Einsamkeit ist ein politisches Thema geworden. Es gibt eine staatliche Politik gegen Einsamkeit – und vielleicht gibt es sogar eine strukturelle Einsamkeitspolitik im Sinne von politischen Verfahren und Strukturen, die uns einsamer machen. Beides zielt auf die Frage, ob Einsamkeit auf Dauer überhaupt ein sinnvoller Gegenstand von Politik sein kann und sollte.
In der kurzen Geschichte der Politik gegen Einsamkeit haben solche fundamentalen normativen Fragen bisher kaum eine Rolle gespielt. Ich will sie hier am Ende noch einmal aufgreifen, da sie mir für die Frage, ob es eine Politik gegen Einsamkeit auf lange Sicht geben und wie diese womöglich aussehen wird, von großer Bedeutung erscheinen. Gegenwärtig erleben wir immerhin ein starkes Interesse an einer solchen Politik – etwa in der Form der Strategie gegen Einsamkeit der Bundesregierung1. Die erste Aufgabe ist es also zu beschreiben, worüber wir derzeit sprechen: Welches Phänomen soll hier mittels politischen Handelns eigentlich verhindert werden? Geht es in der Tat um Einsamkeit? Wo und wann beginnt diese Politik gegen Einsamkeit? Wo hört sie auf? Was gehört alles dazu und welche übergeordneten Ziele stehen eigentlich dahinter? Über jede dieser Fragen ließe sich sicher vorzüglich streiten. Die folgenden Absätze sind daher mit einem Vorbehalt zu lesen. Sie basieren auf den Innenansichten eines teilnehmenden Beobachters, weil ich selbst als Einsamkeitsforscher am Phänomen der „Politik gegen Einsamkeit“ durch Gutachten, Publikationen, öffentliche Stellungnahmen sowie unzählige Hintergrund- und Beratungsgespräche beteiligt war.
Die Geburt der Politik gegen Einsamkeit aus dem Geist der britischen Austeritätspolitik
Jene politische Praxis, die man heute als „Politik gegen Einsamkeit“ beschreiben kann, nimmt erstmals mit der britischen Jo Cox Commission on Loneliness Form an.2 Vor der Kommission gab es zwar einige Bestrebungen, Einsamkeitsbelastungen zu einer Frage der Gesundheits- und Sozialpolitik zu machen – diese waren aber entweder eher akademischer Natur oder wie das französische MONALISA-Programm (Mobilisation nationale contre l’isolement des âgés) oder der niederländische Verstärkte Aktionsplan gegen Einsamkeit auf spezifische Altersgruppen oder Sektoren beschränkt.3 Die Jo Cox Commission war dagegen eine von Wohlfahrtsorganisationen und Unternehmen finanzierte und parteiübergreifend von Parlamentarier:innen „beschirmte“ Enquete-Kommission mit einer breiten, sektorübergreifenden Zielgruppe: Es ging ihr darum, Wege zu finden, die Einsamkeitsbelastungen der gesamten Bevölkerung im United Kingdom zu reduzieren.4
Ausgangspunkt für die Arbeit der Kommission war die Annahme, dass Einsamkeit nicht nur individuelles Leid verursacht, sondern auch Folgen für Gesundheit, soziale Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt hat. In ihrem Abschlussbericht forderte die Kommission eine landesweite Strategie, ministerielle Verantwortung und eine systematische Erfassung von Einsamkeit in Forschung und öffentlicher Berichterstattung. Zugleich sollten Innovationen und lokale Projekte gezielt gefördert werden, um wirksame Ansätze gegen Einsamkeit zu entwickeln und zu verbreiten. Verantwortung sah die Kommission dabei nicht nur beim Staat, sondern ebenso bei Kommunen, Unternehmen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Bevölkerung selbst.
Die aktuelle Politik gegen Einsamkeit beginnt ihre Arbeit daher unter den Bedingungen des eher staatszentrierten Gesundheits- und Sozialsystems des Vereinigten Königreichs, welches im Rahmen der liberal-konservativen Austeritätspolitik zunehmend unter Druck geraten war. Etwas salopp ausgedrückt: Der Kampf gegen Einsamkeit sollte „das größte Glück der größten Zahl“ (Bentham) mehren, ohne den Staat viel zu kosten, indem private und zivilgesellschaftliche Akteure einen wachsenden Beitrag zum Gemeinwohl leisten. In direktem Zusammenhang mit den Empfehlungen der Jo Cox Commission ernannte die konservative Regierung von Theresa May dann im Jahr 2018 mit Tracey Crouch erstmals eine Ministerin für Einsamkeit und veröffentlichte eine nationale Strategie gegen Einsamkeit, die einen starken Akzent auf die Verantwortung von Familie und Freunden, Arbeitgebern, lokalen Gemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Akteuren in der Politik gegen Einsamkeit setzte.5
Besonders das „Einsamkeitsministerium“6 machte dabei international großen Eindruck in der Presse und befeuerte einen Ansteckungsprozess: Sozial- und Gesundheitspolitiker:innen aus Deutschland, Japan, Schweden und vielen anderen OECD-Ländern nahmen zur Kenntnis, dass das „Einsamkeitsministerium“ einen gesellschaftlichen Nerv zu treffen schien. In der Folge kam es zu national unterschiedlich verlaufenden Aneignungsprozessen des britischen Modells.
Hier soll aufgrund der gebotenen Kürze nur die Entwicklung der Politik gegen Einsamkeit innerhalb der Bundesrepublik knapp skizziert werden.
Die deutsche Einsamkeitspolitik: Ein „Sonderweg“?
Ungefähr im Jahr 2018 beginnt das britische Modell sichtbar Spuren in der Politik der Bundesrepublik zu hinterlassen. Als Beleg mag hier der Koalitionsvertrag der schwarz-roten Koalition unter Angela Merkel angeführt werden. Er sah unter dem Punkt „Stärkung der Zivilgesellschaft und des Ehrenamts“ ausdrücklich die Entwicklung von Strategien und Konzepten gegen Einsamkeit vor.7
Eine eigenständige Strategie gegen Einsamkeit veröffentlichte dann jedoch erst die Ampel-Koalition im Jahr 2023. Diese Strategie wiederum speiste sich stark aus dem Bericht einer parlamentarischen Enquete-Kommission des Landtags NRW, die im Jahr 2020 eingesetzt wurde.8 Der Bericht der Enquete-Kommission selbst und die aus ihr resultierende Initiative gegen Einsamkeit des Landes NRW wirkten stilbildend für die bundesrepublikanische Einsamkeitspolitik, die in einigen wesentlichen Aspekten stark vom angelsächsischen Modell abweicht.
Anders als im angelsächsischen System ist im deutschen Sozial- und Gesundheitssystem das Subsidiaritätsprinzip stark verankert. Die Einbindung des Wohlfahrtssektors, der Zivilgesellschaft und der Kommunen in die Prävention und Linderung von Einsamkeitsbelastungen war daher bereits zuvor in Grundzügen flächendeckend vorangetrieben worden, auch wenn das zumeist nicht unter dem Gesichtspunkt der Einsamkeit geschah.9 Neben den Aspekten, die mit dem angelsächsischen Modell geteilt wurden, wie etwa der Forderung nach einer Destigmatisierung von Einsamkeit oder der Förderung einer systematischeren Erfassung von Einsamkeit in Wissenschaft und Verwaltung („Einsamkeitsmonitoring“), wurde die Einsamkeitspolitik daher vor allem als Koordinationsproblem zwischen den unterschiedlichen Ebenen und Sektoren des deutschen Wohlfahrtssystems aufgefasst.
Das einschlägige Schlagwort war, dass Einsamkeit ein „Querschnittsthema“ sei, welches „intersektorale Bearbeitung“ erfordere und eine „gesamtgesellschaftliche Herausforderung“ darstelle.10 Die subsidiäre Struktur des Wohlfahrtsstaats erschwerte es zudem, genauer zu verstehen, durch welche Angebote, Maßnahmen und Leistungen in der Bundesrepublik Einsamkeit bereits vorgebeugt oder gelindert wird, welche Zielgruppen dabei gut versorgt sind und welche Bedarfe haben.
Neben den eher symbolpolitischen Destigmatisierungskampagnen, Aktionswochen und Monitoringberichten setzte die Politik gegen Einsamkeit in Deutschland daher auf Bundes- und Landesebene zunächst einmal Bestandsaufnahmeprozesse in Gang. Im Rahmen interministerieller Abfragen wurde auf Bundesebene, aber auch in vielen Bundesländern erfasst, was bereits alles gefördert und finanziert wird und als Einsamkeitsschutz zu verstehen ist.
Zugespitzt formuliert: Der deutsche Sonderweg bestand darin, die symbolpolitischen Elemente (Destigmatisierungskampagnen, Aktionswochen, Einsamkeitsmonitorings, Aufklärungsberichte etc.) der britischen Politik gegen Einsamkeit zu übernehmen, auf der praktischen Ebene hingegen alles beim Alten zu belassen, weil das britische Modell genau genommen darin besteht, sich dem deutschen Wohlfahrtsstaatsmodell anzunähern. Diese Diagnose trifft in einigen Aspekten sicher zu, greift dann aber doch etwas zu kurz: Die Bestandsaufnahmen ergaben Einsichten in Handlungs- und Förderbedarfe, die unter anderem in die Ausrichtung einer ganzen Reihe von Förderprogrammen auf Bundes- und Landesebene eingingen.
Aktuell mündet dieser Prozess in die Entwicklung einer Allianz gegen Einsamkeit, die die Strategie gegen Einsamkeit der Bundesregierung fortschreiben und enger mit der Landes- und Kommunalebene, mit Wirtschaftsakteuren und Wohlfahrtsverbänden sowie mit lokalen und privaten Initiativen verzahnen soll. Der Ausgang des Ganzen: ungewiss. Kollektive Koordinationsprobleme gehören zu den am schwersten zu bewältigenden gesellschaftlichen Herausforderungen – zumal in einem stark durch Sektordifferenzierung und Versäulung geprägten System wie dem der Bundesrepublik. Jedenfalls zeichnet sich ab, dass das deutsche Modell langsam die distinktive Form einer leisen Strukturreformpolitik mit symbolpolitischem Überbau annimmt, die sich deutlich vom angelsächsischen Modell abhebt.
Die Zukunft der Politik gegen Einsamkeit: Einsamkeitspolitik als Gesellschaftspolitik?
Ein öffentlich wenig bekanntes Detail über die für das deutsche Modell der Politik gegen Einsamkeit so einflussreiche Enquete-Kommission des Landtags NRW war, dass sie auf Bestreben der AfD eingesetzt wurde. Der Einsetzungsantrag war dabei jedoch – AfD-untypisch – sachorientiert formuliert und traf auf breite Zustimmung sowohl in der Regierungsfraktion von CDU/FDP als auch in den Oppositionsfraktionen von SPD und Grünen. Es bestand ein überparteilicher Konsens, dass Einsamkeit ein politisch drängendes Thema sei, der selbst die AfD auf eine sachliche, wissenschaftsnahe Sprache verpflichtete.
Dies kann als ein zentraler Aspekt der Entstehung der deutschen Politik gegen Einsamkeit festgehalten werden: Einsamkeit ist zumindest bisher ein politisch ortloses Verständigungsthema, das nicht parteipolitisch besetzt und ideologisch wenig kontrovers ist. Mit dem Thema Einsamkeit verbinden sich daher besondere Konsenspotenziale, die immer wieder nötig sind, um parteiübergreifend Strukturreformen voranzutreiben. Dabei entsteht schnell das Problem, dass die Sache selbst aus dem Blick verloren wird.
Aus der Vogelperspektive der sehr interdisziplinären Einsamkeitsforschung ist die Frage, wie eine gute Politik gegen Einsamkeit aussieht, eng mit der Frage verknüpft, was vor Einsamkeit schützt. Die Haupterkenntnis dabei lautet: Es sind vor allem hochqualitative Nahbeziehungen, soziale Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe. Daraus resultiert das Ergebnis: Eine gute Politik gegen Einsamkeit ist eine, die die Bedingungen garantiert, unter denen Menschen Beziehungen hoher Qualität pflegen, an Gesellschaft teilhaben und soziale Anerkennung erleben können.
Sie zielt nicht darauf ab, Einsamkeit zu verhindern, indem sie Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben, sondern darauf, die freie Entfaltung menschlicher Beziehungen, sozialer Teilhabe und politischer Partizipation zu ermöglichen und zu unterstützen. Was eine gute Beziehung ausmacht und woran sie teilhaben wollen und wie sie gemeinsam leben wollen, entscheiden die Menschen selbst. Es ist gerade diese relationale Freiheit liberaler Gesellschaften, die der wirkungsvollste Schutz vor dauerhaften Einsamkeitsbelastungen ist.
Vielleicht liegt jedoch genau darin die eigentliche Schwierigkeit jeder Politik gegen Einsamkeit: Sie kann Einsamkeit nicht einfach „abschaffen“, weil Einsamkeit kein klar abgrenzbares soziales Problem ist, sondern ein Grundrisiko freier Gesellschaften. Wo Menschen frei sind, ihre Beziehungen selbst zu wählen, können Beziehungen und Beteiligungen scheitern, abbrechen oder ausbleiben. Eine Politik gegen Einsamkeit bewegt sich daher immer in einem Spannungsverhältnis: Sie soll soziale Verbundenheit und gesellschaftliches Engagement fördern, ohne sie erzwingen zu können.
Rückblickend erscheint die Politik gegen Einsamkeit deshalb weniger als abrupte Neuerfindung denn als Symptom eines tieferen Wandels westlicher Wohlfahrtsstaaten. Politisch sichtbar wird Einsamkeit gerade dort, wo traditionelle Formen sozialer Einbettung brüchiger werden: stabile Erwerbsbiografien, lokale Milieus, religiöse Bindungen, langfristige Nachbarschaften oder verlässliche Familiennetzwerke. Die Politik gegen Einsamkeit reagiert insofern auf die Erfahrung, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt sich nicht von alleine reproduziert.11
Ob daraus langfristig ein eigenständiges Politikfeld entsteht oder lediglich eine neue Sprache für alte sozialpolitische Fragen, ist derzeit offen. Vieles spricht jedoch dafür, dass ihre Zukunft weniger von symbolischen Gesten abhängen wird als von der Frage, ob liberale Gesellschaften auch künftig die sozialen Voraussetzungen für stabile Beziehungen, Teilhabe und Anerkennung sichern können. Die Politik gegen Einsamkeit wäre dann weniger ein Spezialprogramm gegen einzelne Strukturprobleme als eine Art Seismograph für die soziale Tragfähigkeit liberaler Demokratien.
1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2023): Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit, URL: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/234584/9c0557454d1156026525fe67061e292e/2023-strategie-gegen-einsamkeit-data.pdf, zuletzt 07.05.2026.
2 Benannt ist die Kommision nach der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die im Jahr 2016 ermordet wurde.
3 Siehe etwa die Einleitung in: Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB (2010) Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Med 7(7): e1000316. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316. Siehe auch Enquete Kommission des Landtags NRW (2022): Einsamkeit. Bekämpfung sozialer Isolation in Nordrhein-Westfalen und der daraus resultierenden physischen und psychischen Folgen auf die Gesundheit. Landesdrucksache 17/16750.
4 Jo Cox Commission (2017): Combatting loneliness one conversation at a time: A call to action. URL: https://www.ageuk.org.uk/siteassets/documents/reports-and-publications/reports-and-briefings/active-communities/rb_dec17_jocox_commission_finalreport.pdf, zuletzt 07.05.2026.
5 UK Government (2018): A connected society. A strategy for tackling loneliness- laying the foundations for change. URL: https://assets.publishing.service.gov.uk/media/5fb66cf98fa8f54aafb3c333/6.4882_DCMS_Loneliness_Strategy_web_Update_V2.pdf, zuletzt 07.05.2026.
6 Auf das deutsche System übertragen, handelte es sich eher um eine Art Staatssekretariat.
7 SPD/CDU/CSU (2018): Koalitionsvertrag 2018 bis 2021. URL: https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Koalitionsvertrag/Koalitionsvertrag_2018-2021.docx&ved=2ahUKEwiAys7PlaeUAxXhgf0HHWbYIxYQFnoECB8QAQ&usg=AOvVaw2_Bfb2g3k4DSTu72KfVla-, zuletzt 07.05.2026.
8 Anzumerken ist hier, dass mein Team und ich als wissenschaftliche Gutachter an der Arbeit der Kommission beteiligt waren. Einige unserer Empfehlungen haben ihren Weg in den Abschlussbericht der Kommission gefunden. Die folgenden Darstellungen sollten daher mit dem Verdacht belastet werden, dass sie durch einen „Selfserving“-Bias verzerrt sind.
9 Enquete Kommission des Landtags NRW (2022): Einsamkeit. Bekämpfung sozialer Isolation in Nordrhein-Westfalen und der daraus resultierenden physischen und psychischen Folgen auf die Gesundheit. Landesdrucksache 17/16750.
10 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2023): Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit, URL: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/234584/9c0557454d1156026525fe67061e292e/2023-strategie-gegen-einsamkeit-data.pdf, zuletzt 07.05.2026, hier Seiten 4-10.
11 Zum Zusammenhang von Einsamkeit und gesellschaftlicher Entwicklung siehe etwa Schobin, Janosch (2025): Zeiten der Einsamkeit. Hanser: München.
Zitation
Janosch Schobin, Einige Beobachtungen zur aktuellen Politik gegen Einsamkeit, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/einige-beobachtungen-zur-aktuellen-politik-gegen-einsamkeit