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Soviet poster dedicated to the 5th anniversary of the October Revolution and IV Congress of the Communist International.

Soviet poster dedicated to the 5th anniversary of the October Revolution and IV Congress of the Communist International. Bild: Иван Васильевич Симаков / Ivan Vasilyevich Simakov (1877—1925). Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: Public Domain

Der vergessene Internationalismus von 1917 und das heutige Russland
von
Gleb Albert
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Veröffentlicht am 17. März 2018

Das 100-jährige Jubiläum der Revolutionen von 1917 im letzten Jahr war für das Russland Putins eine Gratwanderung. Einerseits wird das Geburtsjahr des Sowjetimperiums begangen, auf dessen Errungenschaften man sich gerne beruft: Raumfahrt, Vielvölkerstaat, Atomwaffen. Der Makel des Bezugspunktes liegt allerdings darin, dass es im Jahr 1917 eine Revolution gab, einen Umsturz der Verhältnisse. Ein Phänomen also, das das Regime in seinen Nachbarländern nicht gerne sieht und regelmäßig als Komplott antirussischer Kräfte brandmarkt.

Entsprechend widersprüchlich waren die offiziellen Statements im Vorfeld des Jubiläums. Wie Boris Kolonockij und Maria Mackevič in einem kürzlich veröffentlichten Essay auf zeigten, setzte die Putin-Regierung darauf, das Jubiläumsjahr unter dem Zeichen der „Versöhnung“ zu begehen. Allerdings ist man damit weitgehend gescheitert, denn die russische Gesellschaft ist, was die Bewertung der Ereignisse von 1917 angeht, nach wie vor tief gespalten.[1]
Die Motive der Briefmarkenserie, die von der russischen Post Ende 2017 herausgegeben wurde, halten jedoch den Anspruch aufrecht, die Gegensätze von 1917 – Februar und Oktober, Provisorische Regierung und Bolschewiki, Gemäßigte und Radikale – zumindest auf Papier miteinander versöhnen zu wollen. So finden sich auf dem Vierer-Block der Sturz des Zaren, die Ausrufung der Republik, der Sturm auf den Winterpalast und die Einberufung der Verfassungsgebenden Versammlung einträchtig nebeneinander.

Briefmarkenblock der russischen Post zu 1917 nehmen: <http://www.rusmarka.ru/catalog/marka/position/31418.aspx>. Was die Rechte angeht, so sind Briefmarken normalerweise als amtliche Werke gemeinfrei (<https://de.wikipedia.org/wiki/Bildrechte#Briefmarken>).

Briefmarkenblock der russischen Post aus Anlass des Jahrestages 1917-2017 . Lizenz: gemeinfrei.

 

Das internationalistische 1917

Ein Aspekt fehlt jedoch unter jenen Themen, die das Putin-Russland als erinnerungswürdig betrachtet. Die Revolutionen von 1917, im Februar wie im Oktober, waren Revolutionen gegen den Krieg und zugleich gegen den vom Zarenregime geschürten, von breiten Bevölkerungsschichten mit getragenen nationalen Chauvinismus. Diesen wollten die Revolutionäre des Februar  gegen einen neuen, staatsbürgerlichen Patriotismus austauschen. Die Bolschewiki setzten hingegen auf einen proletarischen Internationalismus der Arbeiterbewegung, bei dem die Grenzen zwischen Klassen, nicht zwischen Ländern verlaufen. Für Lenin und die Parteiführung bedeutete dies zwar nicht das Ende des Krieges, jedoch die Umwandlung des Weltkrieges in einen weltweiten Klassenkampf. Für das Gros der Gefolgschaft der Bolschewiki hingegen waren diese Bürgerkriegsphantasien nicht entscheidend. Sie lasen aus den Proklamationen der Partei vor allem eine kämpferische und entschlossene Kriegsgegnerschaft heraus.

Die „imagined community“ der internationalen Arbeiterbewegung war bereits für die politischen Akteure nach der Februarrevolution 1917 ein zentraler Referenzrahmen. Internationalistische Symbolik, wie etwa rote Fahnen oder Lieder wie die „Marseillaise“ oder die „Internationale“ wurde zum Signum der neuen republikanischen Kultur weit über das sozialistische Milieu hinaus.[2] Der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat verabschiedete immer wieder Aufrufe an die Arbeiter aller Länder. Die Provisorische Regierung lud ausländische sozialdemokratische Führer ein, die für die Fortsetzung des Krieges werben sollten, während die Anti-Kriegs-Linke mit Einladungen ihrer ausländischen Genossen dagegen hielt. Für den ersten Maifeiertag, der öffentlich begangen werden konnte, wurden die Feiern im Land, in dem noch der julianischen Kalender galt, extra auf den 18. April vorverlegt, um den Tag synchron mit den Arbeitern aller Länder zu begehen.

Der Referenzrahmen einer internationalen Revolution war auch für die Führung der Bolschewiki im Revolutionsjahr zentral. Die erhitzten Debatten im ZK der Partei darüber, ob man tatsächlich nach der Macht greifen wolle, drehten sich eben nicht nur um innenpolitische Fragen, sondern auch und vor allem darum, ob die Revolution isoliert bleibe oder ihr weitere kommunistische Transformationen im Ausland folgen würden.

1917 als Vorspiel der Weltrevolution

Dass die Idee der Weltrevolution in den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren nach dem Oktober 1917 bei der Parteiführung einen großen Stellenwert hatte, ist allgemein bekannt. Übersehen wird jedoch, welche Anziehungskraft diese Vorstellung auch bei großen Teilen der Parteiaktivisten an der Basis hatte. Die Idee der Weltrevolution gab ihnen die Gewissheit, dass sie im Kampf nicht alleine stünden und, dass, wenn nicht heute, dann morgen die Vertreter der erfolgreichen sozialistischen Revolutionen im Ausland Sowjetrussland zu Hilfe kommen würden. Die Verbindung der revolutionären Kämpfe im Ausland mit der eigenen Situation ist ein fester Topos in Egodokumenten von aktiven Anhängern des neuen Regimes – selbst in Tagebüchern, die nicht zur Ideologievermittlung, sondern der Selbstvergewisserung dienten. Wenn der Provinzbolschewik Michail Voronkov 1919 auf einer Parteiversammlung erklärte, dass „jede kleine Regung der Arbeiter in den Bergen des fernen Schottlands einen riesigen Einfluss auf die Stabilität unserer Lage hat“[3], so war dies nicht bloß eine zur Schau gestellte Propagandafloskel, sondern seine Aussage deckt sich mit all dem, worüber er tagtäglich in seinem Tagebuch reflektierte. Und auch zahlreiche andere, vom Kommunismus zutiefst überzeugte Aktivisten, die der Isolation in der Provinz ausgesetzt waren – abgeschnitten von Moskau, umgeben von einer eher feindlich gesinnten Bevölkerung, belächelt von weniger „aufrechten“ Parteimitgliedern –, sahen in der Perspektive der Weltrevolution den einzigen Lichtblick. So kommentierte Iosif Golubev, ein belorussischer Parteiorganisator, im November 1919 die Nachrichten über Streiks im Ausland: „Das ist für uns sehr gut, bald wird es Frieden geben, so könnte man wenigstens etwas freier aufatmen, sonst wird die Geduld nicht mehr reichen, all das zu ertragen.“ [4]

Dies waren nicht bloß Stoßseufzer nach dem Wunsch baldiger Erlösung aus der Isolation. Sowohl die internationalistische Revolutionskultur der Februarrevolution als auch die Sehnsucht nach Weltrevolution im Gefolge des Oktobers waren Ausdruck des Wunsches, zu einer neuen Welt zu gehören, die man im Entstehen glaubte. Nachdem die bürgerliche Zivilisation im globalen Krieg untergegangen zu sein schien, träumten bolschewikische Aktivisten von einer neuen internationalen Zivilisation, einem weltumspannenden kommunistischen Staatenbund mit neuartigen sozialen Beziehungen und einer neuen Kultur. Diese neue Zivilisation sollte jedoch nicht zwangsläufig eine sowjetische werden, denn „Weltrevolution“ stand noch nicht für sowjetrussische Dominanz.[5] Zwar intensivierten die Bolschewiki, je länger die Weltrevolution ausblieb, zunehmend ihre Bemühungen, Aufstände im Ausland zu befeuern. Doch Konsens der ersten Jahre nach 1917 war, dass Sowjetrussland in der erwarteten kommunistischen Weltgemeinschaft zwar ein Ehrenplatz angesichts des frühen Aufbruchs zustehen würde, aber mehr auch nicht. Trotzki vertrat diese Position auch noch, als sie zunehmend von Stalin in Frage gestellt wurde, und erklärte noch 1924 öffentlich, das „englische Proletariat“ würde „uns in 15 bis 20 Jahren […] auf dem Gebiet des Aufbaus des Sozialismus unversehens überholt haben. Wir werden deswegen natürlich nicht gekränkt sein. Tut eure Pflicht, überholt uns, wir warten schon lange darauf, ihr und wir werden dabei gewinnen.“[6] 

Ein unbequemes Erbe

Dieser internationalistische Impuls von 1917 ist nichts, was für den staatstragenden Diskurs im heutigen Russland mit Kurs auf Autarkie und Remilitarisierung erinnerungswürdig wäre – und wenn dann eher im Ton der Verachtung. So bezeichnete Putin zwischen 2012 und 2014 die Bolschewiki mehrfach als „Verräter“ am Vaterland.[7] Entsprechend haben in den populären Produktionen der Staatsmedien zu 1917 in den letzten Jahren die Diskurse von Revolution als Verschwörung dominiert.

Lenin und Stalin jedoch können von offizieller Seite nicht eindeutig verurteilt werden – schon allein aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung. In den jüngsten Umfragen hielten 32 % resp. 38 % der Befragten beide für die größten Persönlichkeiten der Geschichte des Landes.[8] Trotzki als derjenige, der von den Führern der Bolschewiki sowohl für das Primat der Weltrevolution als auch für die Zugehörigkeit zur westlichen Moderne steht, taucht hingegen in solchen „Besten“-Listen nicht auf und kann so als antirevolutionäre Projektionsfläche herhalten. Davon zeugen die wiederholten Rückgriffe Putins und seiner Umgebung auf den „Trotzkismus“ als Allround-Schmähwort aus der stalinistischen Mottenkiste.[9] Davon zeugt auch die vom Staatsfernsehen zum Revolutionsjahr produzierte Serie „Trotzki“. Mit großen Budget ausgestattet, stellt sie Trotzki nicht nur als verblendeten Fanatiker, sondern als „fremden“, von ausländischen Mächten ferngesteuerten Akteur dar, der Russland in den Abgrund gerissen hat.[10] Angesichts der Verfemung von NGOs als „ausländische Agenten“, der Abschottungspolitik, der Suche nach „Feinden“ und der panischen Furcht vor Revolutionen ist das ein höchst aktuelles und nützliches Narrativ. Dass dabei das internationalistische Erbe von 1917 unter den Tisch gekehrt werden muss, verwundert nicht.

 

[1] Boris Kolonitsky, Maria Matskevich: Unberechenbare Vergangenheit in ungewissen Zeiten. Hundert Jahre Revolution im heutigen Russland, in: Geschichte der Gegenwart, 27.8.2017, (12.3.2018).
[2] Orlando Figes/Boris Kolonitskii: Interpreting the Russian Revolution. The Language and Symbols of 1917, New Haven 1999.
[3] Michail Voronkov: Intelligent i epocha. Dnevniki, vospominanija, stat'i. 1911-1941 gg., Rjazan’ 2013, S. 590. Zit. nach: Gleb J. Albert: Das Charisma der Weltrevolution. Revolutionärer Internationalismus in der frühsowjetischen Gesellschaft, 1917-1927, Köln 2017, S. 179.
[4] Iosif Golubev: "Sčast'e moe...". Dnevniki Iosifa Golubeva 1916-1923 gg., Minsk 2002, S. 292. Zit. nach Albert, Das Charisma, S. 182.
[5] Siehe: Albert, Charisma, S. 187-219.
[6] Leo Trotzki: Fragen des Alltagslebens, Essen 2001, S. 165.
[7] „Založili atomnuju bombu. Kak prezident Rossii otozvalsja o voždjach i bol’ševikach“, in: Lenta.ru, 24.1.2016, (12.3.2018).
[8] Levada-Centr: „Vydajuščiesja ljudi“, 26.6.2017, (12.3.2018).
[9] Il’ja Budrajtskis: „Kto že stoit za trockistskim zagovorom?“, in: Otkrytaja Levaja, 21.11.2014, (12.3.2018).
[10] Oliver Carroll: „Russian state-run TV marks revolution's centenary with surprise series recounting rise and fall of Leon Trotsky“, in: The Independent, 16.10.2017, (12.3.2018).