IV. Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen. Adolf Hitler auf dem Weg zur Eröffnungsfeier
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IV. Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936. Adolf Hitler auf dem Weg zur Eröffnungsfeier, Gerhard Riebicke, 6. Februar 1936, Bundesarchiv, R 8076 Bild-0011 / Riebicke / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

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IV. Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936. Adolf Hitler auf dem Weg zur Eröffnungsfeier, Gerhard Riebicke, 6. Februar 1936, Bundesarchiv, R 8076 Bild-0011 / Riebicke / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

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IV. Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936. Adolf Hitler auf dem Weg zur Eröffnungsfeier, Gerhard Riebicke, 6. Februar 1936, Bundesarchiv, R 8076 Bild-0011 / Riebicke / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

Höher, schneller, brutaler

Olympische Winterspiele wurden nach 1936 erneut für 1940 an den NS-Sport vergeben (Teil 1)

 

„… wird die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen bis 1936 so aufgeputscht sein, dass sie wahllos jeden jüdisch Aussehenden angreift“

Aus Sicht der NS-Sportführung drohte ein Propaganda-Desaster: Denn im Vorfeld der Winter- und Sommerspiele 1936 schienen Teile der antisemitisch aufgehetzten Bevölkerung zu entgleiten. So spitzte sich die Situation im Mai 1935 ausgerechnet in Garmisch-Partenkirchen zu, an dem Ort also, der ein knappes Jahr später Ausrichter der Olympischen Winterspiele sein sollte.

Am 14. Mai 1935 schlug der Präsident des olympischen Organisationskomitees, Karl Ritter von Halt, Alarm: „Mit wachsender Sorge beobachte ich in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung eine planmäßig einsetzende antisemitische Propaganda. Wenn sie bis vor wenigen Monaten geschlummert hat und nur hin und wieder in Reden zum Durchbruch gekommen ist, so wird jetzt systematisch dazu übergegangen, die Juden in Garmisch-Partenkirchen zu vertreiben.“ An „allen möglichen Stellen in Garmisch-Partenkirchen und vor allem auf der gesamten Landstraße von München nach Garmisch-Partenkirchen“ sehe er „große Tafeln“ angebracht mit der Inschrift „Juden sind hier unerwünscht“. Dabei „scheint man zu vergessen, dass Garmisch-Partenkirchen 1936 der Schauplatz der Olympischen Winterspiele sein soll.“[1]

Karl Ritter von Halt warnte, dass im Verlauf der Winterspiele die Situation vollends außer Kontrolle geraten könne: „Wenn die Propaganda in dieser Form weitergeführt wird, dann wird die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen bis 1936 so aufgeputscht sein, dass sie wahllos jeden jüdisch Aussehenden angreift und verletzt.“[2] Hierbei war es von Halt, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und seit Mai 1933 NSDAP-Mitglied, nicht um das Wohlergehen der Juden und Jüdinnen zu tun. Vielmehr sorgte er sich um die fatale Wirkung, die solche Übergriffe auf das Ausland haben könnten: „Dabei kann es passieren, dass Ausländer, die jüdisch aussehen und gar keine Juden sind, beleidigt werden. Es kann passieren, dass ein jüdischer Auslandspressevertreter angegriffen wird und dann sind die schlimmsten Konsequenzen zu befürchten.“[3]

Diese „schlimmste Konsequenz“, der worst case, wäre die Absage der Spiele durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewesen. Denn eine derart massive Boykottbewegung gegen einen Austragungsort hatten die olympischen Spiele der Neuzeit noch nicht gesehen. Die Welle der öffentlichen Proteste, die eine Abhaltung des sportlichen Völkerfestes unter dem Hakenkreuz strikt ablehnten, erfasste zahlreiche europäische Länder, vor allem Großbritannien und Frankreich und zudem die wichtigste Sportnation, die Vereinigten Staaten. Hier forderten Demokraten, Gewerkschafter und die jüdische Gemeinde energisch ein Fernbleiben von den Spielen.[4]

Zur Beschwichtigung der „Weltmeinung“ hatten deutsche Sportfunktionäre deshalb während einer IOC-Session in Wien am 5. Juni 1933 zugesichert, dass Jüdinnen und Juden nicht aus der deutschen Olympiamannschaft ausgeschlossen würden. Doch traute das American Olympic Committee (AOC) den wohlfeilen Zusagen nicht recht. Schließlich beschloss das Gremium, den US-Sportfunktionär Avery Brundage zu einer „fact-finding-tour“ nach Deutschland zu entsenden. Freilich hatte diese Mission den Geburtsfehler, dass Brundage ohnehin als dezidierter Befürworter der Spiele in der Reichshauptstadt galt. Dementsprechend fiel die Eindringtiefe seiner Explorationen äußerst oberflächlich aus, vorwiegend besichtigte er Sportstätten und Museen. Bei seinem einzigen Zusammentreffen mit Vertretern des jüdischen Sports entfuhr ihm sogar die Bemerkung: ‚In my club in Chicago Jews are not permitted either’.”[5] Nach seiner Rückkehr rapportierte er über die angebliche Zufriedenheit der jüdischen Sportlerinnen und Sportler mit ihrer Lage. Im September 1934 nahm das Exekutivkomitee des AOC daraufhin die Einladung zu den Olympischen Spielen von 1936 an – eine wichtige Signalwirkung der Sportmacht USA an die anderen Länder, es ihr gleichzutun.

 

Agreement zwischen IOC und NS-Sport

Angesichts der Verhältnisse in Garmisch-Partenkirchen drohte nun jedoch aus Sicht des NS-Sports erneut eine Boykottgefahr, so erklärte Ritter von Halt: „Im Juni kommt das amerikanische Mitglied des IOC, General Sherrill, nach München und Garmisch. Bei der Empfindlichkeit dieses Herrn ist es nicht ausgeschlossen, dass er kurz außerhalb Münchens bei der ersten Tafel ‚Juden sind hier unerwünscht‘ kehrt macht und umgehend wieder Deutschland verlässt. Die Folge wäre eine sofortige Absage der Amerikaner und Zurückziehung ihrer bereits abgegebenen Meldung.“[6]

Durch diesen Brandbrief von Halts aufgeschreckt, bat Innenminister Wilhelm Frick den Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers um sofortige Einstellung der Propaganda, da sonst „große Nationen noch in letzter Stunde ihre Teilnahme an den Olympischen Winterspielen widerrufen würden.“[7] Als IOC-Mitglied General Charles H. Sherrill dann im Sommer 1935 auf seiner erwarteten Inspektionsreise in Bayern weilte, war tatsächlich die Lage erneut zugespitzt. Was für die bayrische Provinz befürchtet worden war, hatte sich in Berlin ereignet. Bei den so genannten „Kurfürstendamm-Krawallen“ vom 15. Juli 1935 waren jüdische Passanten brutal vom Pöbel attackiert worden. Das Ausland war entsetzt: Aus Washington warnte ein Telegramm der deutschen Botschaft am 25. Juli 1935 eindringlich, dass eine „antideutsche Welle“ seit dem 15. Juli in der amerikanischen Presse „in hiesiger Öffentlichkeit immer weitere Kreise unter Druck“ setze; es werde auf eine „amerikanische Nichtteilnahme an Olympiade abgezielt.“[8]

Im Unterschied zu den Befürchtungen Karl Ritter von Halts war Sherrill über die Zustände in Deutschland jedoch keinesfalls pikiert. Der 67 Jahre alte, als profaschistisch geltende General, Rechtsanwalt und Mitglied der Republikanischen Partei, Verfasser des Werks „Bismarck und Mussolini“, galt als Bewunderer deutscher Kultur und Politik, einschließlich des Nationalsozialismus. Nicht nur aus sportpolitischen Gründen wünschte sich der Brigadier der New Yorker Staatsmiliz deshalb seit Langem eine Audienz bei Hitler. Der germanophile Sherrill erschien der NS-Führung als willkommener Retter in bedrängter Stunde. Vom Auswärtigen Amt wurde sein Besuch bei Hitler „lebhaft begrüßt“, da er „fraglos seinen ganzen Einfluss dafür einsetzen“ werde, „dass die Vereinigten Staaten ihre Zusagen zu den Olympischen Spielen nicht zurückziehen.“[9]

Als die langerwartete Unterredung Sherrills mit Adolf Hitler schließlich am 24. August 1935 in München stattfand, kam es jedoch zur Irritation, da selbst der Amerikaner nicht fassen, konnte, wie wenig Hitler bereit zu sein schien, seine Zusagen einzuhalten – Hitlers Ignoranz geriet für ihn zum Schock, wie er anschließend IOC-Präsident Baillet-Latour berichtete. Als Befürworter der Spiele in Berlin 1936 riet Sherrill dem Reichskanzler dennoch eindringlich, die Wiener Erklärung zu befolgen. Ein Gedanke, den er im Gespräch mit Hitler formulierte, nämlich wenigstens ein jüdisches Mitglied für das deutsche Olympiateam zu nominieren, gewann künftig rasant an Bedeutung. Nachdem Sherrill zudem anschließend den Nürnberger Reichsparteitag besucht hatte, besprach er mit Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten en detail diese Idee.[10] Die allgemeine Lage der jüdischen Bevölkerung interessierte Sherrill hingegen wenig, wie er in einer Pressekonferenz nach seiner Rückkehr bekanntgab. Das Deutsche Nachrichtenbüro, die zentrale Presseagentur des Dritten Reiches, gab Sherrills Worte in eigenem Geiste und Sprachduktus wieder: „Behandlungsart Juden in Deutschland angehe ihn ebenso wenig“ wie die Deutschen das „Negerlynchen in den USA.“[11]

 

Die „faschistische Epoche“ des IOC

Die sportpolitische Konstellation, die sich hieraus ergab, hat Geschichte gemacht. Drei erfolgreiche Sportler*innen jüdischer Herkunft, die aufgrund der Verhältnisse im Reich bereits das Land verlassen hatten, wurden nun in das deutsche Olympiateam berufen: der Eishockeyspieler Rudi Ball (1911-1975) hatte zwischen 1928 und 1933 für den Berliner Schlittschuhclub sechs Meisterschaften in Serie und bei den Winterspielen in Lake Placid 1932 eine Bronzemedaille errungen, bevor er 1933 in die Schweiz und dann weiter nach Italien emigrierte. 1936 wurde er als einziger Sportler mit jüdischer Abstammung in den Olympiakader für Garmisch-Partenkirchen berufen, das Team erlangte den fünften Platz. 1943 ordnete das Propagandaministerium an, ihn endgültig aus dem deutschen Sport auszuschließen und er emigriert nach Südafrika. Die „Halbjüdin“ Helene Mayer (1910-1953), Olympiasiegerin im Fechten bei den Spielen in Amsterdam 1928, war ebenfalls nach einem US-Aufenthalt nicht nach Deutschland zurückgekehrt, nachdem ihr Offenbacher Fechtclub sie aufgrund des „Arierparagrafen“ ausgeschlossen hatte. Trotz sportlicher Erfolge in den Staaten ließ sie sich mit der Einladung in das deutsche Olympiateam zurück ins Reich locken. Bei den Sommerspielen in Berlin 1936 erkämpfte sie die Silbermedaille im Fechten – und hob auf dem Siegpodest die Hand zum Hitlergruß. Der jüdische Literaturwissenschaftler Victor Klemperer erzürnte sich, da ihm die Spiele nun „doppelt zuwider“ seinen. Erstens „als irrsinnige Überschätzung des Sports; die Ehre eines Volkes hängt davon ab, ob ein Volksgenosse zehn Zentimeter höher springt als alle andern“, zudem wisse er mit Blick auf Helene Mayer nicht, „wo die größere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche des Dritten Reiches oder darin, dass ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird".[12] Die dritte nominierte „Alibijüdin“, die Hochspringerin Gretel Bergmann (1914-2017) aus Ulm, nach Großbritannien emigriert und ebenfalls „zurückgerufen“, schaffte es schließlich nicht zu den Spielen. Kurz vor deren Beginn wurde sie, als sich die US-Delegation auf dem Schiff nach Europa befand und ein Boykottszenario endgültig gebannt war, mit einem Vorwand aus dem Team geworfen.[13] General Charles H. Sherrill konnte das Gelingen seiner Strategie, die Sportwelt mit der Idee des „token Jew“ zu täuschen, nicht mehr vollständig erleben. Er starb am 25. Juni 1936 in Paris, sechs Wochen vor Beginn der Sommerspiele.

Was mit Blick auf die „Nazi-Spiele“ des Jahres 1936 häufig aus dem Blick gerät, ist die Tatsache, dass die „faschistische Epoche des IOC“[14] – wie der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler sie nannte – in den Folgejahren anhielt. So beschloss das Gremium des Weltsports noch auf seiner Sitzung im Juni 1939 in London, nach einem Streit um das ursprünglich vorgesehene St. Moritz, die Winterspiele für das Jahr 1940 erneut an Garmisch-Partenkirchen zu vergeben. Diese Entscheidung fiel, obgleich die jüdische Bevölkerung in den Pogromen vom November 1938 Opfer von Terror und Morden geworden war, obgleich das Münchner Abkommen bereits gebrochen war und Wehrmachtstruppen Prag besetzt hielten. Doch erst der Überfall auf Polen und damit der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs drei Monate später beendete endgültig die Vision erneuter Spiele in Garmisch-Partenkirchen und damit einer zweiten Olympiasaison unter dem Hakenkreuz.

Teil 2 des Dossiers „Die Geschichte der olympischen Winterspiele“ erscheint am 22. Februar unter dem Titel Weltpolitik im Winter

 


[1] Karl Ritter von Halt an Pfundtner, 14.5.1935. BArch Berlin, R 43 II/729.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Jutta Braun: Der Boykott und die "Alibijuden". Zur Allianz von amerikanischem Sport, NS-Sportführung und IOC zur Sicherung der Spiele von Berlin 1936, in: Berno Bahro / Dies. / Hans Joachim Teichler (Hg.): Vergessene Rekorde – Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933. Berlin 2009, S. 138-145.
[5] Atlasz, Richard, Der jüdische Sport in Deutschland vor und nach dem Jahre 1933. Zeugenbericht, aufgenommen durch K. J. Ball-Kaduri, Tel Aviv 1958.
[6] Karl Ritter von Halt an Pfundtner, 14.5.1935. BArch Berlin, R 43 II/729.
[7] Frick an Lammers, 22.5.1935. BArch Berlin, R 43 II/729.
[8] Deutsche Botschaft Washington, Telegramm, 25.7.1935. BArch Berlin, R 43 II/729.
[9] Auswärtiges Amt an die Reichskanzlei, 29.7.1935. BArch Berlin, R 43 II/729.
[10] Tschammer an Sherrill, 21.9.1935. PAAA 4519.
[11] DNB, 21.10.1935, Nr. 292. USA. BArch Berlin, R 43 II/729; Sherrill rebuffs olmpic ban plea. New York Times, 22.10.1935.
[12] Klemperer, Victor, „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ Tagebücher 1933 – 1945, Band I – VIII, Berlin 1995, Tagebucheintrag vom 13. August 1936, Band II, S. 122f.
[13] Vgl. zu den Schicksalen die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung. Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ des Zentrums deutsche Sportgeschichte. juedische-sportstars.de
[14] Vgl. Hans Joachim Teichler: Die faschistische Epoche des IOC, in: Historische Sozialforschung 32 (2007) 1, S. 24-42; Vgl. auch Ders.: Internationale Sportpolitik im Dritten Reich. Baden-Baden 2022 (2. Aufl.).

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Zitation

Jutta Braun, Höher, schneller, brutaler. Olympische Winterspiele wurden nach 1936 erneut für 1940 an den NS-Sport vergeben (Teil 1), in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/hoeher-schneller-brutaler