von Marcus Schäfer

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23. November 2023

An deutsche Opfer während des Zweiten Weltkriegs zu erinnern, – seien es die Vertriebenen der ehemaligen Ostgebiete oder die Bombenopfer in Dresden – ist ein Minenfeld.[1] Regelmäßig proben Rechte die Vereinnahmung solcher historischen Momente, um eine relativierende Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben. Das Erinnern an die deutschen Opfer ist demnach umkämpft.[2] Daher gebührt dem Thema ein hohes Maß an Kenntnis der historischen Abläufe, an Reflexion und Sensibilität. Kürzlich hat sich das – nichtrechte – Leipziger Entwicklerstudio PandaBee mit seinem am 15. Mai 2023 veröffentlichten Videospiel Gezeichnet - Unsere Flucht 1945 genau in diese Nesseln gesetzt, da mit dem Spiel ein fragwürdiges Geschichtsbild transportiert wird. Was bedauerlich ist, denn es finden sich neben den offensichtlichen Problemen der Geschichtsrelativierung inklusive Täter-Opfer-Umkehr auch spannende Aspekte – sowohl diverse narrative Strategien als auch Spielmechaniken, die Potenziale für die Geschichtsdidaktik bieten.

 

Ein Familienschicksal in Ostpreußen 1945

Gespielt wird die fiktive Maike Bobrowski, die mit ihrer Familie wie Tausende andere im Januar 1945 – kurz vor dem Kollaps des „Dritten Reichs“ – panisch vor der ab dem 12. Januar anrollenden Großoffensive der sowjetischen Roten Armee[3] aus dem zugefrorenen Ostpreußen flieht. Ausgangspunkt ist das real existierende Gumbinnen bei Königsberg. und im Verlauf der Flucht gelangen wir mit den verängstigten Protagonist*innen über Balga am „Frischen Haff“ nach Stettin am Westufer der Oder. Unterwegs lernen wir andere Geflüchtete kennen und erfahren von ihren Schicksalsschlägen. Wir hören von der „Wilhelm Gustloff“, einem Schiff, welches vorrangig Geflüchtete über die Ostsee abtransportierte und dabei von den Sowjets versenkt wurde, wobei Tausende starben.[4] Soldaten flüstern hinter vorgehaltener Hand vom „blutigen Ferdinand“, dem hitlertreuen General Ferdinand Schörner, der dafür bekannt war, Deserteure und als feige denunzierte Soldaten massenhaft zum Tode zu verurteilen.[5] In den Dörfern finden wir halb zugeschneite, von sowjetischen Soldat*innen erschossene Zivilist*innen, auf dem zugefrorenem Wasser liegen tote Pferde und ins Eis eingebrochene Kutschen. Überall zerbombte Häuser, verzweifelte Menschen und allgegenwärtig das Artilleriefeuer der herannahenden Front. Junge Soldat*innen steigern sich in Illusionen vom „Endsieg“ hinein, um sich nicht der Realität des bevorstehenden Zusammenbruchs und des drohenden Todes stellen zu müssen.

Gezeichnet - Unsere Flucht 1945 ist ein Survival-Game. Das heißt, wir als Spielende müssen auf Maikes körperliche und mentale Gesundheit achten, denn bei zu vielen physischen Verletzungen und „Momenten der Verzweiflung“ droht ihr der Tod. Dafür braucht es Nahrung, Verbandskästen, Lagerfeuerwärme sowie hin und wieder Glücksmomente, die auch durch ein mitgetragenes Familienfoto oder ein Kruzifix ausgelöst werden können. Doch der Platz an mitnehmbaren Gegenständen ist begrenzt und bereits zu Spielbeginn müssen wir Entscheidungen treffen: Welche Gegenstände helfen uns bei der gefährlichen Flucht? Was muss ich zurücklassen? Auf den weiteren Stationen müssen wir uns immer wieder nach Objekten umsehen, die das Fortbestehen der Familiengemeinschaft sichern, seien es Seile, Holzscheite oder ein trockenes Brot. Ressourcenmanagement ist das A und O.

Auf der Flucht müssen wir uns – Spoilerwarnung – extremen Entscheidungen stellen, die die Verzweiflung und Hilflosigkeit der Fluchtsituation verdeutlichen. An einem Punkt muss Maike in einem Militärlager unter Wehrmachtssoldaten eine Mitfahrgelegenheit suchen, da Urgroßmutter Amalie zu schwach zum Weiterlaufen ist. Hier bieten sich zwei Möglichkeiten an: a) sich durch einen sexuellen Dienst an einem Wehrmachtssoldaten einen Platz für sich und die Familie auf einem motorisierten Gefährt Richtung Westen erkaufen. Oder b), zwei ertappte Saboteur*innen verraten, die heimlich Spritkanister ausgekippt haben, um ihren Teil zum Sturz des Hitlerreichs beizutragen, und sie so dem sicheren Tod ausliefern.

 

Abb. 1: Im Spiel müssen sich die Spieler*innen extremen Entscheidungen stellen. Quelle: Gezeichnet – Unsere Flucht 1945 © PandaBee Studios, Screenshot: Marcus Schäfer.

 

Ein mehr als löchriger Kontext inklusive Täter-Opfer-Umkehr

All diese Momente verdichten sich einerseits zu einer gelungenen Darstellung des Irrsinns, dem ein Mensch auf der Flucht durch das vom Krieg gebeutelte Ostpreußen 1945 ausgesetzt sein konnte. Die geschilderten Momente haben unzählige Menschen so oder so ähnlich erlebt. Und doch fehlt es hier gewaltig an historischem Kontext.

Zu Spielbeginn ist beispielsweise vom sowjetischen Angriff die Rede, die Vorgeschichte hierzu wird mit keinem Wort erwähnt. Es gibt keinerlei Informationen über den Nationalsozialismus, den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg auf die Sowjetunion oder den Holocaust. „Der Russe“ bleibt in dieser Darstellung eine vage Bedrohung, ein schattenhaftes, brutales und grundlos angreifendes Monster, womit sich das Spiel nationalsozialistischer Propagandaklischees bedient. „Er“ wird nicht gezeigt, sehr wohl aber seine Gräueltaten. Und so liegt der Fokus vorrangig und beinahe ausschließlich auf dem Leid der deutschen Zivilist*innen.

 

Abb. 2: Zu Beginn jeder Mission weisen Einträge auf die jeweilige Ausgangssituation hin. Karten verdeutlichen das Verschieben der Ostfront gen Westen. Die Kontextualisierung ist problematisch. Quelle: Gezeichnet - Unsere Flucht 1945 © PandaBee Studios, Screenshot: Marcus Schäfer.

 

Nur einmal, gegen Ende des Spiels, gibt es einen beiläufigen Hinweis auf die Verbrechen der Wehrmacht und der SS. Da berichten Geflüchtete von einer Gruppe Frauen, die Ende Januar an einem Strand erschossen wurden. So wird von Jungen der Hitlerjugend berichtet, die von SS-Leuten mit Schnaps gefügig gemacht und dann gezwungen wurden, die Frauen hinzurichten. Die Geschichte verweist auf die gegen Ende des Krieges stattfindenden „Todesmärsche“, auf die Tausende geschwächte Häftlinge aus Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz, Flossenbürg und Mauthausen gezwungen wurden und die für viele den Tod bedeuteten. In diesem konkreten Fall wird auf das Massaker beim ostpreußischen Ort Palmnicken verwiesen, wo am 31. Januar 1945 knapp 3000 aus dem Konzentrationslager Stutthof kommende jüdische Frauen von den Nazis ermordet wurden. Wer hiervon nichts weiß, kann mit der am digitalen Lagerfeuer vage wiedergegebenen Geschichte kaum etwas anfangen – weiterführende Informationen etwa in Form eines Glossars gibt es nicht. Zudem wird nebenher die SS als Wurzel allen Übels ausgemacht, wodurch die Rollen anderer NS-Akteure wie der Wehrmacht oder der Hitlerjugend verharmlost werden. Dies entspricht der geschichtspolitischen Praxis der frühen Bundesrepublik, in der die SS und fanatische Wehrmachtgeneräle wie Ferdinand Schörner geächtet wurden, um gleichzeitig den Mythos der „sauberen Wehrmacht" zu etablieren.[6] An anderer Stelle meint Maikes kleiner Bruder Franz, dass wohl nicht „[...] alles so wundervoll im Dritten Reich ist, wie sie es uns damals in der Hitlerjugend erzählt haben.“ Was er damit genau meint, lassen die Spieleentwickler*innen im Unklaren. Dem gegenüberstehend werden die Verbrechen der Roten Armee gegen die deutschen Bevölkerung deutlich hervorgehoben.

 

Abb. 4: Die Verbrechen der Roten Armee gegenüber deutschen Zivilist*innen werden überbetont, während die Rolle der Deutschen maximal vage bleibt. Quelle: Gezeichnet - Unsere Flucht 1945 © PandaBee Studios, Screenshot: Marcus Schäfer.

 

Abb. 5: Eine Szene des Spiels zeigt Dutzende von sowjetischen Soldat*innen erschossene Zivilist*innen. Gezeichnet - Unsere Flucht 1945 © PandaBee Studios, Screenshot: Marcus Schäfer.

 

Die Opfer der Deutschen und das Ausblenden der anderen

Das mithilfe des Zentrums für Kultur//Geschichte konzipierte Videospiel Gezeichnet - Unsere Flucht 1945 hat die Chance vertan, eine reflektierte Geschichte über deutsche Fluchterfahrungen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu erzählen. Die unzähligen Lagerfeuergespräche im Spiel hätten eine hervorragende Gelegenheit dafür geboten, Räume für Reflexionen zu schaffen, die über eine einseitige Opfererzählung, eine extrem problematische Weitererzählung von NS-Propaganda und unhistorischen Mythenbildung um die Wehrmacht hinausreichen. Wie der Umgang mit dem kontroversen Thema besser gelingen kann, zeigt das Videospiel Svoboda 1945: Liberation, welches den Fokus auf Tschechien legt. Hier werden sowohl die Flucht der tschechischen sowie jüdischen Bevölkerung behandelt als auch die mörderische Brutalität des deutschen KZ-Systems sowie die gewalttätige Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung zum Ende des Krieges.[7]

In den sozialen Medien gab es aufgrund der relativierenden Geschichtserzählung in Gezeichnet bereits entsprechende Kritik.[8] Die Entwickler*innen haben hierauf reagiert und das Spiel mit einer Erklärung vorerst von der Spieleplattform Steam entfernt, um es intern zu prüfen.[9] Hoffentlich führt diese Prüfung zu einer Generalüberholung der Spiele-Erzählung, denn das rückständige Geschichtsnarrativ in Gezeichnet ist zweifellos katastrophal.

 

Walkthrough durch Gezeichnet - Unsere Flucht 1945

 


 

[1] Vgl. Micha Brumlik, Deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs und die Frage der Schuld, Lernen aus der Geschichte, 31. Januar 2023 (zuletzt abgerufen am 24. Mai 2023).
[2] Vgl. Claudia Jerzak, Der 13. Februar 1945 im kollektiven Gedächtnis Dresdens. Gedenkrituale und Wandel der Erinnerungskultur, Bundeszentrale für politische Bildung, 13. Februar 2023 (zuletzt abgerufen am 25. Mai 2023).
[3] Vgl. O.A., Die große Flucht aus Ostpreußen, MDR, 02. Dezember 2020 (zuletzt abgerufen am 20. Mai 2023).
[4] Vgl. Stefan Preuß, Die tragische Versenkung der „Wilhelm Gustloff“, NDR, 31. Januar 2022 (zuletzt abgerufen am 23. Mai 2023).
[5] Vgl. Robert M. Citino, Generally Bad, in: World War II, 30 (November/Dezember 2015) 4, S. 25.
[6] Vgl. Sönke Neitzel, Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin 2020.
[7] Vgl. Eugen Pfister, Svoboda: 1945, Stiftung Digitale Spielekultur (zuletzt abgerufen am 26. Mai 2023).
[8] Vgl. https://twitter.com/PandabeeStudios/status/1659261650204082176 (zuletzt abgerufen am 25. Mai 2023).
[9] Vgl. Gezeichnet - Unsere Flucht 1945, Steam (zuletzt abgerufen am 25. Mai 2023).