Passbilder von Anne Frank 1939
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Passfotos von Anne Frank aus dem Jahr 1939. Fotosammlung des Anne-Frank-Haus, Amsterdam

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Passfotos von Anne Frank aus dem Jahr 1939. Fotosammlung des Anne-Frank-Haus, Amsterdam

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Wem gehört Anne Frank?

Identifikationen mit der wohl berühmtesten Überlebenden der Shoah in Mona Bauers Film "Quand tu écouteras cette chanson"

Während unten ein Hochzeitspaar aus der Tür auf die Straße tritt, schauen im Haus darüber Menschen aus ihren Fenstern. Eine von ihnen ist ein junges Mädchen mit schwarzen Haaren, sie lehnt sich neugierig weit über den Sims. Für einen kurzen Moment wendet sie ihren Kopf; es scheint so, als rufe sie jemandem im Haus etwas zu, dann richtet sie den Blick wieder Richtung Straße, wo Braut und Bräutigam ein Hochzeitsfoto schießen lassen. Zu den Schaulustigen, die am 22. Juli 1941 die Frischvermählten aus den oberen Stockwerken des Hauses in der Merwedeplein 37 in Amsterdam beobachten, gehört auch das damals gerade zwölfjährige Mädchen Annelies Marie. Der keine 20 Sekunden lange Clip ohne Ton ist die einzige, heute bekannte Filmaufnahme von Anne Frank. Wer damals filmte, ist nicht überliefert.

 

 

Kein Jahr, nachdem das aufgeweckte Mädchen aus dem Fenster der Amsterdamer Wohnung der Familie Frank schaute, bekommt Anne zu ihrem Geburtstag ein rot-weiß-kariertes Notizbuch geschenkt. Darin schreibt die Heranwachsende ihr Leben auf: Noch im Sommer 1942 taucht die jüdische Familie Frank unter. Gemeinsam mit anderen Juden verstecken sie sich in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nationalsozialisten, die seit Mai 1940 die Niederlande besetzten. Über die eingepferchte Zeit in wenigen Räumen mit acht Menschen schreibt Anne Tagebuch. Nach mehr als zwei Jahren im Versteck werden die Franks verraten und in Konzentrationslager deportiert. Im Frühjahr 1945 sterben Anne und ihre ältere Schwester Margot im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Krankheit, Hunger und Erschöpfung.

Heute sind Anne Franks Aufzeichnungen ein wichtiges Zeugnis und eines der wohl meistgelesenen Ego-Dokumente einer von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdin.

 

Ein Film aus der Ego-Perspektive: Anne Frank und Ich

Dem Leben und dem schriftstellerischen Werk des wohl berühmtesten Opfers der Shoah widmet die Filmschaffende Mona Bauer Achache ihr neuestes Projekt: In "Quand tu écouteras cette chanson" verfilmt die Regisseurin das gleichnamige Buch der Französin Lola Lafon, das in der deutschen Übersetzung unter dem Titel "Immer wenn ich dieses Lied höre" Anfang 2025 im Aufbau Verlag erschienen ist.

Bauer Achaches Dokumentation wird während der 76. Berlinale in der Sektion Forum auf großer Leinwand auf Französisch mit englischen Untertiteln gezeigt. Buch und Film erzählen von einer ganz besonderen Erfahrung, die die jüdische Künstlerin 2021 erleben durfte: Am 18. August verbringt Lafon die Nacht im Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Heute ist das Haus in der Prinsengracht 263 ein Museum. Vom 5. Juli 1942 bis 4. August 1944 lebten die Franks gemeinsam mit anderen Juden versteckt im Hinterhaus der Prinsengracht 263.

Die 52-jährige Lafon ist Protagonistin und Erzählerin der 54-minütigen Films. Die Stimme der Französin führt das Publikum, ihr Blick auf Anne Frank formt die Performation der Zuschauenden. Wir sehen Lafon kein einziges Mal selbst im Anne-Frank-Haus. Von einem unbekannten Ort schreibt und erzählt sie über ihre Übernachtung: "Ich werde zehn Stunden in diesem leeren Apartment verbringen", sinniert Lafon zu Beginn des Films, während sie in einem abgedimmten Raum eifrig auf ihrer Laptoptastatur herumtippt. Mehr als ein Drittel des Films besteht aus dieser Inszenierung ihres Schreibens. Zahlreiche Szenen zeigen Lafon, schreiben, denken, ihr Geschriebenes - auf Französisch - vorlesen. Eine Art Stream of Consciousness; ihre Stimme ist unsere unermüdliche Begleiterin, ihr Sprachfluss wird selten unterbrochen, Momente der Stille sind äußerst selten.

 

Ein leerer Ort, der uns Geschichte erzählt

"Es ist diese Leere, die das Apartment zu einem Museum macht. Diese Leere ist ein Aufruf an uns, eine Bitte eines Mannes, der nicht mehr unter uns ist: Otto Frank, Anne Franks Vater. Als er 1945 aus Auschwitz zurückkehrte, fand er das Versteck von den Nazis geplündert vor." Während Lafon aus dem Off laut denkt, werden Bilder von allen acht versteckten eingeblendet: Annes Eltern, Otto Frank und Edith Frank, ihre ältere Schwester Margot Frank, natürlich Anne Frank sowie Hermann, Auguste und Peter van Pels und Fritz Pfeffer. Außer Otto, hat niemand von ihnen überlebt.

Über Schwarz-Weiß-Aufnahmen bekommt das Publikum danach eine Führung durch die menschenleeren Räume, während Lafon erklärt, wie Annes Vater das Haus nach dem Krieg erwarb und daraus ein Museum wurde. Sie betont, dass Otto Frank damals darauf bestand, die Räume genau in jenem Zustand zu belassen, in dem er sie vorgefunden hatte. "Damit die Menschen die Leere sehen und sich ihr stellen", sagt Lafon. "Man soll sehen, was niemals gefüllt werden kann." Wenn Menschen das Museum besucht haben, können sie nicht sagen, sie hätten nichts gesehen. "Sie werden sagen, im Hinterhaus gibt es nichts als Leere und diese Leere habe ich gesehen."

Auf Leere folgt Stille: Ein graues Bild wird eingeblendet. Plötzlich erscheint eine Fotografie im Bild: Sie zeigt einen Leichenberg aus dem Lager Dachau. Ein Bild, das vermutlich die Alliierten bei ihrer Ankunft fotografierten. Immer wieder blendet Bauer Achache über Lafons zärtliche Gedanken über Anne Frank, diese Schockbilder der Toten ein. Sie konfrontieren und erschrecken die Zuschauenden.

 

Ein Mädchen am Fenster, "verehrt und mit Füßen getreten"

"Das ist sie!", ruft Lafon, als auf der Leinwand der kurze Clip mit Anne im Fensterrahmen erscheint. "Da ist sie zwölf Jahre alt. Ihr bleiben noch vier Lebensjahre", erklärt Lafon, während der Clip mehrmals abgespielt wird. Immer wieder sehen wir, wie Anne ihren Kopf hin und her wendet. "Wie sehr wird sie geliebt, dieses jüdische Mädchen, das nicht mehr da ist. Das einzige jüdische Mädchen, das geliebt wird." Lafon sitzt am Schreibtisch, ihr Gesicht dem Bildschirm ihres Laptops zugewandt filmt die Kamera die Autorin von hinten.

 

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Die französische Autorin Lola Lafon an ihrem Laptop, Filmstill aus "Quand tu écouteras cette chanson", ein Film von Mona Bauer Achache. © Schuch Productions

 

"Sie könnte meine Tochter sein", denkt Lafon laut, während eine Münze einblendet wird, auf der Anne Franks Gesicht umrahmt von dem Spruch "Ich glaube an das Gute im Menschen" zu sehen ist. Damit beginnt eine Collage aus Darstellungen des jungen Mädchens, auf Bildern, in Filmen, in Liedern, auf Postkarten und Büchern. "Anne Frank wird verehrt und mit Füßen getreten", sagt Lafon aus dem Off, während eine Szene Menschenmassen im Anne-Frank-Haus zeigt. Mit VR-Brillen können Besuchende heute virtuell durch die hinter einem Bücherregal versteckte Tür gehen, und die Bedingungen und den Alltag im Versteck digital erfahren.

Alle Welt kenne dieses Mädchen, und doch wüssten wir eigentlich nichts über sie. "Anne Franks Tagebuch. Ein Buch, dem man als Kind weltweit begegnet, an das man sich als Erwachsener kaum erinnert", sagt Lafon. Aber wie kann man heute noch über Anne Frank schreiben? Darf man das überhaupt? Wem gehört Anne Frank? Das sind die Kernfragen des Films.

 

Eine Jüdin, eine Schriftstellerin, eine Symbolfigur: Biografische Symmetrien

Die Regisseurin Bauer Achache begleitet Lafon bei ihrer Suche nach Antworten. Dabei wird Anne Frank zum Fixpunkt für die eigene Identität der Autorin: Lafon wird am 28. Januar 1974 in einer jüdischen Familie geboren, deren Stammbaum abgebrochene Äste hat. Sie ist die zweite Tochter eines französischen Literaturprofessors und einer Migrantin zweiter Generation, die selbst als Kind die Shoah überlebte, weil ihre russisch-polnischen Eltern sie als Vierjährige in ihrer Wohnung in Paris versteckten.

Der Film und das Buch verhandeln also auch, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Lafon hat blonde Haare, deshalb werde sie oftmals nicht als Jüdin wahrgenommen, beschreibt die Französin ihre Alltags-Erfahrungen. Einige Zeit lebt die Familie in Bulgarien, dann in Rumänien, die Familie verkehrt in linken Intellektuellenkreisen. Lafon studiert an der Sorbonne und wird Tänzerin, später Sängerin, Komponistin und Wortkünstlerin, also Schriftstellerin. Die Liebe zum Schreiben ist eine weitere Gemeinsamkeit, die Lafon von sich selbst zum Leben Anne Franks zieht.

 

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Ein Foto von Anne Frank in der Montessori-Schule in Amsterdam, Dezember 1940. Fotosammlung Anne-Frank-Haus, Amsterdam

 

"Schreiben lässt mich meine Sorgen vergessen", zitiert Lafon aus dem Tagebuch des Mädchens. Immer wieder sucht die französische Autorin darin nach Symmetrien zu ihrer eigenen Lebensgeschichte. "Was wir aus fremden Texten zitieren, offenbart, was wir aus ihnen annehmen wollen", sagt Lafon aus dem Off. Der Autorin ist es wichtig, nicht nur Schmerz, Trauer und Grausamkeit zu beschreiben, sondern auch, wie lustig Anne Frank war. Lafon beschreibt, wie Anne sich im Versteck ihren Platz zum Schreiben erkämpft, wie sie davon träumt Schriftstellerin oder Journalistin zu werden.

 

Ein Kriminalroman als Tagebuch: Zwischen Identifikation und Aneignung

Die Aufzeichnungen überleben die Nationalsozialisten, auch dank einer Helferin, die das Tagebuch nach der Deportation der Familie verwahrt. Otto Frank lässt es nach seiner Rückkehr veröffentlichen: Am 25. Juni 1947 erscheint "Het Achterhuis. Dagboekbrieven van 14 juni 1942 - 1 augustus 1944" (Das Hinterhaus. Tagebuchbriefe vom 14. Juni 1942 - 1. August 1944) in den Niederlanden. Mit der Veröffentlichung ihrer Aufzeichnungen erfüllt Otto Frank seiner Tochter ihren wohl größten Wunsch. "Stell Dir vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman vom Hinterhaus veröffentlichen würde. Nur vom Titel her würden die Leute denken, es wäre ein Kriminalroman", schrieb Anne einmal in das rot-weiß-karierte Buch.

Ihr Werk wird in 70 Sprachen übersetzt. Heute hat sich "Das Tagebuch der Anne Frank" mehr als 30 Millionen Mal verkauft. Einige Ausgaben zensierten Einträge, in denen es um weibliche Sexualität und Menstruation geht. In der ersten deutschen Ausgabe werden die "negativen Passagen" über Antisemitismus und Nationalsozialisten gestrichen. Doch in keiner Ausgabe werde erwähnt, wie Anne ihre Einträge überarbeitet, angepasst oder geändert habe, kritisiert Lafon. Vielfach wurde das Leben von Anne Frank und auch ihr Tagebuch medial adaptiert: Filme, Serien, Lieder und mittlerweile auch Kurzvideos in den sozialen Medien beschäftigen sich mit Anne Frank. Sie ist quasi omnipräsent. Und doch, denkt Lafon, "wenn wir alle Anne Frank wären, gäbe es keine Anne Frank mehr."

Das Schreiben über Anne Frank ist eine Form der Identitätsfindung für Lafon, bei der sie gemeinsame Eigenschaften und Fähigkeiten diskutiert und für sich annimmt. "Im atemberaubenden Montage-Wechsel mit Archivmaterial und klugen Gedankensprüngen wie Perspektivwechseln setzt Mona Bauer Achache die sich ihrer eigenen jüdischen Identität bewusstwerdende Lola Lafon ins Bild - als Protagonistin, die aus ihrem Buch vorliest, so sachlich, zärtlich wie der Text selbst", heißt es auf der Seite der Filmfestspiele Berlin. Dabei befreie Lafon "das Bild der vielfach bebildert und besungenen Symbolfigur der Shoah vom Merchandise-Dasein." Ob der Film das wirklich schafft, an wen die Französin denkt, wenn sie dieses Lied hört - und welches Lied überhaupt - kann nur das Publikum herausfinden.

"Quand tu écouteras cette chanson", Regie: Mona Bauer Achache, Schuchs Production. Frankreich 2025. Laufzeit: 54 Minuten.

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Zitation

Rebecca Wegmann, Wem gehört Anne Frank?. Identifikationen mit der wohl berühmtesten Überlebenden der Shoah in Mona Bauers Film "Quand tu écouteras cette chanson", in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/wem-gehoert-anne-frank