskierte Fahrgäste miteinander chatten. Trotzdem mögen dem technikversierten Publikum einige Szenen als unlogisch oder gar falsch erscheinen. Während beispielsweise die Darstellung eines Trojaners als hölzernes Pferd gelingt, wirkt die Visualisierung eines IP-Trackers, ein Programm zur Standortbestimmung, in Form eines Nothammers willkürlich.


Hacken – nur ein Spiel?

Spaß an der Technik, verborgene Programme und ein humorvoller Umgang mit den „Geschädigten“ sind wichtige Aspekte des Hackens. Dies findet sich im Film immer wieder. Doch bei Hackern handelt es sich um eine sehr heterogene Szene, die nicht nur aus spielenden Jugendlichen besteht. Der Film verweist indes nur am Rande auf eine in der Realität durchaus vorhandene Ethik unter Hackern. Das notwendige technische Wissen und das Aufdecken von Programmlücken beim Hacken werden teilweise marginalisiert. Auch die gesellschaftskritischen Untertöne der Aktionen von CLAY dienen lediglich als Mittel zur Erhöhung des Spaßfaktors und zur Erlangung von Anerkennung. Hacken wird wiederholt gleichgesetzt mit dem Eindringen in Computernetzwerke. So finden der produktive Charakter – die Möglichkeit, eigene Welten am Computer erschaffen zu können – und die Leidenschaft im Umgang mit Technologie und Programmen kaum Beachtung.
Großen Wert legte der Regisseur hingegen auf die Darstellung der virtuellen Parallelwelten, der relativ geschlossenen Subkultur und auf die immense Bedeutung gegenseitiger Anerkennung.


Reale Vorbilder

„Who am I“ bezieht sich auf reale Protagonisten der Hackergeschichte. So taucht etwa der Untertitel des Films „23 – Nichts ist so wie es scheint“ als Zitat in Baran bo Odars Film auf. Bei „23“ geht es um die Geschichte des Hackers Karl Koch, der als Hagbard Celine Ende der 1980er für Aufsehen sorgte, da er Informationen an den KGB verkaufte. Die Motive Karl Kochs und sein plötzlicher Tod sind bis heute ungeklärt und sorgen für Mythen und Verschwörungstheorien. Solche Theorien gibt es zuhauf in der Hackerszene, und im Film „Who am I“ wird darauf zurückgegriffen. Und schließlich thematisiert Baran bo Odar den Drogenkonsum junger Hacker, der bereits in „23“ eine große Rolle spielt.

Die Nähe zu den Hacktivisten von Anonymous ergibt sich im Film sowohl bei den Angriffen auf Internetseiten, wie bei den Masken, die Benjamin und seine Freunde tragen. Der Gruppenname CLAY spielt indes auf die Hacker-Gruppe LulzSec - Laughing at your security since 2011! an. LulzSec deckte, als eine Art Spaß-Guerilla, Sicherheitslücken in Rechnersystemen auf, was auch auf Benjamins Gruppe zutrifft. Das Projekt Blinkenlights, das vornehmlich den künstlerischen Aspekt des Hackens aufgreift und durch seine Installation des Spielklassikers „Pong“ auf einem Hochhaus Bekanntheit erlangte, wird im Film beim Hack auf eine Pharmafirma verarbeitet: CLAY manipuliert die Lichtschaltung des Gebäudes und lässt dadurch einen Schriftzug auf der Fassade erscheinen. Und auch die Anfangszeit des Chaos Computer Clubs (CCC) wird in einer Szene erwähnt und somit auf den Verein verwiesen, der fast synonym für die Hackerszene in Deutschland steht. Der CCC vertrat seit seiner Gründung Mitte der 1980er Jahre ethische Normen für Hacker. Das hieß konkret: freier Zugang zu Informationen und verantwortungsvoller Umgang mit fremden Daten. Schnell wurden Mitglieder des Clubs als Experten in puncto Computertechnologie herangezogen, und ihr Umgang mit Technik prägte ein eher positives Bild des Hackers. Dies änderte sich Ende der 1980er Jahre u.a. durch den KGB-Hack Karl Kochs. Noch heute treffen sich die Mitglieder des CCC in Clubräumen, um Neuigkeiten rund um den Computer auszutauschen, zu programmieren oder gemeinsam an Projekten zu arbeiten, wenngleich die Bedeutung des physischen Zusammenseins durch das Internet und die Verbreitung des PC abgenommen hat. In den 1980er Jahren, als Rechner noch sehr teuer waren, spielten diese Treffen eine wichtige Rolle.

 „Who Am I“ bezieht sich in hohem Maße auf die Bedeutung der Gruppenidentität unter Hackern und betont gekonnt die große Rolle gegenseitiger Anerkennung in der Szene. Die vier Hacker von CLAY werden als sehr unterschiedliche Charaktere dargestellt und bedienen nicht nur den üblichen Stereotyp des introvertierten „Nerds“. Allerdings werden sie als unglaublich gewitzte, jedoch verantwortungslos handelnde Typen charakterisiert, die alles und jeden austricksen können. Damit wird wiederum ein Klischee einer grundsätzlich rebellierenden Jugendkultur bedient.
Der Filmcharakter MRX, ein berühmt-berüchtigter Hacker, lässt sich kinderleicht von Benjamin aus der Reserve locken, die europäische Polizeibehörde EUROPOL geht den Hackern viel zu schnell auf den Leim, und sogar die passive Haltung der deutschen Behörden gegenüber CLAY erscheint höchst unwahrscheinlich. Bemerkenswert ist jedoch, dass Techniken zwischenmenschlicher Manipulation Beachtung finden, wenn beispielsweise Informationen wie Passwörter nicht durch hacken, sondern durch direkte Interaktion mit Menschen erlangt werden. In der Hackerszene spricht man in diesem Zusammenhang von „social engineering“, eine unter Hackern gängige Praxis. Und so bleibt der Film schließlich seinem Titel treu: „Kein System ist sicher!“ und die größte Schwachstelle bleibt der Mensch.


Nicht nur jugendliche Spaßmacher

Der Regisseur hat sich offenbar mit der Szene, ihrer Geschichte, ihrem Vokabular und der Komplexität des Phänomens "Hacker" beschäftigt. Dennoch, „die“  Hacker wurden, wohl zugunsten des Plots, auf das Image der jugendlichen risikofreudigen Spaßmacher reduziert. Viel spannender wäre es, die politischen Motive von Hackern in den Fokus zu stellen. Dies hätte genug Potential für einen unterhaltsamen Thriller, der darüber hinaus auch einen differenzierteren Blick auf die Hackerszene liefern würde.

 

Who Am I - Kein System ist sicher (2014), DE, 106 Minuten, FSK 12, Thriller, Kinostart 25.09.2014