Entstehungskontext und Ziel des Forschungsprojekts „Bildatlas“
von
Anna Littke und Anja Tack
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Das Verbundprojekt: „Bildatlas: Kunst in der DDR“ wird für die Dauer von drei Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. Beteiligte Forschungsinstitutionen sind der Lehrstuhl für Kultursoziologie an der Technischen Universität Dresden, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Kunstarchiv Beeskow sowie das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Verstärkt und mit Vehemenz ist die Kunst aus der DDR in den Jahren nach 1989/90 in den Fokus der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit gerückt. Einen Anstoß zur heftigen Auseinandersetzung lieferte die Aussage des Künstlers Georg Baselitz im Juni 1990: Bernhard Heisig oder Wolfgang Mattheuer seien „keine Jubelmaler“, [sondern] „ganz einfach Arschlöcher“. Von den Künstlern aus der DDR, so Baselitz weiter, „war der malende Teil im Westen, ist in den Westen gegangen oder gegangen worden.“[1]

Geprägt ist der so genannte Bilderstreit von immer wiederkehrenden Diskussionen über eine Verortung dieser Kunst in der bundesdeutschen Erinnerungskultur nach 1989/90. Die Debatte über die Künste gilt vielen Beobachtern als ein Spiegel des gesamtdeutschen Aushandlungsprozesses, in dem die Fragen, wie mit dem Erbe der DDR und mit der Erinnerung an sie umzugehen sei, im Zentrum stehen. In diesem Sinne verläuft eine Konfliktlinie im Bilderstreit entlang des Ost-West Gegensatzes. Zu einer wichtigen Reibungsfläche wurde immer wieder die Frage, ob die Kunst, entstanden in einem diktatorischen System, Wert und Rang eines Kunstwerkes besitzt oder lediglich historische Quelle sei. Ein weiteres zentrales Kennzeichen der Kunstdebatten, das jedoch dem Erklärungsansatz einer deutsch-deutschen Konfliktsituation zuwiderläuft, sind die Auseinandersetzungen zwischen „offiziellen“, „nicht-öffentlichen“ sowie „ausgereisten“ Künstlern. Der Bilderstreit beleuchtet damit eine weitere Dimension des gesamtdeutschen Aushandlungsprozesses, die über das Schema der Ost-West-Auseinandersetzung hinausweist und für Konflikte, die innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft verlaufen, sensibilisiert.

Die Auseinandersetzung um die Kunst aus der DDR ist durch zweierlei weitere Auffälligkeiten gekennzeichnet. Zum Einen fällt auf, dass nur ein Bruchteil der Kunstwerke aus der DDR, man könnte sie als Ikonen der Malerei aus der DDR bezeichnen, seit 1990 in der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Damit geben die Bilder, die im Bilderstreit präsent sind, nur einen kleinen Ausschnitt des vielfältigen Spektrums der Kunst in der DDR wider. Ein Grund für diesen beengten Fokus liegt darin, dass zahlreiche „Auftragswerke“ aus dem Besitz der Parteien und Massenorganisationen in den frühen neunziger Jahren ihre Daseinsberechtigung verloren und in Depots gelangten.

Zum Anderen fällt auf, dass sich die Akteure im Bilderstreit kaum über Bildinhalte oder Bildsprache stritten. Der Bilderstreit ist kein Streit über Bilder. Die Werke waren lediglich Anlass zur Diskussion, um über die Rolle und Funktion von Künstlern in einem diktatorischen System zu debattieren. Die Werke wurden dabei stets in einem Zusammenhang mit der Biographie des Künstlers und mit dem Entstehungskontext gesehen. Die Kritik am Künstler und dessen Nähe zu Staat und Partei ließ die Beurteilung der Werke nach Qualität und Wert nicht aufkommen.

Vor diesem Hintergrund des Bilderstreites und der Unsichtbarkeit zahlreicher Werke ist das Ziel des Forschungsverbundes eine möglichst umfassende Dokumentation der Gemälde aus der DDR und ihrer Wege in die unterschiedlichen Sammlungs- und Depotbestände. Im virtuellen Bildatlas, einer online-Datenbank, werden die Werke sichtbar. Die Digitalisierung der Daten und die Benutzung der Datenbank im Internet bietet optimale Zugangsmöglichkeiten für Forschung und interessierte Öffentlichkeit. Die Einbindung der Bilder in ihren Entstehungs- und Präsentationskontext eröffnet neue Forschungsperspektiven für unterschiedlichste Interessengruppen.

Mit dem zusätzlichen Angebot der „Wissenswerkstatt“ werden die Forschungsergebnisse für die politisch-historische Bildung aufbereitet und angeboten. Angelehnt an die Idee einer „angewandten Geschichte“ versteht sich die Wissenswerkstatt als Schnittstelle zwischen Forschung und Öffentlichkeit resp. politischer Bildung. Sie will Informationen und Materialien für eigenständiges Erforschen der Kunst und Kunstpolitik in der DDR aufbereiten und zugleich Denkanstöße für weitere „Erkundungen“ aufzeigen.

Zum Projektende im Jahr 2012 entsteht neben einer Ausstellung zu den Funktionen der Kunst in der DDR eine wissenschaftliche Begleitpublikation „Bildatlas: Kunst in der DDR“, in der die im Projekt erreichte Kartographie und „Biographie“ der Kunstobjekte mit den wichtigsten Forschungsergebnissen verbunden wird.

 


[1] Hecht, Alex; Welti, Alfred: Ein Meister, der Talent verschmäht. Im Gespräch mit den ART-Redakteuren Axel Hecht und Alfred Welti erläutert Georg Baselitz, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Maler und Bildhauer, seine Ästhetik des Häßlichen. In: ART - Das Kunstmagazin, 6/1990, S. 54–72.