von Anke Hoffstadt

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2. August 2019

Mit dem „Prädikat besonders wertvoll“ schickte die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) den Dokumentar- und Animationsfilm „Kleine Germanen“ im Mai 2019 auf die Kinoleinwände. Vielleicht noch „nie so explizit und so erschütternd“[1] habe ein Film bisher Einblick gegeben in die „umfassenden Strukturen von Familien im rechten Spektrum“, heißt es in der Jurybegründung. Mohammed Farokhmanesh und Frank Geiger haben für ihre Dokumentarfilmarbeit zu Radikalisierungs- und Ausstiegsprozessen in und aus der (organisierten) extremen Rechten jedoch ein Patchwork von Zugängen gewählt, das kritische Stimmen provoziert und die Urteilskraft ihrer Zuschauer*innen herausfordert.

 

Alles beginnt mit unserer Erziehung

Im Mosaik nebeneinanderstehender und überblendeter Erzählstränge erzählt „Kleine Germanen“ vom Auf- und Hineinwachsen in extrem rechte(n) Strukturen, von Familienwelten der extremen und Neuen Rechten, von völkischen Siedlern und neonazistischer Organisierung. Schließlich aber auch von der Lenkbarkeit von Kindern und jungen Erwachsenen, die in extrem rechten Zusammenhängen älter werden. Dabei unternimmt der Dokumentarfilm den Versuch, die Macht von role models und Erziehungsgewalten, die Dynamiken von Gruppendruck und die Sogwirkung geschlossener extrem rechter Lebenswelten und ihrer manipulativen Stärke zu zeigen, die aus Kindern „Kleine Germanen“ formen können.

Zentral stellt die Regiearbeit von Mohammed Farokhmanesh und Frank Geiger dabei die Geschichte ihrer Figur „Elsa“, zunächst ein Kind, das Mitte der 1970er Jahre aufwächst, „in einer ganz normalen Familie, wie viele andere auch. Behütet und geborgen“. Die erwachsene Stimme der Ich-Erzählerin „Elsa“, die über die gesamte Filmerzählung hinweg den Fortgang ihrer eigenen Geschichte bis ins Erwachsenenalter retrospektiv kommentieren wird, wirft diesen Satz gleich zu Beginn der ersten Einstellung der „Elsa“-Erzählung scheinbar leicht gesprochen dahin. Doch die „normale Familie“, von der hier die Rede ist, ist mehr. Sie ist das Schlüsselbild im Gesamtkonzept des Films, das als übergeordnete Klammer zu lesen sein dürfte. So stellt „Kleine Germanen“ die Frage nach der Bindungskraft von Gemeinschaft an sich und nach den normativen Grenzen und Elastizitäten ihres Wertesystems und dessen Weitergabe. „Alles“, heißt es am Ende mit der Stimme der Figur „Elsa“, „beginnt mit unserer Erziehung.“

 

Einbahnstraße Neonazismus

In knapp 90 Minuten umkreist „Kleine Germanen“ dieses Hauptthema in einem Patchwork an Erzählsträngen. Dabei ist Elsas Geschichte das herausragende Element. Begleitet wird das Kind, das Mädchen, die junge Erwachsene, Mutter und Frau auf ihrem Weg in und durch die extrem rechte, organisierte Szene – bis zu ihrem Ausstieg als Erwachsene. Ihren Einstieg allerdings stößt bereits ihr Großvater an. Er ist Elsas Bezugsperson, ihr geliebtes Vorbild. Mit „Opa“ spielt das Mädchen im Wohnzimmer den Russlandfeldzug gegen die „Bolschewiken“ nach, ordnet sich Drill und Gehorsams-Ansprüchen unter, liest „Mein Kampf“ und träumt von ihren Feindbildern, die sie nur aus den antisemitischen Hetzschriften aus dem Ideologie- und NS-Schriftenfundus ihres Großvaters kennt. Er bringt ihr bei, an die Bedrohung des deutschen Volkes und die Notwendigkeit, die Heimat zu verteidigen, zu glauben. Mit diesem Rüstzeug im Gepäck heiratet Elsa, kaum volljährig, einen Neonazi, den aufstrebenden Funktionär einer extrem rechten Partei, politischen Ziehsohn eines autoritären Anführers. Mit ihm zusammen radikalisiert sie sich auf allen Ebenen: Sie schwört auf die völkischen Ziele der Partei, verprügelt an seiner Seite muslimische Passant*innen und ordnet sich als Kameradin wie als junge Mutter der Lebensgemeinschaft in der rechten Siedler-Gemeinschaft unter, deren Teil ihre Familie wird. Elsa ist also ganz auf Linie, von Kindesbeinen an.

Zu einem ersten Riss in Elsas Biographie kommt es, als ihr zweites Kind geboren wird: ein Junge, ein Kind mit Trisomie 21, eine „Missgeburt“, ein „nutzloser Esser“, wie ihr Mann und alle Kamerad*innen sagen. Als sein Vater wegen eines Brandanschlages auf eine Geflüchtetenunterkunft in den Knast wandert, ist Elsa mit den Kindern auf sich allein gestellt. Ihre Geschäftsidee, in der völkischen Siedlergemeinschaft einen Hofladen zu eröffnen, kann ihre wirtschaftliche Lage verbessern. In dieser kleinen Eigensinnigkeit wird Elsa für die Gemeinschaft der Kameradinnen und Kameraden damit jedoch suspekt – ebenso wie zuvor bereits ihre Kinder: Hermann wegen seiner Behinderung, seine ältere Schwester Marit wegen ihrer Solidarität zu ihrem Bruder. Das extrem rechte Familien-Idyll, das in seiner Herrenmenschen-Logik mit dem „behinderten“ Sohn ohnehin bereits empfindlich in Frage gestellt ist, droht schließlich endgültig zu zerbrechen, als Elsa erlebt, wie sich ihr Mann nach seiner Rückkehr mit Gewalt gegen sie und die Kinder wendet, sie prügelt und bedroht. Elsa entschließt sich, bei der Polizei gegen ihren Mann, den Neonazi, auszusagen, verrät damit die Gemeinschaft, in der sie noch vor kurzem wie organisch zuhause war. Im Aussteiger- und Zeugenschutzprogramm allerdings sind sie und ihre Kinder nicht sicher. Anonymität, Wohnungswechsel und die Angst vor Verfolgung als Verräterin begleiten Elsa und ihre Kinder. Für Marit endet die Erzählung tödlich. Das traumatisierte Kind verstummt und tötet sich schließlich durch einen Sprung aus dem Fenster selbst.

Vorgezeichnet, beinahe schicksalhaft wirkt Elsas Biographie – eingespannt in Indoktrination und Fremdbestimmtheit. Einen „Käfig“ nennt die Figur „Elsa“ selbst ihre Vita. Der Ausbruch ist folgenschwer. Hier aber macht „Kleine Germanen“ einen ersten, entscheidenden Fehler: Er setzt die Sogkraft extrem rechter Vergemeinschaftungsprozesse absolut, geht der Erzählung vom unbedingten Kitt der völkischen Gemeinschaft, die den und die Einzelne*n vor ihrer vermeintlichen Bedrohung durch die Moderne, durch „das Fremde“, durch „Volkstod“ und den Verlust einer „rassisch“ wie ideologisch „reinen“ Heimat zu schützen vorgibt, auf den Leim. Im Bild bleibend beschreibt „Kleine Germanen“ die Motivation für einen Ausstieg aus der rechten Szene folgerichtig als eine persönliche, eine individuelle. Ein nicht der Norm entsprechendes Kind, ein Gewaltexzess gegen die eigene Familie, nicht hingegen das Verstehen, in der extrem rechten Ideologie und Lebenswelt falsch zu liegen, scheinen ausschlaggebend dafür, dass Elsa der extremen Rechten den Rücken kehrt.

Am Ende leistet die Erzählung von „Elsa“, deren Geschichte laut Vorspanntext auf „wahren Begebenheiten“ beruht, der Entpolitisierung von Radikalisierungs- wie von Ausstiegsprozessen in und aus der extrem rechten Szene Vorschub, erweist damit sozialpsychologischen Erklärungsansätzen – die den Psychologien sozialer Bindungen und nicht zuletzt der Attraktion, Teil einer Gemeinschaft zu sein, einen Begründungszusammenhang für rechte Radikalisierungsprozesse einräumen – einen Bärendienst.

Versöhnen mag hier allein die Darstellungsebene: Denn die Haupterzählung in „Kleine Germanen“ ist im Zeichentrickformat gehalten, angelehnt an Öl- oder Guache-Malerei. Damit schaffen Farokhmanesh und Geiger Distanz zu ihren Figuren, verweisen auf das Beispielhafte.

 

Nahaufnahmen: Patchwork rechter Ideologien

Das wiederum gelingt ihnen überhaupt nicht in jenen Sequenzen, die einen zweiten Erzählstrang ihres Dokumentar-Animationsfilms ausmachen. Denn hier präsentieren sie Interviewsequenzen mit bekannten Protagonist*innen der extremen Rechten, die Auskunft über ihr Selbstverständnis und ihr Familienbild geben. Unkommentiert antworten sie auf ungestellte Fragen, berichten von ihren Vätern, die ihnen Disziplin und Leistungsgedanken vermittelt (Martin Sellner – Identitäre Bewegung), ihnen ein Beispiel für eine intakte Familie und wertekonservative Erziehungsstile beigebracht (Sigrid Schüssler – ehemals Ring Nationaler Frauen/NPD, heute Pegida-Aktivistin) oder ein natur- und heimatverbundenes Gemeinschaftserleben ermöglicht hätten (Ricarda Riefling – Ring Nationaler Frauen/NPD). Sie halten den Selbstbehauptungswillen gegen „Ausländerhorden“ hoch (Ellen Kositza, Publizistin der Neuen Rechten) oder sprechen vom drohenden Zerfall von Kultur, Heimat, Familie und Vaterland (Götz Kubitschek, Verleger der Neuen Rechten).

Konfrontatives, Einordnendes oder Kommentierendes bieten die Regisseure in diesen Interviewsequenzen dabei an keiner Stelle. Vielmehr lassen sie sie sprechen, ihre Interviewpartner*innen – geben ihnen Raum, Zeit und Filmmaterial, sich ungebremst auszulassen, inszenieren sie sogar regelrecht in ihrer natur- und traditionsverbundenen Umgebung (Kubitschek/Kositza), im kinderfreundlichen Familienwohnzimmer (Schüssler), im eleganten Billardsaal (Sellner), in der Bibliothek (IB-Aussteiger Alexander Lingner) oder im kleinbürgerlich-speckigen Ledersofa-Ensemble (Riefling). Dabei schafft die Kamera Panoramen der Normalität, der Unverfänglichkeit, der Harmlosigkeit. Sie fängt die Akteur*innen der extremen Rechten ein, wie sie still in ihrem Umfeld sitzen, im Voice Over hören die Zuschauer*innen ihre Statements: ein Patchwork aus extrem rechten Ideologie-Elementen, wohlverpackt in den Anschein von Seriosität, Herzlichkeit, Menschennähe und Biederkeit.

Wo die Jury der Filmbewertungseinrichtung FBW so ehrlich war zu beschreiben, sich dabei ertappt zu haben, wie ihre Mitglieder die Argumente der rechten Interviewpartner*innen durchaus in den eigenen Haltungen wiederfanden, irrt sie in ihrer („ausgiebig“[2] diskutierten) Schlussfolgerung dennoch gewaltig. Denn „Kleine Germanen“ vermag es besonders in diesen Sequenzen gerade eben nicht, „demokratiefeindliche Haltungen“ zu entlarven. Im Gegenteil. Wenn die Filmbewertungs-Jury in ihrer Prädikats-Begründung meint, dass „Kleine Germanen“ trotz seiner „mitunter zarten Töne“ und seiner Bilder von „romantisierende[n] Vorstellung[en] von Familie“ dank seiner aufklärenden Beschreibungen vom „Erwachsenwerden in sektenähnlichen Strukturen“ zu verhindern wisse, von „rechtsextremer Seite missbraucht“ zu werden, unterschätzt sie die strategische Stärke der extremen Rechten. Ebenso, wie die Regisseure mit ihrem zurückhaltenden und zugleich inszenierenden Interview-Konzept ihre Zuschauer*innen überschätzen und nahezu allein damit lassen, das Gehörte und Gesehene einzuordnen. Am Ende besorgt „Kleine Germanen“ durchaus das Geschäft der extremen Rechten. Damit begeben sich seine Regisseure, trotz ihres hohen Anspruchs, die Strategien der extremen Rechten entblößen zu wollen, in die Gefahr als „kostenlose Öffentlichkeitsabteilung“[3] der extremen und Neuen Rechten zu agieren. Farokhmanesh und Geiger hätten es wissen müssen.

 

Kommentar ohne Bilder

Denn beide haben durchaus Expertinnen und Experten zu Rate gezogen, die sie über die Strukturen, Strategien und Versteckspiele[4] der extremen Rechten – gerade mit Blick auf ihre Gruppendynamiken und Anbindungskalküle – informiert haben dürften. Sozial- und Politikwissenschaftler*innen, Pädagog*innen, Expert*innen der politischen Bildung und Berater*innen von Fachberatungsstellen (etwa der Ausstiegsberatung EXIT) standen für den Film Rede und Antwort, ordneten ein und kommentierten. Nicht immer mag die Wahl der Expert*innen dabei ausschließlich glücklich gewesen sein. Mit Alice Blum etwa kommt in „Kleine Germanen“ eine Fachwissenschaftlerin zu Wort, die sich zuletzt der Kritik stellen musste, dass empirische Sozialforschung nur dann seriös sein kann, wenn genügend – auch emotionale – Distanz zum Gegenstand der Forschung besteht.[5]

Schwerer wiegt aber die Regieentscheidung, ausnahmslos alle Expert*innen-Stimmen ausschließlich aus dem Hintergrund hörbar zu machen: Sie werden als gesichts- und körperlose Kommentare eingespielt, liegen über stummen Porträtaufnahmen der Interviewpartner*innen der extremen Rechten, vertonen Quellen-Filmmaterial von Pegida-Aufmärschen oder von Aktionen der Identitären Bewegung, besprechen die Bilder von beliebigen blonden Kindern beim Spiel. Ihre Positionen, ihre Einordnungen bleiben auf diese Weise unsichtbar im engeren Sinne, treten zurück hinter die ästhetisierende Kameraführung- und Montagearbeit. Wo Mohammed Farokhmanesh und Frank Geiger ihre Erzählstränge im Mosaik über und ineinander schachteln, verschneiden sie die Ebenen bildhaften Erzählens mit Voice Overs aus Erzählerinnenstimme, Expert*innen-Kommentaren und Statements ihrer extrem rechten Interviewpartner*innen auf eine Weise, die vor allem auf Emotionen setzt. Am Ende unterschätzen sie die damit die Überzeugungskraft ihrer eigenen Bilder, überschätzen zugleich die kritische Urteilskraft ihrer Zuschauer*innen, die sie mit schönen Bildern und fragwürdigen Inhalten nahezu allein lassen.

 

Kleine Germanen“ – Deutschland / Österreich 2018 – 90 Minunten

Regie: Frank Geiger, Mohammed Farokhmanesh;

Drehbuch: Frank Geiger, Mohammed Farokhmanesh, Armin Hofmann;

Produktion: brave new work filmproductions GmbH, Little Dream Entertainment, Golden Girls Filmproduktion

Gefördert von: MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg mbH, Filmförderungsanstalt FFA / German Federal Film Board, Film-Fonds Wien, Media; Film- und Medienstiftung NRW

 


[1] Jury-Begründung der Deutschen Medien- und Filmbewertung (FBW) zur Prädikatsverleihung, [zuletzt abgerufen am 02.08.2019].
[2] Jury-Begründung der Deutschen Medien- und Filmbewertung (FBW) zur Prädikatsverleihung,[zuletzt abgerufen am 02.08.2019].
[3] Floris Biskamp: Mit Neuen Rechten reden. Beitrag zur Podiumsveranstaltung „Mit Neuen Rechten reden?“, organisiert vom Arbeitskreis Neue Rechte der Tübinger Fachschaft für Politik (18.12.2019),[zuletzt abgerufen am 02.08.2019]. Zur Veranstaltungsdokumentation siehe auch: AK Neue Rechte der Fachschaft Politik der Universität Tübingen: „Mit Neuen Rechten reden?“, [zuletzt abgerufen am 02.08.2019].
[4] Zu extrem rechten „Versteckspielen“, vgl. Agentur für soziale Perspektiven: Das Versteckspiel, [zuletzt abgerufen am 02.08.2019].
[5] Positionierung des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus (Februar 2019), [zuletzt abgerufen am 02.08.2019].

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