Polen, Kielce, Jüdisches Viertel (später: Ghetto Kielce), Winter 1939/40
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Polen, Kielce, Jüdisches Viertel (später: Ghetto Kielce), Winter 1939/40, Bundesarchiv, Bild 121-0310 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

Polen, Kielce, Jüdisches Viertel (später: Ghetto Kielce), Winter 1939/40
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Polen, Kielce, Jüdisches Viertel (später: Ghetto Kielce), Winter 1939/40, Bundesarchiv, Bild 121-0310 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

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Polen, Kielce, Jüdisches Viertel (später: Ghetto Kielce), Winter 1939/40, Bundesarchiv, Bild 121-0310 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

Polnische Bürgermeister und der Holocaust

Scharfe Auseinandersetzungen um eine wissenschaftliche Forschungsarbeit zu Verwaltung und Kollaboration im besetzten Polen

Die Verwaltungsgeschichte ist nicht besonders beliebt, weil viele sie für langweilig halten. Zudem herrscht die Vorstellung vor, dass sie nur selten zu wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Bücher über Verwaltungsreformen, Gesetzesänderungen oder die Errichtung neuer Ämter werden in der Regel für eine kleine Gruppe von Expert*innen, Jurist*innen und Beamte geschrieben. Anders ist es mit Forschungen über die Aktivitäten von Beamten und Behörden im Holocaust und anderen Völkermorden. Diese stoßen manchmal auf Interesse und können unter Umständen zu gesellschaftlichen Debatten führen.

Bislang wurden drei Monographien über Bürgermeister im von Deutschland besetzten Europa geschrieben. Im Jahr 2006 veröffentlichte Peter Romijn eine Arbeit über niederländische Bürgermeister und den Holocaust, zehn Jahre später veröffentlichte Nico Wouters sein Buch über belgische, französische und niederländische Bürgermeister und 2024 erschien meine Monographie über polnische Bürgermeister im Generalgouvernement, das ein Teil vom besetzen Polen war.[1] Alle drei sind Ergebnisse gründlicher und langwieriger wissenschaftlicher Forschungen und unterscheiden sich in ihren Thesen und Schlussfolgerungen nicht wesentlich voneinander. Aber, während die Reaktionen auf die Bücher von Romijn und Wouters wissenschaftlicher Natur waren und ihre Arbeit nicht nur von Kolleg*innen, sondern auch von den Familien der bereits verstorbenen Bürgermeister und den Stadtgemeinden, in denen diese amtierten, gewürdigt wurden, wurde mein Buch in Polen und Deutschland angegriffen. Kritisiert wurde es vor allem von polnischen Politiker*innen, Journalist*innen, Leiter*innen von Stiftungen und Mitarbeiter*innen von staatlichen Institutionen, die die Demokratie und universelle Werte ablehnen und gegen Historiker*innen und andere Wissenschaftler*innen hetzen. 

Die meisten Personen, die das Buch angreifen, haben es nicht gelesen. Die 1104 Seiten zählende Studie wurde bisher nicht ins Polnische übersetzt. Bei der Erforschung des Themas habe ich mich auf 35 Bürgermeister in 22 Städten konzentriert. Als ich mich in das Thema einarbeitete, entdeckte ich zahlreiche interessante Archivdokumente, die neues Licht auf wichtige Aspekte der Geschichte der Besatzung, der Shoah und der Kollaboration werfen.

Das Buch basiert zum großen Teil auf Archivdokumenten, mit denen bisher kaum jemand und in vielen Fällen niemand gearbeitet hat. Dadurch konnte ich Schlussfolgerungen ziehen, die in anderen Büchern über den Holocaust und die Besatzung in Osteuropa nicht in Betrachtung kamen. Meine Ergebnisse ähneln teilweise denen in Romijns und Wouters‘ Monographien, obwohl in Belgien, Frankreich und den Niederlanden weniger Juden als in Polen lebten und die Politik der Besatzer dort weniger repressiv als im Generalgouvernement war.

Ich habe polnische Bürgermeister in kleinen Städten wie Otwock, mittleren Städten wie Kielce und großen Städten wie Lublin und Warschau untersucht. Anfang 1944 waren im Generalgouvernement über 700 Bürgermeister tätig. Sie leiteten die Stadtverwaltungen und arbeiteten praktisch mit allen Behörden auf der lokalen und staatlichen Ebene, sowie mit der Polizei und manchmal auch mit Behörden im Deutschen Reich zusammen. Ihre wichtigsten Vorgesetzten waren die Kreis- und Stadthauptmänner, mit denen sie sich in der Regel gut verstanden. Am meisten fürchteten die Bürgermeister die Gestapo, weil diese aufdecken konnte, dass sie Kontakte zum Widerstand beziehungsweise zur polnischen Exilregierung in London hatten.

In der Regel mussten die Bürgermeister alle ihnen übertragenen Aufgaben und Verordnungen umsetzen und durften sich ihren Vorgesetzten nicht widersetzen. Auf diese Weise wurden sie in die Verfolgung von Juden und Jüdinnen, in die Übernahme ihres Eigentums, die Einrichtung von Ghettos und deren Deportationen in die Vernichtungslager sowie in die Deportationen von Zwangsarbeiter*innen nach Deutschland und die Erhebung von Lebensmittelkontingenten einbezogen. Während die meisten Bürgermeister versuchten, die gegen die polnische Bevölkerung gerichteten Anordnungen möglichst mild auszuführen, kann das von der Umsetzung der Befehle, die gegen Juden und Jüdinnen gerichtet waren, nicht behauptet werden. Auf diesem Gebiet zeigten sich polnische Bürgermeister fleißig und effizient und ihre Vorgesetzten konnten von ihnen einiges lernen.

Die Tatsache, dass Bürgermeister in die Verfolgung von Juden und Jüdinnen einbezogen wurden und einige sogar aktiv an ihrer Ermordung beteiligt waren, ändert nichts daran, dass manche Ortsvorsteher den Verfolgten privat geholfen haben. So war es beispielsweise mit Julian Kulski, dem Bürgermeister von Warschau, dessen Frau Eugenia und ihre Schwester Zofia Juden in Warschau und in Baniocha versteckten, obwohl Kulski als Bürgermeister an der Errichtung des Warschauer Ghettos mitwirkte, sich bemühte, dessen Fläche zu verkleinern, zusammen mit seinen Vorgesetzten jüdische Mitarbeiter der Stadtverwaltung entließ und die Erhebung von Steuern im Ghetto vorantrieb. Die Bürgermeister und Mitarbeiter*innen von Stadtverwaltungen konnten den Juden auch administrativ helfen, indem sie ihnen christliche Dokumente ausstellten. Dies taten sie jedoch nur in geringem Umfang, weil sie es für wichtiger hielten, den polnischen Widerstand mit gefälschten Dokumenten zu versorgen.

 

Die Angriffe begannen bereits vor der Veröffentlichung des Buches

Obwohl (oder weil) mein Buch eine wissenschaftliche Monografie ist, die wenig bekannte Aspekte der Geschichte des Holocaust, der Besatzung und der Kollaboration beleuchtet, wurde es von rechten Organisationen und Medien in Polen angegriffen. Noch vor der Veröffentlichung des Buches im Jahr 2024 forderte die Kulski Stiftung den De Gruyter Verlag auf, das Buch nicht zu veröffentlichen, weil auf dem Cover Julian Kulski abgebildet ist. Zur gleichen Zeit wurde mein Buch vom ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki, dem Historiker Bogdan Musiał und einer Gruppe rechtsextremer Journalisten kritisiert und öffentlich diffamiert. Viele dieser Angriffe wurden damals vom Leiter des polnischen Instituts für Nationales Genedenken Karol Nawrocki initiiert, der ein Jahr später zum polnischen Präsidenten gewählt wurde. Seine Haltung zu meinem Buch stellte Nawrocki unter anderem auf der Plattform X dar. Dort teilte er seinen Followern mit, dass die „Jagd auf Polen“ andaure und wenn es so weitergehe, dann „werden wir 2045 in deutsch-polnischen Schulbüchern lesen, dass wir [die Polen] das Volk sind, das für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verantwortlich ist – und mit den Nazis (sic) – für den Holocaust, ohne Helden und undankbar für die Befreiung durch die Sowjets im Jahr 1945“. Dann informierte er seine Follower noch, dass es dazu nicht kommen wird, weil sich das IPN um das Buch kümmern wird.

Ein Jahr später riefen der polnische Botschafter in Berlin, Jan Tombiński, und ein Vertreter des Auswärtigen Amtes den Leiter des deutsch-polnischen Hauses an, das die Buchpräsentation an der Topographie des Terrors mitorganisierte. Tombiński und das Auswärtige Amt drängten darauf, die Buch-Präsentation aufgrund der deutsch-polnischen Regierungskonsultationen in Berlin zu verschieben. Laut ihrer Aussagen wäre eine Präsentation zwei Wochen vor den Konsultationsgesprächen problematisch, weil es dabei unter anderem um das Denkmal für die polnischen Opfer des deutschen Terrors in Berlin gehen sollte. Die abgesagte Buchpräsentation zeigte, dass deutsche Gedenkstätten auf Angriffe und politische Interventionen nicht vorbereitet sind und führte zu einem Skandal, weil Eingriffe in die Wissenschaft nicht akzeptabel und zudem strafbar sind. Die Wissenschaftsfreiheit wird durch den Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert. In den letzten Jahren wurden auf Betreiben von Botschaften und rechten Parteien besonders viele Veranstaltungen abgesagt.

Am selben Tag, an dem Jan Tombiński und das Auswärtige Amt die Veranstalter bei dem deutsch-polnischen Haus kontaktierten, veröffentlichte das polnische Institut für Nationales Gedenken, das für die Erstellung und Verbreitung der staatlichen Geschichtspolitik in Polen zuständig ist und seit Jahren unabhängige Historiker*innen angreift, eine 47 Seiten lange Rezension meines Buches auf Polnisch, Englisch und Deutsch. In dieser Rezension wurden die Hauptthesen des Buches in Frage gestellt und es wurde versucht, zu beweisen, dass es sich nicht um eine wissenschaftliche Publikation handelt. Neun Tage später zeigte der YouTube-Kanal „Kanał Zero“, der über zwei Millionen Abonnenten hat, einen Film über mein Buch, der auf eben dieser Rezension des Instituts für Nationales Gedenken basierte. Daraufhin erhielt ich Drohungen von polnischen Nationalisten und meldete den Fall bei der Leitung der Freien Universität Berlin und der Organisation „Scicomm-Support“, die politische Eingriffe in die Wissenschaft und Gewalt gegenüber Wissenschaftler*innen beobachtet und die Betroffenen berät. Auch die Kulski Stiftung wurde erneut aktiv. Sie sammelte unter einem öffentlichen Brief, der zum Boykott meines Buches und seiner Präsentationen aufrief, 150 Unterschriften von Historiker*innen und rechtsradikalen Aktivist*innen. Anschließend überzeugte sie die Polnische Akademie der Wissenschaften den Brief auf ihrem Facebook-Account zu veröffentlichen, was zum nächsten Skandal führte.

 

Instrumentalisierung des Buches für politische Zwecke

Es fällt mir nicht leicht, zu begreifen, warum die polnische Regierung, das deutsche Auswärtige Amt, Teile der polnischen Bevölkerung und einige Historiker*innen so viel Angst vor meinem Buch haben. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es in Polen – im Gegensatz zu den Niederlanden, Belgien und Frankreich – kaum wissenschaftliche Forschungen zum Verhalten kommunaler Beamter und Verwaltungen im Zweiten Weltkrieg und während des Holocaust gibt. In den letzten achtzig Jahren fokussierte sich die Forschung in Polen überwiegend auf den Widerstand und die deutsche Besatzung. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Praktisch all meine Kolleg*innen, die sich mit der Geschichte Osteuropas beschäftigen, untersuchen nicht lokale Täter und Kollaboration, sondern die deutsche Besatzung, den deutschen Terror und deutsche Täter. Infolgedessen hat sich ein selektives Bild der Geschichte des Holocaust in Deutschland und Osteuropa herausgebildet. Für Leser*innen ohne Vorwissen und vielleicht auch für Historiker*innen vor allem in Polen ist es schwer, die Ergebnisse der Forschung über die Kollaboration in der Verwaltung und die Handlungen polnischer Bürgermeister zu akzeptieren. Die Angriffe zeigen auch, dass der polnische Staat nur Historiker*innen braucht, die die nationale Identität stärken und die Wünsche nationalistischer Politiker umsetzen.  Der polnisch-kanadische Historiker Jan Grabowski kritisierte in diesem Zusammenhang erneut den Umgang deutscher Historiker*innen mit der Schoah und ihre Passivität gegenüber den politischen Angriffen in Polen und Deutschland auf mein Buch.  

Bevor die Angriffe im Jahr 2025 begonnen haben, habe ich meine Monografie „Polnische Bürgermeister und der Holocaust“ in mehreren Institutionen vorgestellt, darunter waren das Haus der Wannsee-Konferenz, die Universitäten in Wien, Lund und Stockholm. Bei allen Buchpräsentationen gab es interessante Diskussionen und es kam zu keinen Konfrontationen seitens polnischer Nationalisten oder anderer Unruhestifter. In Polen dagegen wird die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust seit einer Dekade vom Institut für Nationales Gedenken und rechtsradikalen Organisationen politisch instrumentalisiert. Viele Wissenschaftler*innen vermeiden es, aus Angst vor Repressionen, bestimmte Aspekte der Geschichte der Shoah zu erforschen und öffentlich zu thematisieren. Ein gutes Beispiel dafür ist das Verhalten des wissenschaftlichen Portals „Historia bez kitu” (Geschichte ohne Schnickschnack), das Interviews mit führenden polnischen Historiker*innen durchführt und vor einem Jahr die polnische Übersetzung meines Interviews über das Buch veröffentlichte, das zuerst auf dem LISA-Portal erschien. Daraufhin wandte sich die Kulski Stiftung an die Redakteur*innen des Portals und drohte mit juristischen Konsequenzen, sollte das Interview mit mir weiterhin online stehen. In der Folge veröffentlichte das Portal unter dem Interview eine von der Kulski Stiftung gewünschte Rechtfertigung und nahm schließlich das Interview von der Seite, unter dem Vorwand, dass bei der Übersetzung ein Fehler begangen wurde.

Das Institut für Nationales Gedenken, die Kulski Stiftung und rechtsradikale Journalist*innen argumentieren gegen mein Buch mit Unterstellungen, um es zu diffamieren und eine akademische Debatte zu verhindern. Eine der Unterstellungen behauptet, dass in meinem Buch polnische Bürgermeister mehr Verantwortung für den Holocaust getragen hätten als die Nationalsozialisten; eine andere, dass das Generalgouvernement ein polnischer Staat gewesen sei. Diese Aussagen zeigen, dass das Buch für politische Zwecke instrumentalisiert wird und dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema vermieden wird. Ich empfehle das Buch allen, die sich für die Geschichte des Holocaust, der Besatzung, und Kollaboration im besetzten Polen interessieren. Das Buch ist im Open Access erschienen und ist auf der Website des Verlags De Gruyter frei zugänglich.

 

Links:

Mateusz Morawiecki: https://wpolityce.pl/historia/701347-premier-morawiecki-specjalnie-dla-wpolitycepl-ostrzega

Nawrocki on X: https://x.com/NawrockiKn/status/1825900706684969067

Rezension IPN: https://czasopisma.ipn.gov.pl/index.php/pjs/article/view/2761/2735

Film über das Buch: https://www.youtube.com/watch?v=V4lYFde4sM0

Öffentlicher Brief der Kulski Stiftung: https://fundacjakulskich.org.pl/en/over-130-polish-public-figures-appeal-for-historical-truth/

Jan Grabowski: https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/liebe-kolleginnen-und-kollegen-warum-schweigt-ihr/

LISA-Portal: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/polnische_buergermeister_holocaust?language=en

 


[1] Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Besetzung, Verwaltung und Kollaboration, De Gruyter 2024. 
 

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Zitation

Grzegorz Rossoliński-Liebe, Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Scharfe Auseinandersetzungen um eine wissenschaftliche Forschungsarbeit zu Verwaltung und Kollaboration im besetzten Polen, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/polnische-buergermeister-und-der-holocaust