Hg. von Sophie Genske

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16. Februar 2021

Wie so viele Veranstaltungen des letzten Jahres, wurde auch die Eröffnung des Humboldt-Forums im neuen Berliner Schloss Ende 2020 digital gefeiert, ohne dass dabei inmitten des zweiten deutschen 'Lockdowns' von einer Eröffnung im eigentlichen Sinn die Rede hätte sein können. Wie und wann Besucher:innen die umstrittenen Ausstellungsstücke des großangelegten Prestigeprojekts im Herzen der Hauptstadt tatsächlich werden sehen können, ist derzeit noch ungewiss. Von Beginn der Planungsphase an, so viel ist sicher, sorgte das Humboldt-Forum jedoch für heftige Debatten, deren Abflauen nicht zu erwarten ist: Sollten in kolonialen Zusammenhängen 'erworbene' Gegenstände, schlichtweg geraubte, oder solche, deren Provenienz unklar ist, nach wie vor in westlichen Museen gelagert und ausgestellt werden, oder an (die Herkunftsländer) ihre(r) ursprünglichen Besitzer:innen zurückgegeben werden? Ganz zu schweigen vom Streit um das frisch fertiggestellte Gebäude, das diese Kulturgegenstände, wie beispielsweise die Benin-Bronzen, beherbergen soll: Das aufwändig wiederaufgebaute und ebenso kontrovers diskutierte Berliner Stadtschloss.

Allerdings berühren die postkolonialen Debatten (in Deutschland), nicht erst seit dem Planungsbeginn des Humboldt-Forums oder den Black-Lives-Matter-Protesten im vergangenen Sommer, diverse miteinander verzahnte Themen: Auseinandersetzungen mit der deutschen Kolonialgeschichte und darauffolgend mit Kolonialrevisionismus und -amnesie, Wiedergutmachung für Kolonialverbrechen[1], 'Dekolonialisierung' von Sprache und Stadtbild, Migration und Rassismus, und viele mehr.

Da das Themenfeld also weit ist, dient die vorangestellte Einleitung als Überblick über dieses zeitgeschichtliche Dossier zum Umgang mit dem kolonialen Erbe. Wer zunächst einmal weniger lesen und sich lieber mit Hilfe audiovisueller Einführungen der globalen Frage nach Restitution nähern möchte, dem seien an dieser Stelle sowohl das folgende Video über umstrittene Provenienz im weltweit größten kulturgeschichtlichen Museum, dem British Museum in London, als auch das Videointerview mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy empfohlen.

 

 

 

[1] Vgl. hierzu aus unserem Archiv: Christiane Bürger, Deutsche Kolonialgeschichte vor Gericht. Über den problematischen Umgang mit dem Genozid an den Ovaherero und Nama, in: Zeitgeschichte-online, August 2018.

Beiträge

Sophie Genske

Inhaltsübersicht zum Dossier „Restitution und Postkolonialismus“

Bénédicte Savoy, Gabriele Metzler

Ein Interview von Gabriele Metzler mit Bénédicte Savoy

Ellen Pupeter

Ein langer Streit um den passenden Begriff

Ellen Pupeter

Postkoloniale Restitution und DDR-Kulturpolitik in den 1970er und 1980er Jahren

Lars Müller

Die unfreiwillige Rückgabe von Tsantsas in den 1970ern

Aleida Assmann

Imperialer Glanz und koloniales Elend

Yves Müller

Weder Schloss noch Nachbau waren dem Volk – wie auch immer es definiert sein mag – gewidmet (Reprint)

Jean-Pierre Félix-Eyoum, Florian Wagner

(Post-)Koloniale Migration nach Deutschland

Christine Schoenmakers

Britische Erinnerungskultur und postkoloniale Standortbestimmung in Zeiten des Brexits

Andreas Eckert

Postkolonialismus und die Causa Mbembe (Reprint)

Manuela Bauche

Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (1927–1945) und sein Erbe

Autor*innenkollektiv der Redaktion

Restitution und der Umgang mit dem kolonialen Erbe in Deutschland