Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann
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Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann, Filmstill aus Wax & Gold (2026). © Ruth Beckermann Filmproduktion

Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann
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Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann, Filmstill aus Wax & Gold (2026). © Ruth Beckermann Filmproduktion

Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann
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Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann, Filmstill aus Wax & Gold (2026). © Ruth Beckermann Filmproduktion

Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann
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Zwei Hotelmitarbeiter vom Hilton in Addis Abeba im Interview mit Ruth Beckermann, Filmstill aus Wax & Gold (2026). © Ruth Beckermann Filmproduktion

Viel Wachs und wenig Gold

Ruth Beckermann im Hilton Addis Abeba

In ihrem neuen Dokumentarfilm Wachs und Gold sucht Ruth Beckermann „nach dem Platz Äthiopiens in der Geographie ihrer Erinnerung“ und verläuft sich dabei leider. Als Ausgangspunkt dienen ihr dabei zwei Gegebenheiten: Als Kind habe die Filmemacherin medial nur zwei außereuropäische Persönlichkeiten in den Nachrichten wahrgenommen: den Schah von Persien und Haile Selassie, den äthiopischen Kaiser, der auf sie traurig gewirkt habe. Dann habe sie Ryszard Kapuścińskis Buch König der Könige aus dem Jahr 1984 – das polnische Original wurde bereits 1978 veröffentlicht – gelesen, in dem von den Schattenseiten der Herrschaft Selassies berichtet wird. Dies reichte für Beckermann aus, um nach Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, zu reisen und dort ein neues Filmprojekt zu beginnen: Zentraler Schauplatz ist das Hilton Hotel in Addis Abeba. Beckermann hielt sich in dem Hotel von 2018 bis 2022 mehrmals für ihre Recherchen und Dreharbeiten auf.

Das Hotel als Drehort hat eine lange Tradition in der Filmgeschichte: Schon Ende der 1920er-Jahre prägt Vicki Baums Roman Menschen im Hotel (1929) sowie seine Hollywood-Verfilmung Grand Hotel (1932) durch Edmund Goulding, das Luxushotel als Dreh- und Angelpunkt, als Panorama der Gesellschaft jener Zeit. Immer wieder greifen Filmschaffende diese Ort auf. Dazu gehören wohl auch Wim Wenders The Million Dollar Hotel (2000) und Wes Andersons The Grand Budapest Hotel (2014). Spätestens mit dem Erfolg der Serie White Lotus ist das Hotel als Setting in der aktuellen Populärkultur fest etabliert.

Beckermann hat sich für ihren Film ein besonderes Hotel ausgesucht, und damit ist nicht nur besonders luxuriös gemeint: Das Hilton Hotel Addis Abeba wurde im Jahr 1969 unter Kaiser Haile Selassie als erste große internationale Hotelkette des Landes eröffnet. Der Vertrag lief über fünfzig Jahre, ein vielversprechendes Gemeinschaftsprojekt zwischen dem äthiopischen Staat und Hilton. Die Präsenz einer globalen Hotelmarke signalisierte außenpolitisch, dass Äthiopien sich wirtschaftlich öffnet. Mit diesem Tourismusmagneten wollte die Regierung unter Selassie gezielt Addis Abeba als afrikanische Diplomaten‑ und Konferenzmetropole erheben.

 

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Das Hilton Hotel Addis Abeba im Jahr 2017. Quelle: Ninara via flickr.com. Lizenz: CC BY 2.0

 

Der Beginn von Wachs und Gold verspricht auch das Potenzial dieses Drehorts einzulösen: Beckermann wird dem Führungspersonal vorgestellt, dass mal mehr oder weniger verlegen über seine Arbeitsbereiche berichtet. Dann interviewt sie zwei Concierges. Beckermann kommt nicht mit den Angestellten ins Gespräch und sie fragt nicht, was Selassie und die von ihm auf den Weg gebrachte radikale Modernisierung Äthiopiens diesen Menschen bedeuten, wie es sich anfühlt, an jenem Ort zu arbeiten, der so direkt mit einem Modernisierungsprojekt verbunden ist – der Kaiser selbst soll die Poolanlage entworfen haben und hatte Räumlichkeiten im Hotel, die er anlässlich von Konferenzen nutzte –; doch all dies bleibt im Film leider unerforscht.

 

Männer erzählen: Halb-Wahrheiten, Floskeln und Verstrickungen

Stattdessen führt Beckermann im Hotel eine Reihe von Interviews mit Protagonisten, die mal mehr, meist aber weniger Interessantes zu sagen haben: Da ist der persönliche Diener Selassies, der nach dem Putsch 1974 und der Ermordung des inhaftierten Kaisers 1975 in den Palast zurückkehrte und danach den neuen, kommunistischen Herren diente. In diesem Interview tritt eine entfernte Verwandte Selassies als Übersetzerin auf. Sie äußert sich zum Wahrheitsgehalt von Kapuścińskis Buch, das vor allem Halb-Wahrheiten enthalte. Beckermanns Reflexionen über die Bedeutung des Buches und dessen Rolle gerade auch im kommunistischen Polen gehören noch zu den interessantesten Aspekten des Films. Beckermann interviewt den Sohn des italienischen Architekten des Hotels. Seine Familie war bereits seit Ende des Ersten Weltkriegs in Äthiopien aktiv, aber auch im italienischen Kolonialkrieg, der 1935 begann und von 1936 bis 1941 zu einem Kolonialregime führte. Dieses Gespräch liefert erstaunlich wenig Hintergründiges über die Geschichte und den Bau des Hotels. Das Interview mit dem äthiopischen Technologie-Unternehmer Yasser Bagersh bringt kaum mehr als Floskeln über Religion und Spiritualität, es wirkt komplett verzichtbar. Das Gespräch mit dem in Wien lebenden italienischen Pianisten und Dirigenten Marino Formenti zeigt eine derart flache Reflexion über das Nachwirken der kolonialen Gewalt, dass es mich peinlich berührte.

 

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Eine Frau und ein Mann im Interview mit Beckermann, aus Wax & Gold (2026) von Ruth Beckermann. © Ruth Beckermann Filmproduktion

 

Diese Interviewpartner vertreten die mittlere und höhere Schicht, die im Hilton zusammenkommt. Beckermann wollte laut eigener Aussage keinen Film über die Armut in Äthiopien machen. Das ist natürlich als Entscheidung legitim, dass es aber eine selbstreferentielle Wohlfühlzone Beckermanns ist, wurde spätestens deutlich, als sie auf Nachfrage zu diesem Themenkomplex bei der Feststellung landete, „Addis ist wie Wien“. Das ist dann doch ein bisschen wenig und ein Symptom dafür, wie stark Beckermann ihr persönliches Narrativ und auch einen gewissen Hang zur Romantisierung, wenn nicht gar Exotisierung auf ihren Gegenstand projiziert.

Als sie Models einer im Hotel stattfindenden Modenschau zeigt, fragt ihre Stimme aus dem Off, was diese wohl denken mögen. Beckermann hätte sie ja fragen können, um dies zu erfahren. Besonders unangenehm wird diese Innenansicht der Regisseurin in einer Szene, in der im Bild ein Hotelangestellter gezeigt wird, während im Off Beckermann darüber sinniert, wie dieser sie wohl als Fremde, als weiße Frau, wahrnehme.

 

Unangenehm, unpassend und problematisch

Hinzu kommt ein konfrontativer Stil im Umgang mit einigen ihrer Gesprächspartner, der bereits in Beckermanns Mutzenbacher (2022) einen falschen Ton setzte, in ihrem neuesten Film aber ob der im Spiel befindlichen Machtgefälle zwischen Europa und Afrika umso mehr störend, taktlos und unpassend wirkt: Es ist unangenehm mitanzusehen, wie die beiden Concierges von Beckermann nach besonderen Wünschen der Gäste – dann konkret nach dem Kontakten zu Prostituierten – gefragt werden und die beiden versuchen, ihr Gesicht zu wahren und gleichzeitig das Hotel nicht in ein schlechtes Licht zu rücken, indem sie dann auf Reservierungen in Restaurants ausweichen.

Negativer Höhepunkt ist allerdings das Interview mit einer Österreicherin, die seit Langem in Äthiopien lebt und Anhängerin des Rastafarianismus ist, einer Glaubensrichtung die unter anderem Selassie als Gott verehrt. Beckermann fällt ihr ins Wort, als sie von ihrer Rolle als weiße Frau in der überwiegend schwarzen Community vor dem Hintergrund von Rassismus und Unterdrückung spricht: Ihr Einwurf, Rassismus gäbe es ja von beiden Seiten. Immerhin lässt sie sich erklären, warum dies nicht der Fall sein kann. Die in dieser Aussage zum Ausdruck kommende Haltung, die leider wie ein Echo des gern von europäischen und amerikanischen Rassisten gepflegten Diskurses ist. Ein Diskurs vom angeblich antiweißen Rassismus, der dann auch Entscheidungen wie das Asyl für weiße südafrikanische Farmer in Trumps Amerika begründet, lässt die Zentrierung der weißen Perspektive Beckermanns und einige weitere bereits kritisierte Tendenzen dann noch einmal problematischer erscheinen.

Der Titel des Films verweist auf eine gleichnamige in Äthiopien verbreitete literarische Technik, die Aussagen trifft, die jedoch das Gegenteil meinen. So konnte etwa gegenüber den Herrschenden Kritik angebracht werden, ohne sich direkt zu exponieren. Auch Beckermann spielt bewusst mit dieser Technik: Im Kontext der Vorführung alter Schreibtechniken im Garten des Hotels schreibt die Regisseurin für die Kamera sichtbar „Dies ist kein Dokumentarfilm“ – wohl auch eine Anspielung auf Magrittes berühmtes Gemälde einer Pfeife mit dem Titel Das ist keine Pfeife. Vielleicht wollte sie ja ihre Romantisierung Selassies und ihr Afrikabild mit diesem Film kritischen Reflexionen öffnen. Ich glaube es nicht.

 

Spielerin der Sprachen

Auch sonst fehlt dem Film im Grunde beinahe jegliches kritische Potenzial. Die Reflexionsebene, die etwa eine Diskussion mit Studierenden gegen Ende des Films bietet, in der diese unter anderem über die weiterhin existierenden Abhängigkeitsverhältnisse auch in unserer postkolonialen, aus ihrer Perspektive neokolonialen Welt sprechen, ist leider unterrepräsentiert. Als einer der Studenten von der Wirkkraft des kulturellen Imperialismus gerade auch durch westliche Filme spricht, thematisiert Beckermann ihre Rolle als weiße Filmemacherin mit der Macht und den Ressourcen, Wachs und Gold drehen zu können. Ich hätte mir gewünscht, dass Beckermann aus diesem Bewusstsein heraus zum einen reflektierter mit ihrer Position und Rolle als Erzählerin umginge, zum anderen nicht die Stimmen von zum Jetset gehörenden Unternehmern, deutschen Militärattachés oder italienischen Pianisten – also jenen, die eh Gehör finden, Geld und Macht haben – gegenüber denen der Hotelmitarbeiter*innen privilegiert hätte.

Einer der stärksten Momente des Films war für mich eine Szene, in der eine Barista des Hotels eine Passage aus König der Könige, die Beckermann erstmals in Amharisch, die bedeutendste Sprache Äthiopiens, übersetzen ließ, vorträgt. Wenn Beckermann mit Sprache spielt, wie auch schon in Mutzenbacher, dann ist sie ganz bei sich und kann die Kraft, die in Worten liegt, herausarbeiten. Ich hatte Gänsehaut, als ich der Barista lauschte, die Melodik dieser mir unbekannten Sprache erfahren konnte und zugleich sah, wie der Text auch in der Vortragenden arbeitete. Was hätte ich darum gegeben, dann im Anschluss mehr über sie und ihre Gedanken zum Text und seiner Bedeutung zu erfahren…

Natürlich kann Beckermann all ihre künstlerischen Entscheidungen wie im Q&A nach der Vorstellung auf der Berlinale damit rechtfertigen, dass es ein persönlicher Essayfilm ist. Am Ende bleibt dennoch das Gefühl zurück, dass hinter dem Wachs nur sehr wenig Gold zum Vorschein gekommen ist. Das Potenzial, welches sowohl im Thema als auch im Schauplatz steckte, wurde nicht ausgeschöpft, da Beckermann einfach einen konventionellen Beckermann-Film abgeliefert hat. Was im besten Fall als souveränes Beherrschen ihrer Mittel zu überzeugen mag, wirkt in Wachs und Gold letztendlich als routiniertes, zielloses Abspulen von Interviewschnipseln gepaart mit Archivmaterial und Szenerieshots, die ohne großen Widerhall verpuffen. Gerade weil Beckermann bewegende, aufrüttelnde Dokumentarfilme wie Waldheims Walzer kann, ist ihr neuester Film umso enttäuschender.

Wax & Gold, Regie: Ruth Beckermann, Österreich Italien 2026, Laufzeit: 91 Min.

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Zitation

Julius Redzinski, Viel Wachs und wenig Gold. Ruth Beckermann im Hilton Addis Abeba, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/viel-wachs-und-wenig-gold