Der eindringliche Dokumentarfilm von Sandra Prechtel porträtiert den Theaterregisseur und -autor Einar Schleef, der zu den wichtigsten Figuren des deutschsprachigen Theaters der 1970er bis 1990er Jahre zählt und auch Maler, Bühnenbildner, Schriftsteller und Fotograf war. Trotz seiner Bedeutung wurde er oft als Außenseiter und Randfigur des deutschen Theaters wahrgenommen. Sandra Prechtel kommt das Verdienst zu, den Künstler 25 Jahre nach seinem Tod filmisch zu würdigen sowie sein Werk und die widersprüchliche Rezeption vor dem Hintergrund deutsch-deutscher Geschichte verständlich zu machen.
Der Film hatte im Forum der Berlinale 2026 Premiere. Jetzt wird er mit der CLIO 2026 ausgezeichnet, dem Preis für den besten historischen Film.
Einar Schleef wird 1944 in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt geboren. 1964 beginnt er, Malerei und Bühnenbild an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zu studieren, wo er 1965 relegiert und 1967 erneut zugelassen wird. Nach dem Studium ist er Meisterschüler bei Karl von Appen an der Akademie der Künste und übernimmt ein erstes Engagement als Ausstatter an der Berliner Volksbühne unter der Intendanz von Benno Besson. Dann wechselt er ans Berliner Ensemble, wo drei Inszenierungen mit B. K. Tragelehn entstehen und Schleef sich vom Bühnenbildner zum Co-Regisseur entwickelt. 1975 gerät sein „Fräulein Julie“ ob des emanzipatorischen Gestus in die Kritik der Kulturpolitik; nach wenigen, ausverkauften Aufführungen wird das Stück abgesetzt. 1976 erhält er ein Angebot vom Burgtheater Wien und kehrt nicht in die DDR zurück. Von 1978 bis 1984 arbeitet er an dem Roman „Gertrud“ und publiziert weitere literarische Werke. 1985 holt Intendant Günther Rühle ihn ans Schauspiel Frankfurt, für fünf Inszenierungen, u.a. „Mütter“ nach Stücken von Aischylos und Euripides, mit denen Schleef den für ihn typischen Formenkanon erarbeitet, zu dem die Wiedereinführung des Chors ins zeitgenössische Theater gehört. Die bundesdeutsche Kritik sieht darin irrtümlicherweise eine faschistische Ästhetik. 1993 geht er abermals ans Berliner Ensemble, wo er Rolf Hochhuths „Wessis in Weimar“ uraufführt. Diesmal gibt es Ärger mit dem Autor. Hochhuth will die Inszenierung verbieten lassen, worauf Co-Intendant Peter Zadek sich gegen ein weiteres Engagement Schleefs stellt. Auch der anschließende Vertrag mit dem Schillertheater Berlin hat nur kurz Bestand. Das Theater wird vom Berliner Senat geschlossen, so dass nur Teile von Schleef „Faust“-Inszenierung – nach der Schließung, auf der Vortreppe des Theaters – zur Aufführung kommen. In den folgenden Jahren inszeniert er an verschiedenen Häusern. Seine Aufführung von Elfriede Jelineks „Sportstück“ 1998 am Burgtheater Wien wird prämiert und gefeiert und gilt als sein größter Erfolg. 2001 stirbt Schleef an einem Herzleiden.
Prechtels Film erzählt die Biografie Einar Schleefs entlang der genannten wichtigen Werke und Stationen. Der Schwerpunkt liegt, darauf deutet der Titel „Ich habe kein Deutschland gefunden“ hin, auf den persönlichen Erfahrungen mit den Verwerfungen der deutschen Geschichte und Gegenwart sowie deren künstlerischer Verarbeitung. Man erfährt, wie Schleef sich schon früh vom Vater distanziert und sein Selbstverständnis als Künstler in konsequenter Abgrenzung von der Vätergeneration entwirft. Wie sein Verhältnis zu Ost und West und später zum wiedervereinigten Deutschland ein höchst kritisches ist. Wie seine Stücke auf den jeweiligen Kontext reagieren, ihn geradezu herausfordern – die freche Julie auf die politisch bevormundende DDR der 1970er, das chorische Sprechen auf den gepflegten Individualismus, den er im Westen vorfindet; die Mütter auf die meist männlichen Figuren des bürgerlichen Theaters oder der wütende Chor in „Wessis von Weimar“ auf die Folgen der Wiedervereinigung in Ostdeutschland.
Formal ist EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN eine Art des Künstlerporträts, wie es nur im Medium Film möglich ist. Es greift, wie viele historische Dokumentarfilme, auf audiovisuelles Archivmaterial zurück. Im Falle Schleefs ist es allerdings eine außergewöhnliche Quellenlage, die der Film in seiner ganzen Fülle nutzbar zu machen weiß. Sowohl das Schleef-Archiv in der Akademie der Künste und private Quellen – Probenaufnahmen, Aufführungsmitschnitte – von Kollegen und Weggefährten, als auch die vielfältigen und vielzähligen autobiografischen Anteile in Schleefs Gesamtwerk hat die Regisseurin einbezogen – die Tagebücher, die Prosa, das fotografische Werk, Super-8-Filme, Tonbandaufnahmen. Schleefs Stottern ist zu hören; eigentümliche Schleef-Sätze wie der titelgebende oder der, dass ihn vor allem der sprechende Mensch interessiere, finden sich darunter. In der Montage von Olaf Voigtländer ist daraus eine offene Collage entstanden, die ausschließlich autobiografische, fast ausschließlich künstlerisch geformte Fragmente zusammenfügt und beinahe ganz auf Kommentare von Experten und zeitgeschichtliches Kontextmaterial verzichtet. So ermöglicht der Film einen intensiven Streifzug durch das Gesamtwerk Schleefs, macht die Stimme, den Gestus, die spezifische Sensibilität des Künstlers präsent, ohne die Eindrücke mit Interpretationen – etwa im Sinne des traditionellen Künstlerbildes vom Genie und Außenseiter – zu schließen. Jedem, der Schleefs Arbeiten nicht kennt, und jedem, der sie vergessen, irrtümlich oder gar absichtlich missverstanden hat, sei der Film als eine wunderbar reiche Anleitung zur ersten oder nochmaligen Schleef-Lektüre und -Beschäftigung ans Herz gelegt.
Und eben darin, in der Ermunterung zur erneuten Beschäftigung, die der Film von Sandra Prechtel darstellt, liegt die eigentliche Brisanz des Werks – in den Fragen, die sich aus dem Material ergeben, das der Film gut ausgewählt und geordnet hat, die er aber nicht beantwortet, weil er konsequent beim Material bleibt.
Eine Frage, die sich stellt, betrifft das Kapitel, in dem es um die Frankfurter Aufführung von „Mütter“ 1986 geht. Schleef setzt – wie wir in Probenausschnitten sehen und durch ein Statement Schleefs kommentiert finden – Laien, Frauen, meist mit migrantischem Hintergrund, als Protagonist*innen der beiden hierfür bearbeiteten antiken Stücke ein. Chorisch und laut sieht man sie deklamieren und Forderungen stellen. Anschließend zeigt Prechtel einen Ausschnitt aus einer Fernsehsendung. Peter Iden, der einflussreiche Theater- und Kunstkritiker, Gründungsdirektor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, vertritt hier die Position, die damals von allen Kritikern aufgegriffen wird. Schleefs Stück sei ein Theater des Drills, der Gewalt und der Menschenverachtung. Idens Rede vom „Nazi-Theater“, die in dem von Prechtel gewählten Fernsehausschnitt implizit zitiert ist, macht damals die Runde und wird, wenn auch als irrtümliches Verdikt, noch heute immer mitgenannt, wenn von Schleef die Rede ist. Schleefs Arbeiten, welche das Erbe der Vätergeneration ablehnen, die Frauen wieder ins Zentrum dramatischer Konflikte rücken, den Krieg als die einschneidende, tragische Erfahrung ansehen, den Nicht-Bürgerlichen eine Sprache verleihen wollen, werden von Idens Polemik in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Warum, so wäre die Frage hier, wollte die bundesdeutsche Kritik Schleef derart missverstehen und warum war es ausgerechnet die Nazi-Vokabel, die im deutschen Kontext am besten geeignete, um eine Person öffentlich unmöglich zu machen, die dafür gewählt wurde. Dass die Kritik Folgen hatte, zeigt der Film, indem er auf den nächsten großen Schleef-Skandal, die „Wessis in Weimar“-Inszenierung am Berliner Ensemble der Nachwende eingeht. Hier kam es zum Zerwürfnis des neuen Ost-West-gemischten Intendanten-Teams. Heiner Müller hatte Schleef ans Haus geholt; Peter Zadek, der die Inszenierung für „Faschismus-Scheiße“ hielt, verließ das Theater. Dass Schleef die Folgen der Wiedervereinigung, das Erstarken der Rechten thematisierte und drastisch inszenierte, wurde diesmal, mit einer Logik, die man heute hinterfragen muss, missverstanden. Zugleich ruft Prechtels Film die Atmosphäre in Erinnerung, die das Berliner Theaterleben der Nachwendezeit ausmachte. Nirgendwo sonst im damals eben wiedervereinigten deutschen Kulturbetrieb gab es eine derartige Präsenz ostdeutscher Positionen und fruchtbarer Ost-West-Kollaborationen: Müller und Schleef am Berliner Ensemble, Frank Castorf, der die Intendanz an der Volksbühne übernommen hatte und Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und René Pollesch ans Haus holte. Alle, auch diejenigen, die sich sonst nicht für Theater oder Kultur interessierten, besuchten damals die Vorstellungen, in der Überzeugung, dass nur hier etwas über den besonderen Moment der im Umbruch befindlichen Stadt zu erfahren sei.
Ob die Rede von Schleef als Außenseiter und Randfigur zu genau den oben genannten Missdeutungen gehört, welche Bedeutung den Künstler*innen, die zwischen Ost und West vor 1990 vermittelten, zukommt und wann die Geschichte des deutschen Kulturbetriebs der Umbruchszeit umfassend bzw. umfassender als bisher beschrieben wird, all dies möchte man nach dem Film über Einar Schleef wissen. Gerne würde man Schleef selbst befragen, enthusiastisch nimmt man sich vor, noch morgen die fünfbändige Ausgabe der Tagebücher, vielleicht auch das schwere Gertrud-Buch zu bestellen. Möge der Film über Einar Schleef von Sandra Prechtel Folgen haben.
Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden
Regie: Sandra Prechtel
Deutschland 2026, 93‘
Link zum Gespräch mit der Regisseurin
Zitation
Ilka Brombach, Hommage an den Theatermacher Einar Schleef . ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN von Sandra Prechtel , in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/hommage-den-theatermacher-einar-schleef