In makelloser Uniform, mit freundlichem Lächeln und beruhigenden Worten schickte er Kinder in den sicheren Tod oder in unvorstellbares Leid. Als „Todesengel von Auschwitz“ entschied SS-Lagerarzt Josef Mengele auf der Rampe über Leben und Tod und missbrauchte Häftlinge im KZ für verbrecherische Menschenversuche. Wie kaum ein anderer verkörpert er die Verbindung aus bürgerlicher Bildung, wissenschaftlichem Ehrgeiz und absoluter Unmenschlichkeit. Sein Name steht bis heute für eine radikal ethisch-moralische Entgrenzung von medizinischer Forschung, aber auch für das Versagen der Nachkriegsjustiz, der es nicht gelang, einen der grausamsten NS-Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen, bevor dieser im südamerikanischen Untergrund verschwand. In der Populärkultur wurde Mengele danach oft zum metaphysischen „Engel des Todes“ überhöht – eine Darstellung, die von Historikerinnen und Historiker kritisiert wurde, weil sie das reale, vom Menschen gemachte System Auschwitz zu verharmlosen drohte.
Kirill Serebrennikovs Werk leistet einen wichtigen Beitrag zu seiner Demystifizierung. Der Filmstoff, basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Olivier Guez (Co-Autor des Drehbuchs von DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER), widmet sich weniger den Gräueltaten des berüchtigten KZ-Arztes, sondern konzentriert sich vor allem auf dessen Fluchtgeschichte und das jahrzehntelange Exil in Südamerika zwischen 1949 und 1979. Die Handlung folgt ihm unter wechselnden Decknamen durch die bekannten Stationen in Argentinien, Paraguay und Brasilien. Eindrücklich wird gezeigt, wie er über ein dichtes Netzwerk aus alten Nazi-Sympathisanten und durch die Unterstützung seiner Familie in Deutschland geschützt wird, wodurch er sich der internationalen Justiz entziehen kann.
Doch die Dynamik ändert sich dramatisch nach der Entführung von Adolf Eichmann durch den Mossad im Jahr 1960. Ab diesem Zeitpunkt wandelt sich Mengeles Leben in ein von Isolation, Verfall und Paranoia geprägtes Dasein im südamerikanischen Dauerversteck. Mengele (August Diehl) wird nicht als diabolischer „Mastermind“ oder faszinierendes Kino-Monster inszeniert, vielmehr wird er Stück für Stück als Persönlichkeit entblättert. Diehl, der für seine Leistung mit dem Deutschen Filmpreis 2026 ausgezeichnet wurde, spielt dabei einen Mann zwischen pedantischer Steifheit und plötzlichen Ausbrüchen, nervöser Anspannung und jammervollem Selbstmitleid, der trotz Macht- und Ansehensverlust krampfhaft versucht, die Haltung eines vermeintlichen „Herrenmenschen“ zu wahren. Einst tatkräftiger Amtsträger und erbarmungsloser Scherge, endet er als gebrechlicher, von Verfolgungswahn gezeichneter Schatten seiner selbst.
Ein erzählerischer Höhepunkt ist das Aufeinandertreffen mit dem Sohn Rolf (Max Bretschneider), der den Vater mit dessen historischen Verbrechen konfrontiert. Aber Mengele zeigt keinerlei Reue oder Einsicht. Stattdessen hält er bis zu seinem Tod starrsinnig an seiner rassistischen Ideologie fest und argumentiert, er habe in Auschwitz im Namen des Staates lediglich seine „wissenschaftliche Pflicht“ erfüllt. Der tiefsitzende Fanatismus bleibt immun gegenüber moralischen Argumenten von außen – die Abscheu des Sohnes bewirkt keinerlei Umdenken oder Empathie für die Opfer. Motivisch reiht sich das Werk damit in die Riege filmischer Täterstudien ein, die das Diktum Hannah Arendts von der „Banalität des Bösen“ visuell übersetzen.
Aus historischer Perspektive ist diese Kinoarbeit bemerkenswert, weil sie den Fokus auf die „Zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus legt: das Weiterleben der Täter in der Nachkriegszeit. Sie macht die sogenannten „Rattenlinien“ (die Fluchtrouten von NS-Verbrechern nach Südamerika) und das dichte Netzwerk aus Alt-Nazis und lokalen Unterstützern im Ausland sichtbar. Der Film thematisiert zudem ein zentrales Trauma der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte: das jahrzehntelange kollektive Wegsehen und das Versagen der Strafverfolgungsbehörden. Verbürgt ist, dass Mengeles Familie in Günzburg, wo sie eine Maschinenfabrik besaß, ihn über Jahrzehnte finanziell absicherte und Vertraute regelmäßig als Kuriere fungierten. Der große Generationenkonflikt der 1960er und 1970er Jahre spiegelt sich im Kleinen in der Konfrontation zwischen Mengele und seinem Sohn Rolf wider, der ihn 1977 tatsächlich in Brasilien besuchte. Die Unfähigkeit des Vaters gegenüber dem Sohn, Schuld einzugestehen, steht exemplarisch für die Verdrängungsmechanismen der Tätergeneration.
Künstlerisch bricht Kirill Serebrennikov mit den Konventionen des klassisch-epischen bzw. linear erzählten Geschichtsfilms. Stattdessen setzt er auf eine fragmentierte Struktur, Zeitsprünge sowie auf visuelle und akustische Inszenierungselemente, um die paranoide Innenwelt des Täters erfahrbar zu machen. Das geschmeidige Eintauchen in Geschichte wird somit unmöglich, zumindest aber brüchig gemacht. Mithilfe einer kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotografie, des Spiels mit Licht und Schatten wird eine kalte, distanzierte Atmosphäre erzeugt, die Mengeles dualistisches Denken in absoluten Kategorien spiegelt (Kamera: Vladislav Opelyants, Schnitt: Hansjörg Weißbrich). Der Regisseur nutzt hier die Ästhetik des Chiaroscuro als psychologisches Werkzeug: Die tiefen Schatten, in denen sich Mengele bewegt, und die engen Bildkompositionen visualisieren seine wachsende Isolation, Paranoia und moralische Finsternis. Das Exil wird zum Labyrinth und Käfig. Unterbrochen wird die Trostlosigkeit durch kurze übersättigte Farbsequenzen im Amateurfilmstil. Sie zeigen Rückblenden von der ersten Liebe oder der Jahre als „Arzt“ und „Forscher“ in Auschwitz, die Mengele in pervertierter Selbstwahrnehmung als vermeintlich glücklichste Zeit erinnert. Indem der Film die Gräuel der Vergangenheit aber insgesamt nur selten direkt auf der Leinwand zeigt, ist er verwandt mit einem Werk wie Jonathan Glazers THE ZONE OF INTEREST. Während dort das Grauen über die Tonspur hinter die Zäune des Lagers verbannt wird, verknüpft Serebrennikov das Sounddesign im Ausland mit dem KZ-Terror. Durch aggressive Geräusche wie Hundegebell holt er die Vergangenheit in den Kopf des flüchtigen Täters (Ton/Musik: Ilja Demutsky).
Kirill Serebrennikov, geboren 1969 in Rostow am Don, ist einer der renommiertesten russischen Theater- und Filmemacher der Gegenwart. Er verbrachte in Moskau Jahre unter politisch motiviertem Hausarrest, verließ das Land nach dem Angriff auf die Ukraine und lebt heute im europäischen Exil, von wo aus er seine künstlerische Auseinandersetzung mit Autoritarismus, Konformismus und der Freiheit des Individuums fortsetzt. Der Regisseur hat in Interviews klargestellt, dass DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE mehr sei als reine Geschichtsaufarbeitung – er, der vor Putins autoritärem Regime geflohen ist, verstehe ihn auch als Kommentar zur aktuellen Lage in Russland. Indem Serebrennikov thematisiert, wie sich gebildete Eliten an Unrecht und Staatsverbrechen beteiligen, Wissenschaft und Werte politisch missbraucht werden und ein machtlos gewordener Funktionsträger stumpf in der Ideologie einer menschenverachtenden Diktatur verharrt, lassen sich diverse Parallelen zu heutigen Herrschafts- und Anpassungsmechanismen in seiner Heimat ziehen. Schließlich schlägt das Historiendrama auch eine Brücke zu aktuellen Debatten über das Fortbestehen demokratiefeindlicher Netzwerke und das Staatsversagen bei der Verfolgung extremistischer Demokratiegegner. Vor diesem Hintergrund wird das Werk zu einer beunruhigenden historischen Fallstudie, die ihre Relevanz ebenso im Hier und Heute hat.
Das Verschwinden des Josef Mengele
Regie: Kirill Serebrennikov
Deutschland / Frankreich 2025, 135‘
Zitation
Peter Ulrich Weiß, Fanatisch bis zum letzten Atemzug. DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE von Kirill Serebrennikov, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/fanatisch-bis-zum-letzten-atemzug