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Alltägliche Qualen der Deportierten, 1915

Alltägliche Qualen der Deportierten, 1915
Copyright: Mit freundlicher Genehmigung des Informations- und Dokumentationszentrum Armenien (Berlin)

Hundert Jahre Kampf um Anerkennung
Das Theaterstück „Musa Dagh – Tage des Widerstands“ thematisiert die deutsche Mitschuld am Völkermord an den Armeniern
von
Johanna Strunge und Franziska Benkel
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Mit dem Dokumentarstück "Musa Dagh - Tage des Widerstands" bringt Hans-Werner Kroesinger den Genozid an den Armeniern und seine bis heute andauernde Leugnung 2015 auf die Bühne des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin

Eine Bühne. Sechs Menschen. Ein Metallregal. Unzählige Akten. Menschen, die Akten aus einem Metallregal ziehen, lesen einzelne Dokumente laut vor, scheinbar unbeteiligt und unfassbar schnell, einer nach dem anderen – ungebremst. Blicke ins Publikum. Dann werden die vorgelesenen Dokumente energisch in einen Wagen geworfen. Ein Abfalleimer? Egal, keine Zeit zum Nachdenken. Unaufhörlich prasseln die Zitate auf das Publikum ein.
Dargestellt wird das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Gelesen wird aus den Akten, die im Zuge des Ersten Weltkrieges entstanden. Zu hören sind Ausschnitte aus den Diskussionen deutscher Spitzenpolitiker und aus den Korrespondenzen des Auswärtigen Amtes mit den Kriegsverbündeten, unter anderem aus dem Osmanischen Reich.
Höhepunkt der Szene sind die Aussagen von Wilhelm Litten, Leiter des deutschen Konsulats in Täbris:
„Ein Uhr nachmittags, links am Wegesrand liegt eine junge Frau, nackt, nur braune Strümpfe an den Füßen, Rücken nach oben, Kopf in den verschränkten Armen vergraben; ein Uhr dreißig nachmittags, rechts in einem Graben ein Greis, mit weißem Bart, nackt auf dem Rücken liegend; zwei Schritte weiter ein Junge, nackt, Rücken nach oben, linkes Gesäß herausgerissen.“[1] Der in der Szene vorgetragene Text bezeugt den Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.


Der Völkermord an den Armeniern

Zwei Millionen Armenier lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Osmanischen Reich. Als christliche Minderheit genossen sie zwar eine gewisse religiöse Freiheit, litten aber dennoch unter politischer und sozialer Diskriminierung. Immer wieder entluden sich Spannungen zwischen Moslems und Christen in Pogromen an der armenischen Minderheit.[2] Mit der Machtübernahme der Jungtürken im Jahr 1908 verschärften sich diese Konflikte; hatten die Jungtürken anfangs ein friedvolles multiethnisches Zusammenleben angestrebt, in dem auch die armenische Minderheit ihren Platz einnehmen sollte, überwogen im Verlauf des Balkankonfliktes in den Jahren 1912 und 1913 nationalistische Bestrebungen, die eine homogene Bevölkerungsstruktur vorsahen.

Von den Balkankriegen finanziell geschwächt, trat das Osmanische Reich im Jahr 1914 auf Seiten der sogenannten Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein. Damit wurde Russland zum Gegner, die östliche Grenze des Reiches zum Kriegsschauplatz. Auf beiden Seiten dieser Grenze lebten christliche Armenier. Da Russland zunehmend als Vertreter der armenischen Interessen auftrat, fürchteten die Türken die Kollaboration der Armenier mit den Russen. Am 27. Mai 1915 beschloss die türkische Regierung deshalb das „Gesetz über die Bevölkerungsumsiedlung“, das die Deportation der Nichtmuslime aus dem frontnahen Gebiet ermöglichte. Die Praxis der Deportationen ging jedoch weit darüber hinaus. Auch Armenier fern jeder Grenze, wie etwa jene, die am Fuße des Berges Musa Dagh lebten, sollten verschleppt werden. Die Deportationen hatten kein Ziel, für die Umsiedlung nach Syrien waren keinerlei Vorkehrungen getroffen worden. Der Tod der Deportierten war damit kalkuliert. Auf ihrem Weg in die syrische Wüste verloren bis zu zwei Millionen Armenier aufgrund des qualvollen Marsches, durch Erschießungen und schwere Misshandlungen ihr Leben.[3]


Der Widerstand auf dem Berg Musa Dagh

Im Jahre 2015 jährt sich das Verbrechen an den Armeniern zum hundertsten Mal. Eine Reihe wissenschaftlicher Neuerscheinungen zum Thema und eine Vielzahl kultureller Veranstaltungen entstanden rund um dieses Jubiläum.[4] Die Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff, widmete dem Genozid an den Armeniern eine ganze Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Es schneit im April“.[5]
Eine der in dieser Reihe präsentierten Arbeiten ist das Dokumentartheaterstück „Musa Dagh – Tage des Widerstands“ des Regisseurs Hans-Werner Kroesinger. Angelehnt an den Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel wird hierin die Geschichte des Widerstands gegen die von der türkischen Regierung organisierte 'ethnische Säuberung' erzählt.
                
Anfang der 1930er Jahre verfasste Werfel die fiktive Geschichte des Gabriel Bagradian. In dem Roman verschanzt sich Bagradian mit rund 5000 Armeniern auf dem Berg Musa Dagh. Nach schweren Kämpfen mit dem türkischen Militär werden die Überlebenden nach vierzig Tagen des Widerstands von französischen Kriegsschiffen an Bord genommen. Die tatsächlichen Ereignisse auf dem Musa Dagh sind durch den armenisch-evangelischen Pfarrer Dikran Andreasian überliefert: Angeführt von Moses Der Kalousdian, der Werfel als Vorbild für die fiktive Figur des Bagradian diente, zogen im Sommer 1915 etwa 5000 Personen aus sechs umliegenden Dörfern auf den Musa Dagh. Die türkische Armee versuchte, diesen Widerstand durch militärische Vorstöße und die Belagerung des Berges zu brechen. Am 14. September 1915 wurden 4058 Überlebende von französischen Schiffen an Bord genommen und entkamen damit endgültig den Deportationen. Über die Dauer des Widerstands auf dem Musa Dagh ist sich die Forschung bis heute nicht einig. Es steht jedoch fest, dass Werfel sich bewusst für die Zeit von exakt vierzig Tagen entschied, um damit an die biblische Geschichte von Israels vierzigjährigem Zug durch die Wüste zu erinnern.


Rezeptionsgeschichte des Völkermords

Die Geschichte dieses armenischen Widerstands wird im Theaterstück von Auszügen aus den Bundestagsdebatten der Jahre 2005 und 2014 begleitet. In beiden Debatten wurden die Verbrechen an den Armeniern nicht als Völkermord bezeichnet.
Diese Entscheidung des Bundestags basiert unter anderem auf dem markanten Argument nulla poena sine lege (keine Strafe ohne Gesetz). Da das Wort Genozid erst im Jahr 1948 in der Genfer Konvention als Verbrechen definiert wurde, sei es nach dieser Auslegung nicht möglich, die Verbrechen von 1915 rückwirkend als Völkermord zu verurteilen.
Die ausführliche Wiedergabe dieser Debatten macht deutlich, dass es dem Regisseur des Stückes in erster Linie um die Rezeptionsgeschichte des Völkermordes in Deutschland geht.

Das Theaterstück gibt Einblicke in eine fast hundertjährige Geschichte der Leugnung des türkischen Genozids an den Armeniern und der Verwicklungen des Deutschen Reiches in dieses Verbrechen. Im Zuge des 100. Jubiläums im April diesen Jahres wurde die Frage, ob es sich bei den Deportationen der Armenier um einen Genozid gehandelt habe, in Deutschland neu verhandelt und die im Stück dargestellte Rezeptionsgeschichte damit wesentlich erweitert.


Die Debatten des Jahres 2015 in Deutschland – Bekenntnis zum Begriff des Genozids und zur Mitschuld

"Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord", mit diesen Worten eröffnete Bundestagspräsident Norbert Lammert am 24. April 2015 die Gedenksitzung im Bundestag zu den Verbrechen an den Armeniern.[6] Damit reihte sich Lammert in eine Linie mit Papst Franziskus ein, der Mitte desselben Monats die Verbrechen an den Armeniern als „Genozid“ bezeichnet hatte. Mit seiner Haltung hatte der Papst eine internationale Mediendebatte ausgelöst. Alle großen Zeitungen berichteten über den Völkermord. Veröffentlicht wurden die Geschichten von Hinterbliebenen und Exilanten; diskutiert wurde über die Mitschuld Deutschlands an den Verbrechen und die Haltung der Türkei dazu.[7] Verhandelt wurde vor allem die Definition des Völkermordes, die zentrale Frage war: Handelt es sich bei den Verbrechen an den Armeniern des Jahres 1915 um einen Genozid?[8]

Für die Bundesrepublik war die Frage nach der Mitschuld an den Ereignissen des Jahres 1915 besonders brisant. Die Zusammenarbeit zwischen den Kriegsverbündeten im Ersten Weltkrieg legt nahe, dass das Deutsche Reich von den im Osmanischen Reich verübten Verbrechen wusste: Im Zuge der Juli-Krise 1914 bot der türkische Kriegsminister Enver Paşa dem wilhelminischen Deutschland ein Militärbündnis an. Im Falle eines Angriffs durch Russland würde die Türkei an der Seite des Deutschen Reiches in den Krieg eintreten. Bereits Anfang August trat dieser Bündnisfall in Kraft, und somit kämpfte das Osmanische Reich zusammen mit Bulgarien, Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich gegen die Entente-Mächte. Im Zuge der engen Zusammenarbeit wusste man im Deutschen Reich um das grausame Vorgehen gegen die Armenier. Angehörige des Deutschen Reiches wie der Theologe Johannes Lepsius, Sanitäter Armin T. Wegner und Botschafter Paul Metternich wurden zu Zeugen des Völkermordes. Metternich forderte die deutsche Regierung daraufhin wiederholt zum Einschreiten auf. Mit folgenden, vielfach zitierten Worten von Theobald von Bethmann Hollweg beendete der Reichskanzler jedoch jegliches Insistieren: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“[9]

Die Quellen des Deutschen Reiches nehmen in Kroesingers Inszenierung einen großen Raum ein. Dass der Regisseur dabei hauptsächlich auf deutsche Berichte zurückgriff, lässt die Frage nach einer deutschen Komplizenschaft an den Verbrechen zentral werden.
Bundespräsident Joachim Gauck nahm zu dieser Thematik ebenfalls am Gedenktag des Völkermords diesen Jahres Stellung: „Es hat seinen tiefen Sinn und seine klare Berechtigung, an den Mord an dem armenischen Volk auch hier bei uns in Deutschland zu erinnern. […] In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch einmal der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen gar um eine Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht.“[10]


Der Blick auf die Türkei

Kroesingers Inszenierung endet mit der Frage – „Was gibt es noch zu erzählen?“
Eine Frage, die durch die Positionierung am Ende des Stücks, im Moment, als die Scheinwerfer erlöschen, einen in die Zukunft verweisenden Charakter bekommt. Bisher steht in der Türkei eine öffentliche Aufarbeitung des Völkermordes noch aus. Recep Tayyip Erdoğan, derzeitiger Präsident der Türkei, leugnet bis heute den Genozid an den Armeniern. Für die eindeutige Benennung des Völkermords reiche, so Erdoğan, die vorhandene Aktenlage nicht aus. Gegen diese Behauptung wird im Theaterstück Kroesingers angespielt – die Zuschauer bekommen Einblicke in die durchaus umfassende Beweislage. Dass eine in der Türkei geborene Intendantin eine ganze Reihe zum Genozid an den Armeniern auf die Bühne bringt, bricht mit Erdoğans zynischer Behauptung und lässt auf weitere Diskussionen und Aufarbeitung auch in der Türkei hoffen.

 




[1] Diese Aussagen Littens nehmen auch in der 2010 erschienenen TV-Dokumentation „Aghet“ einen zentralen Stellenwert ein. Weitere Ähnlichkeiten, wie die dem Zuschauer zugewandte Sprechweise der Schauspieler, legen die Vermutung nahe, dass der Film dem Dokumentartheater als Stilvorbild gedient hat. Aghet. Ein Völkermord, Reg. Eric Friedler. Norddeutscher Rundfunk, 2010.
[2] Besonders blutig waren die Jahre 1895/6 und 1909. In den Jahren 1895/6 kam es in mehreren Städten Anatoliens zu Pogromen an der armenischen Minderheit. 1909 wurden in der Stadt Adana und ihrer Umgebung 25.000 Armenier ermordet.
[3] Über die Opferzahlen der Deportationen herrschen bis heute große Unstimmigkeiten. Türkische Historiker sprechen von etwa 200.000 Toten, während armenische Historiker von etwa zwei Millionen Opfern ausgehen.
[4] Neu erschienen sind unter anderem: Hosfeld, Rolf: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern, München 2015; Knocke, Roy/Treß, Werner (Hg.): Franz Werfel und der Genozid an den Armeniern, Berlin/Boston 2015. Einen Überblick über den aktuellen Stand der Genozidforschung mit Berücksichtigung des armenischen Völkermordes siehe: Hofmann, Tessa: Nach der Vernichtung, Versuch einer Bilanz.
[5] Es schneit im April. Eine Passion und ein Osterfest. Zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern. 07.03.-25.04.2015.
[6] Bundestag am 24.04.2015.
[7] Zu den Geschichten der Hinterbliebenen und Exilanten vgl.: Neshitov, Tim: Der Adler, in: sueddeutsche.de (19.04.2015); Veiel, Axel: Den Garten Eden zurückgelassen, in: fr-online.de (22.04.2015);  Zur deutschen Mitschuld vgl.: Weiss, Volker: Deportation ins Nichts, in: zeit.de (23.04.2015). ; Heid, Ludger: Opfer kaiserlicher Interessen, in: sueddeutsche.de (27.04.2015); Zur Rolle der Türkei vgl.: Malzahn, Claus Christian: Warum die Türkei den Genozid nicht anerkennt, in: welt.de (23.04.2015); Schlötzer, Christiane: Angst vor dem Abgrund, in: sueddeutsche.de (22.04.2015); Copur, Burak: Wo Minderheiten als Gefahr gelten, in: zeit.de (22.04.2015).
[8] Vgl. dazu: Ambos, Kai: Völkermord an den Armeniern?, in: faz.net (29.04.2015), Nico/Seeling, Luisa: Selbstverständlich ein Völkermord, in: sueddeutsche.de (24.04.2015); Dobmeier, Steffi: „Das war Völkermord“, in: zeit.de (24.04.2015).
[9] Politisches Archiv Auswärtiges Amt R14089, Berlin 1915.
[10] Die Gedenkrede von Bundespräsident Joachim Gauck am ökumenischen Gottesdienst, 23.04.2015.