Filmstill Frauen in Berlin von Chetna Vora
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Frauen in Berlin von Chetna Vora
DDR 1981, Forum
© Filmuniversität Babelsberg

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"Ne Ecke frei für Wünsche"

Chetna Voras Frauen in Berlin

Seit ein paar Jahren ziehen mich Lebensgeschichten von Frauen in Film und Literatur magisch an: Vor zwei Jahren habe ich etwa "Dark Spring" (1970) auf den Berliner Filmfestspielen gesehen, Maxie Wanders "Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband" (1977) steht in meinem Bücherregal. Vergangenes Jahr schrieb ich über den Film "The Long Road to the Director's Chair" (2025) ebenfalls aus dem Programm der Berlinale. Das sind nur drei Werke, die sich mit der Lebensrealität von Frauen beschäftigen; und es gibt so viele mehr. Vor allem in den 1970er und 1980er Jahren explodierte dieses Genre. Natürlich hat jedes Dokument seinen eigenen Entstehungskontext, ist also nur bedingt vergleichbar.

 

Von Frauen über Frauen

"Dark Spring" von Ingemo Engström wurde in der Bundesrepublik Deutschland gedreht. Darin spielt die deutsche Regisseurin finnischer Herkunft mit Inszenierung und rekurriert bewusst auf feministische Literatur wie das "SCUM Manifesto" von Valerie Solanas. Mitte der 1970er Jahre besuchte die gebürtige Wienerin Maxie Wander Frauen verschiedener Generationen in der DDR, ließ sie über ihr Leben sprechen und edierte die Tonbänder in Buchform, später wurden Wanders Porträts am Deutschen Theater inszeniert und verfilmt.

Im Jahr 1973 filmte die Norwegerin Vibeke Løkkeberg bei einem der ersten feministischen Filmfestivals. Ausgangspunkt der aufgenommenen Gespräche mit den Teilnehmer:innen des "Ersten Internationalen Frauenfilm-Seminars" in Berlin waren ihre Erfahrungen in der Medienbranche, was sich schnell auf andere Lebensbereiche ausdehnt. Das Filmmaterial blieb über fünfzig Jahre mangels Förderung unberührt und erschien 2025 erstmals als Dokumentation.

Trotz Klassen- und Systemunterschiede korrespondieren die Stimmen beim Schauen oder Lesen dieser Werke jeweils mit den bereits gehörten oder gelesenen. Mittlerweile haben sich die ganzen Stimmbänder zu einem großen Knäuel verknotet. Vergangenen Samstag stellte ich mir vor dem ersten Screening des Films "Frauen in Berlin" (1981) von Chetna Vora in der Sektion Forum Special deshalb die Frage: Warum schaut man (ich) sich Filme dieser Art doch immer und immer wieder an? Die Filmbeschreibung auf der Berlinale-Webseite ließ mich sofort an meine selbst kreierte Schublade denken: 140 Minuten "Reales Frauen-Leben in der DDR. Caretaking, Kinderkriegen, Arbeit, Wohnen, Erziehen, Binden, Trennen, Lieben. Rock 'n' Roll am Fenster", heißt es dort. Was sollte ausgerechnet dieser Film dem bisher gesehenen oder gelesenen noch hinzufügen? Zum Glück überwog meine Neugier.

 

Fragile Überlieferung

Allein die Überlieferungsgeschichte von Voras Film "Frauen in Berlin" gleicht einem Krimi. Sorgfältig recherchiert und aufgeschrieben hat diese Tobias Hering im Sammelwerk "Film Undone. Elements of a Latent Cinema". Nach “Oyoyo”, ihrem Hauptprüfungsfilm über die Situation ausländischer Studierender in der DDR, setzte die Regiestudentin der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, Chetna Vora, auch für ihren Abschlussfilm auf Interviews. Dafür sprach sie mit Frauen verschiedener Generationen in Ost-Berlin. Aus dem Material entstand eine etwa zweieinhalbstündige Rohfassung, was der Hochschule bei einer internen Werkschau viel zu lang war. Vora weigerte sich jedoch, ihr Werk zu kürzen. Stattdessen ließ sie das Filmmaterial unerlaubt mitgehen und filmte den Rohschnitt mit Hilfe von Freund:innen und einem VHS-Rekorder in der Volksbühne ab, um sich ihren Film zu sichern. Dass Vora das Material heimlich kopierte, hat dazu geführt, dass der Film in Form eines später digitalisierten VHS Bandes die Zeit überdauerte.

 

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Zwei Frauen im Gespräch, Filmstill aus "Frauen in Berlin" (1981, DDR) von Chetna Vora.  © Filmuniversität Babelsberg

 

In den DDR-Fernseh-Studios in Adlershof wurde das Originalmaterial schlussendlich ohne Voras Zutun auf TV-Länge gekürzt, im Programm lief die Fassung mit dem neuen Namen “Ansichten, Ansprüche – Frauen über sich selbst” nie. Heute existiert das Originalmaterial nicht mehr. Seit 2015 wurde der Film, dank der kopierten Fassung, hin und wieder auf verschiedenen Festivals gezeigt. Nun lief er erstmals in digital restaurierter Fassung auf der Berlinale. Welche Abwägungen bei einer solchen Restauration eine Rolle spielen, hat die verantwortliche Restauratorin Anke Wilkening von der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in ihrem Text “Not a Word Too Much” für die Webseite des Kino Arsenal festgehalten.

Lars Barthel, ebenfalls ehemaliger Student der Hochschule und Voras Lebenspartner bis zu Chetna Voras frühem Tod 1987, verglich den Zustand des Films, beim Gespräch im Anschluss an den Film, mit einem alten verwachsenen Zug, der auf der Strecke stehen geblieben sei und nun wieder freigelegt würde. Dass die Hintergrundrecherche rund um das Filmdokument eventuell noch nicht ganz abgeschlossen ist, dafür sorgte (hoffentlich) eine Person im Publikum, die angab, zwei der Interviewten persönlich zu kennen.

 

Radikale Unmittelbarkeit?

Nun aber zu den eigentlichen Hauptpersonen: den Frauen im Film, ungefähr 15 Berlinerinnen kommen in dem Film zu Wort. Sie bleiben namenlos, außer Elsa Frölich, eine Kommunistin, die sich selbst zu erkennen gibt. Vom Teenageralter bis in höhere Jahre sind alle Altersgruppen vertreten. Anita Vandenherz, eine Beteiligte, die neben Kameramann Plenert und Vora ebenfalls am Film mitarbeitete, stellte Kontakt zu den interviewten Personen her. Laut Tobias Hering sollten diese nicht aus dem direkten Umfeld der Filmemacher:innen stammen. Gefilmt wurden die Frauen in den privaten vier Wänden: in der Küche, an ihren Fenstern, auf ihren Balkonen, in ihren Jugendzimmern oder am Schreibtisch. Oft bleibt die Kamera statisch, arbeitet aber gelegentlich mit Zoom oder schwenkt an den passenden Stellen in die nahe Umgebung der Protagonistinnen, wodurch ihre Bewegung in der Regel das Gesagte unterstreicht, fast kommentiert. Nahezu die gesamten 140 Minuten bestehen aus Gesprächen, teilweise hört man Vora aus dem Off Fragen stellen.

Aus dem Material erschließt sich nicht, ob es für die Interviews eine Ausgangsfrage gab, was mich während der Filmsichtung umtrieb und zu Mutmaßungen verleitete. Dieses Nichtwissen beschert dem ganzen Film eine Offenheit: Es führt dazu, dass mit Spannung die nächste Szene erwartet wird und man sich ganz auf die Personen und ihre Erzählungen einlassen kann. Und diese Geschichten haben es in sich: Teilweise kommen schwere Themen wie Einsamkeit in Liebes- oder Freundschaftsbeziehungen, Betrug, sexuelle Übergriffe, Sexismus im Berufsleben oder die Unsicherheiten in Bezug auf gleichgeschlechtliche Beziehungen zur Sprache. Viele Aussagen erinnerten mich an Gespräche mit Freund:innen aus der Gegenwart, andere lassen sich wiederum ganz in der vergangenen Zeit verankern. Natürlich suchte ich nach der DDR, dem spezifisch Ostdeutschen, wofür es einzelne Marker gibt, die aber nie explizit gemacht werden oder im Vordergrund stehen. Für die Frauen ist ihre Umgebung selbstverständlich, warum auch nicht?

Ich war besonders gebannt von der Art und Weise, wie diese Frauen ihre Geschichten erzählen und vor allem wie die Gespräche filmisch, im Privaten, in Szene gesetzt werden. Die Kombination ergibt eine wahnsinnige Unmittelbarkeit, die Sogkraft hat. Wir Zusehenden bekommen die Denkpausen der Frauen mit. Wir sehen, hören und fühlen, wie sie um Formulierungen ringen. Wir hören Vora im Dialog mit den Protagonistinnen. Die Kamera läuft weiter, auch wenn Kinder hereinkommen oder Familienmitglieder ins Bild laufen. Hätten wir diese Momente auch zu sehen bekommen, wenn Vora an dem Rohschnitt weitergearbeitet hätte? Diese Frage wird sich nie abschließend beantworten lassen. Ich jedenfalls vergaß während des Films, dass ich etwas “unfertiges” zu sehen bekomme – vor allem dann, wenn die Pointen in den Erzählungen der Frauen so präzise von Schnitt und Kamera unterstützt werden, dass das Publikum im Saal regelmäßig in schallendes Gelächter ausbrach. Die erzählenden Frauen verlieren dabei nie ihre Würde.

Chetna Voras "Frauen in Berlin" hat mich erneut davon überzeugt, wie viel Kraft darin liegt, zuzuhören. Der Film, fertig oder nicht, beweist zudem, was für eine Kunst es ist, diese Geschichten zu inszenieren und dass es an der richtigen Stelle Mut braucht, zu dieser Inszenierung zu stehen.

 

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Zitation

Alina Müller, "Ne Ecke frei für Wünsche". Chetna Voras Frauen in Berlin, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/ne-ecke-frei-fuer-wuensche