All the Lonely People?

Zur Geschichte moderner Einsamkeiten

Weltweit gilt Einsamkeit, nicht erst seit der Corona-Pandemie, als eines der drängenden gesellschaftlichen Gegenwartsprobleme. Dabei sind die Ängste gewaltig: Einsamkeit gefährdet unsere Gesundheit, unseren sozialen Zusammenhalt, womöglich auch unsere Demokratie.[1] Regierungen haben in den vergangenen Jahren deshalb rund um den Globus begonnen, Strategien zu entwickeln, um gegen die Ausbreitung dieser „neuen Volkskrankheit“ vorzugehen. Interdisziplinäre Forschungen zum Thema boomen – von Neurowissenschaften über Medizin und Psychologie bis hin zu Soziologie und Humangeographie, während die Medien bereits vom „Zeitalter der Einsamkeit“ schreiben.

Die verbreitete Diagnose einer „Einsamkeits-Epidemie“ stützen, wie es scheint, auch demoskopische Studien. Jeder zweite junge Erwachsene in Europa leide demnach unter mäßiger oder sogar starker Einsamkeit; auch ältere Menschen gelten mithin als stark betroffen.[2] Im Vereinigten Königreich, Frankreich und Deutschland, aber auch in Japan und in den USA setzen Ministerien, Behörden und private Einrichtungen neue Formen der Teilhabe gegen die Krise sozialer Kohäsion. Der Versuch, „Einsamkeit“[3] zu vermessen, hat allerdings auch seine Tücken. Denn neuere Erhebungen konstatieren, zumal in längerer, diachroner Perspektive, eher einen Rückgang von Einsamkeitsbelastungen und wehren sich gegen den allgegenwärtigen Alarmismus.[4]

Trotz anhaltender Behauptungen, heute in der „einsamsten“ aller Zeiten zu leben, haben Historiker:innen erst vor Kurzem begonnen, dieses Phänomen zu erkunden und die sich darum rankenden Gegenwartsdiagnosen zu historisieren. Dabei ist die „Einsamkeit“ als „universelles Gefühl“ keineswegs neu. Sie gilt vielmehr als „anthropologische Konstante“.[5] Neuere geschichtswissenschaftliche Arbeiten argumentieren derweil, dass das Phänomen im modernen Sinne gerade keine zeitlose conditio humana, sondern ein historisch bedingter, emotionaler Zustand ist, dessen soziale Wirkung stets stark von Geschlecht, Klasse und Lebensphase abhing.[6] Während „Einsamkeit“ lange als selbstgewählter Zustand des Alleinseins, der glücklichen Abgeschiedenheit und Besinnung gegolten hatte, wurde sie im Zuge des langen 19. Jahrhunderts – vor dem Hintergrund beschleunigter gesellschaftlicher Veränderungsdynamiken von Industrialisierung, Urbanisierung und wachsendem Individualismus – zusehends als soziale „Entfremdung“ neu konzeptualisiert; in den USA und Europa zeitigte die Diagnose in der Folge eine bis dahin beispiellose Diskursdynamik. Soziale Entwurzelung, Isolation und der Bruch etablierter sozialer Bindungen erschienen so als Signaturen des „Zeitalters der Extreme“.

Bis heute wird „Einsamkeit“ als „dunkle[r] Schatten der Individualisierung in der Moderne“ beschrieben. Doch mag es lohnen, stärker als bislang auch die „Verringerung von Einsamkeitsbelastungen durch Prozesse der Emanzipation und Inklusion oder Autonomiegewinne“ in den Fokus der Analysen zu rücken.[7] Denn das soziale Phänomen der „Einsamkeit“ sperrte sich – in all seinen Ambivalenzen – stets gegen vorschnelle Vereindeutigungen, wie sie in populären Typologien einsamer Menschen hervorscheinen.[8]

Dieses Dossier erkundet, ausgehend von dieser Beobachtung, die vielgestaltigen, historisch gewachsenen sozialen und emotionalen Konstellationen von „Einsamkeit“ in interdisziplinärer Perspektive. Es versammelt epochenübergreifende Betrachtungen ebenso wie gegenwartsnahe Analysen und verbindet zugleich sozial- und politik-, aber auch medien- und kultur­historische Ansätze.


Das Dossier „Zur Geschichte moderner Einsamkeiten“ bleibt offen, es lädt zum Austausch ein. Entsprechend werden wir auch in den kommenden Wochen weitere Texte zum Thema veröffentlichen.

 


[1] Vgl. Jan Digutsch/Maike Luhmann/Ricarda Steinmayr: Einsamkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt, Gütersloh 2025, S. 6–10.
[2] Maike Luhmann/Bernd Schäfer/Ricarda Steinmayr: Einsamkeit junger Menschen 2024 im europäischen Vergleich, Gütersloh 2024, S. 11–15; BMFSFJ (Hg.): Einsamkeitsbarometer 2024. Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland, Berlin 2024, S. 17; vgl. dazu auch allg. Steve Stiehler/Janosch Schobin/Manuel Stadtmann (Hg.): Einsamkeit heute, Frankfurt a.M./New York 2025.
[3] „Einsamkeit“ wird hier verstanden als individuelles „Empfinden, das dann auftritt, wenn unsere sozialen Beziehungen nicht dem entsprechen, was wir uns wünschen oder was wir brauchen“. Vgl. Maike Luhmann: Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft, Frankfurt a.M. 2026, S. 17. Vgl. dazu auch Janosch Schobin: Zeiten der Einsamkeit. Erkundungen eines universellen Gefühls, München 2025, S. 15f
[4] Dabei ist, wie neuere Arbeiten zeigen, die emotionale Lage des Einzelnen keineswegs mit dem Zustand sozialer Isolation – d.h. der bloßen, mithin temporären Absenz anderer Menschen – oder auch Formen „kollektiver Einsamkeit“ gleichzusetzen, die aus der fehlenden Zugehörigkeit zu größeren Gemeinschaften resultieren können. Vgl. dazu R.S. Weiss: Loneliness. The Experience of Emotional and Social Isolation, Cambridge, MA 1973; Louise C. Hawkley/Michael W. Browne/John T. Cacioppo: How can I Connect with Thee? Let me Count the Ways, in: Psychological Science 16,10 (2005), S. 798–804, hier: S. 803f
[5] Vgl. Ina Bergmann: Kulturen der Einsamkeit in Europa, Amerika und Asien. Von der Antike bis in die Gegenwart, in: dies./Dorothea Klein (Hg.): Kulturen der Einsamkeit, Würzburg 2020, S. 1; vgl. auch Katie Barclay: Loneliness in World History, New York/London 2025.
[6] Fay Bound Alberti: This „Modern Epidemic“: Loneliness as an Emotion Cluster, in: Emotion Review 10,3 (2018), S. 242–254, hier: S. 242; vgl. auch: dies.: A Biography of Loneliness, Oxford 2021; Katie Barclay/Elaine Chalus/ Deborah Simonton: A History of Loneliness. An Introduction, in: dies. (Hg.): The Routledge History of Loneliness, London/New York 2023, S. 1–15. Zur „Erfindung der Einsamkeit“ im Zuge des langen 19. Jahrhunderts sowie zum bis heute im anglophonen Raum wirkmächtigen Gegensatz von der positiv konnotierten „solitude“ und einer zusehends als negativ beschriebenen „loneliness“ vgl. überdies David Vincent: A History of Solitude, London 2020; Janosch Schobin: Zeiten der Einsamkeit. Erkundungen eines universellen Gefühls, München 2025, S. 10–35.
[7] Lothar Müller: Paradoxien der Einsamkeit, in: Merkur 80,1 (2026), S. 61–70. Dies bewies auch das komplexe Zusammenspiel von sozialem und technologischem Wandel. Zu den Paradoxien moderner Einsamkeiten gehört, wie wir wissen, immerhin auch, dass der Zuwachs digitaler Formen der Vernetzung neuen Tendenzen zur Vereinzelung Vorschub leisten kann.
[8] So können etwa Alleinlebende, unbesehen langlebiger Klischees von unglücklichen Junggesell:innen, ihr Single-Dasein durchaus genießen, Menschen in Beziehungen derweil schrecklich einsam sein. Zur Polarisierung der Gegenwartsdiagnostik vgl. exempl.: Singles. Zwischen Freiheit und Einsamkeit, in: Der Spiegel, 6.3.2000, S. 1; 80–95.

von

zurück

Zitation

Michael Homberg, All the Lonely People? Zur Geschichte moderner Einsamkeiten. Zur Geschichte moderner Einsamkeiten, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/all-lonely-people-zur-geschichte-moderner-einsamkeiten