von Mareike Späth

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1. Dezember 2010

Veröffentlichung: Dezember 2010

 

Am 26. Juni 2010 feierte Madagaskar das 50-jährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit von Frankreich. Ein Anlass zur Freude, zu Tanz und Gesang. Ein Anlass gar zu so viel Freude, dass ein einziger Feiertag viel zu kurz erschien. Daher hatte die derzeitige Regierung des Landes gleich ein Festprogramm für eine ganze Woche ersonnen. In gewissenhafter Vorbereitung wurde die Hauptstadt Antananarivo herausgeputzt, um sich an ihrem Jubeltag von der besten Seite zu zeigen. Denkmäler wurden renoviert, Bürgersteige und Abwasserkanäle ausgebessert, Tunnel frisch verputzt, Zäune erstrahlten wieder in reinem Weiß. Zu guter Letzt wurde scheinbar die gesamte Stadt in eine riesige weiß-rot-grüne Flagge gehüllt: Alle öffentlichen Gebäude und Plätze wurden mit großen Stoffbahnen in den Nationalfarben dekoriert, die Bäume der Hauptstraßen in Flaggen gehüllt und alle Laternenmasten mit einem Wappen und mit Fähnchen geschmückt. Auch im privaten Raum hielten die drei Farben Einzug: Wohnhäuser wurden ebenso mit Flaggen geschmückt, und von fast jedem Rückspiegel in Antananarivo Staus baumelte ein Wimpel mit dem Aufdruck „50ème Anniversaire“. Nun konnten sie kommen, die ausgelassen Feiernden, die freudigen Bürger der Nation. Und sie kamen. Die Hauptverkehrsadern der Stadt verwandelten sich in riesige Konzertarenen, in denen nationale und internationale Künstler sich eine Woche lang das Mikrofon in die Hand gaben, um die dem Anlass angemessene überschwängliche Atmosphäre zu schaffen. Unzählige kleine Verkaufsstände versorgten die Hungrigen und Durstigen mit allem, was das Herz begehrte. Der Duft nach gefüllten Teigtaschen, Fleischspießchen und frittierten Bananen machte sich breit. Bier und Rum flossen in Strömen. Auf den Grünflächen wurde ein großer Jahrmarkt veranstaltet und Karussell, Ponyreiten und Glücksspiele hielten Jung und Alt gleichermaßen in Atmen. Der Präsident und seine Gattin höchstpersönlich luden 3.500 50-jährige Madagass/innen zur großen Geburtstagsfeier in den Staatspalast, wo ebenfalls ausgiebig gesungen, getanzt und diniert wurde. Im Stadion defilierte das Militär, und als fulminanter Höhepunkt brachte ein buntglitzerndes Feuerwerk am Nachthimmel die Nation im Feiertaumel zum Jauchzen.

Wenige Wochen später, die Straßengräben waren gekehrt, der Verkehr bahnte sich wieder seinen Weg über die ehemalige Tanzfläche, und über den herrlich weißen Zaun hatte sich längst wieder die allgegenwärtige rote Staubschicht gelegt, fand in Antananarivo ein ganz anderes Ereignis statt, dass ebenso im Zeichen des Unabhängigkeitsjahres stand. Im Ministère de la Culture et du Patrimoine wurde unter dem Titel „Fahaleovantena Fahizay“ (Frühere Unabhängigkeit) am 17. August 2010 eine Ausstellung eröffnet, die eine Retrospektive der Geschichte Madagaskars zeigte. Zur Vernissage war die politische, diplomatische und kulturpolitische Elite des Landes versammelt und sang im Blitzlichtgewitter der Journalist/innen sowohl die Nationalhymne als auch die eigens für das Jubiläum auserkorene Unabhängigkeitshymne.

Im Folgenden möchte ich anhand geschichtspolitischer Aktivitäten des madagassischen Staates im Umfeld der Feierlichkeiten des diesjährigen Jubiläums der Konstruktion von nationaler Geschichte nachgehen. Dabei stelle ich die Frage nach der relativen Pluralität oder Uniformität sowie den markanten Referenzpunkten madagassischer Geschichtspolitik und den rhetorischen Strategien einer inkludierenden „nationalen“ Selbstbeschreibung. Dabei möchte ich auch herausarbeiten, dass es eben nicht nur politsche und geschichtspolitsche Strategien sind, die die staatliche Einheit konsolidieren. Der Aspekt des Feierns, ob auf offiziell organisierten Veranstaltungen oder privat initiierten Treffen, trägt ebenso zur Re-Kreation der Nation bei. Schließlich ist es mein Ziel, die Konstruktion(en) einer „nationalen Geschichte“ und einer „nationalen Kultur“ als zugleich rückblickende, gegenwärtige und eine Zukunft entwerfende Handlungen bestimmter Akteure zu beschreiben – von denen unabhängig eine „Nation“ letztlich nicht existiert – und zu zeigen, wie verschiedene Akteure in Madagaskar es möglich machten, trotz der gegenwärtigen Krisensituation ein goldenes Jubiläum zu feiern.

„Les anniversaires sont des moments de réflexion.“ Mit diesen Worten eröffnete die Kulturministerin ihre kurze Ansprache, in der sie darauf hinwies, welche bedeutende Rolle dem Gedenken und der Erinnerung in der Kulturpolitik und für den Aufbau einer nationalen Identität zukomme. „La défense du patrimoine est primordiale dans le maintien d'une identité nationale forte“, mahnte sie weiter. Die Ausstellung wolle ein Bewusstsein für das kulturelle Erbe Madagaskars schaffen und insbesondere die junge Generation für die zentralen Werte und Ziele der Nation sensibilisieren: „La valorisation du patrimoine, [...] la promotion [...] de notre identité culturelle, la solidarité, la cohésion sociale et surtout le fihavanana“.[2] Der Premierminister Général Albert Camille Vital unterstrich dies, indem er die Bedeutung der Machtsymbole, die in der Ausstellung gezeigt wurden, für Herausbildung und Beständigkeit einer nationalen Identität hervorhob:

„En effet, une identité nationale se bâtit aussi sur les symboles forts, destinés à se graver dans les mémoires et à se perpétuer de génération en génération pour rendre durablement le sentiment d'appartenance à une nation. [Cette exposition] montre comment notre peuple a pu, malgré des aléas de l'histoire, faire perdurer la conscience de sa souveraineté. Le travail fait pour monter cette exposition va permettre de vaincre les limbes d'oubli ou de la méconnaissance“.

Eine Ausstellung also gegen das Vergessen und für ein nationales Selbstbewusstsein versprachen die vor Ort ausgelegten Handzettel: „Une meilleure appropriation de l’histoire pour servir de fondement à la fierté nationale et au patriotisme“.[3]

Im Gang durch die Jubiläumsschau wurden die Besucherinnen und Besucher zunächst weit in die Geschichte Madagaskars[4] zurückversetzt und fanden sich von Angesicht zu Angesicht mit den König/innen wieder, die sukzessive im zentralen Hochland der Insel regiert hatten. Mal freundlich, mal streng blickten sie wie aus einer Ahnengalerie auf den Betrachter herab. Kurze biografische Anmerkungen in madagassischer und französischer Sprache fassten die Besonderheiten der jeweiligen Regierungsperiode, die markanten Eigenschaften des Regenten sowie herausragende zeitgenössische Errungenschaften zusammen. Rund herum waren Symbole der staatlichen Macht exponiert. Replikate der Flaggen und Wappen der einzelnen Herrscher/innen waren um ihre Portraits herum drapiert, Liedtexte und Melodien diverser Nationalhymnen und Preisgesänge ergänzten die Darstellung.

Zunächst begegneten die Besucher/innen Radama I. (1810-1828), seines Zeichens erster Souverän der Merina-Dynastie, die vor der Kolonisierung die politische Landschaft Madagaskars dominierte. Radama I. war Sohn und Erbe des großen Andrianampoinimerina, der durch Eroberungen und strategische Ehen die Expansion seiner Dynastie vorangetrieben und das Territorium des Reiches erheblich ausgedehnt hatte. Während seiner Regierungszeit besuchten die ersten Europäer, meist Reisende und Künstler, Madagaskar. Indem Radama I. am 23. Oktober 1817 mit Großbritannien den Traité de Tamatave, das erste internationale Abkommen, unterzeichnete, führte er Madagaskar auf dem Parkett der globalen Politik ein. Ihm folgte seine Frau Ranavalona I. (1828-1861) auf dem Thron. Sie war weithin berüchtigt für ihre Grausamkeit gegenüber ihrem Volk und die blutrünstige Verfolgung und Vernichtung der ersten Christen. Aber, so lehrt uns die im Sommer 2010 eröffnete Ausstellung, „en fait, elle était une grande Nationaliste avant la lettre“.

Anders ihr Sohn Radama II. (1861-1863). Er orientierte sich wieder vermehrt hin zu den europäischen Mächten, womit er sich offenbar unter seinen Zeitgenossen nicht viele Freunde machte. Schon nach kurzer Regentschaft wurde er im Schlaf stranguliert. Seine Witwe Rasoherina (1863-1868) prägte vor allem die Innenpolitik, indem sie sich mit Rainilaiarivony verlobte und ihn zum Premierminister machte. Er sollte bis zum Untergang des Merina-Königreiches großen Einfluss auf die Geschicke Madagaskars ausüben. Denn auch die folgende Königin Ranavalona II. (1868-1883), eine Cousine von Rasoherina, ehelichte den Premierminister Rainilaiarivony. Allerdings erst, nachdem sie sich taufen ließ und damit zur ersten Christin auf dem Thron wurde. Sie erließ mit dem Code malgache erstmals schriftlich verbindliche Gesetze und befreite alle aus Afrika importieren Sklaven. Ranavalona III. (1883-1896) war die letzte Königin auf dem Thron der Merina, musste sie sich doch in der Guerre franco-malgache schließlich den Angriffen der Franzosen beugen. Am 30. September 1895 eroberte deren General Duchesne Antananarivo und hisste umgehend die Flagge des französischen Protektorats. Am 6. August 1896 verlor Madagaskar durch die Unterzeichnung des Loi d’annexion seine Souveränität und wurde zur französischen Kolonie. Kurz darauf floh Ranavalona III. zuerst nach La Réunion, dann weiter nach Algerien, wo sie 1917 verstarb.

In der Mitte des Ausstellungsraumes ergänzte ein in den Nationalfarben üppig dekorierter Tisch diese Herrschergalerie und zeigte den Betrachter/innen eindrucksvoll, wie das Merina-Königreich sich bereits in der Welt der internationalen Politik positioniert hatte. Aus dem Nationalarchiv und privaten Sammlungen wurden Verträge ausgestellt, die Madagaskar zu einem Akteur in der internationalen Politik gemacht hatten. Der Traité de Tamatave mit Großbritannien vom 23. Oktober 1817 sowie weitere Handelsabkommen und Kooperationsverträge mit den Vereinigten Staaten von Amerika (1883), Italien (1883), Deutschland (1884) und Großbritannien (1884) erkannten die König/innen als Souverän von ganz Madagaskar an und bezeugten die politische Öffnung des Reiches und seine Orientierung hin zu einer globalen Vernetzung. Diese Präsentation von Schriftstücken, Siegeln und Unterschriften wurde durch eine Sammlung von Fotografien bereichert, die diplomatische Delegationen der Jahre 1882 bis 1886 bei Audienzen der Staatsoberhäupter jener Zeit zeigten: herausgeputzte Gesandte, die in formvollendeter Manier und feinstem Zwirn der Königin von England ihre Aufwartung machten, ferner Portraits zahlreicher Botschafter, die Madagaskar dauerhaft in verschiedenen Ländern der Welt vertraten.

Die mit diesen Exponaten skizzierte Geschichte wird gerne vereinfachend als die allein gültige Geschichte Madagaskars verbreitet. An der gegenüberliegenden Seite des Ausstellungsraumes jedoch hielten zahlreiche weitere Dokumente den Betrachter/innen vor Augen, dass die Geschichte der Insel auch aus einer anderen Perspektive erzählt werden kann. In den Küstenregionen Madagaskars existierten zu jeder Zeit zahlreiche kleinere Königreiche, die meist in weniger guten Beziehungen zum Merina-Königreich des zentralen Hochlandes standen und sich oft vehement gegen dessen Expansionsbestrebungen zur Wehr setzten. Ihr rechtmäßiger Platz in der Geschichte Madagaskars wurde in dieser Ausstellung jedoch durch eine Präsentation ihrer Herrscher und Flaggen ausdrücklich anerkannt. Kurze Beschreibungen der Besonderheiten regionaler Gesellschaften und Geschichte ermöglichten dabei auch einen kleinen Eindruck von der Diversität der Bevölkerung Madagaskars. Erkennbar wird hier eine absichtsvoll integrative Konstruktion der Nation als „vorgestellter Gemeinschaft“ (Benedict Anderson): Frühere Konfliktkonstellationen konkurrierender gesellschaftlicher Akteure werden rückblickend als „intern“, also der Nation zugehörig gedeutet und gegen eine als „extern“ gedachte Welt der Kolonialmächte abgegrenzt. So entsteht das Bild einer bereits in der Vergangenheit angelegten nationalen „Einheit in Vielfalt“.

Mit Rainimaharavo (Staatssekretär 1863-1868), Rainilaiarivony (Premierminister 1864-1895) und Ravoninahitriniarivo (Außenminister 1868-1883) wurden dann noch einmal wichtige Akteure des frühen Staates Madagaskar vorgestellt. Rainandriamampandry (1836-1896) repräsentiert an dieser Stelle als Schlüsselfigur des Menalamba-Aufstandes (1895-897) den frühen antikolonialen Widerstand. Er wurde 1896, dem Jahr der Annexion Madagaskars als französische Kolonie, von General Gallieni öffentlich hingerichtet.

Mit einem gewaltigen historischen Schritt gelangte der Besucher dann schließlich unvermittelt zu den staatlichen Symbolen des postkolonialen Madagaskars. Mit der weiß-rot-grünen Flagge und der Nationalhymne „Ny tanindrazanay malala o“ (Unser geliebtes Vaterland) schlug die Schau den Bogen zum heutigen Staat Madagaskar. Sie schloss mit einer Präsentation der Grußworte diverser Staatsoberhäupter an den ersten Präsidenten Philibert Tsiranana zum Tag der wiedergewonnen Unabhängigkeit am 26. Juni 1960. Heinrich Lübke, Dwight Eisenhower, Elisabeth II., General Charles De Gaulle, Nehru und Papst Johannes XXIII. riefen dem jungen Staat Madagaskar von der letzten Wand der Präsentation ihre Glückwünsche für eine erfolgreiche und prosperierende Zukunft zu.

Die hier beschriebene Ausstellung führte vor Augen, dass Madagaskar keineswegs ein geschichtsloses Land ist. Wieder einmal ist damit Hegels vielzitierte Annahme der „geschichtslosen Völkern“ widerlegt. Wie in der Einleitung zu diesem Themenschwerpunkt mit Blick auf einen wichtigen Topos der Unabhängigkeitsära bemerkt wird, hat Madagaskar mit der Erklärung der Unabhängigkeit 1960 wahrhaftig seine „Handlungsvollmacht zurückerobert“ und seine „Geschichte wieder an sich gerissen“, nachdem die staatliche Souveränität 62 Jahre lang von Frankreich unrechtmäßig unterbrochen worden war – ein wahrer „Wiedereintritt in die Geschichte“, um noch einmal Fanons Formulierung zu bemühen [Hervorhebungen der Autorin]. In dieser Perspektive ist die Erklärung der madagassischen Unabhängigkeit nicht als Bruch zu sehen, sondern vielmehr als Wiederherstellung einer historischen Kontinuität. Indem sie im Jubeljahr 2010 dieses Narrativ nationaler Kontinuität in die räumliche Anordnung musealer Objekte übersetzen, folgen die Kuratoren der Ausstellung dem allgegenwärtigen Tenor der Geschichtspolitik.

Was in diesem in der Ausstellung zusammengefassten Überblick über die Historie Madagaskars jedoch gänzlich fehlte, war die Periode der Kolonialzeit selbst. Die koloniale Herrschaft, die aus der Perspektive der Kolonisatoren die kolonisierten Länder gerade erst auf den Plan der Geschichte gerufen, sie in die „eigentliche“ Weltgeschichte überhaupt erst integriert hatte, war in der Geschichtspolitik des heutigen Madagaskars schlicht ausgelassen.

Wenn die Kolonialzeit im Selbstbild des gegenwärtigen madagassischen Staates jedoch kein positiv erinnertes Gründungsereignis, sondern nach Meinung der madagassischen Offiziellen vielmehr eine unakzeptable Unterbrechung seiner Souveränität war, welche Rolle spielte sie dann für die Herausbildung einer nationalen Identität des Volkes? Welche alternativen Ereignisse markierten vielleicht viel bedeutender die Herausbildung einer madagassischen Nation, Identität und Geschichte? Irrt, wer behauptet, der koloniale Staat habe die Bewohner einer Kolonie erst zu einer Einheit zusammengefasst? Oder drastischer noch, es gebe in Afrika gar keine Nationen?[5] Angenommen, die Kolonialzeit war von derart geringer Relevanz für das Selbstverständnis der Madagassen, welche Bedeutung kommt dann überhaupt dem viel besungenen Afrika-Jahr 1960 zu? Welche Rolle spielt, ein halbes Jahrhundert später, das neue Afrika-Jahr 2010?

Diese Fragen konnte ich kürzlich dem Kurator der Ausstellung, Julien Rakotonaivo stellen. Als Direktor des Office National des Arts et de la Culture des Ministère de la Culture et du Patrimoine, war er für die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung verantwortlich. Von Haus aus Historiker ist er außerdem Mitglied des Komitees, das auf nationaler Ebene zur Vorbereitung und Durchführung der Jubiläumsfeiern eingesetzt wurde.

Zu Beginn seiner Ausführung wies Rakotonaivo noch einmal auf die zentrale Bedeutung des vorkolonialen Staates für die heutige Identität Madagaskar hin: „Nos ancêtres avaient déjà la conscience, l'idée d'une nation qui est souveraine. C’est un pays indépendant. Comme on a montré dans l'exposition, on avait déjà un premier ministre, on avait des ministres, on avait des ambassadeurs qui sont partis à Paris, à Londres, à New York, à Berlin, à Washington. C'est déjà avant la colonisation! La conscience de la pérennité de la patrie malgache, c’est toute la fierté nationale et le patriotisme“.[6] In diesem Bewusstsein, so Rakotonaivo, feierte Madagaskar in diesem Jahr auch nicht einfach nur das Jubiläum seiner Unabhängigkeit, sondern vielmehr seiner wiedergefundenen Unabhängigkeit. „Le terme même ce n’est pas 50 ans de l'indépendance mais 50 ans de l'indépendance retrouvée, voilà le terme. Retrouvée. Donc voilà surtout pourquoi l'indépendance retrouvée? C’est que ça existait déjà avant!“

Wo bleiben in dieser Geschichtsschreibung aber die zahlreichen kleineren Königtümer, die ebenso Teil madagassischer Identität sind, in dieser Konstruktion von Kontinuität aber keinen Platz finden? „À Madagascar avant la colonisation, c'était essentiellement l'état Merina qui était le plus puissant. Il était le plus évolué et il avait le soutien de la reconnaissance des puissances occidentales. Ça ne veut pas dire que les royaumes sur la côte n'existaient pas, ils existaient, mais ils n'étaient pas reconnus. Radama était reconnu roi de Madagascar“. Wenig verwunderlich ist es letztlich doch die Wechselwirkung mit externen Größen, insbesondere europäischen Staaten, auf die sich die historische Selbstverortung des madagassischen Staates als Nation heute gründet. Dabei steht nicht die negative Erinnerung der Kolonisierung durch Frankreich im Vordergrund, sondern vielmehr das Bild des gleichberechtigten Austausches eines emanzipierten Königreiches mit zahlreichen Staaten der Welt, das als Gründungspunkt der Nation herangezogen wird.

Welche Rolle spielte nun gemäß dieser Geschichtserzählung die Kolonialzeit für die Herausbildung einer nationalen Identität? „Je vous dirais d'abord que c'est la colonisation française en 1896 qui a réalisé l'unité administrative. En effet c'était le gouvernement des français qui a unifié Madagascar“. Damit nahm Rakotonaivo Bezug darauf, dass die französische Eroberung durchsetzte, was den Expansionsbestrebungen des Merina-Königreichs nicht gelungen war: Die Vereinigung aller Gebiete der Insel unter einer Regierung. Diese von einer externen Macht herbeigeführte Integration bezog sich seines Erachtens aber nur auf eine formale, administrative Ebene. Die ideologische Zusammenführung der Bevölkerung dagegen vollzog sich erst als eine Antwort auf die oktroyierte administrative Einheit, nämlich im Widerstand gegen die Kolonialverwaltung. So präzisierte Rakotonaivo: „Pendant 62 ans de colonisation il y avait une unité administrative, mais ce sont les nationalistes qui commencent donc à prendre conscience qu’il y a un peuple qui commence à rejeter la colonisation“.

Unter allen Widerstandsbewegungen während der Kolonialzeit war es die Rebellion von 1947, die sich im Bewusstsein der Nation am tiefsten verankert hatte: „1947 était vraiment une prise de conscience“. In der Nacht des 29. März 1947 attackierten bewaffnete madagassische Gruppen administrative Zentren der Kolonialregierung, Plantagen in französischem Besitz und Kollaborateure des französischen Regimes. Die Aufständischen wurden unerbittlich verfolgt, aber die Bewegung galt erst im Dezember 1948 als niedergeschlagen. Diese Monate trugen grundlegend zur Formation einer verbindenden Identität bei, da nahezu alle Familien Madagaskars von Kämpfen, Verfolgung, Flucht und Hunger direkt betroffen waren.

Der 29. März ist ebenso wie der Unabhängigkeitstag ein Nationalfeiertag im heutigen Madagaskar. Während der 26. Juni in den Augen der meisten Madagassen jährlich vor allem ein Tag der Abwechslung, des Feierns und Essens, kurzum der Ablenkung ist, gilt der 29. März als Tag der Besinnung und des Gedenkens an diejenigen, die für die Befreiung der Nation ihr Leben gelassen haben. Die Ereignisse von 1947 haben aber auch ihren Platz in den Feiern am Tag der Unabhängigkeit gefunden. Es sind die ehemaligen Kombattanten dieser Rebellion, die jahrein, jahraus zum 26. Juni auf die öffentlichen Bühnen in den Städten des Landes gebeten werden, um aus ihrer Erinnerung zu berichten. Sie sind es auch, die heute als Ehrengäste zu den öffentlichen Empfängen geladen werden. Ich bat eine junge Studentin in ihrer Heimatstadt, in die sie anlässlich des 26. Juni 2010 zurückkehrte, im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jubiläum der Unabhängigkeit all das zu fotografieren, was in ihren Augen wichtig sei. Auf dem Film, den sie mir zurückbrachte, waren fast ausschließlich Steine zu sehen. Steine, die zum Gedenken an diejenigen aufgestellt wurden, die 1947 für die Freiheit kämpften. Selbst am Jahrestag der Unabhängigkeit also bewegte nicht die Erinnerung an die feierliche Deklaration, das prunkvolle erste Defilee oder den ersten Präsidenten die Madagassen, sondern das Gedenken an die Freiheitskämpfer der Nation.

Während man der Konstruktion einer nationalen Identität durch eine Referenz auf das vorkoloniale Merina-Königreich noch vorwerfen kann, die historische Realität großer Regionen aus der gemeinsamen Geschichtsschreibung auszuklammern, so erfasste die Bewusstseinsbildung durch den gemeinsamen Widerstand gegen die Kolonialmacht nun die ganze Insel:

„Lorsque la France accordait l'indépendance, en fait l'indépendance retrouvée, il y avait déjà donc au fond à Madagascar des gens qui ont la conscience d'appartenir à Madagascar, parce que le mouvement contre la colonisation c'était dans toutes les régions à Madagascar. Là, à la veille de l'indépendance, il y avait une prise de conscience unitaire à Madagascar“.

Wenngleich das Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit im vorkolonialen Königreich begründet liegt, so hatte es mit dem Widerstand gegen die französische Kolonisierung die gesamte Insel erfasst. Die Nation bestand, aus dieser Perspektive betrachtet, demnach schon vor der Gründung des postkolonialen Madagaskars.

Die geografische Gegebenheit als Insel unterstützte in historischer Hinsicht gewiss die Entfaltung eines Einheitsbewusstseins und die Entstehung gemeinsamer Referenzpunkte, die heute idealisierend als authentische, madagassische Identität wahrgenommen werden. „Madagascar est une île, heureusement ou malheureusement. Nous, étant une île, nous avons notre spécificité qui était sauvegardée. Donc un état authentique, et non pas l'état virtuel, artificiel. Et c'est pour cela que pour nous on a pu parler de l'indépendance retrouvée. [...] Madagascar c'était un état authentique. C'est ça la fierté“.

Diese vermeintliche Authentizität ist es auch, die Madagaskar in den Augen seiner Bevölkerung zu einem Sonderfall im positiven Sinne werden ließ. Die Inselnation distinguiert sich in dieser Perspektive dadurch, dass sie auf eine lange vorkoloniale staatliche Tradition zurückblicken kann und nicht, wie in den meisten Fällen der andern 17 Jubilare des sogenannten Afrika-Jahres, im 19. Jahrhundert gleichsam auf dem Reißbrett entstand, als Afrika von den Kolonialmächten wie ein Kuchen in Stücke „aufgeteilt“ wurde. Diese vielgelobte Authentizität ist auch zugleich in einem kulturellen Sinn zu verstehen. „L’indépendance ce n’est pas simplement le drapeau et l'hymne“, meint Julien Rakotonaivo und verweist damit auf die kulturelle Dimension der Unabhängigkeit, die in seinen Augen für die nationale Identität in besonderem Maße relevant ist.

„L’indépendance c'est également la mise en valeur et la sauvegarde des spécificités culturelles amples. C’est à dire nous sommes indépendants, nous sommes fiers parce qu'on a une langue, on a une culture, c'est parce qu'on a une histoire, c'est parce qu’on a des traditions, c'est parce qu’on a des coutumes qui nous différencient des autres. L'indépendance c'est l'appropriation plus grande de ce qui fait l'authenticité de Madagascar“.

Je nach Kontext und Interessenlage wird in Madagaskar also entweder die Diversität der zahlreichen Bevölkerungsgruppen mit ihren Dialekten und regionalen Besonderheiten betont oder die kulturelle Einheit, realisiert vor allem durch die gemeinsame Sprache. Das Madagassisch bildete sich im Laufe der Besiedlung Madagaskars als die Sprache heraus, die in unterschiedlichen Varianten von der gesamten Bevölkerung der Insel als Muttersprache gesprochen wird. Dadurch befinden sich Madagassen in der seltenen Lage, zur Kommunikation mit ihren Mitbürgern nicht auf die Sprache der Kolonialmacht zurückgreifen zu müssen[7] – ein gravierender Unterschied zu anderen ehemaligen französischen Kolonien. Diese Berührungspunkte bewirken, dass die madagassische Nation sich über kulturelle Merkmale und historische Ereignisse definieren kann, die weder auf die koloniale Erfahrung noch unmittelbar auf den postkolonialen Staat bezogen sind.

Welche Bedeutung hat dann aber die Erklärung der Unabhängigkeit vom 26. Juni 1960 für das heutige Madagaskar? Offensichtlich markierte dieses Datum formal die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität und damit den Eintritt in die jüngere selbstbestimmte Geschichte. Während der Rückblick auf die vorkoloniale Geschichte den Nationalstolz in den Madagassen wecken soll, fällt die Bilanz von 50 Jahren postkolonialer Geschichte weniger befriedigend aus. Das goldene Jubiläum fällt in Madagaskar in die tiefste Krise, die das Land seit seiner Unabhängigkeit erlebt hat. Im Februar 2009 putschte sich der junge Bürgermeister der Hauptstadt, Andry Rajoelina, an die Macht. Seine Präsidentschaft ist nicht demokratisch legitimiert und daher international nicht anerkannt. Seither befindet sich das Land im Übergang auf dem steinigen Weg in die IV. Republik. Täglich erscheinen Berichte in den Zeitungen mit neuen Vorschlägen, wie Madagaskar den Weg aus dieser Krise beschreiten solle. Die politische Landschaft Madagaskars zerfällt aber in zahlreiche Interessengruppen, die sich in diesem Prozess zu Wort melden. Daher ist die alltägliche Realität von scheinbar endlosen Debatten, unilateralen Beschlüssen, gegenseitigen Provokationen und wiederholten Alleingängen aller Beteiligten gezeichnet, während eigentlich ein möglichst integrativer Dialog und nationale Versöhnung eine neue Verfassung und schließlich Neuwahlen bescheren sollen. In Anbetracht der gegenwärtigen Situation des Staates und den Turbulenzen der letzten Jahre scheint es deshalb nicht verwunderlich, dass die Geschichtspolitik sich lieber auf eine Vergangenheit bezieht, die weit genug entfernt ist, um sie idealisieren zu können. So soll die nationale Einheit, die gegenwärtig als bedroht wahrgenommen wird, durch ihre Rückprojektion in die Geschichte gestärkt werden.

Insgesamt aber lässt sich der (geschichts)politische Zweck der Feiern, die dieses Jahr in Madagaskar zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung abgehalten wurden, nur schwer auf einen Punkt bringen. Wie einleitend beschrieben, war die eigentliche Jubiläumswoche von überschwänglichen Festen, ausgelassenem Feiern und gemeinsamen Festmahlen gekennzeichnet. Dieses öffentliche und meist kostenlose Unterhaltungsprogramm wurde vom Präsidialbüro der Regierung ersonnen und initiiert. Die Madagassen kamen und feierten bereitwillig, aber immer wieder wurden auch Bedenken laut. Hätte man das viele Geld nicht sinnvoller investieren können? Sollte man sich in einer Zeit der politischen Transition, der ökonomischen Krise und soziokulturellen Instabilität nicht bescheidener geben? Ist die Bilanz, die Madagaskar nach 50 Jahren ziehen kann, wirklich Anlass zur Freude? Darf es nicht ein bisschen mehr Reflexion sein? Was bleibt?

Über das ganze Jahr verteilt wird in Madagaskar, hauptsächlich in Antananarivo, ein reichhaltiges Programm an Veranstaltungen geboten, die sich all diesen Fragen stellen. Sie sind von Ministerien, Bildungsinstitutionen und kulturellen Einrichtungen organisiert und zwar selten so laut und so bunt, aber dafür sehr gut besucht. Die hier ausgewählte Ausstellung des Ministére de la Culture et du Patrimoine war eine davon. Julien Rakotonaivo sieht es als seine Aufgabe, das Jubiläum als Reflexionspunkt aufzugreifen, um gerade in Zeiten der Krise und Neuorientierung nachhaltig auf die Nation einzuwirken:

„Le 26 juin, le défilé, le podium, les banquets, les danses, les artistes, ça c'est la première partie visible, peut-être plus visible pour tout le monde, et pour séduire et pour amuser les gens et pour les faire oublier un peu le quotidien et la vie dans la pauvreté etc. Donc ça c'est la fête. Mais ça ne dure pas. Après la fête, les lampions sont éteints, il n’y a plus de feu d'artifice, c'est fini, les gens oublient. Mais les choses qui vont rester ce sont donc les activités en profondeur comme des recherches, des expositions, des conférences, des débats, des productions de support écrit et audiovisuel“.

Weil das bloße Feiern im Verdacht steht, nur wenig zur Bildung einer Nation beizutragen, bedarf es aus Sicht des madagassischen Staates nachhaltigerer Anstrengungen, um dem erklärten Ziel der Jubiläumsfeier gerecht zu werden. Julien Rakotonaivo fasste seine Vorstellung von Unabhängigkeit, umgesetzt in der Ausstellung „Fahaleovantena Fahizay“, folgendermaßen zusammen:

„Le défi c'était la fierté nationale et le patriotisme. C’est-à-dire faire prendre conscience aux gens. Surtout aux jeunes. Et puis, comment je veux dire, réveiller la conscience et puis sensibiliser les gens sur le fait que Madagascar a déjà une histoire, avait déjà des structures d'un état moderne avant la colonisation. Et qu'il y a donc une identité culturelle et politique propres à Madagascar […]. Donc le défi c'était de valoriser l'identité culturelle malgache et une prise de conscience quant à notre identité et notre souveraineté bien avant la colonisation […]. Et ça c'est un devoir de mémoire. Et c'est à l'occasion du cinquantième anniversaire qu'on a voulu mobiliser davantage les gens dans cet esprit […]. Ils ont leur histoire, ils on leur spécificité parce que tout ça c'est la somme de tout ça qui fait le peuple malgache. Et qui doit susciter la fierté nationale […]. La véritable réalité de l'indépendance c'est la prise en compte de la notion culturelle, c'est la propre valorisation de la culture, de l'histoire et puis une mobilisation générale pour aller ensemble vers l'avant. Donc voilà l'indépendance“.

Einige sagen daher auch, dass es gar nicht hätte besser kommen können. Die Kombination aus Kommemoration und überschwänglichen Feiern habe die Nation im Krisen- und Jubeljahr im genau richtigen Maße aufgerüttelt. Das Jubiläum gebe den Feiernden einen Anlass, einmal ihre Sorgen für einen Tag hintanzustellen und ihre Gemeinschaft zu zelebrieren. Darüber hinaus könne dieser Anlass zur Reflexion in Zeiten einer Transition auch ein idealer Nährboden für eine Neuorientierung sein. Wenn sich diese Hoffnung aller Madagassen erfüllt, kann das goldene Jubiläum vielleicht dabei helfen, den Inselstaat endlich aus der Krise herauszuführen.

 

Ausgewählte weiterführende Literatur

Brown, Mervyn, A history of Madagascar, Princeton 2006.

Nativel, Didier / Rajaonah, Faranirina (Hg.), Madagascar et l'Afrique. Entre identité insulaire et appartenances historiques, Paris 2007.

Paillard, Yvan G., Les Avatars de la "grande nation" à Madagascar de 1895 à 1914, in: Claude Wanquet/ Benoît Jullien (Hg.), Révolution française et océan indien. Prémices, paroxysmes, héritages et déviances, Paris 1996, S. 467-476.

Randrianja, Solofo / Ellis, Stephen, Madagascar. A short history, Chicago 2009.

 


[1] Mit diesem Beitrag gestatte ich Ihnen einen Einblick in eine laufende ethnologische Forschung zu Unabhängigkeit, Nationalfeiern und Erinnerungspolitik in Madagaskar. Die folgenden Betrachtungen sind daher unbedingt als Beobachtungen und erste Reflexionen im frühen Stadium einer wissenschaftlichen Arbeit zu lesen.

[2] Fihavanana beschreibt ein fundamentales Konzept der madagassischen Identität und wird in der Regel behelfsmäßig als Verwandtschaft oder Solidarität übersetzt.

[3] Fierté nationale et patriotisme ist der Leitspruch, den die Regierung für das Jubiläum bestimmt hat.

[4] Die folgende Beschreibung soll keinesfalls als eine von mir verfasste Darstellung der komplexen Vergangenheit der Geschichte Madagaskars verstanden werden. Zu diesem Zweck verweise ich auf die im Anhang empfohlene Literatur. Vielmehr handelt es sich hier um eine Zusammenfassung dessen, was in der genannten Ausstellung als Geschichte Madagaskars zu betrachten war.

[5] An dieser Stelle müsste man gar die Diskussion darüber aufgreifen, ob Madagaskar überhaupt ein dem afrikanischen Kontinent zuzurechnender Staat ist. Eine sehr interessante Frage, beschäftigt man sich mit der Konstruktion von Identität und der Imagination von Inklusivität und Exklusivität, der ich aber an dieser Stelle nicht weiter nachgehen kann.

[6] Dieses und alle folgenden Zitate basieren auf einem Gespräch der Autorin mit Julien Rakotonaivo am 23. September 2010 in Antananarivo.

[7] Französisch wird zwar weithin gesprochen und gilt nach wie vor als Sprache des sozialen Prestiges. Madagassisch ist aber unangefochten die Sprache des täglichen Lebens und es gibt zahlreiche Bestrebungen zur Promotion der Nationalsprache.