von Merle Stöver

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6. Juni 2024

„Warum, glaubst du, hat dich noch nie jemand nach dieser Geschichte gefragt?“, fragt Izabela Tiberiade ihren Vater in einem 2022 aufgenommenen Interview. Romeo Tiberiade antwortet: „Ich glaube, dass es sie leider nicht interessiert hat. […] Es gibt nur wenige Menschen, die diesem Geheimnis auf die Spur kommen wollen, denn ich glaube, die Behörden haben versucht, es zu verbergen.“[1] Dieses und weitere Gespräche finden im rumänischen Craiova statt – 30 Jahre sind seit dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen vergangen. Was die Überlebenden in diesen Interviews beschreiben, offenbart immense Leerstellen in der Auseinandersetzung und Aufarbeitung.

Bis heute ist weitgehend unklar, wer die Asylbewerber*innen waren, die sich zum Zeitpunkt der Angriffe im August 1992 neben den ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, einem Kamerateam und einer Gruppe antifaschistischer Unterstützer*innen im Sonnenblumenhaus befanden. In einem der nun geführten Interviews berichtet Leonora Dumitru:

Wir hatten uns gerade erst angemeldet, als plötzlich eine Gruppe maskierter Leute in unser Haus eindrang […] Sie warfen mit Feuerflaschen, um das gesamte Stockwerk in Brand zu setzen. Sie schlossen die Türen. Und wir saßen drinnen fest. […] Viele Männer aus unseren Gruppen, darunter auch mein Mann, kamen, um uns zu helfen und die Türen aufzubrechen. Das war die einzige Möglichkeit für uns, zu entkommen. Die Polizei traf ein. Aber sie starrten nur auf die Flammen und taten nicht viel. Rostock stand in Flammen, und wir hatten Mühe, einen Ausweg zu finden.

Auch Romeo Tiberiade erinnert sich an die Angriffe:

Wenn ich vom demokratischen Deutschland höre, denke ich an Feuer. Vor meinem geistigen Auge erscheinen viele Jugendliche, die das gesamte Gebäude in Brand gesetzt haben. Ich sehe heute, auch nach 30 Jahren, die Bilder des Brandes. Das Feuer brach nicht nur in einem Teil aus, sondern breitete sich über viele Teile des Gebäudes aus. […] Wir gingen durch die Flammen, […] mit den Decken und Laken, die wir aus dem Bett genommen hatten, und damit geschützt, gingen wir an dem Feuer vorbei.

Die Interviews, die Izabela Tiberiade kurz vor dem 30. Jahrestag des Pogroms in Craiova führte, werfen nicht nur brisante Fragen zum Ablauf der Ausschreitungen auf, sondern stellen Forschung wie antifaschistisches Gedenken vor die bittere Erkenntnis, dass die Erfahrungen insbesondere der rumänischen Asylbewerber*innen jahrzehntelang kaum wahrgenommen und einbezogen wurden. Dabei kamen in der Dokumentation The truth lies in Rostock bereits 1993 rumänische Asylbewerber*innen zu Wort und der Publizist Joachim Bruhn sah schon 1994 im Antiziganismus das „Programm zum Pogrom“.[2] Dennoch folgte die Auseinandersetzung mit der antiziganistischen Dimension erst deutlich später: In einem Beitrag zum 20. Jahrestag deuteten die Rostocker Wissenschaftler*innen Thomas Prenzel, Ulrike Marz und Stephan Geelhaar die Ausschreitungen als antiziganistisch entfachte konformistisch-autoritäre Revolte.[3] Daran will der vorliegende Beitrag anschließen und die Funktion und Wirkungsweise des Antiziganismus herausstellen.

Das Pogrom im Zeitraffer

Im August 1992 griffen hunderte Menschen über mehrere Tage hinweg die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) und das Wohnheim der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen mit Brandsätzen und anderen Wurfgeschossen an. Tausende Schaulustige applaudierten und skandierten Parolen wie „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“, Imbissbuden wie Happi Happi bei Api versorgten die Menge mit Bratwurst und Bier und machten als „Verpflegungstrupp an der Front“[4] den Umsatz ihres Lebens. Die Polizei, in Unterzahl und nahezu ohne Ausrüstung, zog sich zeitweise zurück. Die im brennenden Haus eingeschlossenen Menschen konnten sich schließlich in letzter Sekunde über das Dach retten.

Der Eskalation war eine monatelang andauernde politische und mediale Kampagne gegen die Asylbewerber*innen vorausgegangen. Obwohl die Zahlen der Asylanträge Anfang der 1990er Jahre im gerade vereinten Deutschland stetig stiegen, versäumte es die Politik, Voraussetzungen zu schaffen, um die Menschen zügig aufzunehmen und unterzubringen. Stattdessen war die ZASt in Lichtenhagen bereits ab Juni 1991 mehrfach überbelegt, sodass Asylbewerber*innen in Turnhallen und Zelten untergebracht werden mussten. Im Sommer 1992 führten die langwierigen bürokratischen Abläufe sogar dazu, dass Menschen tagelang gezwungen waren, ohne Geld, Essensversorgung und sanitäre Anlagen auf der Wiese vor der ZASt auszuharren. Die unzureichende Unterbringung von Asylbewerber*innen, begründete der Rostocker Innensenator Peter Magdanz (SPD) damit, dass sich der Andrang neuer Asylbewerber*innen durch bessere Unterbringungen vergrößern könnte.[5] Noch nicht einmal der Bitte, mobile Toiletten aufzustellen, kam die Stadtverwaltung nach: Dem Rostocker Oberbürgermeister Klaus Kilimann (SPD) zufolge hätte dies bedeutet, „daß wir einen Zustand legalisieren, den wir nicht haben wollten.“[6] Zeitgleich lief eine Kampagne gegen das liberale Asylrecht in der gesamten Bundesrepublik auf Hochtouren: Insbesondere die CDU stellte eine Verschärfung des Asylrechts als alternativlose Antwort auf die damaligen Fluchtbewegungen dar. Der bayerische Innenminister Edmund Stoiber (CSU) beschwor gar die Drohkulisse, dass durch den vermeintlichen Asylmissbrauch der Staatsnotstand ausgerufen werden müsse.[7]

Doch statt des politischen Versagens machten regionale wie überregionale Medien die Asylbewerber*innen selbst für die desaströsen Zustände rund um die ZASt verantwortlich. Im Fadenkreuz standen insbesondere die rumänischen Geflüchteten: Nahezu täglich druckten die Rostocker Tageszeitungen Norddeutsche Neueste Nachrichten (NNN) und Ostsee-Zeitung (OZ) Meldungen, Reportagen und Leserbriefe über die angebliche illegale Zuwanderung, das vermeintlich unzivilisierte und aggressive Verhalten der Asylsuchenden sowie die Tatenlosigkeit der Politik, die keine Versuche unternähme, den Umtrieben Einhalt zu gebieten. Die über Monate zusammengetragenen Gerüchte ergaben das Mosaik einer antiziganistisch markierten Lebensart. Diese Vorstellung umfasste das Hausen ganzer „Stämme“ und „Clans“ in Dreck, Müll und Unordnung ohne jedes Pflichtgefühl, das aggressive Belästigen von Frauen, das Defäkieren in Hauseingängen und das faule Herumlungern, Betteln und Nicht-Arbeiten als Charaktereigenschaften. Medien, Politik und Anwohner*innen erschufen das Phantasma der „Zigeuner“, die aus purer Lust Asylbewerberunterkünfte verwüsten würden, in Banden durch die Dörfer zögen, mitnähmen, was sie kriegen könnten, betrögen, stählen und eine Spur der Zerstörung hinterließen. Die Asylbewerber*innen blieben keinen Moment unbeobachtet: Während die Anwohner*innen ihr Verhalten auf der Wiese vor der ZASt genauestens inspizierten und den Zeitungen mitgeteilten, wurden die Leser*innen wiederum durch die Presse auch über das angebliche Verhalten innerhalb der Privaträume in der ZASt informiert. Diesen Berichten zufolge gab es nichts mehr, was vor den antiziganistisch Gebrandmarkten sicher war: Weder die eigene Nachbarschaft noch die deutschen Grenzen, weder der eigene Geldbeutel noch die Staatskasse, weder der Rückzug ins Wochenendhaus noch der Weg zur Arbeit und schon gar nicht die bürgerliche Ordnung der Gemeinschaft.

Außerhalb der bürgerlichen Ordnung

Der Psychoanalytiker Franz Maciejewski hatte bereits 1994 in seinen Überlegungen zur Psychoanalyse des geschichtlich Unheimlichen – Das Beispiel der Sinti und Roma vorgeschlagen, das antiziganistische Ressentiment auf vier Ebenen zu untersuchen: Auf der Ebene der ökonomischen Struktur, der politischen Organisation, der Geschlechterdifferenz und der Struktur von Weltbildern. So zeige sich das antiziganistische Phantasma auf jeder dieser Ebenen als Negativfolie zur in Klassen, Nationen und patriarchal organisierten bürgerlichen Gesellschaft. Sinti und Roma erschienen den Antiziganist*innen als Erinnerung an das eigene Vergangene – als Alter Ego aus einer Zeit ohne Zwänge. Und tatsächlich deckte sich eben jene Vorstellung eines Lebens ohne Disziplin mit den Bildern, die 1992 im antiziganistischen Prisma auf die Asylbewerber*innen in Lichtenhagen projiziert wurden.

Unmittelbar nach der Ankunft der ersten Asylbewerber*innen in Lichtenhagen, häuften sich Medienberichte über „aggressives Betteln“[8] und kriminelle Umtriebe: Während man den vor der ZASt Ausharrenden zwar einerseits ständige Untätigkeit und Faulheit vorwarf, machte man sie zeitgleich andererseits für sämtliche Einbrüche und Diebstähle dieser Zeit verantwortlich. So hätten „allein 240 brutale Einbrüche in den letzten drei Monaten […] das Faß zum Überlaufen“[9] gebracht, meinte ein aufgebrachter Anwohner. Mit mafiaähnlichen Netzwerken würden die Rumän*innen die Regeln des ehrlichen Tausches unterlaufen, dafür jedoch nicht bestraft, sondern gar vom Staat durch die Zahlung von Sozialhilfe belohnt. So schrieb ein Rostocker bereits im Oktober 1991 in einem Leserbrief, dass

„…immer neue Ströme von Asylanten unser Land überfluten und unsere Kassen bis zum Geht-nicht-mehr plündern. Dieses Geld muß in erster Linie dafür verwendet werden, unsere ureigensten Angelegenheiten wieder zu bereinigen, dann sind wir auch wieder in der Lage, anderen Notleidenden zu helfen.“[10]

 Die Diffamierung der Inanspruchnahme staatlicher Leistungen als „Plünderung“ schloss sich eine Äußerung des Rostocker Innensenators beinahe nahtlos an. Magdanz behauptete, dass die Asylbewerber*innen in Rumänien drei Mark am Tag verdient hätten, in Deutschland aber zehn Mark Sozialhilfe bekämen.[11] Damit unterstellte er ihnen ein vermeintlich „zigeunerisches“ Wirtschaften, dem der Asylantrag lediglich als Vorwand diene, um auf Kosten der deutschen Allgemeinheit Profit zu schlagen.

Die Gerüchte zeichneten sich durch besondere Absurdität aus: Die Ostsee-Zeitung berichtete zwei Wochen nach dem Pogrom und dem darauffolgenden Umzug der ZASt nach Hinrichshagen, dass binnen dieser kurzen Zeit bereits

„…72 Hühner, ein alter Ganter, Kaninchen, Katzen, Schafe und sogar Pferde, Fahrräder, Wäsche und 80 Prozent der Obsternte des Dorfes […] auf dem Schadenskonto stehen, das die Hinrichshäger den Romas [sic!] aus der nahegelegenen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZAST) zuschreiben.“[12]

Ähnlich populär waren die Berichte über angeblich illegale „Masseneinwanderung“, den „unkontrollierbaren Zustrom“ und „Schlepperbanden“, die die Asylsuchenden in LKWs vor der ZASt „ablüden“. Immer wieder wurde betont, wie leicht es insbesondere Rumän*innen hätten, nach Deutschland zu kommen. Im August 1991 hieß es in der NNN dazu:

„Sie steigen am östlichen Oderufer in die Fluten und lassen sich förmlich auf die deutsche Seite treiben, beschreibt Horst Muster vom Bundesgrenzschutz (BGS) seine Beobachtungen während eines Streifendienstes an der deutsch-polnischen Staatsgrenze. Oft fände er auch selbstgebaute Pontons, Schlauchboote, Stämme und Luftmatratzen, die zur Flucht nach Deutschland benutzt worden waren.“[13]

In derartigen Bildern und der wiederholten Behauptung, dass beim Grenzübertritt das „Zauberwort ‚Asyl‘“[14]ausreiche, „um die BGS-Leute machtlos zu machen,“[15] zeichnet sich der Krisenzustand ab, in dem sich die Rostocker*innen wähnen.

Ein Detail ist entscheidend: Diejenigen, die man zum antiziganistischen Feindbild machte, wurden nicht nur außerhalb des kapitalistischen Tauschverhältnisses und der nationalen Ordnung verortet, vielmehr wurden sie zu einer existenziellen Bedrohung für Recht und Ordnung erklärt. Das antiziganistische Ressentiment stabilisierte das Eigene, indem dieses gegen die destruktive Gefahr des Fremden verteidigt werden musste. Die beschworenen projektiven Bilder waren so wirkmächtig, dass sich sogar noch nach dem Pogrom Bürgerwehren an den Orten bildeten, an die die Asylbewerber*innen im Anschluss verlegt wurden. In einem Zeitungsbericht aus dem nahegelegenen Hinrichshagen berichteten etliche Anwohner*innen über Schutzmaßnahmen, die sie gegen die Asylbewerber*innen ergriffenen hatten. Diese reichten von der Anschaffung einer Dogge über eingerichtete Wachposten bis hin zum Bau hoher Zäune. Angst äußerte der Wirt eines Gasthauses lediglich davor, „daß die Übergriffe der Rechtsradikalen ‚in die falsche Richtung‘ gehen und sein Gasthaus in Flammen stehen könnte.“[16] Im mecklenburgischen Goldberg bildeten Dorfbewohner*innen mit Unterstützung des Bürgermeisters und des lokalen CDU-Bundestagsabgeordneten gar eine Straßenblockade, mit der sie die Ankunft der ersten Asylbewerber*innen in der neuen ZASt-Außenstelle zehn Tage lang verhinderten.[17]

Wiederherstellung der Ordnung

Diese monatelang andauernden Dynamiken folgten der immer gleichen Logik: Die Zustände, die das Ergebnis politischen Versagens waren, wurden stattdessen mit dem angeblich essenziellen So-Sein der Asylbewerber*innen erklärt. Diese bedrohten in dieser Vorstellung scheinbar grundlegend Recht und Ordnung. Bürger*innen richteten sich regelmäßig mit Aufrufen an „die Politik“, endlich »für Ordnung zu sorgen« und drohten es sonst selbst „in die Hand zu nehmen“. Zeitgleich schoben Kommunal- und Landespolitiker*innen die Verantwortung der jeweils höheren Ebene zu: So betonte Oberbürgermeister Kilimann gegenüber der OZ, dass er dem Innenminister Lothar Kupfer (CDU) Druck gemacht habe, welcher jedoch entgegnet hatte, dass er „höhere Gewalt: die Bonner Asylgesetzgebung“ als Ursache der Gewalt ausgemacht habe. Denn diese machte Kupfer zufolge „den ungewollten, ungezügelten und unbeherrschbaren Asylbewerberstrom möglich.“[18] Politiker*innen in Stadt und Land gaben sich als empathische Versteher*innen der Lichtenhager*innen und beteuerten gleichzeitig ihre Ohnmacht gegenüber der Regierung in Bonn: Noch am Vorabend des Pogroms sagte Magdanz, dass er hoffe, „daß die Herren in Bonn bald aus ihrer Sommerpause aufwachen.“[19] Selbst Bundespolitiker*innen beteuerten, dass ihnen die Hände gebunden und sie dem Asylgesetz ohnmächtig unterworfen seien und nur eine Änderung des Grundgesetzes noch helfen könne, um dem Chaos wieder Herr zu werden und die Ordnung wiederherzustellen. Ausgerechnet also in der Anwendung des geltenden Asylrechts sollte demzufolge die Ursache für das Fehlen einer staatlichen Ordnung liegen: Das geltende Recht treibe den Staat förmlich in den Notstand und schade der eigenen Bevölkerung.

Konformistische Rebellen

Die Deutlichkeit, mit der Politiker*innen ihre Ohnmacht zur Schau trugen, konnten die Angreifer wiederum als Aufforderung begreifen, selbst tätig zu werden. Die Brandsätze, die sie im August 1992 auf die ZASt und das benachbarte Haus der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen warfen, zielten in diesem Sinne einerseits auf das angeblich gesetzlose Verhalten der Asylbewerber*innen und andererseits auf die vermeintlich untätige Politik und das Gesetz, dem das »Volk« ohnmächtig unterworfen gewesen sei. Ein Anwohner aus Lichtenhagen beschwerte sich im Juni 1992, dass die Zustände rund um die ZASt eine »Auswirkung der nicht zu Ende gedachten Asylantenpolitik [sei]. Es stinkt hier im Sinne des Wortes zum Himmel.“[20] In der Situation vor der ZASt erkannte dieser Anwohner den vermeintlichen Verrat der Politik am „Volk“.

Doch anstatt etwa vor das Rathaus oder den Landtag zu ziehen, waren im August 1992 mehrere tausend Menschen bereit, Seite an Seite mit Neonazis vor der ZASt aufzumarschieren und den Tod von Asylbewerber*innen und den ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen zumindest in Kauf zu nehmen. Dieser Umstand gibt nicht nur Auskunft über die dem Rassismus und Antiziganismus inhärente Gewaltbereitschaft, sondern ebenso über den Konformismus der Angreifenden. Denn während sie einerseits danach trachteten, gegen den Staat aufzubegehren, der scheinbar nicht im Interesse des „Volkes“ handele, stand dem zugleich das Bedürfnis gegenüber, sich Autoritäten zu unterwerfen und damit zum ersehnten Kollektiv der Deutschen zu gehören. In der konformistischen Revolte erfuhren beide ambivalenten Bedürfnisse Befriedigung – die Rebellion geschah herrschaftskonform: Die Aggressionen, die eigentlich den Autoritäten gelten, werden stattdessen mit deren Einverständnis gegen die Schwächsten gerichtet. Das Einverständnis musste dabei keineswegs in Form eines direkten Befehls gegeben werden. Es genügte die Zustimmung zu antizipieren, die angesichts der allgegenwärtigen „Das Boot ist voll“-Rhetorik und eines nicht-tabuisierten antiziganistischen Alltagswissens mehr als gegeben war.

Die konformistische Revolte verfolgte keineswegs das Ziel, die Politiker*innen anzugreifen oder grundsätzlich in Frage zu stellen, sondern vielmehr, sie zum Handeln zu zwingen. So ist auch die Aussage einer Frau am Tag nach den Ausschreitungen zu verstehen:

„Aber wenn die Herren Politiker jetzt endlich aufwachen und jeder - ob in Bonn, Schwerin oder Rostock - endlich seine verdammten Pflichten entdeckt, die ihm die Wähler auferlegt haben, hat das alles vielleicht einen Sinn gehabt.“[21]

 

Demonstrierende tragen die Flagge der Rom*nja bei der Gedenkdemonstration zum 30. Jahrestag des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen, 2022, Bildrechte: D.H. Choe

 

Folgenreiches Nachspiel

Zum 1. November 1992 trat zunächst die Deutsch-Rumänische Rückübernahmevereinbarung in Kraft, die die weitere Zuwanderung aus Rumänien sowie die Abschiebung von Asylbewerber*innen regeln sollte. Kurz darauf gab die SPD schließlich ihre Blockade gegen die Asylrechtsverschärfungen auf, sodass sich am 6. Dezember 1992 Union, FDP und SPD auf den sogenannten Asylkompromiss einigten. Bis heute bietet die Neufassung des Artikels 16a des Grundgesetzes nur noch wenige legale Möglichkeiten, Asyl in Deutschland zu beantragen. Mit dem Beschluss über die umfassenden Verschärfungen war die vermeintliche Ordnung, die von den Autoritären über Monate in Zweifel gezogen wurde, wiederhergestellt.

Die antiziganistische Dimension des Pogroms hatte somit einen entscheidenden Einfluss auf das Geschehen und die Dynamiken in Lichtenhagen: Die Wirkung der antiziganistischen Projektionen als Verkörperung des gesetzlosen Lustprinzips und damit als existenzielle Bedrohung für das bürgerliche Subjekt sowie die gleichzeitig ausbleibende Tabuisierung des Ressentiments ermöglichte eine Entladung von Aggressionen sowohl im Besonderen gegen diejenigen, die antiziganistisch fremdmarkiert wurden, als auch gegen die Asylbewerber*innen im Allgemeinen und das Asylgesetz selbst.

Bitter ist in der Rückschau 32 Jahre nach dem Pogrom vor allem eines: Die Kontinuität des Antiziganismus führte nicht nur dazu, dass etlichen asylsuchenden Rom*nja bzw. Rumän*innen mit Feindseligkeit begegnet wurde und sie nur wenig Solidarität erfuhren. Die fehlende Auseinandersetzung mit deutscher Schuld und Verantwortung schrieb sich weiterhin selbst in die Aufarbeitung des Pogroms tief ein. So setzte erst zwanzig Jahre nach den Ausschreitungen auch die wissenschaftliche Analyse der Bedeutung der antiziganistischen Dimension ein. Erst in jüngster Vergangenheit gelang es Kontakt zu den Überlebenden des Pogroms aufzunehmen.

 


[1] Alle hier zitierten Aussagen der Betroffenen stammen aus den Video-Interviews von Izabela Tiberiade: Dokumentationszentrum Lichtenhagen im Gedächtnis,  Interviews mit Betroffenen des Pogroms in Lichtenhagen, 2022. URL [09.04.24].
[2] Joachim Bruhn, „Antiziganismus“. Das Programm zum Pogrom in: Bruhn, Joachim. Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. Wien, 2019, S. 125-134.

[3] Geelhaar, Stephan; Marz, Ulrike; Prenzel, Thomas, Rostock-Lichtenhagen als konformistische Revolte, in Thomas Prenzel (Hg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der rassistischen Gewalt. Rostock, 2012, S. 55-68.
[4] Zwischen Wasserwerfern kam der Biernachschub, in Ostsee-Zeitung, 28.08.1992, S. 11.
[5] T., A., „Schlepperbanden bringen bald die nächsten“. Gestern wurden 200 im Freien campierende Asylbewerber aus der Stadt gebracht, in Ostsee-Zeitung, 06.08.1992, S. 13. Vgl. hierzu ebenso: Ulrich Ben Vetter, Lichtenhäger Bürgerwehr will ZAST „aufräumen“. Anonymer Anrufer: „Wir schaffen Ordnung“, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 19.08.1992, S. 9.
[6] Jochen Schmidt, Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging, Berlin 2002. S. 64.
[7] FDP gegen Aushebelung der Verfassung in Asylfrage. Juristen und Politiker über Begriff „Staatsnotstand“ irritiert, in Ostsee-Zeitung, 03.11.1992, S. 2.
[8] Vgl. Ingelinde Spiller, Stundenlange Straßenschlacht vor dem Asylbewerberheim. Einwohner erwarten von Politikern schnellstens Entscheidungen, in Ostsee-Zeitung. 24.08.1992, S. 9. Vgl. außerdem: Helmut Schultz, Wo die Götter ausziehen, ziehen die Dämonen ein. Wenn die Politik versagt, ergreifen Rechtsradikale die Initiative und stoßen als selbsternannte Ordnungshüter in das Vakuum vor, in Norddeutsche Neueste Nachrichten. 25.08.1992, S. 3.
[9] Wolfgang Thiel, Einwohner in Hinrichshagen kritisierten die Polizei: Um Ordnung und Sicherheit geht es, nicht gegen Asylbewerber, in Ostsee-Zeitung, 17.12.1992, S. 13.
[10] Günther Heiser, Leserbrief, „Das deutsche Volk ist nicht ausländerfeindlich“, in Ostsee-Zeitung, 19.10.1991, S. 4.
[11] Vgl. T.A., Lichtenhagen erlebt die Ohnmacht der Politiker gegenüber Asylproblem, in Ostsee-Zeitung, 08.08.1992, S. 11.
[12] K. K., Die Romas sollen sich hier wie richtige Gäste verhalten. Anlaufstelle für Asylbewerber verändert Alltag der Dorfbewohner, in Ostsee-Zeitung, 10.09.1992, S. 11.
[13] Steffi Prutean, „Und schwupps kamen sechs Rumänen an…“, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 09.08.1991, S. 3.
[14] Walter Becker, Leserbrief, Toleranz hat ihre Grenzen, in Ostsee-Zeitung, 12.10.1992, S. 4.
[15] Stefan Koslik, Als erstes kommen die Clowns. Grenzschutz zunehmend machtlos gegen Flüchtlinge aus dem Osten, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 11.07.1992, S. 3.
[16] K. K., Die Romas sollen sich hier wie richtige Gäste verhalten. Anlaufstelle für Asylbewerber verändert Alltag der Dorfbewohner, in Ostsee-Zeitung, 10.09.1992, S. 11.
[17] Lutz Jordan, Notfalls müssen sie uns von der Straße tragen. Goldberger bleiben bei Protest gegen Asylheim – Glatzköpfe sondieren Terrain, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 17.10.1992, S. 4.
[18] Stefan Koslik, Kommentar, Der Mob regiert. Die Bankrotterklärung von Innenminister Kupfer, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 26.08.1992, S. 2.
[19] Lichtenhäger Kessel brodelt. Anwohner fordern Schließung des Asylbewerberheimes, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 21.08.1992, S. 11.
[20] Stefan Koslik, Kommentar, Der Mob regiert. Die Bankrotterklärung von Innenminister Kupfer, in Norddeutsche Neueste Nachrichten, 26.08.1992, S. 2.
[21] Achim Treder, Niemand will jetzt den schwarzen Peter haben. Weil Polizisten ausgewechselt wurden, war Feuerwehr ohne Schutz, in Ostsee-Zeitung, 26.08.1992, S. 9.