von Tobias Rischk

  |  

7. Februar 2020

Filme, die sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen, gibt es nur wenige. Begründet wird das häufig damit, dass ein vorrangig als Stellungskrieg geführter Krieg, dem kommerziell-ästhetischen Anspruch von Filmemacher*innen kaum gerecht wird. Der britische Regisseur Sam Mendes und die schottische Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns haben sich des Themas dennoch angenommen und mit 1917 einen opulenten Kriegsfilm geschaffen.



Anspruch und Motiv des Regisseurs

Sam Mendes hörte bereits als Kind mit großer Begeisterung die Geschichten seines Großvaters Alfred Hubert Mendes, der 1917 in Flandern gekämpft hatte und über Kameradschaft, Kriegsalltag und Todesangst berichtete. So wuchs über Jahrzehnte in seinem Enkel die Idee einer filmischen Verarbeitung dieses Stoffes.

Für die Recherchen hat das Filmteam von 1917 vor allem personal accounts, also Egodokumente wie Tagebücher oder Briefe, in den Blick genommen. Damit ging der Anspruch einher, den Ersten Weltkrieg, speziell den Schützengrabenkrieg an der Westfront 1917, erleb- und erfahrbar zu machen: „Make this period live again“, wie es Mendes im Interview mit dem Imperial War Museum (IWM) im Januar erklärte.[1] Zudem hofft Mendes, bei den Zuschauer*innen ein Verständnis für das Elend der Soldaten zu wecken. Deshalb wurde der Film auch im One-Take-Charakter gedreht, bei dem man den Protagonisten im Verlauf des Films permanent folgt.

Regisseur und Hauptdarsteller beim Dreh von 1917 - Regie: Sam Mendes, 2020. Bild: © François Duhamel/Universal Pictures.

 

Blake und Schofield zwischen den Frontlinien

Es ist eine Men on a Mission-Story. Die beiden Lance Corporals Tom Blake und William Schofield, die 1917 in Nordfrankreich stationiert sind, bekommen den Auftrag, eine lebenswichtige Nachricht an eine britische Division zu übermitteln. Bei einem der beiden Soldaten erzeugen die Befehlshaber einen besonders hohen Grad an Motivation, da sich sein Bruder in jener Einheit befindet, der er diese existenziell wichtige Nachricht zu überbringen hat. Dafür müssen sich Blake und Schofield durch das No Man’s Land zwischen britischer und deutscher Frontlinie bewegen, was die Mission lebensgefährlich macht.

Bereits in den ersten Sequenzen des Films erfährt man die Umstände des Auftrags: Die Deutschen haben sich auf die sogenannte Siegfriedlinie (Hindenburg Line im angelsächsischen Sprachgebrauch) zurückgezogen, wodurch die Frontlinie weiter Richtung Osten verschoben wurde. Bei den Befehlshabern der zu benachrichtigenden Division, den Devons, ist durch den Rückzug der Deutschen der Eindruck entstanden, die Gegner seien geschwächt und man müsse diese nur vor sich her treiben, in der Hoffnung, einen baldigen Durchbruch der deutschen Frontlinie zu erreichen. Britische Aufklärungsflugzeuge liefern indes General Erinmore, der sich im Schützengraben der Einheit Blakes und Schofields befindet, die entscheidenden Luftaufnahmen von der massiv befestigten Defensivlinie, die die Deutschen seit Monaten aufgebaut haben. Die geplante Offensive der Devons würde dem General zufolge den sicheren Tod für die 1600 Mann starke Einheit bedeuten. Sie würden in die deutsche Falle laufen.

Das ist die Ausgangslage. Die Corporals Blake und Schofield starten nun ein Rennen gegen die Zeit, denn die Offensive soll bereits im Morgengrauen des nächsten Tages anlaufen. Die Information, dass die Deutschen ihre alte Frontstellung tatsächlich verlassen haben, ist ebenfalls keineswegs gesichert, was diesen Messengerjob weiterhin erschwert. Die beiden Soldaten verlassen den Schützengraben und brechen, ja dieser Eindruck entsteht beim Publikum, zu einem Abenteuer auf. Über die beiden Protagonisten, denen man vom Beginn des Films an folgt, erfährt man wenig, und das wird sich im Verlauf des Films auch nicht ändern. Kameraführung und -technik erinnern an den „Stil eines Ego-Shooter-Spiels“, in diesem Punkt werden die Filmemacher*innen ihrem Anspruch gerecht, das Geschehen nah an das Publikum heranzuholen.[2]



Nähe und Distanz, Wissen und Vermittlung – Was erfahren die Zuschauer*innen über den Ersten Weltkrieg?

Für eine Analyse geschichtsvermittelnder Aspekte ist vor allem die erste halbe Stunde des Films entscheidend. Darin erfährt man so manches über den nachrichtendienstlichen Auftrag, den die beiden Corporals bekommen, vor allem aber etwas über den militärhistorischen Kontext des Jahres 1917.

Die Kenntnis, dass die britische Armee zu diesem Zeitpunkt an der Westfront zusammen mit den Franzosen gegen die Deutschen kämpfte, wird allerdings vorausgesetzt. Der Film beginnt mit der Einblendung des Datums, wodurch lediglich den Kenner*innen der Weltkriegsgeschichte die zu dem Zeitpunkt aktuelle militärische Situation ins Gedächtnis rückt.

Es ist der 6. April 1917, der Tag des Kriegseintritts der USA. Die Schlacht bei Arras, die britische Frühjahrsoffensive im Jahr 1917, steht kurz bevor.

Der Krieg hält Europa schon seit drei Jahren im Griff und die deutschen Militärs sind seit Oktober 1916 dazu übergangen, an der Westfront mit der Siegfriedlinie eine stark befestigte Front aufzubauen, die allerdings weiter östlich liegt als der bisherige Frontverlauf.[3] Es fand somit ein Rückzug der Deutschen statt. Die Taktik der deutschen Militärs offenbart sich den Briten, nachdem Luftaufnahmen von Aufklärungsflugzeugen zur Verfügung stehen.

Das führt zwangsläufig zu einem Umdenken der britischen Strategen. Die Einheiten, die weiter nördlich von der Division Blakes und Schofields stehen, müssen über diesen Frontverlauf informiert werden, jedoch wurden die Telegrafenleitungen gekappt. General Erinmore wählt eine althergebrachte Kommunikationsmöglichkeit, die der Messenger. Das waren Soldaten, die für die schnelle Übermittlung von Nachrichten zuständig waren, häufig nah am Feindgebiet, und somit als am stärksten gefährdete Gruppe gelten.

Der Moment, in dem die Mission beginnt, ist der, in dem Blake und Schofield den Schützengraben verlassen. Sehr schnell wird sichtbar, was dieser verheerende Krieg bedeutete: massenhafter Tod (Leichen und Leichenteile auf dem Weg der Corporals), tonnenweise Materialeinsatz (Geschütze, Patronen, Stacheldraht) und das verwüstete, karge, moderige No Man’s Land zwischen den Linien. Auch die Taktik der verbrannten Erde, die die Deutschen auf ihrem Rückzug angewendet haben, wird im Laufe des Films immer klarer gezeichnet: Gefällte Bäume, getötetes Vieh, verlassene oder noch brennende Städte werden passiert. Emotionsgeschichtliche Aspekte wie soldatische Männlichkeitsideale und Kriegsmüdigkeit werden dabei lediglich am Rande thematisiert.

Hinter den Kulissen von 1917, Schauspielerschar zusammengepfercht im Schützengraben - Regie: Sam Mendes, 2020. Bild: © François Duhamel/Universal Pictures.



Kriegserfahrung erlebbar machen?

Angeregt durch die Geschichten des Alfred H. Mendes, der selbst Messenger war, versucht Sam Mendes einen erlebbaren Kriegsfilm zu produzieren. Für diesen Anspruch werden in den Archiven wichtige egodokumentliche Quellen konsultiert. Ebenso detailliert und originalgetreu ist die Darstellung von Uniformen und Landschaften. Die Protagonisten Blake und Schofield bleiben jedoch als Figuren grob gezeichnet. Es entsteht keine Nähe, sie kämpfen sich durch Kriegsgebiet und haben einen Auftrag zu erledigen – viel mehr erfährt man über die beiden nicht.

1917 ist ein Film ohne Tiefe. Geschichtsinteressierte können sich an der Ausstattungswut erfreuen, für die meisten wird es jedoch ein Actionfilm im Weltkriegskontext sein. Dass die hier erzeugte „Action“ eine Dynamik erhält, die für einen Stellungskriegs an der Westfront völlig unpassend ist, wird dabei kaum jemanden stören. 1917 ist ein Film wie ein Historiengemälde: Interessierte treten näher heran und erfreuen sich der Details, verweilen etwas länger und entdecken vielleicht sogar etwas Neues. Weniger Interessierte verbleiben in der Distanz und ziehen weiter. Wie für die Statik eines Gemäldes implizit wird keine Entwicklung des Dargestellten erzeugt.

Der Film fügt sich passgenau in die aktuelle britische Erinnerungskultur zum Great War ein: Er soll personifiziert und dadurch für die Nachgeborenen erlebbar gemacht werden. Wer im Imperial War Museum in London einmal durch einen dort nachgebildeten Schützengraben gelaufen ist, fühlt sich im Film an genau dieses Erlebnis erinnert.

Am Ende bleibt die Frage unbeantwortet: Können die Erfahrungen eines Kriegs durch filmische Nachstellung erlebbar gemacht werden?

 

 

1917, Regie: Sam Mendes, GB/USA 2019, 119’ (Universal)

 


[1] Sam Mendes, It was extraordinary and terrible, Interview im Imperial War Museum, 6. Januar 2020, (zuletzt abgerufen am 02. Februar 2020)

[2] Lars-Olav Beier, Im Labyrinth des Todes, Spiegel, Nr. 3, 11. Januar 2020, S. 116.

[3] Benjamin Ziemann, Die Kriegsmüden, in: ZEIT Geschichte, Nr. 2 (2017), S. 62.