Dass endlich auch Frauen Banden bilden sollten, ist ein Appell, der noch wenig Berücksichtigung gefunden hat: Anders als männliche Netzwerke – in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport – treten Frauen häufig immer noch als Einzelkämpferinnen auf. Eine etwas andere Geschichte erzählen die Ausstellungsmacher*innen des Public-History-Studiengangs, die sich jüngst der weiblichen Seite einer populären Sportart – des Basketballs – annahmen. Hintergrund hierfür ist der FIBA Women´s World Cup, der im September 2026 in Berlin ausgetragen wird. Für das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und den Studiengang Public History der FU war dies ein Anlass, auf zweierlei Weise in die Historie des Sports zurückzublicken: Das ZZF veranstaltete gemeinsam mit dem Zentrum deutsche Sportgeschichte und ALBA Berlin die Ausstellung „Freigespielt! Basketball vor und nach 1989“, die vor allem die Bedeutung des „Korbballs“ in der Zeit des Kalten Kriegs und seinen Wandel in der gesellschaftlichen Transformation seit 1989/90 nachzeichnet. Sie wird in den Foyers der Spielstätten gezeigt und anschließend auf Wanderschaft gehen.
Studierende der „Public History“ forschten parallel zur Geschlechtergeschichte dieser Sportart und fanden das, was man andernorts vermisst: ein feines und doch ungemein stabiles Beziehungsgeflecht, das Frauen im Sport seit Jahrzehnten trägt, Herausforderungen standhält, Motivation bietet und Karrierewege eröffnet. In der Langen Nacht der Wissenschaften erlebte diese Ausstellung im Juni 2026 ihre Premiere – ihre Kurator*innen ziehen hier noch einmal ein Resümee ihrer Arbeit: als Anregung für ähnliche Projekte und als Einblick in eine Welt, in der sportliche und gesellschaftliche Solidarität Hand in Hand gehen.
Jutta Braun
Was macht eine „Basketballfamilie” aus? Wir, fünf Studierende aus dem Public History Master an der FU Berlin, gingen dieser Frage in der Ausstellung „Familiensache: Geschichte(n) des Berliner Frauenbasketballs” nach. Sie entstand in Kooperation mit ALBA Berlin, dem „28.15 Basketballmuseum“ und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und wurde während der Langen Nacht der Wissenschaften 2026 an der FU Berlin gezeigt.
Die Ursprungsidee des Projektes basiert auf den Erfahrungen, die einige von uns selbst als Sportlerinnen gemacht haben. Da formale Strukturen zur Förderung des Frauensports weiterhin unterentwickelt sind, beobachteten wir, dass persönliche Beziehungen eine besondere Rolle einnehmen. Die durch den Sport entstandenen Beziehungen gehen dabei häufig über den Platz hinaus: So werden Teamkolleginnen zu Freundinnen, Partnerinnen und Vorbildern. In unserer Ausstellung wollten wir daher den wechselseitigen Einfluss von Trainerinnen, Mitspielerinnen, Müttern und Mentorinnen aufzeigen, indem wir die Entwicklung des Berliner Frauenbasketballs anhand eines Beziehungsgeflechts erzählten. Der Fokus auf die Berliner Basketballlandschaft spiegelt die Bedeutung dieses Netzwerks wider, da informelle Strukturen dazu führten, dass jeder Frauenbasketballstandort eine eigenständige Entwicklungsgeschichte hat.
Der Forschungsprozess
Am Anfang unserer Recherche wollten wir uns zunächst einen Eindruck verschaffen, welches Material es bereits zur Geschichte des deutschen Frauenbasketballs gab. Wir mussten jedoch recht schnell feststellen, dass diese Geschichte bisher kaum erforscht wurde. Dank der Kooperation mit ALBA Berlin und dem vereinseigenen „28.15 Basketballmuseum“ konnten wir allerdings auf dort aufbereitete Forschungs-Ergebnisse zurückgreifen. Hierzu gehörten vor allem das Magazin „Geschichte des deutschen Frauenbasketballs“ sowie ein Sample von Interviews mit Spielerinnen, die durch Mitarbeiter*innen des „28.15 Basketballmuseums“ geführt wurden.
Auf Basis der dadurch gewonnenen Erkenntnisse konnten wir prägende Beziehungsstrukturen und Schlüsselfiguren im Berliner Frauenbasketball identifizieren. Um mehr über individuelle Werdegänge und ihre sozialen Kontexte zu erfahren, führten wir selbst noch fünf Interviews mit Persönlichkeiten aus dem Berliner Basketball.
Den Anfang machte Renate Riebschläger aus Berlin-Neukölln, die als Spielerin, Lehrerin, Schiedsrichterin, Trainerin und Vereinsfunktionärin in über 45 Jahren ihr Leben fast komplett dem Basketball widmete. Im Gespräch verwies sie auf die Bedeutung der Schul- und Vereinsarbeit und betonte, dass man zum Verständnis des Frauenbasketballs alle Beteiligten auf und neben dem Platz berücksichtigen müsse: „Ich hatte auch ganz viele Schüler, die dem Basketball sehr verbunden waren, obwohl sie selbst eigentlich gar nicht gespielt haben.“ Vor allem die Mädchen erklärten, dass ihnen Basketball mehr Selbstwertgefühl verliehen hätte.
Ein wichtiger Gesprächspartner war auch Frank Menz, Spieler, Trainer und Ehemann der 2019 verstorbenen ehemaligen DDR- und gesamtdeutschen Nationalspielerin Birgit Menz. Ihre Karriere begann 1978 bei der HSG Wissenschaft Humboldt-Universität. Schnell stieg die wurfstarke Flügelspielerin zur herausragenden Leistungsträgerin auf und erhielt 1985, 1987 und 1990 die Auszeichnung als DDR-Spielerin des Jahres. Mit der Nationalmannschaft gewann sie 1997 die EM‑Bronzemedaille. Mit 24 Länderspielen für die DDR und 70 Partien für den DBB steht Birgit Menz bis heute für sportliche Höchstleistung über alle Grenzen hinweg. In unserem Gespräch wurde klar, dass für sie zugleich die Solidarität mit ihrem Lebenspartner im Vordergrund stand: Frank Menz erzählte uns im Interview von der gemeinsamen Leidenschaft für Basketball und der gegenseitigen Unterstützung ihrer Karrieren: „Ohne Biggie wäre das nicht möglich gewesen“, denn das Engagement im Sport „forderte mir alles ab“. Doch seine Frau „hatte Verständnis, jedes Mal. Für sie war das klar: Es gehört alles dazu, ansonsten kann ich den Job nicht machen. Und ohne sie hätte ich es auch so nicht gemacht.“
Zudem konnten wir ein schriftliches Interview mit der ehemaligen Nationalspielerin Petra Kremer führen, die nach dem Ende ihrer Spielerinnenkarriere fast zwanzig Jahre als Schiedsrichterin aktiv war. Am Beispiel der siebenfachen Deutschen Meisterin vom BTV Wuppertal wird die Bedeutung von familiären Beziehungen im Basketball sichtbar: Kremer spielte mit ihrer Zwillingsschwester, Mutter und Tante in einem Team. Auch zu anderen Basketballfamilien pflegte sie enge Beziehungen, besonders zu der Familie Otto – eine, wie sie einschätzt, „ähnlich verrückte Basketballfamilie”. Petra Kremer folgte auf Silvia Otto als eine der ersten Schiedsrichterinnen in der Herren-Bundesliga, nachdem Otto Präsidentin der Frauenkommission im DBB geworden war. „Als ich meine Schiedsrichterei gestartet habe, wurde parallel der Frauenförderkader ins Leben gerufen, in den Frau Otto eine Menge Herzblut reingesteckt hat.“ Dafür ist sie ihr bis heute dankbar.
Beim Video-Interview hatte Sunniva Ferri die New Yorker Skyline im Rücken: als Managerin der WNBA-Spielerinnen Satou und Nyara Sabally pendelt sie zwischen Berlin und den USA. Trotzdem nahm sie sich Zeit, um mit uns unter anderem über die Bedeutung von Aktivismus im Frauenbasketball zu sprechen. Ihr gemeinsames Engagement mit Satou Sabally zur Aufklärung über die Haarausfall-Krankheit Alopecia und die sich daraus ergebenden sozialen Schwierigkeiten machte im Frühjahr Schlagzeilen, als Sabally sich den Kopf aus Solidarität mit Ferris Erkrankung rasierte. Sie beide teilen die Überzeugung, dass Sport eine Plattform für den Kampf gegen soziale Missstände sein kann: „Satou hat mich schon sehr früh [und] mein Verständnis von Aktivismus geprägt.”
Unser letztes Interview führten wir mit der Olympiasiegerin Svenja Brunckhorst, Managerin der Frauen- und Mädchenabteilung von ALBA Berlin. Eine der wenigen Frauen in leitenden Positionen innerhalb des deutschen Basketballs zu sein, ist für sie Verantwortung und Motivation zugleich: Sie sieht es als wichtig an, dass Frauen, die selbst aktiv gespielt haben, ihre praktische Expertise in die Verwaltung einbringen, um die Gremien an den Tischen „ein bisschen aufzumischen.” Brunckhorst ist davon überzeugt, dass die anstehende Frauen-Basketball-WM in Berlin die Entwicklung des Frauenbasketballs entscheidend vorantreiben wird: „Alle gucken auf diesen September. Die WM, so hofft sie, könnte als Hebel wirken, um für die Sportart und ihre Reichweite ein höheres Level zu erreichen.
Darstellerische Form, Probleme und Alternativen des Projektes
Gemäß dem Grundsatz „Form follows content” stand anfangs die Frage im Raum: „Was wollen wir vermitteln?” Vor allem im Beziehungsgeflecht sahen wir eine Besonderheit des Frauenbasketballs. Zudem wollten wir einige Protagonistinnen in den Vordergrund stellen, da ihre Lebensläufe und Leistungen unserer Ansicht nach bisher zu wenig Aufmerksamkeit fanden. Dieser Wunsch lief auf einen biografischen Ansatz hinaus, bei dem die ausgewählten Frauen auch selbst zu Wort kommen sollten. Zudem setzten wir thematische Schwerpunkte, die wesentliche Aspekte der Lebensrealität der Spielerinnen beleuchten, wie etwa die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Leistungssport oder die Frage der Verbindung von sportlichem Engagement und politischem Aktivismus.
Diese drei Aspekte – Beziehungen, Biografie, Themen – mussten wir hinsichtlich der gestalterischen Präsentation gegeneinander abwägen. Es kristallisierte sich schnell heraus, dass die Beziehungsgeflechte die Hauptrolle spielen sollten. Das Netzwerk sollte komplex rekonstruiert werden und die Beziehungstypen sollten sich in unterschiedlichen Arten von Linien widerspiegeln.
Als Knotenpunkte dienten die Biografien von einzelnen Akteurinnen. Die Frauen sollten als Sportheldinnen eine angemessene Visualisierung bekommen. In einer Besprechung kam die Frage auf, ob es Sammelkarten auch im Basketball gab. Da war schnell klar, dass wir dieses Format als Grundlage für die biografische Visualisierung nutzen wollten. Wir entwickelten einen Entwurf, in dem die Porträts der Frauen einen großen Raum einnahmen, umrahmt von den wichtigsten Informationen zur Person: Name, Geburtsjahr, Funktion. Einen biografischen Abriss der wichtigsten Stationen in der Basketballkarriere druckten wir auf die Rückseiten der Karten und pinnten sie verschiebbar unter die Vorderseite. So wurde ein interaktives Element für die Besucher*innen geschaffen.
Doch wie konnten wir die Akteurinnen nun zu Wort kommen lassen? Dafür entwickelten wir zusätzlich „Spezialkarten“, auf denen wir wörtliche Zitate der Personen festhielten.
Die Frage nach den inhaltlichen Schwerpunkten beschäftigte uns lange. Einerseits stand das Beziehungsnetz auf visueller Ebene hervorragend für sich. Andererseits befriedigte es unseren Anspruch als Historiker*innen nicht. Wir wollten unbedingt auch die gesellschaftliche Dimension des Sports beleuchten. Daher entschieden wir uns, „historische Interventionen“ in Gelb als zweite Kontrastfarbe in das Beziehungsgeflecht miteinzuweben, die wir zudem mit dem Zitat einer Protagonistin versahen.
Der gesamte Entwurf wurde bereits früh auf Canva angelegt und im Verlauf der Recherchen mit Inhalten verfeinert. Das Geflecht breitete sich in einer groben Chronologie von der Anfangszeit auf der linken Seite über die Transformationszeit in der Mitte bis in die Gegenwart nach rechts aus. Um das „Netz“ und „Netzwerken“ zu veranschaulichen, benutzten wir für die einzelnen Verbindungen Wollfäden unterschiedlicher Farben, wobei jede Farbe für eine andere Beziehungsart stand.
Präsentation während der Langen Nacht der Wissenschaften
Zur Langen Nacht der Wissenschaften kamen etwa 30.000 Besucher*innen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Bildungsgraden und Interessen. Dieser heterogenen Zielgruppe konnten wir nicht allein mit unserem Beziehungsgeflecht gerecht werden. Daher planten wir mit fünf weiteren Elementen: (I) Thematischer Einstieg, (II) persönlicher Bezug, (III) Ausstellungsobjekte, (IV) spielerische Aktivität und (V) Gegenwartsbezug.
Wir mussten davon ausgehen, dass nur die wenigsten Besucher*innen Vorkenntnisse zur Geschichte des Basketballs hatten. Deswegen visualisierten wir mithilfe der Recherche von Conrad Ziesch von ALBA Berlin einen Zeitstrahl, der einen groben Überblick über die Entwicklung des Frauenbasketballs in Deutschland und damit eine erste Orientierung liefern sollte.
Um die Besucher*innen auch auf persönlicher Ebene abzuholen, legten wir eine interaktive Karte aus, auf der sie angeben konnten, wo sie in Berlin schon Basketball gespielt hatten. Auf einer Pinnwand schufen wir zudem die Möglichkeit, die eigenen wichtigen Beziehungen im Sport auf ein Post-it zu schreiben, um einen persönlichen Bezug zur Ausstellungsthematik herzustellen.
Uns war es besonders wichtig, eine authentische Atmosphäre zu schaffen. Dafür lieferte das „28.15 Basketballmuseum“ Exponate wie originale Poster und Tickets, während Laura von Mering den Raum mit einigen Trikots bestückte. Als besonderes Highlight lieh uns der Deutsche Basketball Bund (DBB) für die Nacht die Replik des offiziellen WM-Pokals der Frauen.
Neben dem Pokal war das spielerische Element – ein kleiner Basketballkorb – der wichtigste Pull-Faktor während der Langen Nacht der Wissenschaften. Kinder konnten sich beim Körbewerfen austoben, während die Eltern Zeit hatten, sich der Ausstellung zu widmen und in den ausgelegten Basketballmagazinen zu blättern. Neben dem Korb stellte uns ALBA Berlin auch Mannschaftsposter und einen von der Frauenmannschaft signierten Basketball zur Verfügung, die wir im Rahmen eines Wettbewerbs im Körbewerfen verlosten.
Zuletzt erwartete die Besucher*innen eine Pinnwand mit Informationen zur kommenden Frauen-Basketball-WM im September 2026 in Berlin. Sie diente als Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart und veranschaulichte – ebenso wie unser Beziehungsgeflecht –, wie relevant Sportgeschichte und persönliche Geschichten für die politische und gesellschaftliche Gegenwart dieses Sports sind.
Die erfolgreiche Umsetzung der Ausstellung ist der engen Kooperation mit ALBA Berlin zu verdanken. Die Verantwortlichen unterstützten uns mit Expertise, Objekten, ihrer Reichweite in den sozialen Medien und ihren wertvollen Kontakten.
Aus der Retrospektive kommen wir zu dem Fazit, dass sich die intensive Recherche, die persönlichen Begegnungen in den Interviews und unsere konzeptionellen Besprechungen gelohnt haben. Dies gilt für die inhaltlichen Resultate, die ein weitgehend unbekanntes Stück der Sport- und Geschlechtergeschichte ausgeleuchtet haben, ebenso wie für die Praxiserfahrung. Es war eine intensive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Studiengangs „Public History“ und zudem mit einem gesellschaftlichen Thema, das uns am Herzen liegt.
Zitation
Jutta Braun, Nathalie Becker, Pia Charlotte Hensel, Marah Großkopf, Mehmet Küçük, Laura von Mering, Familiensache: Geschichte(n) des Berliner Frauenbasketballs. Ein Ausstellungsbericht, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/familiensache-geschichten-des-berliner-frauenbasketballs