Die Vernichtung wurde akribisch vorbereitet
Die Rolle des Sicherheitsdienstes der SS beim deutschen Überfall auf Polen 1939
von
Stefanie Steinbach
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Am 1. September jährt sich zum 75. Mal der deutsche Überfall auf Polen, der 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste. In diesem Jahr, das mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges am 28. Juli vor 100 Jahren ein weiteres trauriges Jubiläum bereit hielt, wurde bereits viel über die beiden Weltkriege und die Folgen ihrer Entfesselung geschrieben. Weniger im Fokus stehen oftmals die Vorgänge hinter den Kulissen im Vorfeld dieser Ereignisse, die besonders bezüglich des deutschen Überfalls auf Polen sehr aufschlussreich sind.  

Lange und bis ins letzte, perfide Detail war der sogenannte „Fall Weiß“ (Angriff auf Polen) geplant gewesen, als am Morgen des 1. September die Schleswig-Holstein die ersten Schüsse des Zweiten Weltkrieges auf die polnische Garnison auf der Westerplatte abfeuerte. Der verhängnisvolle Satz: „Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“[1] dröhnte in ganz Deutschland aus den Volksempfängern und erreichte, obwohl die Schüsse bereits eine Stunde früher gefallen waren, traurige Berühmtheit. Es wird häufig thematisiert, dass der Anlass, der den Nationalsozialisten als Vorwand für ihren aggressiven Angriffskrieg diente, ein vom Sicherheitsdienst der SS (SD) inszenierter Grenzzwischenfall im deutschen Sender Gleiwitz nahe der polnischen Grenze war. Dass es hingegen seit langem geheime Maßnahmen zur Vorbereitung eines Krieges gegen Polen innerhalb des SD gab, dürfte weit weniger bekannt sein.

1931 wurde der SD von Heinrich Himmler ins Leben gerufen und maßgeblich von Reinhard Heydrich als Parteigeheimdienst konzipiert. Aufgabe war es, die Gegner der Partei auch innerhalb der eigenen Reihen zu beobachten und „nachrichtendienstlich zu bearbeiten“, also auszuspionieren. Da spätestens nach den blutigen Säuberungen innerhalb der NSDAP und SA im Zuge des "Röhm-Putsches" innerparteilicher Widerstand gegen Hitlers Linie nicht mehr ernsthaft zu befürchten war, verlagerte sich die Stoßrichtung des SD. Im Mittelpunkt standen in den Jahren nach der Machtübernahme politische Gegner des NS-Systems wie Kommunisten, Sozialdemokraten und die politisch arbeitenden Kirchen. Als auch der Widerstand dieser Gruppen nahezu ausgelöscht war, gerieten andere Feindbilder in den Fokus: die „fremdrassigen Volksschädlinge“. Dazu zählten sowohl die Juden wie auch die als minderwertig betrachteten Völker Osteuropas. Die Eroberung von "Lebensraum" im Osten wurde zur Leitlinie der aggressiven NS-Expansionspolitik.

Besonders vor dem deutschen Überfall auf Polen wurden ab 1937 große Anstrengungen seitens der SD-Wissenschaftler des Amtes II (SD-Inland)[2] unter der Ägide des promovierten Zeitungswissenschaftlers Franz Six unternommen, um möglichst detaillierte Informationen über Kultur, Wirtschaft und die politische Situation in Polen zusammenzutragen und zur weiteren nachrichtendienstlichen Nutzung aufzubereiten. Die Erfassung und Analyse der Bücher und Zeitschriften, die sich thematisch mit Polen befassten, waren Teil dieser Bemühungen. Der Germanist Dr. Wilhelm Spengler, zu diesem Zeitpunkt noch SS-Unterscharführer in der SD-Zentralabteilung I/3 für Presse und Schrifttum, sammelte neben historischen Abhandlungen zur polnischen Geschichte ebenfalls Veröffentlichungen zur wirtschaftlichen und demographischen Struktur des Landes, zur Bedeutung verschiedener politischer Gruppierungen bei den Aufständen in Oberschlesien zwischen 1919 und 1921 sowie Publikationen, die die Erfahrungen deutscher Besatzungsbehörden in Polen in den Jahren zwischen 1915 und 1918 beschrieben.[3] Die Stoßrichtung der Sammlung ist offensichtlich: Militärisch verwertbare Informationen sollten systematisch erfasst werden und dazu beitragen, möglichst zuverlässige Aussagen über die Situation in Polen zu treffen.

Ab März 1939 wurden die Vorbereitungen wesentlich konkreter. Hitler hatte seine Kriegsabsichten intern bereits angekündigt und mit der Direktive zum „Fall Weiß“ vom 11. April 1939 den Angriffskrieg gegen Polen auch militärisch eilig geplant.  Es wurde mit der Durchführung von Militärmanövern, der Aufstellung der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD und den Vorbereitungen zur Mobilmachung begonnen. Auch der SD bereitete sich vor: Es wurden Listen mit den Namen von Antifaschisten und Pazifisten für den Kriegsfall angefertigt. Nach Kriegsbeginn sollten diese im Reich zu Tausenden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt werden. Darüber hinaus wurde die Zentralstelle II P (Polen) am 22.5.1939 im Amt II des SD-Hauptamtes eingerichtet. Sie war Teil der Hauptabteilung II 21 für Volkstum und somit dem Chef des Amtes II, Franz Six, unterstellt. Bezweckt wurde mit der von SS-Obersturmführer Germann geleiteten Zentralstelle die „Zusammenfassung sämtlicher das Deutschtum in Polen berührender Vorgänge weltanschaulich-politischer, kultureller, propagandistischer und wirtschaftlicher Art“[4]. So sollte eine Koordinierung der Tätigkeit aller Abteilungen des SD-Hauptamtes bezüglich der Vorbereitung des Krieges gegen Polen unter der politischen Regie der Abteilung für Volkstum erreicht werden. Dadurch sicherte sich diese eine führende Rolle bei allen Fragen, die den polnischen Staat und seine Bevölkerung sowie die Durchsetzung der nationalsozialistischen Besatzungsziele betrafen.[5]

Jede Hauptabteilung des Inlands-SD bestimmte einen Referenten, der dafür zuständig war, alle vorhandenen Personal- und Sachakten auf Polen betreffendes Material zu prüfen. Vorgänge, die für die Zentralstelle II P von Interesse waren, wurden an diese weitergeleitet. Durch die Zuarbeit dieser sogenannten Polen-Sachbearbeiter[6] sollte die Zentralstelle in die Lage versetzt werden, eine „zentrale Kartei nach regionalen (Bezirke und Orte) und personellen (Personen, Personen-Verbände, Institute) Gesichtspunkten“ zu führen[7]. Explizit erwähnt wird in den schriftlichen Quellen zur Einrichtung der Zentralstelle, dass die Kartei „einem eventuellen Einsatzkommando zur Verfügung gestellt werden muss“ und daher die „Polen-Sachbearbeiter der einzelnen Hauptabteilungen ihrerseits für ihren Arbeitsbereich eine entsprechende Kartei [einrichten], die auch im Falle eines Einsatzes bei den Hauptabteilungen bzw. einer im SD-Hauptamt bestehenden Zentralstelle verbleibt“[8].

Mitarbeiter des Amtes II stellten somit Fahndungslisten für den geplanten Überfall auf Polen zusammen. Kompiliert wurden diese letztlich im sogenannten Sonderfahndungsbuch Polen, das 61.000 Namen hauptsächlich von Mitgliedern der polnischen Intelligenz und politischer Aktivisten enthielt, die direkt nach dem deutschen Einmarsch verhaftet oder erschossen werden sollten. Diese Listen schufen die unmittelbaren Handlungsgrundlagen der Geheimen Staatspolizei und der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD vor Ort. Jegliche potenziellen Führungskader eines nationalen polnischen Widerstands sollten präventiv beseitigt werden. Neben der Erfassung der polnischen Eliten wurde auch eine Kartei mit sogenannten Volksdeutschen erstellt, die mit ihren Orts- und Sprachkenntnissen die einrückenden Exekutivorgane der Besatzungstruppen unterstützen sollten. Ab März 1939 rekrutierte der SD massenhaft V-Männer innerhalb der deutschen Minderheit in Polen, meist unter den Aktivisten pronationalsozialistischer Organisationen und Vereinigungen.[9]

Kennt man diese Hintergründe der gezielten Vorbereitungen des Überfalls auf Polen innerhalb des SD, lassen sich auch die Vorgänge nach Beginn der Kriegshandlungen besser nachvollziehen. Nicht nur militärische Angriffsszenarien und fingierte Grenzzwischenfälle als Vorwand zum Angriff waren vorbereitet worden. Auch die systematische Auswertung zahlreicher Publikationen zur demographischen, ökonomischen und politischen Situation in Polen und die damit einhergehende Erfassung der führenden politischen und intellektuellen Schichten des Landes waren im SD über Monate hinweg generalstabsmäßig durchgeführt worden. Das Feindbild vom slawischen Untermenschen und jüdischen Bolschewisten wurde im SD durch gezielte Schulungen, vorgeblich wissenschaftliche Forschungen und die bevorzugte Aufnahme von besonders radikalen NS-Aktivisten tief verwurzelt. So wurden entscheidende Voraussetzungen für die Radikalisierung der nationalsozialistischen Kriegsführung und Besatzungspolitik geschaffen: ein weltanschaulich absolut gefestigtes SD-Führerkorps – die Führung der Einsatzgruppen in Polen übernahmen ausnahmslos bewährte SD-Führer –, die zum Zugriff nötigen Fahndungslisten für die Einsatzgruppen und konkrete Leitlinien für eine zukünftige Okkupationspolitik der Nationalsozialisten.

Allein bis zum Frühjahr 1940 wurden über 60.000 Menschen von den Einsatzgruppen in Polen ermordet. Dies war erst der Auftakt zu einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Ausmaß an Massenmord und dem gezielten Genozid am europäischen Judentum. Der SD hatte einen nicht geringen Anteil an dieser Radikalisierung und unmenschlichen Brutalisierung der nationalsozialistischen Kriegsführung und Besatzungspolitik.

 


[1] Vgl. Hitlers Reichstagsrede am 1. September 1939 (Z.B. unter http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0209_pol).
[2] Befasst war dieses Amt mit der Erforschung der NS-Gegner und zu diesem Zweck unterteilt in die beiden Zentralabteilungen „Weltanschauliche Auswertung“ und „Lebensgebietsmäßige Auswertung“.
[3] Vgl. Alwin Ramme: Der Sicherheitsdienst der SS, Berlin 1970, S. 94f.
[4] Barch, R 58/7154, S. 1.
[5] Vgl. Ramme, S.105.
[6] Barch, R 58/7154, S. 2.
[7] Ebd.
[8] Ebd.
[9] Vgl. Ramme, S. 93f.