Männer an Tisch
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Im Glanze dieses Glückes | In the Splendour of Happiness 
DEU 1990, Regie: Johann Feindt, Jeanine Meerapfel, Helga Reidemeister, Dieter Schumann, Tamara Trampe 
Sektion: Retrospektive 2026 

© Deutsche Kinemathek / Johann Feindt

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DEU 1990, Regie: Johann Feindt, Jeanine Meerapfel, Helga Reidemeister, Dieter Schumann, Tamara Trampe 
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DEU 1990, Regie: Johann Feindt, Jeanine Meerapfel, Helga Reidemeister, Dieter Schumann, Tamara Trampe 
Sektion: Retrospektive 2026 

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Unverstellte Blicke

Zwei dokumentarische Filme aus dem Jahr 1990 bei der Retrospektive der Berlinale 2026

Die 1990er Jahren haben Konjunktur. Nicht nur in der geschichtswissenschaftlichen Forschung, auch in der Populärkultur spielt die Umbruchszeit – insbesondere im Osten von Deutschland – eine immer größere Rolle. Auch die „Berlinale“ hat in ihrer diesjährigen Retrospektive („Lost in the 90s“) die 1990er Jahre einer filmischen Spurensuche unterzogen, mit Klassikern, aber auch unbekannten Filmen aus diesem Jahrzehnt. Aus historischer Sicht besonders interessant waren dabei einige deutsche Filme, die auf dem Festival neu entdeckt werden konnten, darunter zwei Dokumentarfilme aus der Zeit um 1990 zwischen dem Mauerfall und der Wiedervereinigung: „Berlin, Bahnhof Friedrichstraße“ und „Im Glanze dieses Glückes“. Bemerkenswert waren die Filme nicht nur wegen ihres dokumentarischen Werts, sondern auch als Kommentar zu den gegenwärtigen Diskussionen über eine vermeintlich homogene „Ostidentität“.

 

Ein Bahnhof als Mikrokosmos

Die Frage, wann genau der Prozess der Wiedervereinigung begonnen hat und ob er überhaupt jemals abgeschlossen sein wird, beschäftigte Filmemacher*innen schon unmittelbar nach dem Mauerfall. Die vier Regisseurinnen Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin und Julia Kunert nutzten damals die einmalige Gelegenheit, das Zusammenwachsen von Ost und West an einem der symbolträchtigsten Orte der deutschen Teilung festzuhalten, dem ehemaligen Grenzbahnhof „Berlin, Friedrichstraße“. Ihr Film entstand im Frühjahr 1990 und dokumentiert den Wandel des Bahnhofes binnen weniger Wochen. Zu Wort kommen in- und ausländische Reisende aus Ost und West, aber auch Angestellte des Bahnhofes und – als Interviewquelle in dieser Form wohl einzigartig – Zoll- und Grenzbeamte der DDR, die vor Ort jahrzehntelang ihren Dienst verrichteten, nun jedoch mit der Endlichkeit des SED-Regimes konfrontiert waren. Ergänzt werden die Interviews durch aufmerksame Filmaufnahmen aus dem Bahnhof, in denen sich der rasante Gang der Zeit spiegelt: Presslufthämmer reißen Mauern ein, Überwachungskameras werden abmontiert, Hinweisschilder (Zur Passkontrolle) verschwinden. Und während die einstigen Kontrolleure noch damit beschäftigt sind, „ihre“ Grenzanlagen abzubauen, bahnen sich neue Reisende ihren Weg. In einer symbolischen Szene fängt die Kamera ihre Füße ein, während auf den Kacheln am Boden nur noch die Umrisse der einstigen Kontrollstände zu erkennen sind. Schließlich wird die Verbindung der Gleise zwischen Ost und West wieder hergestellt. Die ersten Züge fahren durch, einfach so. Das ist Banal und atemberaubend zugleich.

„Berlin, Bahnhof Friedrichstraße“ gelingt das Kunststück, die Umstände der Wiedervereinigung markant an einem Ort zu verdichten, ohne sich in einer euphorischen Stimmung zu verlieren. Im Gegenteil. Gerade die Interviews sind voller Widersprüche und Zwischentöne; Freude über die neue Freiheit und Sorge vor Veränderungen sind untrennbar verbunden. Man ahnt, dass die „mentale Wiedervereinigung“ sehr viel mehr Zeit beanspruchen wird als der mechanische Zusammenschluss zweier Gleise.

Während sich manche Grenzbeamten an ihre einstigen Sprechvorgaben klammern oder sich in Ausreden flüchten, warum sie gern an der Grenze tätig waren („Mir hat die Zusammenarbeit mit den Menschen gefallen“), reflektieren andere ihre Rolle viel nachdenklicher. Im Mikrokosmos des Bahnhofs spiegeln sich auch die Ängste vor den sozialen Umbrüchen, die bereits allgegenwärtig sind. Zwei Frauen, die noch in einem Intershop tätig sind, berichten von den herablassenden Kommentaren, die ihnen von westdeutschen Arbeitgebern entgegengehalten werden („Ihr müsst jetzt erst mal richtig arbeiten lernen!“). Besonders einprägsam ist auch das Gespräch mit einem Mann, der als Reinigungsangestellter im Bahnhof tätig ist. Die Sorge vor der drohenden Arbeitslosigkeit treibt ihn um, die Zukunft seiner Familie mit zwei Kindern ist ungewiss. Nüchtern kommentiert er seine Lage: „Ja gut, freie Markwirtschaft. Wollten wir ja im Prinzip alle, jetzt müssen wir damit leben.“

 

Unterschiedliche Lebenswelten

Ebenso eindringlich schildert auch „Im Glanze dieses Glückes“ die Umbrüche der unmittelbaren Nachwendezeit. Ein Team aus ost- und westdeutschen Regisseurinnen und Regisseuren (Tamara Trampe, Johann Feindt, Janine Meerapfel, Helga Rademeister und Dieter Schumann) dokumentiert Gespräche und Beobachtungen im Alltag, begleitet aber auch Wahlkampftermine und öffentliche Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der DDR und der Bundesrepublik (Wasungen in Thüringen, Potsdam, Leipzig, Berlin und Passau).

Auch hier prallen unterschiedliche Sichtweisen und Lebenswirklichkeiten aufeinander, zum Beispiel bei Aufnahmen in Berlin Hohenschönhausen, wo das zentrale Stasigefängnis erstmals öffentlich besichtigt werden kann. Ein Polizeibeamter weicht kritischen Nachfragen zum Umgang mit den Häftlingen aus: „Davon hat niemand etwas gewusst!“ Doch diese ur-deutsche Floskel entlarvt ein Bürger postwendend als Selbstbetrug: Die Präsenz der Staatssicherheit sei ein offenes Geheimnis gewesen, jeder habe gewusst, dass dort Menschen ausschließlich aus politischen Gründen eingesperrt waren. Die Konflikte und Widersprüche innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft treten auch bei den Aufnahmen von Helmut Kohls Wahlkampfrede am 14. März 1990 in Leipzig, wenige Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl, zu Tage. Während Kohl vor über 300.000 zum Teil frenetischen Zuhörern mit großem Pathos die Einheit des deutschen Volkes beschwört, zeigt die Kamera Aufnahmen von jungen Neonazis, die vor der Bühne mit einer Deutschlandfahne posieren, auf der die Grenzen von 1937 aufgedruckt sind. „Deutschland – mein Vaterland“ ist darauf zu lesen. Die Schattenseiten des nationalen Überschwangs verdichten sich in einer einzigen Szene.

Seine größte Stärke entfaltet der Film in den kleinen Interviews mit „einfachen“ Menschen, die mal mehr, mal weniger selbstkritisch ihre Rolle innerhalb des SED-Systems hinterfragen und aus denen ersichtlich wird, dass Prägungen aus der DDR nicht einfach verschwinden werden. Zu Wort kommt u.a. eine junge Lehrerin für Staatsbürgerkunde, die nun – entgegen ihrer eigenen Ausbildung – ihre Schülerinnen und Schüler für die westliche Demokratie begeistern soll. Nachdenklich – und bemerkenswert differenziert – blickt auch ein Arbeiter auf seine anfängliche Begeisterung für die sozialistischen Ideale zurück. Dass ein Wirtschaftssystem nicht nur Profite für Einzelne bringen sollte, sondern nützlich für die Gesellschaft als Ganzes sein müsse, halte er noch immer für richtig. Aber angesichts des Unrechts, das in der DDR verübt worden ist, schäme er sich gleichwohl dafür, Mitglied einer Partei gewesen zu sein, die dieses Unrecht gedeckt hat.

Das Scheitern der sozialistischen Utopie bewegt im Film auch die Filmemacher selbst. Die Regisseurin Tamara Trampe spricht vor der Kamera über ihre innere Zerrissenheit. Ihr Glaube daran, dass eine sozialistische Gesellschaft gerechtere Lebensgrundlagen für alle Menschen bieten würde, zerbricht in Anbetracht der Überwachung durch die Staatssicherheit, mit der sie sich intensiv beschäftigt. Sie interviewt für den Film Jochen Gehrke, einen ehemaligen Psychologen des MfS – eine von wenigen filmischen Aufnahmen überhaupt, in denen sich ein MfS-Mitarbeiter offen zu seinen Motiven und Beweggründen äußert. Das gesamte Interview hat Trampe später in einem eigenen Film verarbeitet, „Der schwarze Kasten“ (1992), der bis heute zu den wichtigsten frühen Filmen über die Staatssicherheit zählt.

 

Ostdeutsche Widersprüche

Als zeithistorische Quellen sind beide Dokumentarfilme für sich genommen ein wichtiges Zeugnis für die ambivalenten Entwicklungen im Vorfeld der Wiedervereinigung. Sie reflektieren die Konflikte in der ostdeutschen Gesellschaft, die nach dem Fall der Mauer offen sichtbar wurden. Sie werfen zugleich aber auch ein Licht voraus auf die gegenwärtigen Diskussionen über einer „richtige“ DDR-Erinnerung oder Fragen nach einer „ostdeutschen Identität“. Die unterschiedlichen Ansichten und Haltungen der Menschen aus der DDR, die in den Filmen aufscheinen, zeigen deutlich, dass es unmittelbar nach 1990 kein homogenes ostdeutsches Selbstverständnis gab. Die Brüche verliefen nicht nur zwischen den Menschen in Ost und West, sondern im besonderen Maße innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft selbst, zum Teil auch innerhalb einzelner Biographien. In Abhängigkeit von den individuellen Erfahrungen im Umgang mit der SED-Diktatur zeichnen sich in den Filmen Konfliktlinien ab, die noch immer oder wieder aktuell sind, vor allem im persönlichen Umgang mit der eigenen DDR-Vergangenheit. Die Filme unterstreichen, dass es damals durchaus ein Bedürfnis gab, über konkrete Erfahrungen zu sprechen und dabei auch eigene Verfehlungen zu thematisieren – in die Öffentlichkeit drangen solche Diskussionen jedoch kaum. Der rasante ökonomische Wandel, der schon bald einsetzte, forderte die Menschen auf eine ganze andere Weise heraus, für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte blieb keine Zeit. Eine innerostdeutsche Debatte, die den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten Rechnung trug, ohne in starren Täter-Opfer-Kategorien zu verharren, blieb aus. Der unaufgearbeitete Konflikt prägt den Diskurs bis heute. Vorstellungen einer kollektiven oder homogenen Gesellschaft im Osten laufen gleichwohl ins Leere, ganz egal, ob es sich dabei um westliche Fremdzuschreibungen oder trotzig-stolze Selbstbehauptungen von ostdeutscher Seite handelt, in denen die Erinnerung an die DDR immer schöner wird, je länger sie nicht mehr existiert.

Nicht zuletzt zeigen die Filme beispielhaft, dass filmische Quellen aus den frühen 1990er Jahren eine spannende Ressource für die historische Transformationsforschung darstellen. Sie konservieren einen unverstellten Blick auf die dramatischen Umbrüche jener Zeit, der schon wenig später nicht mehr in der gleichen Form möglich gewesen wäre – zu rasant veränderten sich die gesellschaftlichen Umstände. Versuche, filmische Überlieferungen aus dieser Zeit neu zu sichten oder auch Protagonistinnen und Protagonisten von einst wieder zu befragen, erscheinen sehr vielversprechend, wie zuletzt u.a. „Stolz und Eigensinn“ (2025) von Gerd Kroske oder „Weißer Rauch über Schwarze Pumpe“ (2025) von Martin Gressmann und Peter Badel bewiesen haben. Und in den Fernseh- und Filmarchiven schlummern noch unzählige Überlieferungen aus dieser Zeit, die es lohnen, wiederentdeckt zu werden.

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Zitation

Andreas Kötzing, Unverstellte Blicke . Zwei dokumentarische Filme aus dem Jahr 1990 bei der Retrospektive der Berlinale 2026 , in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/unverstellte-blicke