von Olaf Berg

  |  

13. September 2019

Bereits seit einigen Jahren richtet das Forum Expanded der Berlinale sein Augenmerk auf Filmarchive und die Relektüre des dort archivierten Materials. Das Archiv gilt dabei als spezifische Konstellation, in der das filmische Material steht und wird als lebendig, insofern es immer wieder neue Bedeutungen hervorbringen kann, aufgefasst.[1] Nicht die Rekonstruktion vergangener Ereignisse, sondern die Aktualität, mit der audiovisuelle Artefakte heute auf uns wirken, steht im Vordergrund. Ein Verständnis von Archiv, das eine recht freie und assoziative Auswahl und Verwendung des überlieferten Materials erlaubt. Dennoch korrespondiert diese künstlerische Form der Aneignung von historischen Aufnahmen durchaus mit wissenschaftlichen Geschichtsauffassungen, die nicht von einer stabilen historischen Wahrheit ausgehen, die es durch Archivquellen zu entdecken gilt, sondern den konstruktiven Prozess der Auseinandersetzung mit Quellen in den Vordergrund stellen, der ein immer wieder aufs Neue auszuhandelndes Verhältnis der Gegenwart zu ihrer Vergangenheit etabliert.

Callisto Mc Nultys auf der Berlinale 2019 uraufgeführter Film Delphine et Carole, insoumuses kreist um die Freundschaft zweier Feministinnen, der schweizer Videoaktivistin Carole Roussopoulos und der französischen Schauspielerin Delphine Seyrig, die im Kontext der französischen Frauenbewegung der 1970er Jahre gemeinsam Videofilme machten. Roussopoulos arbeitete bis kurz vor ihrem Tod 2009 an einem Film über ihre bereits 1990 verstorbene Freundin Seyrig. Dieses unvollendete Vorhaben greift ihre Enkelin Callisto Mc Nulty auf. Doch der zwei Generationen jüngere Blick Mc Nultys verändert unweigerlich den Charakter des Projekts. Aus dem Versuch, die Erinnerung an Seyrig zu bewahren, wird eine Aneignung der Überlieferung, mit der sich Mc Nulty die Frauenbewegung der 1970er Jahre und deren gesellschaftliches Umfeld erschließt.

Mc Nulty kombiniert in ihrem Film Auszüge aus dem filmischen Nachlass von Roussopoulos und Seyrig, der durch das von diesen 1982 mitgegründete Archiv Centre audiovisuel Simone de Beauvoir[2] bewahrt wurde, mit Ausschnitten aus überlieferten Interviews mit den beiden Feministinnen und Szenen aus Filmen, in denen Seyrig als Schauspielerin auftrat. Durch die Beschränkung auf Archivmaterial lässt Mc Nulty einerseits die historischen Aufnahmen und in den überlieferten Interviews die beiden Frauen für sich selbst sprechen. Durch die Montage des aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammenden Materials entsteht andererseits eine filmische Welt, in der sich Mc Nultys Sicht auf die Vergangenheit ausdrückt. Sie nimmt diese Bewegung als „von beißendem Humor und kreativer Energie geprägten […]‚verzauberten‘“ Feminismus wahr, der „auf überraschende Weise in den Kämpfen der Frauen von heute nach[hallt].“[3]

Aus historischer Perspektive ist der Film in mehrfacher Hinsicht interessant. Mit ihrer Filmcollage schafft Mc Nulty einen Eindruck von den Geschlechterverhältnissen der 1970er Jahre in Frankreich und speziell dem in der Filmbranche. Auf diese Verhältnisse reagierten Seyrig und Roussopoulos mit ihren Videofilmen, die im Laufe der Zeit zu historischen Dokumenten geworden sind. Dokumente der parteiischen Dokumentation und Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen sowie Dokumente der Selbstrepräsentation der französischen Frauenbewegung der 1970er Jahre. Schließlich ist das Videomaterial medienhistorisches Zeugnis der frühen unabhängigen Videoarbeit und verweist auf die Formen der Aneignung der neuen Technologie und die vom damals neuen Medium eröffneten Handlungsmöglichkeiten für soziale Bewegungen, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Dem in den Medien vorherrschenden Frauenbild der 1970er Jahre nähert sich Mc Nulty auf mehreren Ebenen. Einerseits präsentiert sie Aufnahmen aus Filmen, in denen Seyrig als Schauspielerin mitwirkte. Von berühmten Regisseuren wie Alain Resnais, François Truffaut, Luis Buñuel und Fred Zinnemann entworfene Filmwelten, in denen Seyrig als Fee, Vamp oder elegante Dame auftritt. So unterschiedlich die Filme auch sind, Frauen werden hier in erster Linie als Objekte begehrenswerter Schönheit repräsentiert, die ansonsten nichts zu sagen haben. Diesen Bildern setzt Mc Nulty mit Hilfe von Ausschnitten aus Seyrigs Film „Sois belle et tais-toi (Sei schön und halt den Mund)“ einen Insider-Blick hinter die Kulissen entgegen. Darin erzählen Schauspielerinnen, dass sie diesen Beruf nie ergriffen hätten, wenn sie Männer wären. Jane Fonda berichtet, wie Maskenbildner ihren Kiefer zertrümmern wollten, um ihr Gesicht den Vorstellungen des Produzenten anzupassen. Der Traumberuf als Alptraum. Seyrig bezeichnete ihre Videofilme als „eine Art Revanche meinem Beruf gegenüber“.[4]

Immer wieder filmten Seyrig und Roussopoulos Protestaktionen von Frauen, etwa für das Recht auf Abtreibung und für die Rechte von Sexarbeiterinnen. Video wird für sie zu einem Medium der Gegenöffentlichkeit, mit dem sie die Bewegung, deren Teil sie sind, dokumentieren, in diese und in die Gesellschaft intervenieren. So reagieren Seyrig und Roussopoulos auf eine Fernseh-Talk-Show zum „Jahr der Frau“, in der eine illustre Runde Männer sich mit süffisanten Zoten über Frauen auslassen und die dazu geladene damalige Staatssekretärin für Frauenfragen, Françoise Giroud, vorführen mit einer Videoantwort: „Maso et Miso vont en bateau (Maso und Miso fahren Boot)“. Darin versehen sie Ausschnitte der Sendung mit bissigen Kommentaren. Das Fernsehen verweigerte seinerzeit die Ausstrahlung dieser Gegendarstellung und es kam zu einem Rechtsstreit über das Zitatrecht am verwendeten Fernsehmaterial.[5]

Die damals neue Technologie der elektromagnetischen Aufzeichnung ermöglichte es, mit gegenüber der fotochemischen Filmaufzeichnung relativ einfachen und kostengünstigen Mitteln zu arbeiten. Videoaktivistinnen konnten sich die Produktionsmittel relativ schnell aneignen und den aufwendigen, von Männern kontrollierten Produktionsapparat der Filmindustrie umgehen. Dennoch: kostengünstig ist relativ. Anfang der 1970er Jahre entsprach der Preis für eine Aufnahmeeinheit mehreren durchschnittlichen Monatsgehältern einer Arbeiterin.

Video ist auch ein schnelleres Medium, insofern kein Entwicklungsprozess im Kopierwerk zwischen Aufnahme und Wiedergabe geschaltet ist. Videoaufzeichnungen können unmittelbar nach der Aufnahme abgespielt und weiterbearbeitet werden. Dies ermöglichte neue Formen der Interaktion zwischen Filmenden und Gefilmten. Deutlich wird dies anhand einer Kirchenbesetzung von Sexarbeiterinnen in Paris. Von der Polizei umstellt, konnten die Besetzerinnen nicht einfach nach draußen gehen, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Seyrig und Roussopoulos gingen in dieser Situation mit ihrer Videokamera in die Kirche und führten ihre Aufnahmen zeitnah auf Monitoren vor der besetzten Kirche vor.

Delphine et Carole, insoumuses ist eine erfrischende Aktualisierung von historischem Material. Ein Film, der die kreative Kraft und Stärke der Frauenbewegung der 1970er Jahre vor Augen führt und die Aktualität der damals verhandelten Fragen und Forderungen unterstreicht. Etwa diese Frage, die Seyrig Schauspielerinnen stellte: „Hast du jemals eine Szene mit einer anderen Frau gespielt, in der die andere Frau nicht Konkurrentin war?“ Eine von vielen Fragen, die das überwiegend von Männerphantasien geprägte Filmgewerbe kenntlich machen. Die Frage hat mich beim Filmschauen die Berlinale über begleitet und scheint noch heute ausgesprochen aktuell.

 

Delphine et Carole, insoumuses

Regie: Callisto Mc Nulty

Frankreich / Schweiz 2019

70 Minuten 

Weltvertrieb: MPM Premium
Uraufführung 08. Februar 2019 Berlinale Forum

 


[1] Vgl. Stefanie Schulte Strathaus: „Archival Constellations. 17 Gedanken zum Archiv (to be continued)” im Katalog des 49. Forums der Berlinale 2019, S. 202-217 [abgerufen am 17.09.2019].
[2] Centre audiovisuel Simone de Beauvoir [abgerufen am 17.09.2019].
[3] Callisto Mc Nulty im Online-Katalog des 49. Berlinale Forums, 2019 [abgerufen am 17.09.2019].
[4] Delphine Seyrig zitiert nach Heike Hurst: „Brief aus Paris. Zu ‚Coming Home‘ von Hal Ashby, ‚Remember my Name‘ von Alan Rudolph und ‚Sei schön und halt den Mund‘ von Delphine Seyrig, in Frauen und Film, Nr. 18, Berlin Dezember 1978, S. 39-42. Auszug wiedergegeben im Onlinekatalog des 49. Forums der Berlinale 2019 [abgerufen am 17.09.2019].
[5] Vgl. Dörte Eißfeld: „Frauenvideo – Videofrauen auf dem Forum“ in Informationen 6/7 (ab Nr. 8 medienarbeit) Hrsg. Mpz Hamburg und Mefu Hamburg, 1976, S. 23-27 hier S. 25 [abgerufen am 17.09.2019].