Zwei Cowboys im Schnee
Bildinfo

Frederic S. Remington, The Fall of the Cowboy, 1895; Amon Carter Museum of American Art, Fort Worth, Texas, Amon G. Carter Collection; Quelle: Wikimedia Commons.

Zwei Cowboys im Schnee
Bildinfo

Frederic S. Remington, The Fall of the Cowboy, 1895; Amon Carter Museum of American Art, Fort Worth, Texas, Amon G. Carter Collection; Quelle: Wikimedia Commons.

Zwei Cowboys im Schnee
Bildinfo

Frederic S. Remington, The Fall of the Cowboy, 1895; Amon Carter Museum of American Art, Fort Worth, Texas, Amon G. Carter Collection; Quelle: Wikimedia Commons.

Zwei Cowboys im Schnee
Bildinfo

Frederic S. Remington, The Fall of the Cowboy, 1895; Amon Carter Museum of American Art, Fort Worth, Texas, Amon G. Carter Collection; Quelle: Wikimedia Commons.

Einsamkeit als Gesellschaftsdiagnose in den USA

Als die USA 2023 langsam das Ende der Covid-Pandemie zu sehen glaubten, rief der Oberste Gesundheitsbeamte der USA („Surgeon General of the United States“) eine Einsamkeitsepidemie aus, die das soziale Gefüge im Innersten bedrohe.[1] Es war allerdings nicht das erste Mal, dass in den USA Einsamkeit mit einer ansteckenden Krankheit verglichen und zum Gegenstand einer Gesellschaftsdiagnose gemacht wurde. Bereits im 19. Jahrhundert hatte Alexis de Tocqueville der US-amerikanischen Demokratie eine besondere Tendenz zur Einsamkeit bescheinigt und spätestens mit Henry David Thoreaus Erfahrungsbericht Walden (1854) hatte sich das Ideal des Einzelnen, der sich in die Natur zurückzieht oder sie – wie die Figuren des Cowboys und des Lone Rangers – allein erobert, als Selbstbeschreibung insbesondere für Männer etabliert.[2] Nach der Jahrhundertwende waren es dann Tugenden wie „Eigenständigkeit“ („self-reliance“) oder auch ein „robuster Individualismus“ („rugged individualism“), auf die sich US-Amerikaner:innen positiv bezogen. Einsamkeit wurde aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Gegenstand besorgter Gegenwartsdiagnosen. Seitdem versuchen Wissenschaftler:innen und Journalist:innen immer wieder, den sich wandelnden Zustand der Vereinigten Staaten auf eine vermeintlich grassierende Einsamkeit zurückzuführen. Dabei wandelten sich nicht nur die gesellschaftlichen Entwicklungen, die als Ursachen wahrgenommen wurden, sondern auch das Einsamkeitsverständnis selbst.

 

Einsamkeit im Age of the Crisis of Man in den 1950er und 1960er Jahren

Als die USA als Sieger und neue Supermacht aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen waren und schon das „American Century“ ausgerufen worden war, fragten viele Intellektuelle, in welche Richtung die US-Gesellschaft und die Welt insgesamt bzw. der Westen sich entwickeln würden. Die vermeintliche Verführung der Massen durch autoritäre Systeme von rechts und links in Europa, die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs und der beginnende  Systemwettstreit mit der UdSSR, aber auch die ausgeweiteten Konsummöglichkeiten und die zunehmende Bedeutung elektronischer Massenmedien warfen ganz grundsätzliche Fragen über die Natur des Menschen und seine Anpassungsfähigkeit an moderne Gesellschaften auf: Ob Menschen in der Massengesellschaft ihre Autonomie erhalten können oder bis in ihr tiefstes Inneres manipulierbar seien und inwiefern Konsumkultur, Massenmedien und Demokratie miteinander vereinbar seien, waren Fragen, die sich in den 1950er und 1960er Jahren insbesondere in der US-Amerikanischen Soziologie stellten. Dabei ging es auch um die Einsamkeit in der Moderne.[3]

Eines der bekanntesten Bücher dieser Zeit war The Lonely Crowd, verfasst von David Riesman, Nathan Glazer und Reuel Denney. Anders als der vom Verlag stammende Titel suggeriert, stand in diesem mittlerweile zum Klassiker der Soziologie avancierten Buch Einsamkeit nicht im Zentrum.[4] Der Untertitel A Study of the Changing American Character verweist deutlicher auf das eigentliche Thema. Das Autorentrio beobachtete in dem 1950 erschienenen Buch insbesondere bei der Mittelschicht in den großen Städten der USA einen Wandel vom „innengeleiteten“ zum „außengeleiteten Charakter“. Während innengeleitete Menschen früh zur Autonomie sozialisiert worden seien, suche der nun dominant werdende außengeleitete Sozialcharakter permanent seine Umwelt nach Signalen ab, um sich anzupassen. Er sei somit wesentlich flexibler, wenn auch um den Preis seiner Individualität und inneren Stabilität. Bei ihren Analysen des sich wandelnden „Sozialcharakters“ ging es den Autoren um die Frage, wie individuelles Leben in Einklang mit der Gesellschaft gebracht, wie also Konformität erzeugt werden kann. Konformität war für sie ein Grundprinzip von Gesellschaft und nicht per se schlecht. Jede Gesellschaftsform konditioniere die Individuen auf eine bestimmte Art: „every society seems to get […] the social character it ‚needs‘.[5] In der Epoche des innengeleiteten Sozialcharakters sei das Individuum durch Familie und Schule zu eigenständigem Handeln sozialisiert worden; Werte seien wie ein Kompass internalisiert worden, um sich in einer durch Wettbewerb gekennzeichneten Umwelt zu behaupten. Die Gegenwart der Autoren zeichne sich hingegen dadurch aus, dass Menschen sich in einer zunehmend grenzenlosen Welt beschleunigter Veränderung wiederfänden, in der Realität vor allem durch Massenmedien wahrgenommen werde. Um sich in dieser permanent wandelnden Umwelt zu orientieren, müsse der Mensch ein feines Gespür für die Vorlieben und Bedürfnisse anderer entwickeln: Ihre Anerkennung werde nun zu seinem unstillbaren Verlangen. Weniger von der Familie als von der Peer-Group und von den Medien sozialisiert, sei dem außengeleiteten Charakter eine diffuse Furcht davor anerzogen worden, sich in den Augen anderer nicht angemessen zu verhalten.  Wie ein Radar suche er beständig seine Umgebung nach Signalen ab, um sich an Gruppendynamiken anpassen zu können. Dadurch verliere der Mensch nicht nur seine Autonomie und Ambition, sondern laufe auch leicht Gefahr, manipuliert zu werden. Die sinkende Geburtenrate, der ökonomische Wandel von einer Produktions- zu einer Konsumgesellschaft, aber auch die zunehmende Bedeutung der Massenmedien unterminierten so eigenständiges Verhalten und zwängen zu „more ‚socialized‘ behavior both for success and for marital and personal adaptation“. Diese Prozesse zeigten sich in den urbanen Regionen aller hochentwickelten Weltregionen, auch wenn der außengeleitete Charakter sich am ehesten in Amerika zu Hause fühle.[6]

Lonely Crowd war keine neutrale Beschreibung dieser Veränderungen, sondern moralische Anklage und Kritik an einem Verlust von Autonomie, der Riesman et al. vor allem bei Männern besorgte. Obwohl es Veränderungen von Sozialcharakteren als langfristigen und strukturellen Prozess beschrieb, war das Buch als politische Intervention gedacht, um die antizipierte Dominanz des außengeleiteten Charakters zu brechen. Dieser Typus, der sich an Gruppen anzupassen suche, verliere nicht nur an Autonomie, sondern sei auch nicht mehr dazu fähig, Einsamkeit auszuhalten.[7]

Deutlicher im Fokus als bei Riesman stand Einsamkeit in einer Studie von Margaret Mary Wood. Mit Paths of Loneliness. The Individual Isolated in Modern Society lieferte die Soziologin 1953 einen Beitrag zu dem ihrer Meinung nach bisher vernachlässigten Problem der Einsamkeit, worunter sie „the individual who feels unrelated to his own group“ fasste.[8] Wood attestierte ihrer Gegenwart einen Übergangscharakter: Menschen hätten sich aus alten Bindungs- und Beziehungsmustern gelöst, aber noch keine effektiven neuen Strukturen errichtet, um ihre Bedürfnisse nach Sinn und Zugehörigkeit zu befriedigen. Die Einsamkeit von Menschen, die in ihren eigenen, eng umgrenzten gesellschaftlichen Communities isoliert waren, sei besonders gefährlich, weil diese Einsamen entweder Gefahr liefen, Neurosen zu entwickeln, oder anfällig für Autoritarismus zu werden. Dies beträfe auch Frauen mit Universitätsabschlüssen, für die es noch keinen passenden Heiratsmarkt gebe. Der Abbau von gesellschaftlicher Diskriminierung sei ebenso entscheidend wie Anreize für einsame Menschen, Leistungen zu erbringen, die ihnen gesellschaftliche Anerkennung verschaffen, um sich aus der Isolation zu befreien. Dafür, so Wood, sei es nötig, den Betroffenen zu offenbaren, dass ihre Einsamkeit gesellschaftlich verursacht sei.

Auch die vom Ehepaar Mary und Eric Josephson 1962 herausgegebene Textsammlung Man Alone. Alienation in Modern Society drehte sich um die Beschädigungen menschlicher Beziehungen durch die moderne Gesellschaft.[9] In ihrer Einleitung beschrieben sie den modernen Menschen als entfremdet, weil es ihm nicht mehr gelinge, bedeutsame Beziehungen zu anderen aufzubauen. So habe er den Teil seines Selbst verloren, der erst in Auseinandersetzung mit dem Gegenüber entstünde. Entfremdung sei aber – so das Ehepaar Josephson – nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen, denn Entfremdung sei gerade das Resultat der Furcht vor Einsamkeit, weil der entfremdete Mensch nicht mehr fähig sei, mit sich allein zu sein.

Die drei vorgestellten Publikationen aus der Nachkriegszeit postulierten letztlich, dass Menschen in der Moderne entweder im Inneren oder in ihren Beziehungsgefügen so beschädigt seien, dass sie die schmerzhafte Erfahrung der Einsamkeit nicht aushalten wollten oder könnten. Deshalb versuchten sie ihr zu entfliehen, was wiederum die soziale Ordnung bedrohe: Leicht manipulierbar, seien sie anfällig für totalitäre Versuchungen sowie für die Verlockungen der Konsumgüterindustrie. Diese soziologischen Gegenwartsdiagnosen der 1950er und 1960er Jahre standen noch stark unter dem Einfluss der Arbeiten von europäischen Exilanten, die damit beschäftigt waren, die Hinwendung Europas zum Faschismus zu verstehen. Insbesondere die Arbeiten von Erich Fromm waren zentral für die hier diskutierten Autor:innen.[10] Sie verbanden die Besorgnis der europäischen Intellektuellen über autoritäre Versuchungen mit dem Nachdenken über die Konsumgesellschaft und den Einfluss der Massenmedien. Dabei schienen schwache Individuen übermächtigen, anonymen Strukturen gegenüberzustehen, die ein Eigenleben entwickelt hatten.[11]

Einsamkeit war in den Darstellungen zwar eine schmerzhafte, aber keine prinzipiell pathologische Erfahrung, die es zu verhindern galt. Im Gegenteil schienen geniale Ideen nur in der Einsamkeit zu entstehen, weshalb es eines starken Charakters bedürfe, um diese Erfahrung aushalten zu können. Der modernen Gesellschaft mangele es an Charakterstärke, weil sie durch Konformitätsdruck die Individuen in ihrer Autonomie schwäche.

 

Der einsame Einzelne und die Erosion der Gesellschaft. Diagnosen der 1970er und 1980er Jahre

In den 1970er Jahren wurde Einsamkeit zunehmend als genuin amerikanisches Problem betrachtet. Das zeigt sich schon an Titel wie The Pursuit of Loneliness oder We, the lonely People, die auf die amerikanische Verfassung anspielen. Angesichts der scharfen politischen Auseinandersetzungen in den 1960er Jahren innerhalb des Landes fragten sich viele Amerikaner:innen in den 1970er Jahren, was die USA eigentlich noch zusammenhielt. Das war auch der Ausgangspunkt von Philip Slaters Buch Pursuit of Loneliness aus dem Jahr 1970. Der Soziologe interessierte sich für die sozialen und psychologischen Kräfte, die die US-Gesellschaft seiner Meinung nach auseinanderrissen. Zur Veranschaulichung des zentralen Problems der Gegenwart begann Slater seine Diagnose mit einer Parabel auf den amerikanischen Charakter, die klar auf Thoreau anspielte und dessen Erfahrungen am Walden Pond karikierte: Ein Mann zieht sich in Slaters Parabel allein in eine Hütte in der Wildnis zurück, um dem Geschwätz seiner Nachbarn zu entgehen. Zunehmend begreift er die wilde Natur als sein Eigentum, das er gegen Fremde verteidigen zu müssen meint. Einsam und paranoid schreibt er jegliche Verantwortung für seine Lage anderen zu – und wird so in den Augen des Autors zum Sinnbild des modernen Amerikaners. Für Slater war die zentrale zersetzende Kraft und Ursache für die Einsamkeit der Menschen in den USA ein außer Kontrolle geratener Individualismus, der den Menschen die Augen davor verschloss, dass sie abhängig voneinander sind. Wettbewerb statt Kooperation sei zum gängigen Interaktionsmodus geworden. Unbewusst befriedige die individualistische US-Kultur aber nicht die Bedürfnisse der Menschen; vielmehr gebe es ein ungestilltes Verlangen nach sozialem Sinn und Gemeinschaft. Doch sei die US-Gesellschaft momentan mit ihrem Fokus auf massenmediale Zerstreuung, Individualverkehr und die Zersiedelung in Suburbs so eingerichtet, dass die gemeinschaftsfeindlichen Tendenzen gefördert würden.

Einsamkeit war für Slater ein schillernder Begriff, um das ungestillte Bedürfnis der Amerikaner:innen nach Gemeinschaft auf den Punkt zu bringen. Ausführlicher ging er aber nicht darauf ein. Tiefer ergründete im Gegensatz dazu der Journalismus der Zeit die Einsamkeit der USA in den 1970er Jahren. In We, the Lonely People betrachtete Ralph Keyes, der sich in seinem Buch als Veteran der Gegenkultur vorstellte, die US-Gesellschaft aus der Warte ihrer widersprechenden Bedürfnisse: Einerseits wünschten sich Amerikaner:innen absolute Unabhängigkeit, andererseits hätten sie ein starkes Verlangen nach Gemeinschaft. Einsamkeit war für Keyes das Gefühl, als Person von anderen nicht erkannt und anerkannt zu sein. Sie sei deshalb so grassierend in den USA, weil der Wunsch nach Gemeinschaft nicht vereinbar sei mit den ebenso starken Bedürfnissen nach Mobilität, Privatsphäre und Bequemlichkeit. Keyes’ Buch von 1973 war Ausdruck des damals grassierenden Psychobooms, der sich auch in einem Teil der linken Gegenkultur ausbreitete: Nach dem Scheitern ihrer revolutionären Hoffnungen beschränkte sich eine gegenkulturelle Fraktion darauf, in neuen Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation „Authentizität“ zu finden, was langfristig auch einen gesamtgesellschaftlichen Wandel einleiten sollte. Keyes war als Mitarbeiter des von Carl Rogers gegründeten Center for the Study of the Person stark vom Werk des Psychologen geprägt, für den Psychotherapie vor allem das Ziel hatte, das authentische Selbst zu verwirklichen. [12] 

Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass Keyes sich weniger für Institutionen und mehr für Bedürfnisstrukturen interessierte. Zum Schluss fasste er seinen Schreibprozess entsprechend zusammen: Er habe mit der Annahme begonnen, dass die „Massengesellschaft“ die Amerikaner:innen voneinander entfremde, aber „the more I studied the issue […] the less I found that to be the case. The villain whose trail I kept stalking turned out really to be ourselves […], our ambivalence about community.“[13]

Wie Keyes sprach auch die Journalistin Suzan Gordon in Lonely America von einer „loneliness epidemic“ als geradezu ansteckender Masseneinsamkeit. In ihrem 1976 erschienenen Buch porträtierte sie die Einsamkeit als gesellschaftliches Problem, das aus der Sozialstruktur resultiere. Dazu verstand sie das Phänomen als „great leveler“ der amerikanischen Gesellschaft, da die Einsamkeit keine Grenzen von „class, race, or age“ kenne und „an almost permanent condition for millions of Americans“ darstelle. Ihren Gegenstand untersuchte sie dann aber doch anhand der „white middle class“ in den Städten der USA, in denen sich gesellschaftliche Entwicklungen besonders früh zeigen würden.[14] In Gordons Analyse, die vor allem auf Interviews beruhte, war die Wurzel der Einsamkeit die hemmungslose Ausbreitung des Ideals der individuellen Selbstverwirklichung. Dies habe dazu geführt, dass Amerikaner:innen ihr Leben allein auf Erfolg ausrichteten, was sie immer weiter auseinandertreibe. Während die Menschen immer weniger in Gemeinschaften eingebunden seien, sei die Erwartung an Paarbeziehungen so stark gestiegen, dass diese davon überlastet würden. Aufgrund der individualistischen Leistungsethik, die auch die Zahl der Beziehungen zu einem Maßstab von Erfolg gemacht habe, empfänden Beziehungslose Scham und würden deshalb ihre Einsamkeit geheim halten. Mit ihrer Gesellschaftsanalyse wandte Gordon sich auch gegen Ansätze aus dem Psycho-Milieu wie den von Keyes, die Einsamkeit ihrer Meinung nach auf eine Bewusstseinsfrage reduzierten. Dieser Umgang mit Einsamkeit halte nicht nur am destruktiven Selbstverwirklichungsideal fest, sondern blende auch ihre gesellschaftliche Dimension aus. Ihre Kritik zielte explizit auch auf die von Carl Rogers initiierten Encouper-Groups, an denen Keyes sich ebenfalls beteiligt hatte. Diese Gruppen sollten durch Rituale der Selbstentblößung vor Fremden zu kurzfristig intensiven Momenten von Intimität führen. Für Gordon waren diese Gruppen Teil des „Loneliness Business“, das die Einsamkeit von Menschen für kommerzielle Zwecke ausnutze. Trotz dieser Differenzen waren Keyes und Gordon sich indes einig darin, dass Einsamkeit nicht als „vitalizing experience“[15] für schöpferische Leistungen zu idealisieren sei. Für beide stellte Einsamkeit keine Erfahrung dar, die es einfach durchzustehen galt. Sie war vielmehr Ausdruck einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die vor allem aus widersprüchlichen Anreizen entstand.

So wurde Einsamkeit in den 1970er Jahren als unerfüllte Erwartung definiert, wobei es zu einer bemerkenswert produktiven Wechselwirkung zwischen journalistischen Gegenwartsdiagnosen und psychologischen sowie psychiatrischen Untersuchungen von Einsamkeit kam:[16] Suzanne Gordon bezog sich in ihrer Arbeit bei der Definition von Einsamkeit insbesondere auf das Buch Loneliness: The Experience of Emotional and Social Isolation, das der Psychiater Robert Weiss 1973 publiziert hatte. Weiss definierte darin Einsamkeit als „a deficit condition, a response in the absence of specific relational provisions.“ [17] Gordon machte daraus „the sense of deprivation that comes when certain expected human relationships are absent“.[18] Die Psychologinnen Letitia Anne Peplau und Mayta A. Caldwell, die ebenfalls auf Gordons Buch Bezug nahmen, definierten 1978 Einsamkeit wiederum als „a person’s network of social relationships […] smaller or less satisfying than the person desires.“[19] Diese Definition hatte den Vorteil, dass sie sich für empirische Untersuchungen operationalisieren ließ und die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität messbar gemacht werden konnte.

Aber nicht nur der Grad individueller Einsamkeit konnte so quantifiziert werden. Indem ein subjektives Empfinden in einen Zahlenwert übersetzt wurde, konnte zudem auch ihre gesellschaftliche Ausbreitung untersucht werden. Genau für diesen Zweck entwickelte Peplau zusammen mit Dan Russell und Mary Lund Ferguson die UCLA Loneliness Scale, die sie 1978 präsentierten und die bis heute (mit kleinen Überarbeitungen) ein gängiges Mittel darstellt, um Einsamkeit zu messen. In einem Katalog von zwanzig Fragen sollten Probanden ankreuzen, ob sie bestimmte emotionale Zustände, die auf Einsamkeit hinwiesen, auf einer Skala von nie bis oft fühlten. Auch für die Entwicklung der Messinstrumente griffen die Psycholog:innen auf Gordons Buch zurück. Dass sich die Psychologie nun überhaupt so ausführlich mit Einsamkeit beschäftigte und Werkzeuge dafür entwickelte, ihre Verbreitung zu messen, hatte auch mit den beschriebenen Gegenwartsdiagnosen zu tun, die angeführt wurden, um die Relevanz des Themas zu begründen.

Die Zunahme von Einsamkeit schien nämlich mit dem Auseinanderdriften der amerikanischen Gesellschaft mindestens zu korrelieren. Während die Diagnosen der Nachkriegszeit von wenigen Betroffenen ausgingen, deuteten Ausdrücke wie „Einsamkeitsepidemie“ und „Masseneinsamkeit“ darauf hin, dass dieses Gefühl den Kern der USA – die Mittelschicht – erreicht hatte und dies als Skandal begriffen werden musste: In den 1970er Jahren schien es immer weniger zu geben, was alle Amerikaner:innen miteinander verband.[20]

Im Vergleich zur Nachkriegszeit hatte sich aber auch noch etwas gewandelt: Während damals nämlich ein schwaches Individuum einer übermächtigen Gesellschaft, die es zu Konformität drängte, gegenüberzustehen schien, hatte sich das Verhältnis mittlerweile umgedreht, wenn man nach den Beobachtungen der Zeitgenossen ging: Sorgen bereitete nun ein Zuviel an Individualismus. Kein Wunder also, dass die Diagnosen der 1950er Jahre, die eine Stärkung des Individuums gefordert hatten, in die Kritik gerieten.[21]

Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde der Individualismus der US-Kultur als Ursache der verbreiteten Einsamkeit ausgemacht. So gab Louise Bernikow 1986 in ihrem Buch Alone in America. The Search for Companionship der individualistischen Tradition die Schuld an der „Epidemic of Loneliness“ in den USA.[22] Bernikow kritisierte die wissenschaftliche Einsamkeitsforschung, die sich allein für die Erfahrungen der weißen Mittelschicht interessiere. Deshalb thematisierte sie gezielt die Einsamkeit von Schwarzen und von sexuellen Minderheiten. Dennoch stand auch in diesem Buch – entgegen Bernikows eigenen Aussagen – die Einsamkeit der Mittelschicht im Zentrum. Überall in den USA habe sie eine nostalgisch grundierte Einsamkeit gefunden, die eine verloren gegangen Gemeinschaft herbeisehne. Diese Form der Einsamkeit sei vor allem von Menschen Ende 30 und Anfang 40 artikuliert worden, die in den sozialen Bewegungen der 1960er Jahre aktiv gewesen waren. Nun, im Familienleben und der Karriere gefangen, fehle ihnen das Gefühl, gemeinsam für die Verbesserung der Welt einzutreten: „This kind of longing lies behind the loneliness of people with what they consider adequate private lives […] out of this loneliness, which seems massive, national and spiritual rather than political, comes a translation of focus – the company will provide that feeling of membership. Business will be what politics was”.[23]

Für Bernikow war Einsamkeit auch eine Kehrseite der Erfolge der Emanzipationsbewegungen, die für Autonomie und Anerkennung gekämpft hatten. Frauen könnten nun zwar in männlich-dominierten Berufen arbeiten, würden dort aber ausgeschlossen und erführen keine Anerkennung. Gleichzeitig seien die Protestbewegungen, die früher gemeinschaftsstiftende Wirkung entfaltet hatten, nach dem Erfolg der formalen Gleichstellung so geschwächt, dass die Frauen dort auch keine Gemeinschaft mehr finden könnten. Da traditionelle Modelle von Ehe und Familie nicht für doppelte Karrieren eingerichtet worden seien, hätten sich Familien vom sicheren Hafen inmitten des Meers der Einsamkeit in einen einsamen Kerker verwandelt: „Men and women are equally confused about what intimacy is, or love or marriage, what one might reasonably expect from a partner“.[24] Doch Bernikow sah auch Lichtblicke im Versuch, die Einsamkeitskrise zu lösen: Das Auseinanderbrechen und Wieder-Zusammenwachsen von Schwarzen Familien in Patchwork, das in den 1960er Jahren von der US-Regierung im sogenannten „Moynihan-Report“ noch ausdrücklich kritisiert worden war, sei weniger Anlass zur Sorge als zur Hoffnung, dass so stabile und gesunde Beziehungen auf der Basis von realistischen Erwartungen entstünden. Außerdem fand sie bei Schwarzen und sexuellen Minderheiten eine andere, dem Individualismus entgegenlaufende amerikanische Tradition, die auch schon Tocqueville im 19. Jahrhundert aufgefallen war: „the tendency to associate“.[25] Überall im Land, so Bernikow, schlössen sich Menschen aufgrund von Identitätsmerkmalen zusammen, die früher Exklusionsmarker gewesen seien. Diese neuen Gemeinschaften sah die Autorin als potenzielle Lösung der Einsamkeitskrise in den USA. Dass die Gesellschaft in solche unterschiedlichen Gemeinschaften zerfiel, die sich identitätspolitisch engagierten, war für Bernikow also kein Grund für Alarmismus, sondern eher ein Anzeichen für Hoffnung. Damit stand sie Mitte der 1980er Jahre nicht allein da. Seit den 1970er Jahren hatten sich weite Teile der US-Gesellschaft von Ideal des „Melting Pot“ verabschiedet und gerade Liberale fanden in der Anerkennung von Diversität ein neues amerikanisches Leitbild.[26]

 

Einsamkeitsdiagnosen im 21. Jahrhundert

Während Bernikow in den 1980er Jahren die identitätspolitischen Zusammenschlüsse als Wiederaufleben der amerikanischen Assoziationstradition begrüßte, erkannte der Politikwissenschaftler Robert Putnam zur Mitte der 1990er Jahre gerade in diesem Bereich eine Krise der amerikanischen Demokratie. In seiner breit rezipierten Studie Bowling Alone zeichnete Putnam im Jahr 2000 einen rapiden Rückgang der formalen Mitgliedschaft in Vereinen seit 1970 in den USA nach.[27] Zusammen mit einer sinkenden Wahlbeteiligung und einem abnehmenden Vertrauen in die Nachbarschaft erkannte Putnam darin ein Schwinden des Sozialkapitals, das für eine Demokratie von zentralem Wert sei, da es wie ein Schmiermittel für gegenseitiges Vertrauen wirke. Als ursächlich für den Rückgang an Sozialkapital sah Putnam das Wegsterben der zwischen 1910 und 1940 geborenen Kriegsgenerationen an, die für den außerordentlich hohen Wert an Sozialkapital bis in die 1960er Jahre verantwortlich gewesen seien: Sie hätten einander vertraut und seien mehr gemeinschaftlich als individualistisch orientiert gewesen. In ihrer Freizeit hätten sie sich in mehreren Vereinen gleichzeitig engagiert und ein enges Nachbarschaftswesen gepflegt. Die nachfolgenden Generationen hätten dagegen vor allem das eigene Fortkommen im Blick und verbrächten ihre Freizeit allein vor dem Fernseher. Obwohl diese Anklage des Individualismus gut in das hier untersuchte Genre gepasst hätte, taucht Einsamkeit in dem Buch so gut wie nicht auf, weil Putnam sich vorwiegend für die Quantität und weniger für die Qualität von Beziehungen interessierte. Hätte Putnam das Buch ein paar Jahre später geschrieben, wäre das vielleicht anders gewesen, denn zwischenzeitlich hatten zwei Entwicklungen dazu geführt, dass Einsamkeit wieder zu einem wichtigen Gegenstand des Nachdenkens über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft wurde.

Erstens entdeckten die Neurowissenschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Thema für sich. Die „Hirnforschung“ erlebte zu dieser Zeit einen rasanten Aufstieg als Leitdisziplin, die für sich die Deutungshoheit über die Natur des Menschen, sein Verhalten und Empfinden in Anspruch nahm.[28] Vor allem der an der Universität von Chicago lehrende Neurowissenschaftler John Cacioppo prägte nun das Feld der Einsamkeitswissenschaft wie kaum ein anderer zuvor. Mit einer bildreichen und verständlichen Sprache sowie mit alltagstauglichen Verhaltensempfehlungen gelang es Cacioppo und seinen Kolleg:innen, sich als zentrale Stimmen in der Debatte über ein wichtiges Gegenwartsproblem zu etablieren. Im Jahr 2008 fassten er und William Patrick die bisherigen Ergebnisse in dem vielzitierten Buch Loneliness. Human Nature and the Need for Social Connection zusammen, das zugleich den Zustand der US-Gesellschaft thematisierte. In Analogie zu physischen Stimuli wie Hunger oder Schmerz verstanden Cacioppo und Patrick Einsamkeit als „social pain“. Im Laufe der Evolution habe sich dieses schmerzhafte Gefühl etabliert, um Menschen zu warnen, wenn die überlebenswichtigen Beziehungen zu anderen unzureichend seien. Diese Biologisierung von Einsamkeit führte dazu, dass die Autoren sie kaum anders als negativ verstehen konnten, weshalb sie Einsamkeit auch mit „social isolation“ gleichsetzten. Das Verständnis von Einsamkeit als „social pain“ korrelierte zudem mit einem konservativen Menschenbild, da sie als gewissermaßen natürliche Begrenzung von Individualismus verstanden wurde: „a pain that prompted us to behave in ways that did not always serve our immediate, individual self-interest“.[29] Somit beschrieben sie vom Mittelschichtsideal abweichende Lebensformen (Einpersonenhaushalte, Alleinerziehende sowie promiskuitives Verhalten) als Ausdruck von widernatürlichen Bestrebungen. Analog zu biologischen Vorgaben, nach denen körperliche Funktionen ausbalanciert und ausgeglichen sein müssen, entwickelten Cacioppo et al. auch soziale Normen, die sich am Maß halten orientierten. Dass Cacioppo und Patrick in ihrem Buch auch ein gesellschaftspolitisches Anliegen hatten, wird an der erzählerischen Zuspitzung deutlich: Die Hauptfigur des Buchs ist „Katie Bishop“ – ein Kompositum, um die Anonymität der Versuchspersonen zu wahren, aber auch ein erzählerischer Kniff, um die Ergebnisse anhand einer Person darzustellen. Es handelt sich um eine (weiße) Frau aus einer amerikanischen Kleinstadt, deren Freiheits- und Berufswunsch sie weit weg von zuhause in die damals aufstrebende Softwareindustrie führt, wo ihre Einsamkeit nicht nur ihr mentales Wohlbefinden beeinflusst, sondern sie auch körperlich ruiniert. Ihre Einsamkeit wird auf vermeintlich widernatürliche biografische Entscheidungen zurückgeführt und die Empfehlungen des Buchs zielen allein auf individuelle Verhaltensänderungen. An diesem Beispiel wird auch der Mittelschicht-Fokus der Studie deutlich, deren Protagonist:innen und Proband:innen ausschließlich junge, gut ausgebildete Menschen waren. Im Umfeld dieser Studien nahm die Zahl an Publikationen zu Einsamkeit rasant zu, was auch daran lag, dass Cacioppo Einsamkeit als Risikofaktor für Krankheiten bzw. als gesundheitsschädlich identifizierte.

Eine zweite Entwicklung, die Einsamkeit im 21. Jahrhundert zu einem wichtigen Thema für die gesellschaftliche Selbstverständigung machte, waren die jüngsten technologischen Innovationen. Insbesondere die Sozialen Medien lösten sowohl Hoffnungen als auch Sorgen bezüglich ihrer Wirkung auf das menschliche Zusammenleben aus. Die Psychologin Sherry Turkle formulierte zu Beginn der 2010er Jahre in ihrem Buch Alone Together. Why Expect More from Technology and Less from Each Other eine einflussreiche Gegenwartsdiagnose.[30] Darin ging sie sowohl auf die psychologischen Voraussetzungen als auch auf die Auswirkungen von neuen digitalen Technologien auf das menschliche Zusammenleben in den USA ein. Demnach nützten soziale Medien und soziale Roboter die Verletzlichkeit von Menschen aus: Sie versprächen ein Entkommen aus dem Gefühl von Einsamkeit einerseits und der Angst vor Intimität andererseits, indem sie den Nutzer:innen die vermeintlich vollständige Kontrolle über ihre Beziehungen ermöglichten. Doch sei wirkliche Intimität nur möglich, wenn man sich dem Risiko aussetze, von anderen Menschen abgelehnt zu werden. In den Sozialen Medien seien die Menschen zwar immer verbunden, aber auch immer einsam. Während bei Putnam und Cacioppo individualistische Einzelne einem schwachen Gemeinwesen gegenüberstanden, sah Turkle die Menschen der Manipulation durch übermächtige Unternehmen wehrlos ausgeliefert.

 

Schluss

Der Gang durch amerikanische Publikationen seit 1945 zeigt: In Gesellschaftsdiagnosen, die Einsamkeit zum Thema machen, wird immer auch das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft verhandelt. Während in der Nachkriegszeit die Wahrnehmung eines schwachen Individuums vorherrschte, das einer übermächtigen Gesellschaft und ihren Institutionen gegenüberstand, wurde die Kohäsionskraft der Gesellschaft seit den 1970er Jahren immer schwächer bewertet. Als Ursache dafür wurde der Individualismus identifiziert, der in den USA als besonders stark verwurzelt wahrgenommen und als schlechter Einfluss auf die Individuen selbst, aber auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben in der Demokratie gesehen wurde. Dass in den Diagnosen immer wieder die Mittelschicht im Fokus stand, ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Vorstellung, dass die soziale Ordnung an deren Schicksal gebunden war.[31] 

Eine Kontinuität in den Diagnosen sind die langanhaltenden Sorgen um (Medien-)Konsum, um Familienzusammenhalt und Geschlechterrollen sowie die in den USA besonders ausgeprägte Form des Individualverkehrs und die daran gebundene Zersiedelung in suburbane Gegenden: Die Massenmedien, das Auto und die Suburbs wurden immer als Faktoren thematisiert, die dazu beitrügen, dass sich die Amerikaner:innen ins Private zurückzögen; zugleich galten sie aber auch als Möglichkeit, Einsamkeitsgefühle zu betäuben, anstatt aktiv Gemeinschaften aufzusuchen. Dabei schwankten die Diagnosen in der Einschätzung darin, wie viel Handlungsmacht sie den Amerikaner:innen gegenüber Medienunternehmen, der Plattformökonomie oder dem „Loneliness Business“ einräumten. Mit der Anklage des Individualismus war also nicht immer die Vorstellung eines starken Subjekts verbunden. Nicht nur die Ursachenzuschreibungen wandelten sich seit dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch wie Einsamkeit verstanden wurde: War sie in der Nachkriegszeit noch eine Erfahrung, die zwar schmerzhaft, aber zum Leben dazu gehörte und für deren Durchstehen die Menschen stark gemacht werden müssten, bekam sie schließlich – je mehr die Psychologie und Psychiatrie sich mit ihr beschäftigten – seit den 1970er Jahren pathologische Züge und wurde dann im 21. Jahrhundert zum Krankheitsrisiko.

 


[1] The Office of the U.S. Surgeon General: Our Epidemic of Loneliness and Isolation: The U.S. Surgeon General’s Advisory on the Healing Effects of Social Connections and Community, https://www.hhs.gov/sites/default/files/surgeon-general-social-connection-advisory.pdf (letzter Abruf: 12.5.2026).
[2] Luke Fernandez, Susan Matt: Bored, Lonely, Angry, Stupid: Changing Feeling about Technology, from the Telegraph to Twitter, Cambridge/London 2019; Yoshiaki Furui: Modernizing Solitude: The Networked Individual in Nineteenth-Century American Litarature, Tuscaloosa 2019; Ina Bergmann/Stefan Hippler (Hg.): Cultures of Solitude. Loneliness – Limitation – Liberation, Berlin 2017, Robert A. Ferguson: Alone in America. The Stories that Matter, Cambridge 2013.
[3] Mark Greif: The Age of The Crisis of Man: Thought and Fiction in America, 1933-1973, Princeton 2015.
[4] David Riesman in Collaboration with Reuel Denney and Nathan Glazer: The Lonely Crowd. A Study oft he Changing American Character, New Haven 1950; zum Status als Klassiker in der Soziologie vgl. darin das Vorwort von Todd Gitlin und Christian Fleck: Klassiker der empirischen Sozialforschung, wiedergelesen Bemerkungen anlässlich dreier Neuauflagen, Soziopolis vom 13.10.2021, https://www.soziopolis.de/klassiker-der-empirischen-sozialforschung-wiedergelesen.html.
[5] Riesman, Crowd, S. 5.
[6] Ebd., S. 20f.
[7] Der innengeleitete Typ habe sich, so die Autoren, in der Sozialisation auch deshalb herausgebildet, weil Kinder früh allein gelassen würden und darüber lernten, Einsamkeit zu ertragen. Der außengeleitete Charakter werde hingegen bereits in der frühen Kindheit in Peer-Groups sozialisiert und habe deshalb nie die Fähigkeit zur Einsamkeit erlernt. Er weiche ihr aus, indem er sich an Gruppen anzupassen versuche, weil er die Einsamkeit fürchte.
[8] Margaret Mary Wood: Paths of Loneliness. The Individual Isolated in Modern Society, New York 1953, S. vii.
[9] Eric Josephson/Mary Josephson (Hg.): Man Alone. Alienation in Modern Society, New York 1962.
[10] Neil McLaughlin: Critical Theory Meets America: Riesman, Fromm, and The Lonely Crowd, in: The American Sociologist (2001), S. 5-26; Greif, Age.
[11] Timothy Melley: Empire of Conspiracy. The Culture of Paranoia in Postwar America, Ithaca 2000.
[12] Philipp Sarasin: 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, Berlin 2021; Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele, Frankfurt/Main 2009, Fred Turner: From Counterculture to Cyberculture. Steward Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism, Chicago 2006.
[13] Ralph Keyes: We, the lonely people;: Searching for community, New York 1973, S. 215.
[14] Suzanne Gordon: Lonely in America, New York 1976, S. 15f., S. 23 und S. 286.
[15] Ebd., S. 307.
[16] Vgl. dazu auch Fernandez/Matt, Bored; auch bei der Konstruktion des Phänomens Midlife-Crisis kam es zeitgleich zu einem intensiven Austausch zwischen gegenwartdiagnostischem Journalismus und Psychiatrie sowie Psychologie, vgl. Susanne Schmidt: Midlife Crisis: The Feminist Origins of a Chauvinist Cliché, Chicago 2020.
[17] Robert Weiss: Loneliness: The Experience of emotional and social Isolation, Cambridge 1973, S. 227.
[18] Gordon: Lonely in America, S. 26.
[19] Letitia Anne Peplau/Mayta A. Caldwell: Loneliness: A Cognitive Analysis, in: Essence 2 (1978), S. 207-220, hier S. 208.
[20] Kevin M. Kruse/Julian E. Zelitzer: Fault Lines. A History of the United States since 1974, New York 2019; Daniel T. Rodgers: Age of Fracture, Cambridge 2011.
[21 Für Philipp Slater war Riesman etwa ein Apologet des Individualismus und der Soziologe Richard Sennett kehrte 1974 in Verfall und Ende des öffentlichen Lebens Riesmans Argumentation einfach um und sprach davon, dass die westlichen Gesellschaften „sich auf dem Weg von in gewissem Sinne außen-geleiteten zu innen-geleiteten Verhältnissen“ befänden. Vgl. Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Berlin 2013, Zweite Auflage, S. 25.
[22] Louise Bernikow: Alone in America. The Search for Companionship, New York 1986, S. 4.
[23] Ebd., S. 167.
[24] Ebd., S. 92.
[25] Ebd., S. 228.
[26] Onur Erdur: Kritik der diversen Vernunft, in: Mittelweg 36 33 (2024), S. 3-22; Bruce J. Schulman: The Seventies. The Great Shift in American Culture, Society, and Politics, Cambridge 2001.
[27] Robert D. Putnam: Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community, New York 2000.
[28] Nikolas Rose/Joelle M. Abi-Rached: Neuro: The New Brain Sciences and the Management of the Mind, Princeton 2013.
[29] John T. Cacioppo/William Patrick: Loneliness. Human Nature and the Need for Social Connection, New York/London 2009, S. 7.
[30] Sherry Turkle: Alone Together. Why Expect More from Technology and Less from Each Other, Cambridge, MA 2011; zur Einordnung des Werks durch die Autorin vgl. auch dies.: The Empathy Diaries. A Memoir, New York 2021.
[31] Jürgen Martschukat: Die Ordnung des Sozialen. Väter und Familien in der amerikanischen Geschichte seit 1770, Frankfurt/Main 2013.

von

zurück

Zitation

Florian Hannig, Einsamkeit als Gesellschaftsdiagnose in den USA, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/einsamkeit-als-gesellschaftsdiagnose-den-usa