Ort der Deutschland-Premiere für die „Complete Version“ von „A Letter to David“: das Berliner Kino „Babylon“ am Rosa-Luxemburg-Platz
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Foto: Axel Doßmann

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Tom Shovals "Brief an David" wird zugestellt

Der Film über Bruderliebe in Zeiten des Terrors erhielt einen Epilog

Vor einem Jahr schrieb ich bereits über Tom Shovals Film A Letter to David.

Mit einem neuen Ende lief dieser Film am 20. Februar 2026 im Berliner Kino Babylon. Der Epilog von sieben Minuten Länge löst ein Versprechen des Regisseurs ein, dass er vor einem Jahr auch vor Tricia Tuttle auf der Bühne der Berlinale 2025 gegeben hatte.

Tom Shoval betonte damals, dass sein Dokumentarfilm A Letter to David erst fertig sei, wenn sein Freund David Cunio aus den Händen der Hamas wieder freikommt, die Trennung der Zwillingsbrüder David und Eitan endlich beendet ist. Erst dann könne die Reflexion auf Liebe und Finsternis in Zeiten von Terror und Krieg ein filmisches Ende finden. Die Amateurvideoaufnahmen aus der Jugendzeit der Brüder wie auch die Interviews des Regisseurs mit Davids Bruder Eitan, Davids Ehefrau Sharon Alony und den Eltern der Cunio-Brüder, die 1988 aus Argentinien nach Israel eingewandert waren, machen das Publikum auf intime Weise vertraut mit dieser Familie, ihrem Kibbuz – und auch mit ihren von der Hamas ermordeten Freunden. Seit Februar 2025 recherchierte ich oft und mit gesteigerter Sorge nach Neuigkeiten über die gekidnappten Familienmitglieder der Cunios – in der Hoffnung, dass David Cunio und die anderen Geiseln freikommen. Und dass dieser Dokumentarfilm, das Leben dieser Familie, ein besseres Ende findet. Ein Ende, der ein Neuanfang sein kann.

Letzte Woche, als Extra-Veranstaltung in Kooperation mit der 76. Berlinale, wurde das Publikum tatsächlich Zeuge dieses unwahrscheinlichen Ereignisses: Zwei Brüder, ihre Ehefrauen, zwei Zwillingskinder und zwei weitere Mitlieder der Familie Cunio waren von der Hamas am 7. Oktober entführt worden. Alle Acht haben überlebt, fünf von ihnen kamen auf die Bühne in Berlin. Ihr Glück ist in Bezug auf die Geschichten hunderter anderer Familien, die vom Massaker direkt betroffen worden waren, die sehr große Ausnahme.[1]
 

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Familie Cunio nach der Filmvorführung am 20. Februar 2026 auf der Berliner Kino-Bühne: die Eltern Luis und Silvia Cunio, Regisseur Tom Shoval, die Brüder David, Ariel und Eitan Cunio. Foto: Axel Doßmann.

 

Rekapitulationen

„A Letter to David“ führt vor Augen, wie schmerzhaft die Folgen einer enorm starken emotionalen Bindung von Geschwistern und Partner:innen im Fall einer Trennung durch Terrorismus sein können. Dabei bleibt auch Unbehagen aufgrund der Leerstellen, die der Film hinterlässt. Tom Shoval verzichtet in seinem persönlichen Film aus nachvollziehbaren Gründen darauf, die Emotionsgeschichte der „brutalen Nachbarn“ im Nahostkonflikt besser begreifen zu lassen.[2] Der Regisseur stellt die beiden israelisch-jüdischen Zwillingsbrüder David und Eitan ins Zentrum, die Kraft der Bruderliebe, bewusst einseitig und parteiisch.

Tom Shovals entschiedenes Vorgehen wirkt auch noch mit der „Complete Version“ legitim, weil er sein Publikum nicht emotional erpresst. Er gibt Raum zur Reflexion.[3] Shoval lässt das Donnern der Bomben auf Gaza aus dem Jahr 2024 im Off hören, sobald er in den ausgebrannten Ruinen des überfallenen Kibbuz Eitan Cunio in Nahaufnahmen zeigt. Dieser trotz des Waffenstillstands andauernde Krieg ist im Film ständig präsent. Die israelischen Bomben bedrohen und töten alle, die in Gaza atmen, neben den Hamas-Terroristen auch die palästinensischen Kinder, Frauen, Männer, die nicht Terror und Gewalt ausüben. Die Granaten und Schüsse bedrohten bis Oktober 2025 auch das Leben von Gekidnappten wie die Brüder David und Ariel, denen die Hamas immer wieder sagte, dass sie von ihren Familien längst vergessen und aufgegeben worden wären.

 

Vor der Filmvorführung

Noch bevor die komplette Filmversion gezeigt wurde, bekannte sich der Regisseur auf der Bühne zu seinen „irrationalen Schuldgefühlen“, die ihn beschlichen hatten, als er am 7. Oktober 2023 von der Entführung von David Cunio erfahren hatte. Etliche Jahre zuvor hatte er David und seinen Bruder Eitan als Laienschauspieler für sein Spielfilm-Debüt „Youth“ (2013) gewonnen. Die beiden Handwerker übernahmen die Rollen von Kidnappern und Gelderpressern. 10 Jahre später, am 7. Oktober 2023, schien für den Regisseur das Kino von der Realität gekapert worden zu sein.

Jetzt, im Februar 2026, begrüßte Festival-Direktorin Tricia Tuttle den Filmemacher erneut sehr herzlich. Sie war es gewesen, die A Letter to David auf die vorletzte Berlinale eingeladen hatte. Das war Tuttles souveräne Antwort auf die Tatsache, dass 2024 nicht nur die Panorama-Sektion der Berlinale zahlreiche Bitten für eine offizielle Vergegenwärtigung des gekidnappten israelischen Laienschauspielers abgelehnt hatte.[4]
 

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Links: Regisseur Tom Shoval bei seiner Begrüßung vor der Präsentation des Films.
Rechts: Tricia Tuttle begrüßte das Filmteam erneut. Wenige Tage später gehörte Regisseur Tom Shoval zu den vielen aus der Filmwelt, die die perfiden Vorwürfe gegenüber der Berlinale-Chefin vehement zurückwiesen. Er beschrieb Tuttle als „Person von beispielloser Integrität“. Fotos: Axel Doßmann.

 

Jetzt, im Februar 2026, konnte Tom Shoval in einem „precious moment“, wie er betonte, die im Kinosaal sitzenden Brüder und ihre Eltern begrüßen. Die Standing Ovations währten etliche Minuten. Wovor verbeugte sich der Saal symbolisch? Erst erschien es mir, die vielen Berliner Israelis und Diaspora-Jüdinnen und Juden, die im nicht ganz ausverkauften Kinosaal versammelt waren, feierten die Cunio-Familie als ihre Brüder und Schwestern, als Helden. Deren Gesichter blieben dabei sehr ernst, eher verlegen, nervös, auch ratlos vor den vielen Projektionen, denen ihr Leben und Leiden unweigerlich ausgesetzt ist. Sie hatten 738 Tage durchgehalten, nicht aufgehört, aneinander zu glauben. Sie hatten Verzweiflung und Sinnlosigkeit nicht dominieren lassen, an ihrer Liebe festgehalten. Einige der gekidnappten und gedemütigten Cunios waren in ihrer Isolation mehrfach versucht gewesen, ihrem Leben in der Gefangenschaft ein Ende zu setzen – widerstanden aber. Der Applaus war auch ein Zeichen der Ehrfurcht.

Vielleicht wurde mit dem langen Beifall aber auch die eigene Augenzeugenschaft gefeiert. Es wirkte wie ein Wunder, dem man beiwohnen darf in dieser kriegerisch verhärteten Welt des frühen 21. Jahrhunderts, die viel politische Desillusionierung und Enttäuschung bereithält, Ohnmacht produziert, Freunde und Kolleg:innen einander entfremdet, andere verstummen lässt.[5]

 

Der alte Film, zum zweiten Mal

Schließlich wurde der alte Film mit den neuen sieben Minuten gezeigt. Es war für viele im Saal, so auch für mich das zweite Screening. Wie hat die vergangene Zeit die Wahrnehmung verändert?

In den ersten zehn Minuten fällt aus dem Off der Satz des Regisseurs, dass David Cunio von der Hamas gekidnappt ist. Der „Brief an David“ war Anfang 2025 noch unzustellbar. Heute wissen wir, dass dieser bis Oktober 2025 wahre Satz von der Geschichte überholt worden ist. Jetzt erst, bei der zweiten Betrachtung – im Wissen um das Ende der Geiselnahme zwar, aber im Ungewissen über den Ausgang des Krieges und der Untersuchungen über Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf beiden Seiten –, da scheint sich meine Aufmerksamkeit für Tonspur und Inserts zu weiten. „You can see the light at the end of the tunnel“, lautet der Satz, der über den Videobildern mit langen Reihen von Orangen-Bäumen liegt. Wo das Licht schimmert, liegt Gaza: „Look how close we are to Gaza“, sagt die Stimme der dokumentarischen Amateuraufnahmen von 2010/11 aus der Hand der Cunio-Brüder im Kibbuz Nir Oz.

Der Regisseur hatte dieses Amateurmaterial erst 2024 geborgen, aus den Resten seiner Spielfilmproduktion. Man sieht auf ihnen viele Freunde und Nachbarn im Kibbuz Nir Oz. Regisseur Shoval wiederholt sie für seine Zuschauer mehrfach, vergegenwärtigt ihre unbeschwerte Lebendigkeit. Jetzt erst, bei der zweiten Filmsichtung, vernehme ich den Kommentar von Tom Shoval genauer: Beim Betrachten dieser Alltagszenen aus dem Kibbuz sei er sich vorgekommen wie der erste Mensch, der diese Bilder sieht. Er nutzt sie wie in einer manischen Abwehr der Tatsachen. Er wusste, wer von den gefilmten jungen Frauen und Männern durch die Hamas bereits ermordet worden war, darunter Ronen Engel, Shiri Bibas und ihre Kinder Ariel und Kfir. Die alten Videobilder selbst behaupten ihre lebendige Präsenz. Rückblenden als magische Wunschmaschinen, kinematografische Wiederbelebung, Trauern im Past forward.

In A Letter to David kommt der jüngste Bruder Ariel nur selten vor, Eitan erwähnt allerdings dessen Handy-Message vom 7. Oktober 2023 als letztes Lebenszeichen: „We are in a horror video“. Heute wissen wir: Erst am Tag seiner Entlassung im Oktober 2025 erfuhr Ariel, dass seine Freundin Arbel Yehoud überhaupt noch lebt. Ein Happy End? Sie selbst hatte 482 Tage in der Geiselhaft aushalten müssen, wurde Ende Januar 2025 als letzte Frau unter den Geiseln an Israel übergeben. Ein Jahr später erst gab Arbel Yehoud ein Interview, in dem sie davon erzählt, dass sie in der Terrorgruppe des Palestinian Islamic Jihad beinahe täglich sexuell missbraucht worden war. Viele ihrer Erfahrungen sind für sie gar nicht ansprechbar, sie halte ihre Erinnerungen wie in einem versiegelten Koffer verschlossen.[6]

 

Der Epilog

Zurück zum Film auf der Leinwand: Schließlich nähert sich der Film der alten Schlussszene des Films, dem Provisorium. Das alte Ende zeigt Material aus den Dreharbeiten für den Schluss im Spielfilm Youth aus dem Jahr 2013. Die beiden Brüder in ihren Spielfilmrollen, sie kämpfen und ringen in Verzweiflung über ein gemeinsam verübtes Kidnapping miteinander, eine Verklammerung aus Scham, Zorn, Liebe, Hilflosigkeit – schwer zu fassen, ein starkes Bild von Erschöpfung.[7]

Nach einer Blende folgt zunächst das, was beinahe erwartbar war: Aufnahmen von der ersten Umarmung der Brüder im Krankenhaus, wenige Stunden nach der Entlassung aus den Händen der Hamas. Die Szene aus TV-Material vom 13. Oktober 2025 wird in starker Slow Motion vorgeführt, das Licht wirkt unwirklich hell. Von dort wird das Publikum für viele Sekunden in das flirrende Projektionslicht eines Kinosaals geführt. A Letter to David wird zugestellt: Auf den Stühlen des Kinos sitzen die erwachsenen Mitglieder der Familie Cunio, getrennt voneinander, darunter David. Ihre Gesichter sind vom Widerschein der Projektion erhellt, aus dem Off dringt die Tonspur des Films ans Ohr. Vor dem inneren Auge läuft ab, was die einzeln Porträtierten gerade auf der Kinoleinwand sehen. Ihre mimischen Reaktionen sind in starren Einstellungen dokumentiert. Wir können beobachten, wie der Brief angenommen wird.

Dann folgen Szenen mit der Familie am großen Tisch, Gespräche als schüchterne Tastversuche, einander auch gedanklich wieder näher zu kommen. Es wird von Sehnsucht erzählt und der emotionalen Kraft des Geruchsinns. Manches wirkt verkrampft. Diese Aufnahmen dokumentieren auch, was die Kamera verändert, dass die Aufnahmen hier das Miteinander stören. Das wird dem Regisseur nicht entgangen sein. Dass er die Szenen dennoch in den Epilog montiert, unterstreicht Shovals Selbstreflexion. Er verwendet auch eine inszenierte Szene, in der die Zwillingsbrüder noch einmal gemeinsam eine Zigarette rauchen, ähnlich wie im Spielfilm. Der Regisseur zerstört mit diesem Epilog konsequent jede Illusion von einem Happy End.
 

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Nach der Filmvorführung: Ernste Gesichter, dankbare Worte, Hilflosigkeit. Foto: Axel Doßmann

 

Vielleicht besonders wertvoll: Im Film haben alle Beteiligten darauf verzichtet, was andere Auseinandersetzungen mit Kriegs- und Terrorleid und Tod oft sehr stark machen: nationale Emotionalisierung, Widerstandspathos, Resilienz-Stolz, Anklage oder Kampfansage. David Cunio dankte auf der Bühne dem Regisseur und allen, die an ihn geglaubt hatten: „You gave me a voice when I could not be present.“ Der Regisseur wurde gefragt, ob er noch einen besonderen Wunsch habe, jetzt, nachdem er sein Versprechen einlösen konnte. Tom Shoval: „Ich wünsche mir Frieden.“ Erneut Applaus.

Nachtrag: Acht Tage später startete Netanjahus Operation „Brüllender Löwe“ gemeinsam mit Trumps US-amerikanischem Militärschlag „Epic Fury“ gegen den Iran. Dass aus solchen präventiven, frappierend beliebig legitimierten Kriegen stabile Verhältnisse oder gar ein Regime Change entstehen, dagegen sprechen auch historische Erfahrungen. Sicher ist hingegen, dass in Teilen der israelischen Bevölkerung die Politik Netanjahus „viel mehr Angst macht als die iranischen Raketen“.[8] Filme wie „A Letter to David“ sind im Kino auch Botschaften an die Wähler in Israel.   

   


[1] Vergleichbar vielleicht mit der Familie Broduch, in der ein Ehemann das Glück hatte, das seine gekidnappte Frau und ihre drei Kinder nach 52 Tagen von der Hamas an Israel übergeben wurden – gegen die Freilassung von hunderten Palästinensern aus israelischen Gefängnissen. Mit Dank an Adi Keen für die Hinweise. 
[2] Dazu eindrücklich José Brunner, Brutale Nachbarn. Wie Emotionen den Nahostkonflikt antreiben – und entschärfen können, Berlin 2025.
[3] Vgl. dazu die Kritik zum Film „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania durch Chris Schinke in der taz vom 21.1.2026.
[4] Über den Umgang mit den Opfern des Hamas während der Berlinale 2024 siehe u.a. Marlene Knobloch, Renate Meinhof, Ronen Steinke und Susan Vahabzadeh, Am Ende. Die Chronik eines angekündigten Versagens, in: Süddeutsche Zeitung, 1.3.2024.
[5] Weitere Kontexte bietet Katrin Richter, Interview mit Tom Shoval: „Es ist schwer, den Kreis zu schließen“, in: Jüdische Allgemeine, 17.2.2026 sowie Ayala Goldmanns Beitrag zur Filmvorführung im Berliner Berliner Kino „Babylon“, in: Jüdische Allgemeine, 21.2.2026.[6] Jessica Steinberg, Former hostage couple dreams of space (travel) and time to recover and rebuild their home, in: The Times of Israel, 15.2.2026.
[7] In der Zeitung „Die Welt“ wurde der neue Schluss übrigens falsch dargestellt: Die dort als Teil des Epilogs beschriebene Szene aus „Youth“ war das Ende der Version von 2025, erst danach beginnt der Epilog. Vgl. Hanns-Georg Rodek, Nach 738 Tagen Geiselhaft: Von der Wirklichkeit vollendet – der Film „A Letter to David“, in: Die Welt, 25.2.2026.
[8] Zeruya Shalev, Wir spielen russisches Roulette – gegen unseren Willen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.3.2026.

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Zitation

Axel Doßmann, Tom Shovals "Brief an David" wird zugestellt. Der Film über Bruderliebe in Zeiten des Terrors erhielt einen Epilog, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/tom-shovals-brief-david-wird-zugestellt