Rob Halford auf Motorrad
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Every Record Tells a Story, Rob Halford rides a motorbike onstage during a Judas Priest live performance at the Hammersmith Odeon, London, England on 14 June 1988, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

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Zahmes Liedchen

The Ballad of Judas Priest

Heavy-Metal-Dokus haben es schwer. Über dem Genre thront wohl für immer das Meisterwerk This is Spinal Tap, eine Mockumentary von Rob Reiner (†2025), die schon vor über 30 Jahren bestimmende Klischees der filmischen Verwertung der harten Musik persiflierte. Aus der Myriade der Mittelmäßigkeit stechen sonst nur wenige Band-Filme hervor: Anvil! The Story of Anvil widmet sich einer liebenswürdigen Band kanadischer Loser, bei Last Days Here steht der wenig liebenswerte amerikanische Sänger der Band Pentagram im Zentrum und bei Metallica: Some Kind of Monster wohnt das geneigte Publikum einer metallischen Gruppentherapiesitzung bei. Die richtig großen Bands wurde indes bisher keine richtig großen Dokus gewidmet. Insofern haben sich die Regisseure, Musiker Tom Morello (Rage Against the Machine) und Dokumentarfilmer Sam Dunn (banger.tv), mit ihrem Film-Denkmal für Judas Priest – einer der wichtigsten Heavy-Metal-Bands überhaupt – viel vorgenommen.

The Ballad of Judas Priest zeichnet den Weg der Band aus dem mittelenglischen und sehr von der Industrie (und ihrem Verschwinden) geprägten Black Country zum internationalen Star-Ruhm nach. Mit teils ikonischem sowie teils unbekanntem Archiv-Material decken Dunn und Morello ein halbes Jahrhundert und ein halbes Dutzend Band-Mitglieder ab. Eindrücklich wird dabei, wie groß der Einfluss der Gruppe bei der Formierung des ganzen Genres war: Ohne „Priest“, das wird klar, würde Heavy Metal anders klingen und auch anders aussehen. Aufgebrochen wird die weitgehend chronologische Erzählung des Films durch Interviews mit den gealterten und teils gesundheitlich angeschlagenen Band-Mitgliedern und durch Gespräche mit prominenten ebenfalls musizierenden Fans. Während die Einspieler mit dem Blödelmusiker Jack Black dabei eher in die Kategorie cringe fielen, ging beim unerwarteten Auftauchen von Ozzy Osbourne (†2025) eine Welle der stillen Ehrfurcht durchs schwarz gekleidete Berlinale-Publikum.

Wer kein Fan der Band ist, wird sich allerdings schnell fragen, was der Anlass für den Film ist. Ohne filmischen raison d'être verliert sich nach der dynamischen Anfangsphase – working class Hintergrund, Gründungsphase, Erfolg – schnell der rote Faden. Was sich als verbindendes Thema angeboten hätte, wie das Dasein des schwulen Sängers Rob Halford in der hedonistischen, aber gender-konservativen Metal-Szene der 1980er-Jahre oder die heute wieder aktuelle, von Evangelikalen angeschobene Moral Panic über den negativen Einfluss von angeblich satanischer Musik auf die US-Jugend. Beide Themen werden allerdings immer nur angeschnitten. Viel eher wirken viele Segmente der zweiten Hälfte, als hätten Dunn und Morello eine thematische Checkliste abgearbeitet, womit sich ihr Werk von vielen anderen Dokus dieser Art kaum unterscheidet. Auch am Judas-Priest-Roundtable sitzt im Film zwar eine illustre und diverse Runde, die aber über Plattitüden kaum herauskommt (jedoch sicherlich in voller Länge als Bonusmaterial auf der DVD als Kaufgrund herhalten wird). Der dramaturgische Höhepunkt am Ende der knapp 100 Minuten bleibt auch eher flach: Der Einzug der Band in die Rock and Roll Hall of Fame, mag wichtig klingen, ist dem normalen Headbanger – und damit einem Großteil des Publikums – jedoch vollkommen egal.

Gleichwohl: Die Doku beeindruckt mit einer Menge an ungesehenem Archivmaterial, ordnet die riesige pophistorische Bedeutung der Band korrekt ein und bringt einem ihre Mitglieder effektiv näher. Besonders sympathisch wirkt der 74 Jahre rauschbärtige Sänger Halford, dessen lesenswerte Autobiografie Stoff für drei Filme liefern könnte und der selfaware mit unverhohlenen Referenzen auf mehrere der eingangs erwähnten Metal-Streifen umging.  Auch im Moment als der Metallica-Gitarrist Kirk Hammet mit Tränen in den Augen die Fassung verliert, als er die Rolle von Heavy Metal auf seine mentale Gesundheit beschreibt, bricht der Film mit Spinal-Tap-Klischees. Handwerklich gut inszeniert zeigt The Ballad of Judas Priest also durchaus auch neues.

Insgesamt geht die Dokumentation aber zu wenig Risikos ein. Das gilt in Bezug auf die abgehandelten Themenfelder als auch die Gegenwart. So äußert sich Halford medial beispielsweise immer lauter zur ansteigenden Queerfeindlichkeit und Regisseur Morello zu Trumps Mörderbanden, zu Gegenständen also, die man durchaus mit Heavy Metal und der Band-Biografie in Verbindung hätte bringen können. Der Film hingegen will sich offensichtlich keine Feinde machen, und ist deswegen eher etwas für jene, die Judas Priest eh (und zu Recht!) huldigen.

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Zitation

Nikolai Okunew, Zahmes Liedchen. The Ballad of Judas Priest , in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/zahmes-liedchen