Wie politisch soll die Berlinale sein? In Teilen der Öffentlichkeit hat Jurypräsident Wim Wenders mit der Aussage für Empörung gesorgt, die Filmkunst habe sich aus der Politik herauszuhalten. Gefordert war ein Statement zu Gaza und zum Nahost-Konflikt, dem sich Wenders verweigerte. Man kann Wenders’ Position auch insofern als irritierend empfinden, als die Auswahl des Eröffnungsfilms der weitgehend unbekannten Regisseurin Shahrbanoo Sadat allenthalben als politisches Statement verstanden worden ist. „No Good Men“ erzählt von einer jungen Frau, die als Kamerafrau für einen Privatsender in Kabul arbeitet und gegen das Patriarchat kämpft, kurz vor dem Rückzug der amerikanischen Truppen und der Wiederkehr der Taliban an die Macht.
Es gebe keine guten Männer in Afghanistan, sagt eine ältere Frau, als sie von Naru, der Hauptprotagonistin, bei einer Straßenumfrage zum Valentinstag interviewt wird. Sie und andere Frauen erzählen von der Gewalt, der Unterdrückung und der Verachtung, mit der afghanische Männer ihren Ehefrauen begegneten. Solche Erfahrungen hat auch Naru gemacht. Sie lebt als alleinerziehende Mutter getrennt von ihrem gewalttätigen Mann; und an ihrem Arbeitsplatz ist sie dem Chauvinismus der Kollegen ausgesetzt, die ihr nur die niedersten und dümmsten Aufgaben zuweisen. Selbst die Straßenumfrage ist eigentlich als Demütigung gedacht, mit der sie Qodrat, der Starreporter des Senders, bestrafen will, nachdem ein hochrangiger Taliban ein Interview aufgrund der Präsenz einer (Kamera-)Frau abgebrochen hat.
Ausgerechnet jener Qodrat ist es nun, der im Film den Gegenbeweis antreten soll: dass es eben doch auch gute Männer in Afghanistan gebe. Qodrat erkennt Narus Talent und versucht sie beruflich zu fördern. Im Gegensatz zu den sonstigen Männern ist Qodrat eher sanft, in seiner Körpersprache sogar ein Stückweit feminin, liberal, melancholisch und mutig, wenn es ernst wird. Ob Qodrat indes als Hoffnungsträger für ein anderes Afghanistan taugt, lässt der Film in der Schwebe. Denn zum einen ist Qodrat kein junger Mann mehr und verkörpert mithin nicht unbedingt die Zukunft; zum anderen sieht der verheiratete Familienvater in Naru eben nicht nur die begabte Kollegin, sondern auch die attraktive junge Frau, in die er sich verliebt, die er vor ihrem Ex-Mann beschützt und die er schließlich rettet, als die Taliban die Hauptstadt einnehmen. Die Szenen auf dem Flughafen von Kabul, als sich verzweifelte Menschen an Flugzeuge klammerten, sind ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen. Naru ist im Film eine der Wenigen, die dem Schrecken entkommt, während Qodrat am Rollfeld zurückbleibt.
Aufgrund dieser Liebesgeschichte ist „No Good Men“ dem Genre der romantischen Komödie zugeordnet. Und tatsächlich gelingt dem Film das Kunststück, unterhaltsam und witzig vom alltäglichen Terror des Patriarchats und dem brutalen Ende einer Hoffnung zu erzählen, der Hoffnung auf ein Ende der Männerherrschaft, das heute in unerreichbare Ferne gerückt scheint. Seine Leichtfüßigkeit verdankt „No Good Men“ auch seinen wunderbaren Darsteller:innen, allen voran Shahrbanoo Sadat, die nicht nur für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, sondern auch die Hauptrolle übernommen hat. Das „Romantische“ wird dabei aber als Teil des Problems verhandelt, insofern Intimität und Zärtlichkeit als Bezahlung für die berufliche Förderung, schließlich die Rettung fungieren. Die Ambivalenz von Narus Gefühlen steht nicht im Widerspruch zum romantikkritischen Subtext des Films: Denn wer im Patriarchat lieben will, tut dies nicht „unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“[1]Die Kritik war dieser unaufdringlichen Klugheit mehrheitlich nicht gewachsen und hat gerade die Schlussszene – den ersten Kuss der afghanischen Filmgeschichte[2] – als Kitsch und als Element einer „triefigen Seifenoper“[3] denunziert. Neben handwerklichen Mängeln[4] und – in Deutschland bei einer Komödie wohl unvermeidbar – „Oberflächlichkeit“[5] ist dem Film auch mangelnde „gesellschaftliche Brisanz“ vorgeworfen worden: „denn er spielt vor dem Hintergrund der politischen Umstände in Afghanistan im Jahr 2021 und das liegt immerhin fünf Jahre zurück.“[6]
Man muss kein Historiker sein, um sich über diesen Satz zu ärgern. Der Verrat der Bundesregierung an den afghanischen Ortskräften ist nur wenige Monate her. Hunderte, denen Deutschland die Aufnahme versprochen hatte, harren illegal in Pakistan aus oder mussten ins Höllenreich der Taliban zurückkehren.[7] Dort werden Menschen für Verstöße gegen das islamistische Sittengesetz ausgepeitscht; Männer dürfen ihre Ehefrauen verprügeln, Frauen können nicht studieren und nicht arbeiten, dürfen in der Öffentlichkeit nur vollverschleiert und in Begleitung von verwandten Männern auftreten, nicht laut sprechen, nicht singen und nicht vorlesen.[8] Keiner Kommune hätte es wehgetan, ein paar dieser Menschen aufzunehmen. Ein Versprechen gegenüber existentiell Hilfsbedürftigen zu brechen, steht auch einer dem Namen nach christlichen Partei schlecht an. Wie kann man nicht daran denken, wenn man diesen Film gesehen hat, geschaffen von einer Regisseurin, die den Taliban selbst nur knapp entronnen ist und die heute in Deutschland lebt?
Und doch hat der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale nicht zu einer Thematisierung des Schicksals der verratenen Afghan:innen, nicht zu der Skandalisierung geführt, die die grausame, anti-christliche Politik der Bundesregierung verdient hätte. Die Forderung nach einer Politisierung der Filmkunst scheint letztlich nichts weiter als das Verlesen folgenloser Statements zu bezwecken. Für Filme und für humanitäre Notlagen, die in den unmittelbaren Zuständigkeitsbereich der deutschen Politik und damit auch der deutschen Öffentlichkeit fallen, interessiert man sich offenbar weniger. Mit der Herzenskälte der Gegenwart werden sich nachgeborene Historiker:innen zu befassen haben. Filme seien "Waffen im Kampf um Freiheit und Menschenwürde", hat Kulturstaatsminister Weimer anlässlich der Eröffnung der Berlinale gesagt. Gut für ihn und seine Leute, dass er falsch liegt.
[1] Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. 2. Aufl. Hamburg 1869, S. 1, [24.02.2026].[2] Vgl. hierzu das informative Interview mit der Regisseurin von Christoph Twickel, „Dieser Film war wie eine Therapie für mich“, in: Die Zeit online, 08.02.2026, [23.02.2026].
[3] Tim Caspar Boehme, Liebe im Schatten der Taliban, in: taz.de, 12.02.2026, [23.02.2026]; ähnlich Daniel Kothenschulte, Geheimnisse der Seelen, in: Frankfurter Rundschau, 16.02.2026; vgl. dagegen aber zumindest David Steinitz, Valentinstag mit Taliban, in: Süddeutsche Zeitung, 13.02.2026.
[4] Andreas Kilb, Der Trost von Fremden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2026.
[5] Jörg Gerle, Berlinale startet mit zwiespältiger Dramödie, in: Schwäbische Zeitung, 14.02.2026.
[6] Kevin Gensheimer, Liebe in Zeiten der Taliban, in: Berliner Zeitung, 13.02.2026.
[7] Zur aktuellen Situation vgl. bspw. Peter Hornung, Ehemalige Ortskräfte im Visier der Taliban, in: tagesschau.de, 19.01.2026, [23.02.2026]; zum Verrat der Bundesregierung vgl. Christoph Reuter, Deutschland wollte sie schützen, nun werden sie den Taliban ausgeliefert, in: Der Spiegel, 18.08.2025, [23.02.2026].
[8] Vgl. bspw. Peter Hornung, Kritik wird in Afghanistan zum Verbrechen, in: tagesschau.de, 12.02.2026, [23.02.2026]. Vgl. auch den Wikipedia-Eintrag zur Zeitgeschichte der Frauenrechte in Afghanistan [23.02.2026], mit zahlreichen Links zu weiterführenden Seiten.
Zitation
Niklas Weber, Die Hoffnung von gestern. Über „No Good Men“ und die Filmkunst als Waffe, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/die-hoffnung-von-gestern