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© cc Fergal Mac Eoinin | flickr

Katyn vor siebzig Jahren. Eine Sensation, die keine war
von
Claudia Weber
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Am 13. April 1943 meldete das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB) den Fund von Massengräbern von „mehr als 10 000 Offizieren aller Grade“, die durch „Untermenschen der GPU in den Monaten März bis Mai 1940“[1] ermordet worden waren.
Ob die Nachricht von den Zeitungslesern, Radiohörern und der internationalen Presse, die am Vormittag im Auswärtigen Amt informiert worden war, als Sensation wahrgenommen wurde, ist schwer einzuschätzen. Neben den Alltagssorgen im entscheidenden Kriegsjahr 1943 mag die Aufmerksamkeit auch aufgrund der jahrelangen Gewöhnung an Goebbels Greuelmeldungen, die in der ersten Zeit des Russlandfeldzugs zahlreich über den Äther tönten, und nicht zuletzt aufgrund der Tatsache eingeschränkt gewesen sein, dass einige der ausländischen Journalisten die Massengräber bereits besucht hatten.

Dennoch gilt die DNB-Nachricht in vielen Darstellungen zum so genannten Massaker von Katyn – tatsächlich handelte es sich um eine präzise geplante „Sonderaktion“ des NKWD auf Befehl des Politbüros vom 5. März 1940 – bis heute als überraschende und Aufsehen erregende Meldung. Sie war in jedem Fall so gedacht. In den folgenden Wochen instrumentalisierte die deutsche Propaganda Katyn in dem irrwitzigen Glauben, das Dritte Reich als Anwalt der Opfer und als Aufklärer sowjetischer Kriegsverbrechen präsentieren zu können.
Im Frühjahr 1943, in dem die polnische Bevölkerung im vierten Besatzungsjahr dem deutschen Terror ausgesetzt war und die westlichen Alliierten nach Stalingrad das Bündnis mit der Sowjetunion nicht lösen würden, war dieses Vorhaben absurd. Es scheiterte. Langfristig jedoch hat sich Goebbels Propaganda als bemerkenswert wirksam erwiesen. Denn die Stilisierung als Ankläger bolschewistischer Verbrechen und der Umstand, dass die erste öffentliche Meldung über deutsche Radios verkündet wurde, hat nicht ausschließlich, aber vor allem in Deutschland lange eine Scheu im Umgang mit Katyn manifestiert. Angesichts der monströsen Verbrechen des Naziregimes schien es geboten, in der Behandlung sowjetischer Kriegsverbrechen Zurückhaltung zu üben.

Darüber hinaus bestand im Fall Katyn stets die Gefahr, in die Nähe der nationalsozialistischen Propaganda zu rücken. Eine Thematisierung der sowjetischen Täterschaft drohte mit dem Kollaborationsvorwurf belegt zu werden; ein Vorwurf übrigens, der Stalins Gegenpropaganda entstammte. Zumindest aber schreckte der Revanchismusvorwurf, der wiederum der dichotomischen Weltsicht des Kalten Krieges entsprang. So berechtigt und nachvollziehbar die Zurückhaltung auch war, so bleibt sie doch problematisch.
Zu Ende gedacht belässt, akzeptiert und bestärkt sie die nationalsozialistische Propaganda in der selbsterklärten Rolle als Entdecker stalinistischer Massengewalt. Goebbels fühlte sich im April 1943 nicht der Aufklärung, sondern der Instrumentalisierung bolschewistischer Greuel verpflichtet. Darüber hinaus war die DNB-Nachricht vom Dreizehnten des Monats weder sensationell im Sinne von neu oder überraschend.

Das spurlose Verschwinden der polnischen Offiziere war nicht unbemerkt geblieben und hatte schon unmittelbar nach der Liquidierung der Kriegsgefangenenlager zu zahlreichen Recherchen von Familienangehörigen sowohl bei deutschen Besatzungsbehörden im Generalgouvernement, beim IKRK in Genf aber auch bei der polnischen Exilregierung in London geführt. Dort, in den Kreisen der Regierungsmannschaft um Władysław Sikorski, der auch westliche Politiker wie Averell Harriman in die Suche einbezog, verdichteten sich im Herbst 1942 die Gerüchte über den Tod der vermissten Landsleute zur vagen Gewissheit.
Wenige Wochen später begann die Wehrmacht mit den ersten Zeugenvernehmungen unter der sowjetischen Zivilbevölkerung. Die gerichtsmedizinische Untersuchung, die das Militär – ohne das RMVP informieren zu wollen – eingeleitet hatte, lief seit Ende Februar 1943.
Noch bevor Goebbels in Berlin von diesem, wie er ihn nannte, „Glücksfall“ etwas ahnen konnte, war der Fund der Massengräber wenigstens in Warschau und London bekannt. Am 13. April verkündete das DNB keine Sensation, sondern eine Nachricht, die seit Wochen in der Luft lag und nur bestätigte, was viele ahnten und nicht wenige wussten.

Vor diesem Hintergrund ist das historiographisch Aufsehen Erregende an der Nachricht vom 13. April nicht, dass die Leichen der Offiziere entdeckt worden waren und ihr Schicksal ans Licht kam. Es ist die langfristige Wirkungsmacht der nationalsozialistischen Inszenierung. Um sie zu erklären, lohnt der Blick auf die zwischen Ost und West geteilte Kriegserinnerung im Kalten Krieg.
Während im Westen die Fokussierung auf den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus im Mittelpunkt stand, war die Auseinandersetzung mit den Verbrechen Stalins in Osteuropa anfangs lebensbedrohlich, immer aber riskant. Das seit 1989 spürbare immense Bedürfnis vieler osteuropäischer Staaten nach einer Aufarbeitung und der Anerkennung dieser Verbrechen durch „Europa“ hat in den letzten Jahren zu unfruchtbaren Erinnerungswettbewerben und Konkurrenzen geführt. Immer noch, so scheint es, agieren Ost- und Westeuropa dabei eher nebeneinander; eine Praxis, bei der wiederum aus dem Blick fällt, dass Katyn ein Verbrechen des Hitler-Stalin-Paktes war. Die Massenerschießung der polnischen Offiziere entstammte jener Kriegszeit, in der die beiden Diktaturen zusammenarbeiteten und in der jede Seite die Gewalt der anderen voraussetzte. In diesem Sinne war die Nachricht vom 13. April 1943 nicht einmal für Goebbels eine Sensation.

 

[1] Archiv der BStU, MfS-HA IX/11, RHE 13/88 DDR, Bd. 4, Blatt 147, 148, Pressemitteilung des Deutschen Nachrichtenbüros vom 13. April 1943.